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17. Jahrgang

Freitag, den 28. März 1890.

Fuldaer Zeitung

— ....... ct„rhA - Druck u. Berlaa der Fuldaer Actiendruckere, (PH. Reich).

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reich).

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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In harter Schule.

Roman von G. I.

, (Nachdruck verboten.)

I.

„Noch nicht vier Uhr und man kann kaum mehr einen Stich sehen!" seufzte der Schneider Hart und putzte die Brillengläser, als ob er dadurch der drei­fachen Wirkung des Spätherbstes, des Regenwetters und der hohen, den Hof, auf welchem die Fenster seiner Stube gingen, einschließenden Gtebelmauern hätte entgegenarbeiten können. Die Fruchtlosichkeit dieser Versuche einsehend, schob er die Brille wieder auf die Nase und wandte sich an seine in der Nähe des Ofens hockende Frau:

„Du wirst Licht anstecken müsfen, Mutter, es geht nicht mehr."

„So laß das Nähm bleiben,“ entgegnete die scharfe, dünne Stimme der Frau in einem Tone, dem man -es anhörte, daß sie viel Widerrede von ihrem Ehe­herrn weder gewohnt, noch solche zu dulden gewillt war. „Deine Schneiderei bringt wahrhaftig nicht so viel ein, wie das Licht kostet, sitze nur immer eine Stunde im Dunkeln. Sollte mir fehlen, schon im Oktober um 4 Uhr Licht anzustecken, was soll da erst um Weihnachten werden?“

6 Eine neue Zett.

Die wichtigen Veränderungen, welche sich soeben in der höchsten Staatsleitung in Deutschland und in Preußen vollzogen haben, bezeichnen den Anbruch einer neuen Zeit. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen". Wir ge­hören gewiß nicht zu denen, welche in blindem Hasse Bismarck und seine Politik beim Scheiden des großen Gegners in ein Triumphgeschrei aus brechen. So lange wir im politischen Leben stehen, haben wir — ganz abgesehen von der Zeit von 1870 — stets ohne Scheu die schweren Fehler und Jrrthümer der Bismarck'schen inneren Politik, namentlich seinen größten und verhäng- nißvollsten Fehler, den Kulturkampf, auf das Schärfste bekämpft. Aber ebenso freudig waren wir bereit, jede aufrichtige Umkehr, jedes ehrliche Einlenken in andere Bahnen, mochte es nun das kirchenpolitische oder das wirthschaftliche und sozialpolitische Gebiet betreffen, offen anzuerkennen und uns an die Seite der Bis­marck'schen Politik zu stellen, so oft es anging. Und wenn wir heute zurückblicken auf die ganze Bismarck'sche Aera, so entdecken wir viele schwere Schatten und dunkle Punkte, wir sehen vor allem als traurigste Er­rungenschaft dieser Epoche eine Verschärfung und Ver­bitterung der Parteigegensätze einerseits und anderer­seits einen künstlich gezüchteten Servilismns und Byzan- tismns, verbunden mit einer politischen Charakterlosigkeit und Unselbstständigkeit, — vielleicht unabsichtlich her- brigeführt durch die eiserne politische Herrschaft eines Mannes, der keinen Widerstand, keine selbstständige Willensregung unter oder neben sich duldete. Und doch war es ein wahrhaft großer, ein Achtung ge­bietender Gegner, den wir bei seinem Scheiden in solchen Zügen zeichnen müssen. Diese seine Größe offen anerkennen, braucht vor allem die Cen - trumspartei sich nicht zu scheuen, die ein­zige Partei im deutschen Reichstage, in welcher der Kanzler einen ebenbürtigen Gegner erblickte, vor der er als dem „unüberwindlichen Thurm" seinen Degen gesenkt und die er niemals zu zerreiben und an die Wand zu drücken vermocht hat, die im Gegentheil stets neugestärkt und gefestigt aus allen Stürmen her­vorging. Wenn man Bismarck und seine Vergangenheit ohne Vornrtheile würdigen will, so muß man auch gerecht genug sein, zuzugeben, daß an vielen Fehlern und Auswüchsen, die unter seiner Aera üppig wucherten, diejenigen Personen und Parteien die Schuld und Mit­schuld tragen, welche sich von ihm oft genug als willen­lose Werkzeuge, als Schablonenfiguren behandeln und vorschieben und morgen in die Ecke werfen ließen. Was ein Mann, und namentlich ein fo großer Mann, wird und erreicht, das wird und erreicht er nicht bloß, aus sich und durch sich, sondern auch durch seine Um-

den Gedanken aufgriff, kann an dem Kernpunkte der Sache nichts ändern. Mit dem energischen Eingreifen des jungen Kaisers in die Fragen der inneren Politik, vor Allem in das Gebiet der Sozial-Politik und der Arbeiter-Reform, ging aber die Initiative, welche bisher das ausschließliche Privilegium Bismarck's schien, in die Hände des Kaisers selbst über. Darin und in allen hieraus sich ergebenden Verhältnissen ist der eigentliche Schlüssel zu dem nunmehr vollzogenen Rück­tritt des Kanzlers zu suchen.

