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JV 69.

Dienstag, den 25. März 1890.

17. Jahrgang

Mr dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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Wegen des Feiertages „Mariä Ver­kündigung" wird die nächste Nr. d. Bl. erst am Mittwoch ausgegeben.

Die Organisation der Katholiken.

Der glänzende Sieg des Centrums bei den jüngsten Reichstagswahlen ist eine hocherfreuliche Thatsache der inneren Stärke der Partei und eine Konsequenz ihrer Prinzipienfestigkeit. Selbst die Gegner erkennen diese Thatsache an und mehrere Blätter haben konstatirt, daß der eigentliche Sieger bei den Wahlen Dr. Windt- horst sei, welcher jetzt als der mächtigste Mann im Parlamente bezeichnet wird. Denn in seiner Hand steht die Macht, die Regierung entweder zu unterstützen oder ihr ein Bein zu stellen. Und in der That sehen wir auch, wie die offiziösen Organe in Rücksicht auf diese Eventualitäten dem Centrum jetzt freundliche Worte sagen und um seine Mitwirkung geradezu buhlen. Ja, es scheint, als ob die Regierung sogar bereit wäre, in Bezug aus katholische Forderungen großes Entgegen­kommen zu beweisen, nur um das Centrum nicht in die Opposition zu treiben. Sowie nämlich das Centrum sich mit den Deutschfreisinnigen und den übrigen oppo­sitionellen Fraktionen in irgend einer Frage liirt, steht die Regierung machtlos da und muß sich die Ablehnung von Vorlagen und Anträgen gefallen lassen. Eben deß- halb kann auch das Centrum diktiren und Forderungen stellen. Wir sind überzeugt, daß, wenn nach Eröffnung des Reichstages das Centrum die endliche Aufhebung des Jesuitenaustreibungsgefetzes fordert, die Regierung nicht Nein fagen kann und auch nicht Nein fügen wird. Sie braucht das Centrum und so muß sie eben suchen, dasselbe bei guter Stimmung zu erhalten. Das Blatt hat sich, wie man sieht, sehr bedeutend gewendet. Es ist erst wenige Jahre her, daß die .Norddeutsche' das Centrum noch zu den .Reichsfeinden' zählte und dessen Bekämpfung förmlich als verdienstliches Werk darstellte. Nun hat dasselbe Kanzlerorgan einen ganz anderen Ton für den „festen Thurm" und es scheint somit, daß auch die Offiziösen ein wenig aus der Zeitge­schichte gelernt haben, die uns das fortgesetzte Wachs- thum das Centrums ziffernmäßig vor die Äugen stellt.

Man hat in jüngster Zeit in gegnerffchen Blättern wiederholt die Frage erhoben nach den Ursachen, daß eine Partei wie .das Centrum eine solche Stabilität und Festigkeit erhalten und sich im Sturm der Zeiten behauptet hat. Die Antwort ist leicht gegeben. Das Centrnm besaß in den Parlamenten seit seiner Grün­dung ausgezeichnete Führer von staatsmänni­scher Begabung, weitem Blicke und hervorragendem Talente. Es waren Männer, die feste Grundsätze haben, sie mit Mannesmuth vertreten und durch ihre konse­quente unbeugsame Haltung, durch ihre politische Ehr­lichkeit und ihre Einigkeit selbst den Gegnern Achtung abnöthigten. Diese Männer lieferten durch ihr Auf­treten während zweier Dezennien den praktischen Be­weis, daß die kath. Grundsätze nicht nur theoretisch gut und segensreich sind, sondern auch öffentlich sieg­reich vertreten werden können, sowie daß sie sich praktisch in der Gesetzgebung, im Schulwesen, im wirthschaftlichen und sozialen Leben anwenden lassen. Man hat s. Z., als das Centrum zum ersten Male austrat und seine Grundsätze proklamirte, höhnisch ge­lacht und in den unseligen Zeiten des Kulturkampfes kein Mittel unversucht gelassen, sie auf das Schroffste zu bekämpfen. Aber das Centrum wich und wankte nicht, es blieb der „feste Thurm" und hat durch seine eiserne Konsequenz selbst die Regierung wie die Gegner dahingebracht, seinen Grundsätzen Achtung angedeihen zu lassen. Heute hat die Partei wohl Gegner, aber sie haben doch die Mittel zur Bekämpfung gewechselt, sie sind heute gezwungen, die kath. Prinzipien zumindest als ebenbürtig zu erachten und sie lernen immer mehr erkennen, daß gerade im Abweichen von denselben die Ursachen so vieler Mißstände, insbesonders auf sozialem Gebiete zu finden sind. Die Wahrheit bricht sich eben überall Bahn, wenn sie von den rechten Männern vertreten wird und gottlob daran hat es dem Centrum nie gemangelt. Die deutschen Katholiken können wirk­lich auf ihre Abgeordneten im Reichstage stolz sein, es

ist eine erlesene Schaar hervorragender, für die kath. Sache begeisterter, muthiger und prinzipientreuer Männer, die immer, wenn der Tod oder ein Austritt Lücken reißt, die würdigste Ergänzung finden, so daß die Homogenität der Partei stets gewahrt bleibt.

