JV 73.
Sonntag, den 30. März 1890.
17. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. >, s., ,•.>«
SMF* Zweites Blatt.
Dom Kanzlerwechsel und Sonstiges.
Eine Plauderei.
N. Berlin, 27. März.
Einen Fehler hat der neue Reichskanzler; er ist nicht ver heirathet. Hat nicht das deutsche Volk gerechten Anspruch auf eine Reichskanzlerin? Zwar steht Herr v. Caprivi den Sechszigern schon sehr nahe; aber man hat Beispiele genug, daß Junggesellen von diesem oder noch höherem Alter mit Glück in den heiligen Ehestand gesprungen sind. Wer den Muth hat, die Erbschaft des Fürsten Bismarck anzutreten, dem wird es auch gewiß nicht an der Kourage zu einer solchen Civilstauds - Veränderung fehlen. Nur muß der neue Reichskanzler nicht so skeptisch sein, wie jener Millionär, welcher seufzte: „Ach, wär' ich doch ein armer Teufel, dann würde ich längst ein glücklicher Familienvater geworden sein! So aber fürchte ich, daß man nicht mich, sondern mein Geld heirathen will, und bleibe deßhalb lieber ledig." Wer die Fähigkeiten eines leitenden Staatsmannes besitzt, muß doch leicht herausfinden können, ob das Herzchen seiner Person oder seiner hohen Stellung entgegenschlägt.
. Oder sollte Herr v. Caprivi „grundsätzlicher" Junggeselle sein, ein weltlicher Cölibatär, der auf die glückseligen Lasten des Familienlebens verzichtet, um seiner Berufsthätigkeit sich mit ungetheilten Kräften und ohne jede Störung widmen zu können? Ich würde das begreifen können. Namentlich für einen Minister bringt der unverheirathete Zustand gewisse Vortheile, die nicht zu unterschätzen sind. Wenn es zu einer „Krisis" kommt, so braucht er sich nicht beunruhigen zu lassen durch den Gedanken: Was wird meine Frau sagen, wenn nun plötzlich die Herrlichkeit ein Ende hat, und wir nicht bloß aus unserem Palast, sondern auch aus unserer gesellschaftlichen Stellung exmittirt werden? Fürst Bismarck hat bekanntlich sich gerühmt, daß er den Ereignissen mit dem überlegenen Gefühl der „Wurschtigkeit" gegenüber stehe, was er freilich nicht immer durch die That bekräftigt hat. Dieses Gefühl der Wurschtigkeit ist gewiß eine werthvolle Gabe für jeden Staatsmann, und der unverheirathete Zustand ist zweifellos der beste Nährboden für diese Pflanze.
In den Stutz des Fürsten Bismarck sind auch seine Söhne hineingerissen worden. Graf Herbert folgt in jungen Jahren mit dem Range und Titel eines Staatsministers a. D. feinem Vater in den land- und forstwirthfchaftlichen Ruhestand, und Graf Bill, der Regierungspräsident von Hannover, soll Herrn von Bennigsen im Stich lassen und Gutsherr von Varzin werden wollen. Ob auch der Schwiegersohn des Fürsten,
In harter Schule.
Roman von G. I.
(2. Fortsetzung.)
Der Schneider Hart betrieb, wie wir aus den Aeußerungen seiner Frau bereits erfahren haben, sein Handwerk keineswegs mit jener Großartigkeit, welche ihn zu dem prunkenden Titel eines Marchand-Tailleur berechtigt und ihn veranlaßt hätte, in einer der lebhaftesten Straßen der Residenz einen eleganten Laden mit Spiegelscheiben, Gaskronen und Sammet-Möbeln zu etabliren und mit allen zur Herren-Bekleidung gehörenden Artikeln nach neuester Pariser, Wiener und Londoner Mode auszustatten. Er mochte seiner Zeit ein recht guter Arbeiter gewesen sein, hatte aber sein nichts von einem spekulativen Kopfe gehabt. Nachdem er seine Frau, die so lange als Hausmädchen gednmt hatte, bis sie in die Jahre gekommen war, von denen es heißt: „Sie gefallen mir nicht," geheirathet hatte oder bester von ihr geheirathet worden war, hatte er sich mit ben paar Hundert Thalern, die sie sich er- spart, als Schneidermeister niedergelassen und abgewar- tet, daß Kunden kämen, die ihm, wie in der guten LtenZert, den Stoff bringen und sich Maß zu Röcken, Beimleidern und Westen nehmen lasten sollten.
Diele Kunden kamen indeß nur spärlich, man zog
Graf Rantzau, dem bismarcklosen Reiche seine Kräfte entziehen wird, bleibt abzuwarten. Wenn man überhaupt von einer „Dynastie Bismarck" sprechen darf, so gehört sie jetzt gleich den Orleans und den Welfen zu den depossedirten. Ein unverheiratheter Reichskanzler hat weder mit dem Avancement noch mit den Ent- lassungsgesuchen der Stammhalter seiner „Dynastie" Sorgen und Mühen.
