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Heuchelei im politischen Meinungsaustausch ersicht­lich gewachsen. Man hat sich daran gewöhnt, die Moral des Rückert'schm Liedes von der Doppelzahl der Augen und Ohren und der Einzahl des Mundes zu beachten: viel zu hören und zu lesen und wenig zu sagen. So erklärt es sich, daß die Lobredner der Re­gierung fast im ganzen Lande das große Wort führten und bei den Wahlen die Regierungskandidaten einen überraschenden Durchfall erlebten.

Im jetzigen Augenblick kommt nun Folgendes be­sonders in Betracht: Die Gegner des Fürsten Bismarck müssen natürlich, wenn sie etwas Takt besitzen, _ vor dem bekannten Esels-Fußtritt zurückscheuen, und seine bisherigen schweifwedelnden Verehrer müssen in ihren Gefühlsäußerungen Maß halten, weil sie 1) leicht anstoßen könnten an der Stelle, welche sich mächtiger, als der für allmächtig gehaltene Minister erwies, und weil 2) die Lobgesänge auf die Person des Fürsten Bismarck keine Aussicht mehr haben, honorirt zu werden.

Ob die überraschende Ruhe des Volkes angesichts der Krisis auf einen niedrigen Stand des Bismarck'schen Ruhmesthermometers hindeutet, ist nicht fo leicht zu sagen. Aber jeder Beobachter der Volksstimmung ge­winnt den bestimmten Eindruck, daß das Vertrauen auf die Kraft und Klugkeit des , Kaisers allgemein die Gemüther beherrscht. „Der Kaiser wird es schon machen" — das ist immer der Ausgang der Gedanken und der Worte. Es ist ganz wunderbar, welch' ein Maß von Bewunderung und Verträum für seine Per­son sich Wilhelni II. in den sieben Vierteljahren seiner Regierung erworben hat. Als er den Thron bestieg, galt er fast allgemein als ein unbedingter Anhänger der Bismarck'schen Staakskunst; man glaubte, daß nun für den Fürsten Bismarck alle „Friktionen" und Krisen vorüber seien und er sich auf dem Gipfel seiner Machtstellung befinde. Wenn damals plötzlich die Nachricht aufgetaucht wäre, Fürst Bismarck habe seine vollständige Entlassung gefordert und erhalten — welch' eine Aufregung hätte Deutschland und die Welt ergriffen! Und heute? Nach so kurzer Frist hat sich die öffent­liche Meinung voll und ganz zu der Ansicht bekehrt, daß Fürst Bismarck nicht der feste Pol in der Er­scheinungen Flucht ist, sondern der Diener des Herrschers, vor dessen Willen er sich beugen oder weichen muß.

Es ist eine Ironie des Schicksals, daß gerade die Lakaien des „allmächtigen Kanzlers" in ihrem blinden Eifer dazu mitgewirkt haben, im Volke den Glauben an feine Ausnahmestellung zu untergraben. Das ewige Gerede von den „Nebenströmungen" und den „Jntri- guen", die fortgesetzte Hetze gegen den angeblich höchst gefährlichen Grafen Walderfee haben erst recht dem Volke wieder zum Bewußffein gebracht, daß Fürst Bismarck auch entlassen werden kann, daß der Kaiser

M Die Stimmung im kritischen Augenblick.

Berlin, 19. März.

Berlin ist ruhig! Auffallend ruhig. Potz tausend, wenn Fürst Bismarck geht, so hat das doch etwas mehr zu bedeuten, als wenn ein Graf Eulenburg ge- rommelt wird und ein Falk die Erlaubniß zum Aus­ruhen auf feinen welken Lorbeer» erhält! O du phlegmatisches Volk, haben nicht tausend und aber­tausend Zungen und Federn dir seit Jahrzehnten ver­kündigt, daß Fürst Bismarck die einzige und unent­behrliche Säule und Grundseste des Reiches und des Welffriedens sei, der Herkules, welcher die Last des Atlas auf seine Riesenschultern genommen, der Unver­gleichliche und Unersetzliche, ohne welchen es absolut nicht geht! Bist du taub, gefühllos, stumpfsinnig ge­worden, du deutsches Volk, welches man gelehrt hat, sich als Geschöpf dieses Meisters zu sühlen und ihm mit Leib und Seele ergeben zu sein? .... Tiefe Ruhe rings umher. Nicht einmal die Baifse-Spekulanten .an der Börse konnten auf ihre Kosten kommen; sie haben beunruhigende Nachrichten aus — Afghanistan zu Hilfe nehmen müsfen.

