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Sonntag, den 30. März 1890

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder.deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Fuldaer Zeitung

Für die Redaclion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. .. . . . „— „ ..

Gin Krieswechsel Wischen Papst und Kaiser über den Arbeiterschutz

hatte, wie man wußte, aus Anlaß der internatio­nalen Konferenz stattgefunden. Mittwoch Abend veröffentlichte der „Reichs- und Staatsanzeiger" den (französischen) Wortlaut der herrlichen Schreiben, die Papst und Kaiser wahrhaft ehren und für das große Werk, das sie behandeln, eine neue Bürg­schaft des Gedeihens geben. Unter dem 8. März schrieb Se. Majestät der Kaiser an Se. Heiligkeit den Papst:

Berlin, 8. März 1890. Sehr erhabener Pontifex!

Die edlen Kundgebungen, durch welche Ew. Heiligtest stets >khren Einstuß zu Gunsten der Armen und Verlaßenen geltend gemacht haben, geben mir die Hoffnung, daß die internatio­nale Konferenz, welche auf Meine Einladung hin am 15. d. in Berlin zusammentreten wird, das Jntereffe Ew. Heiligkeit aus sich ziehen wird, und daß Ew. Helligkeit mit Sympathie dem

L Palmsonntag.

„Palmsonntag, Deine Palmen Laß sie in uns widerhallen, Künd' uns Licht und Frieden Allen, Sonnenaufgang über Palmen!" —

Wenn zur gnadenreichen Frühlingszeit sich's überall wie Auferstehungs-Odem regt, draußen, in Gottes freier, herrlicher Natur, wie drinnen in den hoffnungsvollen Menscheuherzen — wenn ein jauchzendes „Hosianna!" durch die ganze weite Schöpfung zu singen und zu klingen scheint — dann naht als frohbegrüßter Herold für das ernsteste, das höchste Fest im Jahre, sich der Tag, welcher der Erinnerung geweiht ist an des Hei­landes EinzugzuJerusalem, allwodasVolk: „Hosianna!" ihm zujubelte und Palmen auf den Weg ihm streute: Der „Palmsonntag!"

Lange schon begeht die Kirche diesen festlichen Ge- dächtnißtag, der die stille Charwoche eröffnet: die Zeit der Trauer und der Klage — schon seit dem 4. Jahr­hundert feierten die Christen „Palmarum“, den „Pal- mentag" — auch „Palmfest, Blumentag, Blumen-, grüner oder Weiden-Sonntag" genannt, und namentlich unter Kaiser Karl dem Großen im 8. Jahrhundert ward diese Feier immer allgemeiner, durch das ganze Mittelalter einen ebenso schlichen, als freudigen und volksthümlichen Charakter tragend. -- So theilte ein griechischer Kaiser am (Freudensonntage Palmarum, da die Freude so gern mittheilt, goldene Münzen aus an seine Diener — so zog einst in Alt-Venedig die gol­dene Knabenschaar des „goldenen Buches" am Palm­sonntag in feierlicher Prozession zur St. Markuskirche hin, Palmenzweige und Palmenbogen in den Händen, indem sie ihr frommes, Helles Lied, die süßen Klänge ihres Lautenspieles in den hehren Ton der Festesglocken mischten. So, in des Lebens unschuldsvollem goldenen Sommer-Sonnragsglanze, im lichten Blüthenschein hoff­nungsreicher Jugend, das lockige Haar geziert mit Krän­zen, so zogen sie dahin, die Gnaden-Palmen weihen zu lassen vor dem Altäre des Herrn! Ach, wie Manchem unter ihnen ward dies Abzeichen des Ruhmes, Sieges und Friedens zum Symbol für seine ihm beschiedene Zukunft, seine spätere, glanzvolle Laufbahn, bis die stolzen Palmen des Glückes und der Ehre dieses Lebens­kampfes, die den Traum des Jünglings und des Man­nes bildeten, zur stillen Friedenspalme wurden um das weiße Haupt des Greises vom hochedeln „Rath der Zehn", wenn vorbei des Lenzes goldene Blüthenzeit und des Winters weißer Weisheitsschnee es deckte! —

Auch in deutschen Landen war Palmarum ein Tag der freudenreichen Feier, worüber ein hervorragender Schriftsteller vergangener Zeiten sich vernehmen läßt: „Auff diß kompt der Palmtag, da trugen die christen den tempel voll großer büschel Palmbaum und ange­bunden aest, die wei et man für alles ungewitter an das Feuer gelegt. Und fürett ein hültzin Esel auff einem wagelin mit einem darauff gemachten bild yhrer Gots in der Statt herum, Singen, Werffen, palmen für yhn" u. s. w. — Es war also einst Sitte, durch bildliche Darstellung die Erinnerungsfeier des Palm­sonntages volksthümlich und öffentlich zu begehen und durch einen großen Umzug zu verkörpern. — Später blieb dann nur die Palmenweihe und die Palmen-Pro- zession in der Kirche erhalten, um durch die Palmen des Erlösers Sieg symbolisch auszudrücken, durch die Hrozession über des Einzugs Christi zu Jerusalem am Palmensonntage zu gedenken.