Ein besonderer Vorzug des Centrums ist aber seine Volksth ü mli chkeit. Es ist hervorgegangen aus dem kath. Volke und besitzt darin die Wurzeln seiner Kraft. Nicht die Gunst der Mächtigen hat es ge­schaffen, es verdankt seine Existenz keiner Regierung, sondern ausschließlich der Initiative der Katholiken. Deßhalb steht die Partei so fest und haben all' die vielen gegnerischen Versuche innerhalb zweier Dezennien, sie zu spalten und zu zersprengen, fehlgeschlagen. Mochte man auch in Regierungskreisen dem Centrum wegen seines Widerstandes gegen den Kulturkampf noch so grollen, sie vermochten die Partei nicht zu Falle zu bringen, es war dies selbst einem Manne wie Bismarck nicht gelungen, dmn hinter den kath. Abgeordneten standen die Hunderttausende kath. Wähler und traten bei jeder Wahl in geschlossenen Reihen sür sie ein. Die deutschen Katholiken haben durch den Kulturkampf eine feste politische Organisation erhalten und sind ge­schult geworden für den ernsten Kampf. Die über­zeugungstreuen Katholiken wußten und wisfen noch, um was es sich handelt und deßhalb unterstützen sie ihre Abgeordneten. Der edle unvergeßliche Mallincrodt hat in den Zeiten des schärfsten Kulturkampfes, als alle Parteien über das Centrum herfielen, mit prophe­tischem Blicke gesagt -daß das Ceutrum unzerstörbar sei, weil es Gott und das kath. Volk für sich habe. Eine echte und rechte Volkspartei, die für das Volk wirkt und schafft, besitzt stets einen sesten Hinter­halt und wird sich siegreich gegenüber solchen Fraktionen halten, die nur vorübergehenden politischen Velleitäten entsprechen oder künstlich geschaffen werden. Die letzten Reichstagswahlen haben die Spreu von dem Weizen geschieden, alle Parteien, die nur nach oben blickten und über der Gunst der Mächtigen des Volkes ver­gaßen, haben empfindliche Niederlagen erlitten, dagegen die volksthümlichen Parteien entschieden zugenommen. Das Centrum, das einst mit 57 Abgeordneten begann, ist jetzt auf 107 Abgeordnete gestiegen, eine Zahl, die mit Stolz erfüllt und zeigt, daß sie sich ihre volle Jugendkraft erhalten hat. Allein wir rechnen nicht für den Augenblick, deßhalb rufen wir den Männern des Centrums zu, in der kommenden Zeit stets ihres Ur­sprunges zu gedenken und volksthümlich auch dann zu bleiben, wenn die Regierung um die Gunst der mäch­tigsten Partei im Parlamente wirbt. Die Freundschaft der Regierung mag viel werth sein, aber höher muß stehen das Vertrauen der Wähler! (,Fränk. Vbl.')

Deutsches Keich.

Berlin, 22. März.

* Beim Ausscheiden des Fürsten Bismarck haben die preußischen Minister ihre Portefeuilles zur Verfügung gestellt, doch ist davon nach einer offiziösen Mittheilung kein Gebrauch gemacht worden. Es ver­lautet indeß, daß außer dem Grafen Bismarck auch Minister von Maybach um feine Entlassung ein­kommen werde.

* Graf Herbert Bismarck hat dem Kaiser ein Gesuch um alsbaldige Entlassung unterbreitet.

* In Abgeordnetenkreisen verlautete heute mit Be­stimmtheit, Fürst Bismarck habe den Kaiser ge­beten, auf den Titel eines „Herzogs von Lauenburg" verzichten zu dürfen.

* Beide Häuser des preußischen Landtags hielten heute Sitzungen ab. Das Herrenhaus erledigte eine Reihe kleiner Vorlagen, unb' verwies nach längerer Debatte die Rentengüter - Vorlage an die Kommission zurück. Darauf vertagte sich das Haus auf unbestimmte Zeit. — Das Abgeordnetenhaus erledigte heute den Kultusetat bis zum Titel „Elementarschulen", welcher angenommen wurde. Abg. Kn örcke (dfr.) wies auf den großen Mangel an Volksschullehrern hin, wo­für er die ungenügende Besoldung derselben verant­wortlich machte. Als einziges Mittel zur Abhilfe be­trachtete er den endlichen Erlaß eines Schuldotations­

