17. Jahrgang
Sonntag, den 23. März 1890
ul-aer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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Kismarck — Gaprim.
N. Berlin, 20. März.
Der Frühling kommt und Fürst Bismarck geht. Alle Jahre gibt es einen Frühling; aber sie gleichen sich nicht immer. Wie anders war es vor fünf Jahren, als diensteifrige Kollektanten zum 70. Geburtstage des Fürsten Bismarck das Stammgut Schönhausen und noch eine Summe Stiftungsgeld aufbauten! Wie anders war es vor drei Jahren, als der Reichskanzler Frühlingsankunft und Geburtstag im Vollgefühl seines Septennats-Wahlsieges feierte! Wie anders war es vor zwei Jahren, als der Entrüstungsrummel durch die falsche Nachricht einer Krisis angeregt wurde und „nationale" Biedermänner die Krone zwingen wollten, die Unabsetzbarkeit des Fürsten Bismarck anzuerkennen! Das war der Höhepunkt; von da an ging es bergab. Bis dahin schien Alles gelungen zu sein, was die mächtige Hand anfaßte; aber es dauerte gar nicht lange, da flog das verhängnißvolle Wort durch die Welt: Es gelingt nichts mehr!
Auf eine Generation rechnet man 30 Jahre. Es fehlen also nicht ganz drei Jahre, um der Bismarck'- schen Ministerschaft die Dauer eines Menschenalters zu geben. Man bedenke wohl, welch' eine Wirkung auf das Volk und auf die betreffende Persönlichkeit es ausübt, wenn fast drei Jahrzehnte lang eine und dieselbe Person der leitende Minister ist! Alle Leute, die nicht schon hoch in den Dreißigern stehen und frühzeitig die politischen Dinge beoabachtet haben, sind sich gar nicht einer Zeit bewußt, wo ein Anderer als Fürst Bismarck -die Regierung führte. Aeltere Leute erinnern sich freilich an eine bismarcklofe Zeit; aber der andauernde Glanz der Sonne Bismarck hat diese alten Gedächt- nißbilder fast ganz ausgebleicht. Jetzt müffen wir Alle mit einem gewisfen Ruck unfern Geist den ungewohnten Verhältnissen, der überraschenden Bismarcklosigkeit anpassen. Allem Anschein nach geht der Ruck ohne bedeutende Erschütterung und ohne erhebliche Aufregung vor sich. Aber ich möchte wissen, wie der gewaltige Umschwung in den Lebens- uud Thätigkeitsverhältniffen auf die Seele des Fürsten Bismarck eiüwirkt? 27 Jahre lang hat er in der aufregendsten öffentlichen Thätigkeit gestanden, hat. sich Abends mit dem Bewußtsein einer riesigen Verantwortlichkeit auf das Kiffen gelegt und ist Morgens im Bewußtsein einer schweren Arbeitslast aufgestanden. Jetzt auf einmal ist er der Verantwortlichkeit, der Sorgen, der Mühen enthoben, aus dem Lärm der politischen Werkstatt in den Frieden eines stillen Familienzimmers, aus dem denkbar größten Ueberfluß an Arbeit in die volle Muße versetzt. Man sagt, der Müller könne nicht schlafen, wenn er das gewohnte Klappern feiner Mühle nicht höre.
Frau Wargareth.
Novelle von I. v. Dirkiuk.
(Schluß.)
Es ist bereits Spätherbst; ein Hauch von Melancholie schwebt in der Luft; das Fenster an der Kammer, wo Sophie liegt, steht halb offen; mit sinnenden Blicken schaut Margareth in die entlaubten Bäume des Gartens; sie haben geblüht und Frucht getragen, ihr Tagewerk ist vollbracht, wer sich auch so sorglos wie sie vom Winter einschneien lassen könnte. Ein Ruf vom Lager der Kranken scheucht sie aus diesen Gedanken empor. Margareth eilt auf ihren Posten und ist nicht wenig erstaunt, Sophie aufrecht in den Kiffen zu finden. Wie ganz anders ist der Blick, sind die Züge der Kranken. Es scheint, als ob die volle Besinnung ihr plötzlich zurückgekehrt sei — was wird sie sagen bei ihrem (Margaretes) Anblick! Zagend gleitet sie an das Kopfende des Lagers — da tönt ihr Name wie . ein Hauch an ihr Ohr. Hört sie recht?
„Gretchen," flüstert Soplüe, „gutes Gretchen, habe Dank, tausend Dank für alle Gale. Ich war es nicht werth, aber Engel zürnen nicht. Du warst mir ein Engel in der fchweren Leidenszeit. Komm her und sage mir, daß Du mir Alles verziehen bast."