Und da des Südens stolze Palme im rauhen Norden so bieten dort die Frühlings-Palmen der atur Ersatz dafür, die an Bäumen und Gesträuch des

L,enz^> Auferstehung künden, und mancher alte Bolks- ™u7'. möM)er fromme Glaube knüpfen sich an die geweihten Palmen, trotzdem der ^Wogenschwall der Zeiten „Manches schon mit fortgespült und weggerissen, was emst lreb und Werth gewesen denen, die von einer Mneration auf die andere treulich als liebe Erbschaft übernommen emst und ausgeübt.

<.• ^lche Wichtigkeit hat zum Beispiel vielfach noch ie bloße Herstellung dieser Osterpalmen: der „Pal­

gekochte Weidenkätzchen auf den Tisch zu bringen. — Am folgenden Tage jedoch liebt es die lustige Jugend- Generation nach der Rückkehr von der Früh-Messe Alles, was zu Haus die Kirche versäumt hat, aus dem Bett zu jagen, mit den Weidenrüthen und den viel­versprechenden Worten: „Werde groß wie die Weide, und gesund wie das Wasser, und reich wie die Erde!"

Eine ganz besonders wichtige Rolle aber sollen zu Foggia in Italien die Blättchen der am Palmsonntag geweihten Palmen- und Olivenzweigen spielen. Dort benützt man sie nämlich als Orakel, um zu erforschen, wer von der Familie im Lauf des Jahres leben oder sterben wird, indem man zu Ostern dieselben — Jedes einzeln — auf die Kohlen fallen läßt, und dabei spricht: Geweihte Palme, die du einmal im Jahre kommst, willst du in diesem Jahre .... (folgt der Name der Person) sterben lassen? Bleibt das Blätt­chen ganz beim Verbrennen, so gilt das für ein gutes Zeichen, rollt es sich jedoch zusammen, für ein schlimmes Omen. — In der Umgegend von Arpino indessen schließen die Schönen aus der Farbe des Bandes, das um den geweihten Olivenzweig sich schlingt, den ihr Freier, Schatz oder Verehrer ihnen am Palmsonntag aus der Kirche mitbringt, auf dessen Gesinnungen. Ist es gelb, so soll zu fürchten sein, daß „Er", 'der böse Bube, „Sie", die arme Maid zum Besten haben will, und ist es grün, so will er sie mit Hoffnungen Hinhalten; zeigt es die rothe Farbe, bedeutet das ein kriegerisches -Anz«chen, isPs weiß, so heißt es Frieden -- wenn aber blau, dann, ja dann liebt er sie wirk­lich treu, und ist es sicher und gewiß der Rechte.

Mögen diese vielen, vielverschiedenen Palmsonntags- Bräuche, die im Volkssinn Stätte fanden, indessen wie immer sein und lauten, oder einst gelautet haben, — ein guter, alter Brauch ist uns geblieben und wird bleiben, so lange es Menschen giebt mit Herzen und ein Jahr mit Frühling — ob auch die Zeiten wechseln und Sitten, daß nämlich jeden Staubgeborenen es, naht sich der Tag der Palmen, hinauszieht mit geheimnißvollem Triebe, — hinaus ins freie grüne Reich des jugendfrischen Königs Lenz, der draußen offenen Hofstaat hält für Alle. Vornehm und Gering in seinem weiten Prachtsaal der Natur. Denn wenn bei uns zu Lande auch keine eigentliche Sitte herrscht die wir auf gut altenglisch zu London, der stolzen Hauptstadt an der Themse kühlem Strande, just vor­schreibt, daß man am Palmsonntag ,palming‘ geht, d- h.: die Osterpalmen der schlanken Weidenzweige im Triumph, wie einen Orden im Knopfloch, oder eine Frühlingsflagge auf dem Hute mit heimwärts trägt, so eilt ja auch bei uns ein Jeder sich dies Attribut des Frühlings als frohe Auferstehungs-Botschaft in sein Haus zu bringen, oder wenigstens zur Augenweide herzlich sich daran von ferne zu erfteuen.