Es war gewiß keine Kleinigkeit für den jungen Kaiser, sich schon so bald nach dem Antritt seiner Re­gierung von dem alten Rathgeber seiner Krone, von einem Manne, der einer Welt Respekt abzunöthigen verstand, sich zu trennen. Wie in vielen seiner bis­herigen Regierungs - Handlungen, so zeigt der Kaiser auch in diesem Entschlüsse eine seltene Thatkraft und Entschlossenheit, eine bewunderungswürdige Selbststän­digkeit, welche allein schon alle Parteien, die es mit dem Reiche aufrichtig meinen, veranlassen muß, in dieser folgenschweren Zeit sich fest um den Kaiser zu schaaren und, soweit ihre Ueberzeugung und ihr Gewissen es zuläßt, ihn und seine Regierung zu unterstützen. Die Uebergangszeit zu neuen gesicherten Regierungs - Ver­hältnissen wird vielleicht nicht ohne einige unausbleib­liche Zuckungen und Erschütterungen vorübergehen. Aber die sympathische Aufnahme, welche nicht nur die kräf­tige kaiserliche Initiative in Sachen des Arbeiterschutzes, sondern auch feine mehrfachen Kundgebungen zu Gun­sten der christlichen Erziehung und des religiösen Un­terrichtes In den weitesten Kreisen gefunden haben, be­rechtigt zu der Hoffnung, daß das Vertrauen des Vol­kes den Kaiser auch durch schwere Tage sicher hindurch­führen wird. Je mehr die Regierung sich in Zukunft von einseitigen Rücksichten auf einzelne Ji^eresfengrup- pen, namentlich auf die Großindustrie und das Groß­kapital emanzipirt und das christliche Prinzip und die Forderungen der Nächstenliebe in Bezug auf die drän­gende Löfung der verschiedenen Arbeiter-Fragen hoch­hält, um so mehr wird sich das Vertrauen des Volkes befestigen.

Eine neue Zeit bricht an und die Ahnung dessen, was sie bringen mag, läßt sich bereits zu ausschweifen­den Hoffnungen hinreißen. Sogar die Frage der Ab­kürzung der Militärdienstzeit auf 2 Jahre ist in diesen Tagen allen Ernstes aufgeworfen worden. Wir wissen nicht, ob solche Pläne in Regierungskreisen überhaupt erörtert worden sind, ermahnen aber zur äußersten Vor­sicht gegenüber allen Ueberschweuglichkeiten. Was heute noch nicht sein kann, mag ja in nicht zu ferner Zukunft erreicht werden können. Halten wir uns aber zunächst an das Nächstliegende und Erreichbare. Eine wichtige Frucht, die wir von der neuen Zeit erhoffen, ist neben der Milderung der Partei - Gegensätze die hiermit im

Sie war, während sich dieser Wortschwall über den unglücklichen Gemahl ergoß, aufgesprungen und ihm näher gerückt, eine Bewegung, welche um so be­denklicher erschien, als bei dem geringen Raume des in der Thal als Küche, Schlaf- und Arbeitsstätte dienenden und mit allen möglichen und unmöglichen Geräthschaften vollgepfropften Gemaches, an ein Ent­weichen bei etwaigen thätlichen Angriffen nicht zu denken war.

„Schrei doch nur nicht fo, Frau, Du hast ja Recht, Du thuft ja das Alles und noch viel mehr; aber mit der Dachstube machst Du kein Geschäft, das laß' ich mir nicht nehmen."

„Bezahlt das Fräulein ihre Miethe etwa nicht? Trinkt sie nicht ihren Kaffee und ist zuftiedeu, wenn ich ihr auch den Grund von den anderen Portionen aufbrühe?“

„Wollen fehen, was wird, wenn Du erst ihr letztes Fähnchen ins Leihhaus getragen hast."

„Dann wird die auch nicht verhungern, verlaß Dich darauf, Du wärst freilich Unmensch genug, die arme Kreatur auf die Straße zu setzen, wenn sie nichts mehr hat, aber dafür bin ich noch da, ich bin eine gottesfürchtige Frau und habe Erbarmen mit meinen armen Nebenmenschen."