Um jede Kleinigkeit pflegt man in Berlin einen großen „Extrablatt"-Lärm zu machen. Bis jetzt (Mitt­woch Abend) hat der Chor der Herolde des „Aller­neuesten" in das Drama „Bismarck-Ciuciunatus" nicht eingegriffen. Wenn die amtliche Kundgebung da ist, wird es vermuthlich einige Extrablätter geben, aber allem Anschein nach wird das Feuerchen schnell ausge­brannt sein. Als der Battenberger seine letzten Aben­teuer in Bulgarien bestand, war viel mehr Erregung auf den Straßen und in den Köpfen der Berliner.

Es ist außerordentlich schwer, gesprächsweise dem Volke den politischen Puls zu fühlen. Ein langge­dehntes Sooo! oder im besten Falle einige gemein- plätzliche Bemerkungen und Hinweisungen auf Zeitungs- austassungen — das ist in der Regel die ganze Ernte, welch man von einem politischen Gespräche im Wirths- haus oder im Eisenbahnwagen davonträgt. Haben die Leute keine eigene Meinung oder wollen sie dieselbe nicht aussprechen? Ich habe den Eindruck, daß man sich scheut, außerhalb des engsten Kreises der Ange­hörigen und der intimsten Vertrauten ein freimüthiges politisches Gespräch zu führen. Es hängt dies eines- theils mit der Verbitterung und Verschärfung der Parteigegensätze zusammen; aber die Hauptsache ist doch, daß man nun sich unsicher fühlt und die bewußte oder instinktive Furcht vor unangenehmen Folgen eines freien Wortes hat. Ganz besonders seit 1878, als die Fluth von Majestätsbeleidigungs-Denunziationen hereinbrach und mit dem Sozialistengesetze die Spitzel- Wirthschaft begründet wurde, ist das Mißtrauen und die Zurückhaltung, stellenweise auch die

Frau Margareth.

Novelle von I. v. Dirkink.

(9. Fortsetzung.)

7.

Der treuen Pflege ihrer Muhme verdankte Mar- gareth ihre Genesnng. Heute saß sie an ihrem alten Platz am Fenster und schaute gedankenvoll auf die Straße hinaus, die zum Friedhöfe führte. Das Knäb- lein spielte zu ihren Füßen und des Kindes wegen dankte sie im Herzen Gott für ihre Errettung. Er, der bis hierher treu geholfen, würde auch noch weiter helfen.

Plötzlich verändern sich ihre Gesichtszüge; ihre Augen blicken starr auf eine alte hagere Bäuerin, die direkt auf das Häuschen zusteuert. Margareth's Rechte fährt unwillkürlich nach dem Herzen. Sie erkennt ja diese voreingenommene alte Frau; im Adler war sie Zeugin ihrer wahren galligen Denkart. „Landstreicherin" ‘ hallt es in ihrer Seele nach und ein Gefühl der Bitter­keit quillt in ihr empor.

Gleich darauf öffnete sich die Thür und die Alte • <m*e ""beholfen über die Schwelle. Auge in Auge mit Margareth mußte wohl eine Idee von Erinnerung, daß sie diese bleiche Frau schon mal gesehen habe, in ihr aussteigen. Ohne Weiteres zog sie sich einen Stuhl

herbei und ließ sich seufzend hart an Margareth's Seite nieder.

„Vom Tode erstanden?" krächzte sie, nach dem Tagesgruß. Margareth's kühle Abwehr ihr gegenüber entging ihr nicht. Eilfertig kramt sie jetzt in ihrer Tasche und bringt ein Papierknäuel hervor, an dem ihre zitternden Finger zu nesteln beginnen. Margareth's Antlitz wird zuefft feuerroth, dann blaß. Was mag die Alte chr bieten wollen —? Ein Geldstück als Al­mosen, vielleicht; einen Bettelpfennig? sie wagt den Gedanken nicht auszudenken.

Allein, wie erstaunt sie, als jetzt ein glänzendes, nagelneues Medaillon zum Vorschein kommt. Wie träu­mend schaut die Alte auf das Kleinod in ihrer Hand, die sie wiegend hin- und.herbewegt.

„Gelt, Frau Margareth, das ist Euer Erbtheil von Eurem Vater, Leopold Büscher?" forschte die Alte vor­sichtig mit einem lauernden Blick.

In Margareth's Augen schimmern Thränen ange­sichts des Schatzes, den sie kummervoll vermißt hat. — Sie nickt und streckt die Hand nach ihrem Eigen- thum aus. Ja, ja, es ist nagelneu und doch ihr Me­daillon, da ist noch das Haarkränzlein. Erstaunt blickt sie auf die Alte.