„O, Sophie!" ruft Margarety, mit ihrer Rührung kämpfend. „Sprich doch nicht so; irren ist menschlich;
Es gehört eine große Elastizität des Nervensystems dazu, um einen schroffen Uebergang von der langgewohnten Anspannung und Erregung zu einem ganz ungewohnten Ruhezustände gut zu ertragen. Aber den Nervm eines Fürsten Bismark, welche in den gewaltigen Katastrophen der letzten drei Jahrzehnte erprobt sind, darf man wohl eine außergewöhnliche Spannkraft zutrauen. Zudem ist ja der Gedanke an seinen Rücktritt allem Anscheine nach langsam und allmählich in seinem Haupte gereift und die Ausführung ohne Ueberstürzung vor sich gegangen. Es „klappte" schon lange nicht mehr recht in den obern Regionen. Seit Beginn des neuen Jahres mehrten sich die Anzeichen, daß Fürst Bismarck, der bisherige eiserne und unermüdliche Mann der That, Neigung habe, die Zügel schleifen und die Dinge ihren eigenen Gang gehen zu lassen. Diese wenigen Wochen der Vorbereitung auf die Resignation sind freilich fast nichts im Verhältnis zu der 27jährigen Gewohnheit des Wirkens und Herrschens; aber sie mildern doch den Uebergang.
Der alte lateinische Dichter singt: Glücklich ist, wer fern vom Weltgetriebe auf feinem Erbe hinter dem Pflug geht. Fürst Bismarck hat bekanntlich eine außerordentliche Liebe zur Landwirthschaft. Die packendsten und fchönsten Stellen in seinen Reden finden sich dort, wo er zur Beleuchtung eines Gedankens einen Vergleich aus dem landwirthschaftlichen Leben und Treiben heranzieht. Seine Einbildungskraft weilt immer auf dem Acker und im Wald; sucht er einen drastischen Ausdruck, ein kräftiges Bild, so fließen sie ihm von dorther zu. Als er z. B. die Hoffnung ausfprechen wollte, bis an sein Lebensende int Amt thätig zu bleiben, brauchte er den bezeichnenden Ausdruck „in den Sielen sterben". Wenn er eine Partei anklagen will, dem Gedeihen der Sozialdemokratie vorzuarbeiten, so nennt er sie „Vorfrucht der Sozialdemokratie"; ein so fachmännisch-landwirthschaftlicher Ausdruck, daß sich schon mancher Städter den Kopf darüber zerbrochen hat, was das Wort „Vorfrucht" eigentlich besagen solle. Sage nur, woher du deine Vergleiche holst und ich will dir sagen, woran du am Liebsten und am Häufigsten denkst! Fürst Bismarck hat bekanntlich riesige Land- und Forftbesitze; er wird sich wie Cincinnatus nunmehr seiner Privatwirthschaft widmen und darin hoffentlich eine Quelle der Befriedigung finden. Auch die Fabriken, welche er zur Verwerthung seines Holzes hat anlegen lassen, werden ihn lebhaft in Anspruch nehmen. Es wäre irrig, wenn man annehmen wollte, sein langjähriger Wandel auf den höchsten Höhen der Menschheit habe ihn gleichgiltiz gemacht gegen die ver- hältnißmäßig kleinlichen privaten Geschäfts- und Er- werbsverhältnisfe. Mit demselben lebendigen Interesse, wie er sonst eine über das Schicksal Europa's entfchei- Mißverständnisse schieden uns; nun ist Alles gut; und Du wirst wieder gesund."
Ein trübes Lächeln irrt über Sophien's bleiches, eingefallenes Gesicht. Sie täuscht sich nicht über ihren Zustand; es ist das letzte Aufflackern der Lebensflamme, ihre Tage sind gezählt und doch hat sie noch nichts zum Wohle des Nächsten gethan, einzig die Selbstfucht war bis dahin die Triebfeder ihrer Handlungen. Sie weiß aber, was ihr noch zu thun bleibt, und Marga- reth's Hand ergreifend, fleht sie: „Hole mir das Büb- lein, heute will mich ja Muhme Stine besuchen." Und als Margareth erstaunt, ganz verwundert in ihr Gesicht sieht, lächelt die Kranke trübe: „Ich habe Alles gehört und gesehen, was üm mich herum geschah, aber ich war zu matt, mich zu regen; ich lag da, wie in einem Banne, doch mein Geist war nicht müßig, Gretchen, ich weiß, daß mir noch ein Tagewerk beschieden ist, bevor ich sterbe."
Am Nachmittage erschien Muhme Stine, von Joseph begleitet. Margareth verließ die Kammer, sobald der Besuch sich dort niedergelassen hatte.