Der Schneider schien an einen derartigen Umschlag

gebnng. Und die Umgebung Bismarck's im weitesten Sinne hatte und hat es sich wesentlich zuzuschreiben, wenn alle Verhältnisse, wenn schließlich Staat und Reich, wie man sich oft nnmuthig ausgedrückt hat, auf den Leib des einen Mannes zugeschnitten worden sind.

Mit dem Scheiden Bismarck's bricht in der That für Deutschland eine neue Zeit an. Nicht nur den Parteien, sondern auch dem jungen Kaiser sind die Formen zu eng geworden, in welche die eherne Ge­wohnheit des Bismarck'schen Systems die Gesetzgebung und die Verwaltung gezwängt hatten. Seit zwanzig Jahren hat bei allen wichtigen Plänen und Ereignissen die Frage nur immer gelautet: Was wird Bismarck dazu sagen? Und wenn Bismarck ein grollendes oder zürnendes „Nein" sprach, dann war der Fall erledigt. Nur zielbewußte, zähe Ausdauer vermochte, wie die Geschichte des Kulturkampfes gezeigt hat, das „Nein" allmälig in ein „Ja" zu verwandeln, aber ans diesem zähen, festen Holze waren leider die sog. führenden, in Wirklichkeit aber geführten Parteien nicht geschnitzt.

Fürst Bismarck hatte seinen Höhepunkt schon längst überschritten, sein letzter großer politischer Erfolg war der für die Regierung günstige Ausfall der Septennats- Wahlen, aber in diesem letzten Erfolge lag auch bereits der Keim des Niederganges, des Rückschlages, der in den eben verflossenen Wahlen so gründlich als nur möglich erfolgt ist. Und wie gegenüber den Parteien, so hatte der Reichskanzler auch gegenüber der Krone einen beträchtlichen Theil seines alten Prestige's und Einstusses eingebüßt. Räumt ja das Bismarck'sche Organ, die',Norddeutsche', offen ein, daß der direkte amtliche Verkehr zwischen dem Kaiser und König und den Einzelministern unter Umgehung der Zwischen-In­stanz des Minister - Präsidenten den Hauptgrund zur Verstimmung Bismarck's bildete. Und wenn die Kord- deutsche' weiterhin sich krampfhaft gegen die Annahme wehrt, als ob die jüngsten sozialpolitischen Kundgebun­gen des Kaisers über den Kopf des Kanzlers hinweg erlasfen worden seien, so bedarf es keiner längeren Be­weisführung, um das Gegentheil, wenn auch nicht in äußerlich schroffer Form, über allen Zweifel erhaben zu stellen. Der langsame Gang der Sozialgesetzgebung, die Nichterfüllung von förmlichen Versprechen, die in feierlichen kaiferlichen Kundgebungen gegeben worden waren, vor Allem aber der zähe Widerstand der ver­bündeten Regierungen gegen den zuerst vom Centrum und später vom gesammten Reichstage so entschieden vertretenen Arbeiterschutz, alles das sind Dinge, welche ■ in erster Linie auf des Fürsten Bismarck Konto zu schreiben sind. Ob der Kanzler sich neuerdings dem Gedanken einer internationalen Arbeiterschutz-Konferenz geneigter bezeigt hat, als früher, da der Abg. Windt- horst im Reichstage eine solche internationale Regelung anregte, und als im verflossenen Jahre, da die Schweiz

„Um Weihnachten wird's freilich den ganzen Tag über hier kaum hell werden," gab das alte, schmäch­tige Männchen mit refignirtem Tone zu. „Oben in der Dachstube sah man besser."

Fängst Du wieder damit an ?" rief die Frau rasch.

„Ich sage ja nichts, Mutter, ist sage ja gar nichts,“ vertheidigte sich der Schneider.

„Wenn Du Dich nur trautest, so würdest Du schon —"

„Ich mich nicht trauen“, unterbrach sie der Mann, der sich ob dieses Ausdrucks doch allzusehr in seiner männlichen Würde gekränkt fühlte. „Ich wollte nur die alte Geschichte nicht wieder aufrühren, aber wahr ist's und dabei bleibe ich, es war ein Unsinn, daß Du die Dachstube noch vermiethet Hast, so daß wir hier im engen, finstern Loche wohnen, schlafen und kochen müsfen."

„So, ein Unsinn war's!" höhnte die Fran, „wie klug Du doch schwatzen kannst. Bringt Deine Arbeit etwa die Miethe ein, verdienst Du den Lebensunter­halt oder muß ich's herausschlagen? Wer quält sich mit dem Aftervermiethen, mit dem Aufwarten, wer wäscht und plättet und besorgt den Kaffee und den Thee für den alten Griesgram rechts und für den jungen Maler links? Wer bringt uns durch, Du oder ich - hm?"

'«Irin?