„Hm, hm," nickt sie geheimnißvoll, „das ist mein Werk." Dann laut: „Ehemals war das Schmuckstück

mit einem andern Reichskanzler und Ministerpräsidenten regieren kann. Je lauter die Preßkosaken wegen Be­drohung der Stellung ihres Gebieters zeterten, desto mehr gewöhnt sich das Land an die früher unfaßbare Vorstellung einer Regierung ohne Bismarck. In der­selben Richtung wirkte die Abwesenheit Bismarck's während der letzten Reichstagssession, der Wirrwarr in den Regierungs- und Kartellkreisen am Schlüße dieser Session. Nun muß man es den Offiziösen als wirkliches Verdienst anrechnen, daß sie in den letzten Monaten die Welt so ganz allmählich mit großer Kunst­fertigkeit und feiner pädagogischer Berechnung aus den „Schicksalsschlag" vorbereitet haben. Gleichsam zoll­weise wurde die Entlastung und der Rücktritt des Kanz­lers vor der Oesientlichkeit vorgenommen, so daß man mit aller Gemüthlichkeit sich in die Beschränkung des Bismarck'schen Wirkungskreises hineinleben konnte. Als nun schließlich auch der letzte Rest über Bord geworfen wurde, sagte sich alle Welt: Ja, ja, wir haben es ja kommen sehen!

Wenn man den „gebildeten" Leuten von der Kartell­seite etwas auf den Zahn füllt, so gilt ihr augenblick­licher Aerger weniger dem Schicksal ihres einst ver­götterten Staatsmannes, als dem Verlust ihrer Reichs­tagsmehrheit. Ach, das war gerade der Kern ihres politischen Sinnens und Trachtens, daß sie die Macht­stellung im Parlament haben wollten in dem großen Augenblick, wenn das Wettrennen um die Bismarck'sche Erbschaft eröffnet würde. In der Zwischenzeit, so lange der Reichskanzler ihre Geschäfte besorgt, hätten sie sich ja auch in der Minderheit ganz leidlich wohl befinden können. Aber nun muß die Erbschaftsschüssel gerade in dem Augenblick aufgetragen werden, wo sie den parlamentarischen Löffel verloren haben. Das nennt man Pech!

Bemerkenswerther Weise finden diese Herzensqualen der Kartellbrüder beim Berliner Publikum viel weniger Theilnahme, als in den anderen Städten. Es gibt in Berlin lächerlich wenige echte Kartellbrüder. Was neben Sozialdemokratie und Fortschritt (abge­sehen von der kleinen Centrumsgruppe) in der Haupt­stadt Politik treibt, sind Konservative der schärferen Tonart, die das Kartell theils im Stillen, theils offen hassen und bekämpfen. Die hauptstädtische Bevölkerung in ihrer großen Masse will etwas „Entschiedenes"; matte Farben und Mischmaschprogramm sind ihr zu­wider. Kaiser Wilhelm findet hier nicht bloß in den freisinnigen Kreisen, sonderu weithin in den Reihen der Rothen aufrichtige Verehrung, weil er so frisch, fest, zielbewußt und unerschrocken dasteht.

Man mag den Berlinern noch so viele Untugenden mit mehr oder weniger Grund nachsagen, für weich­liche und weibische Charakterzüge findet man keinen rechten Anhalt. Ueberall zeigt sich die Neigung für mein eigen. Wisst denn, Kind! Dein Vater selig war mein bester Jugendfreund. Böse Leute haben uns ge­trennt, aber heute verlangt mich, etwas Genaues über seinen Lebenslauf und seine letzte Krankheit zu erfah­ren; hat er viel gelitten? Hat er einen sanften Tod gehabt?!"

Margareth traut ihren Sinnen kaum. — Ist Muhme Stine nicht mehr die verknöcherte vorurtheilsvolleBäuerin ? Nein, ihre Züge erscheinen weich und die schiefen Mund­winkel verrathen ein Zucken, wie von verhaltenen Thrä­nen. In diesem Momente ist Stine ein Weib, ganz Weib in demüthiger Hingebung an die Erinnerungen ihrer jungen Liebeszeit.

Diese Erkenntniß versöhnt Margareth mit ihrem Gaste. Und da es ihr selber so um's Herz ist, als müsse sie sich in die Vergangenheit vertiefen, folgt sie gern der Aufforderung, und beginnt zu erzählen. Mit steigendem Interesse hört die Alte zu. Ja, als Mar­gareth geendet hat, fährt sich Stine wiederholt mit dem rothen Sacktuch über das Gesicht, das Thränenspuren und feltsame dunkelrothe Flecken auf den gelbbraunm spitzen Backenknochen verräth. Endlich erhebt sich die Alte. Sie reicht Margareth die Hand und klopft dem Bübchen, das sich schüchtern nähert, liebkosend auf die Wange.

„Wenn ich wieder komme, Gerdchen, bringe ich Dir

Samstag, den 22. März 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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