17. Jahrgang
Samstag, den 29. März 1890
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Fuldaer Zeitung
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* Der neue Kamler.
General v. Caprivi de Caprara de Monteeuculi kehrte am 21. aus Hannover, wohin er sich behufs Verabschiedung von den Offizieren des Generalstabes des X. Armeekorps begeben, nach Berlin zurück. General v. Caprivi hat sich einen guten Namen gemacht vermöge seines loyalen Charakters. Er gilt als Mann von großem Wissen, tüchtiger Bildung und gewinnendem Wesen und als befähigt, das Werk Bismarcks fortzusetzen. Er soll niemals einseitiger Militär gewesen sein, sondern in seiner ganzen Geistesrichtung am meisten Aehnlichkeit mit dem Grafen Moltke haben. Bevor General Caprivi zur Leitung des Marinewesens berufen wurde, wurde im Offizierkorps vielfach ange- genommen, daß kein anderer als er künftig Chef des großen Generalstabes sein werde. Seine Verdienste um die Entwickelung der Marine sind durch das Schreiben unseres Kaisers vom 5. Juli 1888 ausdrücklich anerkannt worden. Im Reichstage gefiel sein knapper, immer nur das Wichtigste hervorkehrender Vortrag, sein festes, aber niemals verletzendes Auftreten. Um ein Provisorium soll es sich bei der Be- rusung des Generals v. Caprivi nicht handeln, sondern um einen wirklichen Nachfolger des Fürsten Bismarck. General v. Caprivi ist ein Mann von Intelligenz und geradem Charakter, von entschiedenem Gerechtigkeitsgefühl und wohlwollenden Gesinnungen. Möge Gott ihm reiches Gelingen geben aus seiner neuen, hohen und so überaus schweren Laufbahn!
Ein parlamentarischer Korrespondent der ,Köln. Volksztg.' läßt sich über den neuen Kanzler wie solgt aus: Im Heere steht General v. Caprivi im höchsten Ansehen. Nichts wäre aber verkehrter, als Herrn v. Caprivi lediglich in militärischen Dingen für besonders geeigenschaftet zu halten. Vielmehr geht das Urtheil aller derjenigen, welche sein Auftreten im Reichstage zu beobachten in der Lage waren, dahin, daß der neue Reichskanzler auch für die Leitung der politischen Geschäfte hervorragend begabt erscheint. Er spricht sehr geschickt, klar, mit militärischer Kürze, aber in den angenehmsten Formen. Jni Reichstage war er beliebt auf allen Seiten. Er verstand es durchaus, außerhalb des Parteigetriebes sich zu halten und die Dinge zu behandeln. Sein Charakter gilt als gerade und ge- rechtigkeitsliebend', so daß er auf allgemeines Vertrauen Anspruch hat. Auch die Katholiken des Reiches haben keinen Grund, ihm dasselbe zu versagen. Wenn Herr v. Caprivi in kirchenpolitischer Beziehung bisher kaum hervorgetreten ist, so darf man doch aus seiner bisherigen Gesammthaltung den Schluß ziehen, daß er keinerlei Voreingenommenheit gegen die katholische Kirche besitzt und ihr gerecht wird. Bestimmend wird übrigens auch für die zu verfolgende llrchenpolitische
In harter Schule.
Roman von G. I.
(1. Fortfetzung.)
„Fräulein Schmidt kann ja ihre Dachstube kaum bezahlen, geschweige drei Zimmer", meinte der Schneider bedenklich."
„Na, Dir ist sie doch noch nichts schuldig geblieben, Hart," schnob ihn seine Frau an. „Wissen Sie was. Herr Kollege", wandte sie sich zu dem bei dieser Anrede verwundert die Augen aufreißenden Fremden, „wenden Sie sich doch an ein Auskunftsbureau; ich lese alle Tage in der Zeitung, daß die für Geld aus- spioniren, wie es mit jedes Menschen Beutel bestellt ist- Ich weiß nur, was Fräulein Schmidt mir bezahlt, was sie Ihnen bezahlen oder nicht bezahlen wird, kann ich nicht sagen. Sonst noch was gefällig?"
„>tch danke für den gütigen Rath", antwortete der Hbrr, der von diesem Rath der guten Frau offenbar mehr belustigt als beleidigt war. „Könnte ich Fräulein Schmidt sprechen? Ich werde die Sache mit ihr in Richtigkeit bringen."
„Die Treppe hinauf —" sagte der Schneider, aber seine Frau fiel ihm ins Wort.