„Gestern habe ich mein Testament gemacht, Sophie," sagte die Alte mit einem schenen Blick auf Joseph; einmal mußte er es ja doch erfahren. Erröthend fchaute er vor sich nieder. „Seht, Kinder," fährt Muhme Stine fort, „ich will Euch kein Hehl daraus machen, die Grete ist die Tochter meines Jugend - Bekanntm,
dende Depesche las und beantwortete, versteht er sich der Frage zu widmen, wie man das Friedrichsruher Holz für «Äraßenpflaster geeignet machen kann. Es klänge etwas verwegen, aber durchaus nicht unglaublich, wenn man die Vermuthung aufstellen wollte, der Wechsel in der Ministeriumsspitze werde zu überraschenden Fortschritten in der Kunst der Holzpflasterung Anlaß geben. — Natürlich wird der Reichskanzler in seiner Muße doch ein Beobachter der Politik bleiben. Es findet bloß ein Wechsel zwischen der Haupt- und Nebensache statt. Bisher arbeitete er am Schreibtisch und ging zur Erholung in seiner Wirthschaft herum; fortan wird er die Arbeit in seinem Privatbetriebe suchen und die Mußestunden darauf verwenden, um zu sehen, wie die Welt ohne Bismarck fertig wird.
Eine Hoffnung möchte ich noch aussprechen, nämlich daß Fürst Bismarck seine Muße auch der Schriftstellerei widmet. Man hat fchon oft von ihm gesagt, er hätte ein großer Schriftsteller werden können, wenn er nicht zufällig ein großer Staatsmann geworden wäre. Seine vertraulichen, ungezwungenen Briefe sind prächtige Zeugnisse seines urwüchsigen Darstellungstalentes. Was von den unglückseligen journalistischen Leistungen der sog. Offiziösen auf seine persönliche Rechnung kommt und was den täppischen Gehilfen angerechnet werden muß, ist schwer zu sagen; aber ich bin sicher, daß er als Nichtminister viel schönere Artikel zu schreiben vermag, wie er als Minister inspirirt hat. Nur muß er sie selbst schreiben, eigenhändig von A bis Z mit dem historischen Bleistift hinwerfen. Arn Ende erleben wir es noch, daß die neue Regierung vom Leder zieht gegen einen Artikel, welchen der frühere Unterzeichner zahlloser Strafanträge verfaßt hat. —
Nun noch ein Wort vom zukünftigen Reichskanzler. Ein General nimmt die Last auf, welche die Riesenschultern eines Bismarck abgeworfen haben. Die Wahl eines Milit ärs hat im Auslande sehr viel und im Jnlande auch nicht wenig Verwunderung erregt. Ich sehe darin einen neuen Beweis für meine alte Ueberzeugung von lerVortrefflichkeit unseres Offizierkorps. Man vergleiche die Vorgänge während des letzten Striks. Mag man über die Lieutenants noch so viel gute oder schlechte Witze machen — was aus dieser Lieutenantsschaar herauswächst in die oberen Regionen hinein, das ist eine Fülle von körperlicher und geistiger Kraft und Geschicklichkeit. Man sollte denken, die Offiziere, welche in die Kriegsoder Marineverwaltung kommandirt werden und im Reichstag die Angelegenheiten ihres Refforts vertreten müssen, könnten gar nicht konknrriren mit den kunstvoll geschulten Geheimräthen oder Ministern der zivilen Beamtenschaft. Aber die „Dilettanten" in der Uniform übertreffen fehr oft an Geschick und Erfolgen die ge-
dem ich großes Unrecht gethan, großes Herzeleid zugefügt habe. Alte Schulden zu bezahlen, ist jedes rechtschaffenen Menschen strenge Pflicht. Leider kann ich ihm selber nichts mehr oergüten, aber da vermacht er mir vom Himmel aus sein einzig Kind, denn ist es nicht wunderbar, daß erst Georg und später Joseph sie kennen lernen mußten? Jetzt soll sie Joseph's Schwester sein; ich habe mein Vermögen in zwei Hälften ge- theilt.--Du hast doch nichts dagegen, Joseph?"
fragte sie zaghaft. e
„O, Muhme — es ist zu viel — es ist dankens- werth," stammelt Joseps, „o, so viel Glück!" Er schweigt verwirrt; ein Blick in Sophien's fahle Züge verschließt ihm die Lippen.
Mit geschlossenen Augen lag die Kranke da; ein paar heiße, schwere Tropfen perlten ihr langsam über die Wangen. Ihre bläulichen Lippen bewegten sich; ein heißes Dankgebet stieg aus ihrer Brust zu Gott empor.
„Muhme!" seufzt sie nach einer Weile, die abge- magerte Hand nach ihr ausstreckend, „Gott lohne es Euch! aber hört .... Josephs Schwester, fein Weib soll Gretchen fein. — Ihr haltet das Glück der jungen Leute in der Hand. Macht es vor meinen Augen fix und fertig, bann kann ich ruhig einschlafen."
„So, so? ach, so! — aber, wie kommst Du auf den Gedanken, Sophie?" fährt Stine in ihrer ersten