Wenn Herr v. Caprivi diese Zeilen lesen sollte — hoffentlich liest er die Presse ohne Zuhilfenahme der Strafantrags-Formulare seines Vorgängers — so könnte er sich zu dem Ausruf gedrängt fühlen: „Was geht es euch an, ob mein häuslicher Herd warm oder kalt ist? Das ist Privatsache." — Ja, das ist nun einmal die unvermeidliche Folge einer so hohen Stellung; die öffentliche Meinung interessirt sich für Alles und Jedes, was mit dem Inhaber dieses obersten Amtes zusammenhängt. Daher war in den letzten Tagen die Anekdotenjägerei so lebhaft im Gange/ Von dem neuen Reichskanzler waren, zum Leidwesen der publizistischen Krämer, nicht viel „interessante Kleinigkeiten" aufzutreiben, was auf einen einfachen, soliden, aller Effekthascherei abholden Charakter hinzudeuten schein. Ueber den a l t e n Reichskanzler, der mehr als ein Vierteljahrhundert der von Dohlen umschwärmte Knopf auf dem Kirchthurme war, liegt natürlich eine riesige Anekdoten-Literatur vor, aus welcher sich für jede Gelegenheit genug rührendes öder erheiterndes Material schöpfen läßt. Trotzdem legen .sich einige Leute immer noch auf die Erfindung von neuen Gefchichtchen und finden auch Abnehmer dafür. So läuft z. B. durch die Preste die packende Erzählung, daß Fürst Bismarck vor 11 Jahren zufällig während einer Eisenbahnfahrt mit General von Caprivi zusammengetroffen sei und am Schluffe ihrer Unterhaltung sofort seiner Umgebung erklärt habe: Jetzt habe ich meinen Nachfolger gesehen! Dieses höchst wunderbare Histörchen ist nicht etwa von einem Spiritisten ausgeheckt, welcher den Fürsten Bismarck mit der „vierten Dimension" in reklamenhafte Verbindung bringen wollte, sondern verdankt sein Dasein dem ernsthaften Streben, die Fähigkeiten des neuen Reichskanzlers durch den alten bescheinigen und zugleich für die großartige Ein- und Voraussicht des Letzteren einen neuen drastischen Beweis anfmarschiren zu lassen. Daß man so etwas erfindet, ist mir begreiflich; aber daß man es wagt, die Fabel als Thatsache, aufzutischen und daß sie weithin andächtigen Glauben findet, das gehört auch zu den Zeichen der Zeit. Wir brauchen nicht vornehm die Nase zu rümpfen über die Vorwelt, welche ihre Geschäftsbücher mit Märchen und Legenden vollpfropfte; das Volk von der Neige des 19. Jahrhunderts läßt sich noch mit derselben Kost abspeisen, und sie braucht nicht mal besonders kunstvoll zubereitet zu sein. —
es vor, in den Magazinen die fertigen Anzüge zu kaufen. Fran Hart hatte Anfangs die Idee, ihr Mann solle auch ein solches Magazin etabliren, sie überzeugte sich aber bald, daß er dazu nicht veranlagt sei, und so war sie denn klug und resolut genug, den Erwerb auf sich zu nehmen. Herr Hart durfte fortan sein Handwerk als Dilettant betreiben, d. h. es war ihm unverwehrt, so viel neue Kleidungsstücke zum Anfertigen und alte zum Ausbessern anKnehmen, wie man ihm an- verttaute und er mit eigenen Händen fertig brachte, aber sie verbat sich sehr energisch jeden Theilnehmer an dieser Thätigkeit in Gestalt eines Lehrlings oder Gesellen; auch durfte dafür kein weiterer Raum beansprucht werden, als sie ihrem Manne ohnehin für sein Dafein gönnte.