„Fräulein Schmidt ist nicht zu Hause, sie ist schon heute morgen früh ausgegangen und hat mir gesägt,
Richtung zunächst der kaiserliche Wille sein, der in jüngster Zeit so entscheidend in die Geschicke des Reiches eingegriffen hat. Besonders bemerkt zu werden verdient, daß man auch auf linksliberaler Seite dem neuen Reichskanzler mit einer gewißen Sympathie entgegen kommt. Der Abg. Dr. Alex. Meyer, ein ehemaliger Schulkamerad des Herrn v. Caprivi, warnte in einer Versammlung der Freisinnigen des 1. Berliner Wahlkreises davor, dieser Persönlichkeit mit Vor- urtheil zu begegnen. General Caprivi sei zweifellos ein außerordentlich begabter Mann, der sich sicher nicht zu diesem Amt gedrängt habe; er sei ein sehr entschlußfähiger und fester Charakter, ein hochkonservera- tiver Mann, aber er werde Gerechtigkeit üben gegen fremde Anschauungen und zur fachlichen Diskussion bereit sein. Von den Mitgliedern des Centrums haben die Herren General v. Gliszczynski und Frhr v. Huene in ihrer früheren militärischen Laufbahn zu dem jetzigen Reichskanzler in Beziehungen gestanden. Was das Aeußere des Herrn v. Caprivi anlangt, so ist derselbe eine sehr stattliche Erscheinung: hohe Figur und ausdrucksvolle Züge, welche unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf den General lenken.
Deutsches Keich.
- Berlin, 27. März.
* Der .Reichsanzeiger' bringt an der Spitze seiner amtlichen Bekanntmachungen Folgendes: Se. Majestät der Kaiser haben geruht: dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Staatsminister Grafen von Bismarck-Schönhausen, auf seinen Antrag die Entlassung aus seinem Amte in Gnaden zu ertheilen. — Gleichzeitig veröffentlicht der ,Staatsanzeiger' die auf seinen Antrag erfolgte Entbindung von dem Amte als Staatsminister und Mitglied des Staatsministeriums, sowie von der Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten unter Belassung seines bisherigen Ranges und Titels als Staatsminister, desgleichen die Ernennung des Minister-Präsidenten General von Caprivi zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Der Kaiser hat dem Grafen Bismarck bei seinem Ausscheiden das Kreuz der Großkomthure des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen.
* Bekanntlich hieß es, Fürst Bismarck werde den Kaiser bitten, die ihm verliehene Würde eines Herzogs von Lauenbmg ablehnen zu dürfen. Ob das geschehen und mit welchem Erfolge, ist noch nicht bekannt. In offiziösen Mittheilungen und Berichten wird ihm der neue Titel beigelegt. — Fürst Bismarck stattete heute, begleitet von seinem Sohne Herbert, dem Reichskanzler von Caprivi einen Abschiedsbesuch ab. Auch von den Delegirten der Arbeiterschutz - Konferenz hat sich der Fürst heute verabschiedet.
sie komme erst um zehn Uhr wieder. Sie sieht sich wahrscheinlich noch mehr möblirte Wohnungen an; wenn man drei Zimmer miethen will, nimmt man nicht die ersten besten, da erkundigt man sich erst nach der Moralität der Vermiether. Ich werde Ihnen leuchten, mein Herr, das Gas brennt noch nicht."
Mit einer sehr ausdrucksvollen Bewegung ergriff sie die Lampe und schritt dem Fremden voran. Dieser warf noch einen Blick wie hilfesuchend auf den Schneider, der Ausdruck stumpfsinniger Ergebung, der sich im Gesichte des armen Mannes malte, bewies ihm aber, wer Alleinherrscher in diesem Reiche war und daß es für den.Augenblick keine Instanz gab, an die sich gegen den Willen der Frau Hart appelliren ließ. Er folgte ihr deßhalb, ohne noch einen weiteren Versuch zu machen, zu Fräulein Schmidt zu dringen. Vielleicht war er trotzdem mit dem Erfolge der von ihm angestellten Recherchen zufrieden.
„Aber sage mir nur, Frau, warum Du den Herrn so grob behandelt hast?" fragte der Schneider, sobald seine bessere Hälfte wieder ins Zimmer zurückgekehrt war. „Du kannst doch in Berlin nicht allein Zimmer vermiethen; was bist Du denn so neidisch gegen Leute, die's auch thun?"
„Warum hat mich denn unser Herrgott mit solchem Schafskopf von Mann gestraft!" rief Frau Hart, in-
* Die konservative und die freikonservative Fraktion des Abgeordnetenhauses haben ebenso wie die nationalliberale beschlossen, dem Fürsten Bismarck zu dessen Geburtstag am 1. April eine Adresse zu überreichen.