Den freudigen Palmsonntag, den letzten Sonntag in der Fastenzeit und letzten Sonntag vor dem Oster­feste, schließt sich die Woche der Trauer und der Klage die stille, Leidens-, die Char-Woche an, bis durch düstere Nacht der Auferstehung Morgenroth anbricht, und das Helle Sonnenlicht den neuen Tag im Strahlen- glauze kündet: „Ostern!"

men", des „Palmenbaums", „Palmstraußes" — wel­chen Stolz setzt man darin, die schönste zu besitzen! Tannenzweige, Wachholder' Buchsbaum, Stechpalmen- Zweige, Saven, Hollundersträuche, rothwangige Aepfel, vergoldete Eier und Nüsse, zuweilen sogar kronenartig gebunden oder möglichst hoch sich reckend, geschmückt mit bunten, flatternden Seidenbändern, bilden u. A. diese „Palmen" in manchen deutschen, österreichischen und schweizerischen Gegenden, da, wo man nicht mit schlichten Palmenzweigen aus leichten Frühlings-Pal­menkätzchen der Weiden, Silberpappeln, Haselnußsträucher sich begnügt!

An die Thür des Hauses, der Scheune oder des Stalles wird die geweihte „Palme" dann befestigt, bis über's Jahr die neue wiederum die alte ablöst, die nun verbrannt wird. — Oder man pflanzt den „Palm­baum", nach dem Kirchgang und der Weihe, im Garten auf bis zum Osterfeste, um am Ostersonntag Morgen schon in aller Frühe ihn in's Haus zu tragen, denn wer so glücklich ist, dies als Erster zu vollbringen, er­hält Ostereier als Geschenk zum Lohn. Dann aber wird die geweihte Palme aufbewahrt wie ein Heilig- thum, und wenn's gewittert, nimmt man Zweiglem davon und verbrennt sie auf dem Herd — auch steckt man solche in die Viehställe, zu Schutz und Schirm der für den wäckern, fleißigen Landmann so wichtigen, werthvollen Insassen. — Oft bildet die Zusammen­stellung eines solchen „Palmstraußes" schon tage- lang zuvor eine Zeil der Erregune und Thäligkeit für die liebe Schuljugend, die wie ein Mann auszieht, um das dazu nöthige, grüne Material herbeizuschaffen, was Wald und Flur, Berg und Thal zu bieten haben. Das ist eine Lust, diese gern vollführte Mühe und Arbeit, dis am Palmsonntag fertig und prächtig es dasteht, das wohlgerathene Werk, und ein wahrer Wald von sogenannten „Palmen" im Gotteshaus emporragt, der Weihe harrend. — Wie manche gute alte Sitte, wie mancher frohe, fromme Brauch knüpft für Jung und Alt sich an die schöne Feier dieser Palmenweihe! Wie hält man hoch sie und in Ehren, das ganze lange Jahr, diese gesegneten Zweige und Reiser, sind sie auch noch so dürr und trocken! was erwartet man von ihnen an treuem Schutz für Haus und Hof, Mensch und Thier! mit wie heiliger Ehrfurcht trachtet man sogar in manchen Orten die geweihten, schlichten Frühlingszweige, die frischen Osterpalmen der aufer­standenen Natur, nichi einmal'mit den bloßen Händen zu berühren, sondern hüllt die Stiele in ein reines, weißes Tuch, oder trägt dasselbe wenigstens als Sym­bol und Rückerinnerung danebm.

Auch in Belgien herrschen eigene, ganz besondere Bräuche, hat man ganz besonderes Vertrauen zu den Palmzulten — jenen kleinen Buchsbaumzweigen, die man am Palmsonntag weihen läßt, um sie alsdann daheim sorgfältig an's Kruzifix oder den Weihwasser­kessel zu stecken, oder unter's Dach, damit sie gegen Feuersbrunst beschützen sollen, ober auf's Feld gegen Hagelschlag, und an manchen Orten gebietet fromme Litte, die geweihten Palmzulten als Schmuck der Gräber darzubringen den verstorbenen Lieben. —

Anders in Rußland! Dort äußert sich der Volks­gebrauch am „Weiden-Sonntag", wohl auf feierliche, jedoch gleichzeitig lustige Weise! Alles läßt Weiden­zweige weihen in der Kirche, Palmenzweige daran­hängend und nebst großen Ceremonien. Ist dann aber der ernste Festestheil des Tags vorüber, dann tritt fluggs der heitere in seine Rechte ein — Draußen vor i)er Kirchenthür schon schwingen die jungen, über- müthigen Burschen ihre Weidenzweige über Alles, was im Bereich ihres Armes sich befindet, wobei sie es namentlich und besonders gern aus das schönere Ge­schlecht abgesehen haben. „Die Weide schlägt, nicht ich!" erklären sie dabei als lachende Entschuldigung, „m einer Woche ist Ostern!" — Zuweilen auch be­rühren, und zwar etwas sanfter, die heimgekehrten Kirchgänger diejenigen Hausgenoffen, die nicht mit in der Kirche waren, mit den geweihten Zweigen der Weide, indem sie dabei den frommen Wunsch aus­sprechen: „Krankheit in den Wald, Gesundheit in die Gebein!" — Aus dem gleichen Grunde pflegt man am Palmsonntage mit Vorliebe als Festgericht zu Brei