Dieser Raum war nun freilich beschränkt genug, ilenn Frau Hart betrieb das Zimmervermiethen als Geschäft und wußte dabei ein ganz anständiges Sümmchen zu erwerben, ohne doch gerade ihre Miether über Gebühr zu schröpfen. Sie miethete eine oder zwei Etagen, möblirte die einzelnen Zimmer anständig genug aus, war reinlich, gewandt, gefällig und unermüdlich keißig. Sie allein besorgte die Bedienung ihrer Miether, ie heizte die Zimmer, sie besorgte den Kaffee, reinigte • >ie Kleider und ließ es an nichts fehlen. Freilich stellte sie ihren Preis, aber sie war niemals unreell. Dabei
Die Berliner Bevölkerung soll dem Fürsten Bismarck, als er von dem Abschiedsbesuch beim Kaiser zurückkehrte, große Ovationen auf der Straße dargebracht haben. Ich begreife gar nicht, daß unter dem Publikum, welches sich auf dem fraglichen Wege an- sammelte, einestheils viel Bismarckschwärmer und andererseits viele von der tragischen Wendung ergriffene Ge- müthsmenschen sich befunden haben. Wäre ich zufällig da- gewesen, so würde ich auch — trotz der Haltung der offiziösen Presse — dem gewesenen Reichskanzler eine Antheilnahme bekundet haben. Aber wenn die Reporter uns glauben machen wollen, daß das Publikum ernstlich entschlossen gewesen sei, ihm die Pferde auszuspannen, so schüttele ich zweifelnd den Kopf. So sind die Berliner gar nicht. Als der Wagen halten mußte, weil ein Pferd über die Stränge geschlagen hatte, kann allenfalls wohl ein erregter Kartellbrnder die Bemerkung gemacht haben, man könne ja die Pferde ausspannen, aber gegen die Verwirklichung dieser pathetischen Redensart war sicherlich ein ernster Widerstand gar nicht nöthig. Wenn mal wirklich in Berlin ein Triumphzug mit menschlichen Zugkräften in Scene gesetzt wurde, so verfiel das Unternehmen alsbald der landesüblichen Ironie und Spottluft zum Opfer. Im Uebrigen kann die Begeisterung des Publikums auf den Straßen nichts an der That- fache ändern, daß das Volk im Allgemeinen die Nachricht von dem Rücktritte mit überraschend großer Ruhe aufgenommen hat. Mit welch' großer Schnelligkeit zahlreiche Kartell-Ratten fein sinkendes Schiff verlassen haben, wird Fürst Bismarck selbst am besten wissen. Sollte Tag und Stunde der Abreise des Fürsten vorher bekannt werden, so werden ohne Zweifel der Bahnhof und die Zugänge von einer gewaltigen Menschenmenge belagert sein, die dem Scheidenden stürmisch zujubeln werden. Aber politischen Werth hat eine solche Augenblicks-Erregung nicht.
Man muß Alles mit dem richtigen Maßstabe messen, sowohl die Ovationen, als auch die Tumulte aus der Straße. In dem benachbarten Köpenick haben bekanntlich Straßenaufläufe stattgefunden, die einem braven Gens- darmen das Leben gekostet haben. Das ist gewiß höchst beklagenswerth, und die rohen Gesellen, welche den Beamten im Hausflur erstochen haben, verdienen die schärfste Strafe. Aber von der konservativen Partei war es höchst leichtfertig und tendenziös gehandelt, als sie eine Interpellation einbrachte, welche dem Krawall den Charakter einer sozialdemokratischen Revolution geben und die Blütheu ohne Weiteres mit dem anarchistischen Meuchelmord in Frankfurt auf eine Stufe stellen wollten. Glücklicher Weise hat der Minister des Innern kaltes Blut bewahrt, und ehe die Interpellation auf die Tagesordnung kam, hatten auch die konservativen Macher schon einen tüchtigen Guß Wasser in ihren Wein gethan. Die Ruhe ist ja vollständig wiederhergestellt;
führte sie im Hause ein strenges Regiment, Ungehörigkeiten duldete sie nicht, Moral mußte bei ihr herrschen, darauf hielt sie.
In dem Hause in der Alexandriner! - Straße, in welchem sie seit einigen Jahren die dritte Etage inne hatte, stand ihr auch ein Theil des Bodens zur Benutzung zu und mit demselben eine Dachstube, welche einen Ofen und ein großes schräges Fenster hatte. Das Ehepaar hatte diese Stube eine Zeitlang bewohnt, Frau Hart es aber für gut gesunden, sie auch noch zu ver- miethen. Sie war mit ihrem Manne in einen nach dem Hofe zu gelegenen Raum der dritten Etage gezogen, der eigentlich zur Küche bestimmt gewesen war.
Hart hatte sich mit seinem Schneidertisch, seinem Kanarienvogel und einigen Töpfen Basilikum und Bal- saminen an dem großen Fenster der Dachstube so. wohl gefühlt, daß ihn der Befehl seiner Frau, diesen Platz zu räumen, wie ein Donnerschlag getroffen und er sich sogar zu einem Versuche aufgerafft hatte, sich gegen ihre Autorität auf zulehnen. Dieser Versuch war, wie sich voraussehen ließ, kläglich gescheitert, der Umzug war bewerkstelligt worden und seit einigen Monaten war das Zimmer von einem Fräulein Schmidt bewohnt. Der arme Schneider konnte den Verlust seines Eldo- rado's aber noch immer nicht verschmerzen, er machte seinem Groll darüber in gelegentlichen Bemerkungen,