* Die Frage, ob Fürst Bismarck den vom Kaiser ihm verliehenen Titel eines Herzogs von Lauenburg annehmen wird oder nicht, scheint noch nicht endgiltig entschieden zu sein. Die Meldung, der Reichskanzler habe diesen Titel abgelehnt, hat bisher keine sichere Bestätigung erfahren, während eine Annahme- Erklärung bisher ebenfalls noch nicht bekannt geworden ist. Wenn Fürst Bismarck darauf bestände, diese neue Würde oder, besser gesagt, diesen neuen Titel abzulehnen, so ließen sich zur Erklärung mancherlei Gründe denken. Ein Mal mag es ihm für sich und seine Kinder persönlich angenehm erscheinen, den Namen Bismarck, den er als Freiherr, Graf und Fürst historisch gemacht, auch fernerhin zu tragen. Dann aber auch würde er als Herzog von Lauenburg unter dem preußischen Adel eine etwas eigenartige Stelle einnehmen. In Preußen gibt es bisher nämlich nur solche herzogliche Häuser deutschen Stammes, welche gleichzeitig zum hohen, d. h. vormals reichsunmittelbaren Adel gehören und als solche mit den regierenden Häusern ebenbürtig sind. Es sind dies die herzoglichen Croy-Dülmen und Arenberg, welche schon in den Zeiten des alten deutschen Reiches herzoglich waren; sodann die beiden herzoglichen Zweige des fürstlichen Hauses Hohenlohe, nämlich der Herzog von R a t i b o r, Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst, im Jahre 1840 in den Herzogsstand erhoben, und der Herzog v. Niest, Fürst zu Hohenlohe-Oehringen, welcher im Jahre 1861 zu dieser herzoglichen Würde erhoben wurde. Zu den Genannten kommt noch das herzogliche Haus von Schleswig-H o l st e i n-Sonderburg-Augustenburg, das, als mit den regierenden Häusern von Dänemark, Oldenburg und Rußland verwandt, zu zählen ist, und endlich feit 1866 der Herzog von Nassau und event. der Herzog von Cumberland. Der einzige nicht hochadelige Herzog in Preußen, der Herzog von S a g an, ist nicht deutschen Stammes, sondern aus französischem Blut. Er ist nämlich der Stammhalter des französischen herzoglichen Hauses Talleyrand-Perigord und zugleich durch seine Mutter der Erbe des herzoglichen Hauses von Kurland, Semgallen und Sagan und in letzterer Eigenschaft mit dem Titel eines Herzogs von Sagan in Schlesien ansässig. Auch sonst gibt es im Deutschen Reich nur Herzöge, welche mit souveränen Häusern verwandt sind oder von Angehörigen souveräner Häuser abstammen; so die Herzöge in Baiern und die nicht hochadeligen herzoglichen Häuser Teck und Urach, welche von württembergischen Prinzen aus morganatischen Ehen abstammen. Wenn somit die Verleihung des Herzogstitels an den Fürsten Bismarck
dem sie schleunig die Lampe auf den Tisch stellte, um zur besseren Gestikulation beide Arme frei zu haben. „Futterneidisch wäre ich? Na, die Geschichte ist nicht übel."
„Was ficht Dich denn sonst an, gegen den Herrn so unartig zu sein, das ist doch sonst nur Dein Ton sür's Haus."
„Das ist mein Ton für alle Spitzbuben und Dummköpfe, merke Dir das, und der feine Herr ist Beides. Der will mir einreden, er hätte Zimmer zu vermiethen, nee, Männeken, da müssen Sie früher aufstehen, so leicht übertölpeln Sie mich nicht."
„Kein Zimmervermiether?" fragte der Schneider, und der Mund blieb ihm vor Verwunderung offen stehen. „Was soll er denn sonst sein? Was wollte er denn hier?"
„Was er hier wollte? Fräulein Schmidt aus- spioniren, na, Du hast's ihm ja bequem genug gemacht. Und was er ist? Ein Kujon, und der Mensch spricht mir von Moral — mir!" Sie rang nach Athem.
„Bin ich schon einmal zu anderen Leuten gegangen und habe mich nach meinen Herrschaften erkundigt?" fuhr sie dann fort. „Das thut kein ordentlicher cham- broo Aarnios-Vermiether, der hat dafür seinen Blick, darauf verläßt er sich, und täuscht er sich, so ist's sein Schade. Ich täusche mich nie."