Gesetzes. Abg. Hasse (Centr.) brachte die Paritäts­verhältnisse im westpreußischen Schulwesen zur Sprache und wies die ungleiche Behandlung der beiden Konfest sionen in Westpreußen zahlenmäßig nach. Die .Germania, hebt in ihrem Bericht z. B. die frappante Angabe hervor, daß nach amtlicher Statistik unter 64 Neuernennungen ganze 6 katholische Lehrer sich besanden, bei einer so starken katholischen Bevölkerung! Auch über ungenügende Berücksichtigung der katholischen Geistlichen bei der örtlichen Schulaufsicht hatte Redner Beschwerde zu führen. Die junge Lehrergeneration verkehre nicht freiwillig mit dem Pfarrer, sie gehe ihm — er gebrauche den mildesten Ausdruck — aus dem Wege. Redner schloß mit der Mahnung, den katholischen Schulen ihre berechtigten Lokalschulinspektoren und den katholischen Majoritäten katholische Lehrer zu geben, den Minoritäten aber Schutz zu gewähren. Abg. v. Pilgrim (fit) klagte, über Mangel an evangelischen Lehrern in Westfalen und forderte deshalb Vermehrung der evangelischen Schul­lehrerseminare in dieser Provinz. Abg. Bachem- Mülheim (Ctr.) führte aus, daß die Imparität auf dem Schulgebiet nicht nur in Westpreußen, sondern, wenn auch nicht in dem Maße, in allen Provinzen zu be­klagen sei. Wenn man das konfessionelle Verhältniß der Bevölkerung zu Grunde lege, finde man, daß die Katholiken vergleichsweise 1000 Schulen zu wenig, die Protestanten 3000 Schulen zu viel hätten. Redner gab sodann eine Reihe von Zahlen aus verschiedenen Theilen der Monarchie. Er wies ferner auf das verschiedene Verhalten, katholischer und protestantischer Stadtver- ordneten-Vertretungen hin, wenn es sich darum haudelt, die Privatschule einer in der Minderheit sich befindenden Konfession auf den städtischen Etat zu übernehmen. Während z. B. die katholischen Orte des Rheinlandes mit der größten Bereitwilligkeit den dahingehenden Wünschen ihrer in der Minderzahl befindlichen protestan­tischen Mitbürger entgegenkämen, fänden die Katholiken in Sachsen bei den städtischen Behörden niemals Gehör. Kultusminister v. Goßler erwiderte, daß hier auf beiden Seiten gesündigt werde, und nannte zum Beweise dessen eine Anzahl katholischer Orte, welche weniger tolerant seien, als der Abg. Bachem von allen katho­lischen Orten gerühmt habe. Was die Parität der Staatsverwaltung angeht, bemerkte der Minister, daß das katholische Schulwesen bei seiner Uebernahme in die preußische Staatsverwaltung gegenüber dem evan­gelischen sehr zurück gewesen sei; allmälig aber Habe die Unterrichtsverwaltung es dahin gebracht, daß jetzt schon auf 100,000 Katholiken 216 katholische Lehrer kämen, auf 100,000 Protestanten nur verhältnißmäßig wenige mehr, nämlich 238 evangelische Lehrer. Der Minister sucht nachzuweisen, daß für die Katholiken sehr viel mehr geschehen sei als für die Protestanten. Abg. Dr. Windthorst erklärte, der Kultusminister werde nur dann den stets sich wiederholenden Streit über die Parität schlichten können, wenn er alljährlich das volle Material über die Paritätsverhältnisse vor­lege. Mit Entschiedenheit bestritt er die Behauptung, das kath. Schulwesen habe 1821 weit hinter dem prot. zurückgestanden. Es handle sich hauptsächlich um West­preußen und Posen, und daß hier schreiende Mißstände herrschten, sei nicht widerlegt worden. Daß aber über­haupt in Preußen von Parität nicht die Rede sein könne, gehe schon allein aus der Thatsache hervor, daß 150,000 katholische Kinder in evangelische Schulen gehen müßten, dagegen nur 25,000 evangelische Kinder in katholische Schulen. Minister v. Goßler bestritt die Richtigkeit dieser Zahlen; dieselben betrügen m Wahr­heit nur 54,950 gegen 25,875. Im Uebrigen erklärte er, daß etwaige Mißverhältnisse nicht auf Böswilligkeit gegen die Katholiken beruhten. Abgeordneter Conrad (Centrum) verlangte, daß in dem zum großen Theile polnisch sprechenden Oberschlesien der Religionsunterricht in der Muttersprache der Kinder ertheilt werde. Abg. Dasbach (Centrum) brachte verschiedene Klagen aus seiner Heimath vor. Abg. Gerl ich (freik.) suchte einige der von dem Abg. Hasse gegebenen Zahlen als unrichtig zu erweisen; er behauptete auch, die Polen sträubten sich gegen die Gründung neuer Schulen, und darum mache die Errichtung neuer katholischer Schulen in Westpreußen und Posen nicht solche Fortschritte, wie