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JM 65.

Donnerstag, den 20. März 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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* Gin großer Erfolg der bayerischen Eentrumsyartei

ist unstreitig der Erlaß des Kultusministeriums, daß die „Altkatholiken" endlich als eine eigene Sekte be­handelt werden sollen. Das energische Auftreten der bayerischen Katholikentage, die Einmüthigkeit und Festig­keit der bayerischen Centrums-Fraktion, die Mehrheit, die sie im Landtage besitzt, durch einschneidende Streichungen im Kultus-Budget zu einem Druck auf das Ministerium auszuüben, veranlaßte dieses endlich zur Nachgiebigkeit. Die Regierung wandte sich noch­mals an die Bischöfe um ein Gutachten. Der strenge kirchliche Standpunkt wäre nun gewesen, zu erklären, die ..Altkatholiken" erkennen das Vatikanische Dogma nicht an und dadurch allein schon haben sie aufgehört, Mitglieder der katholischen Kirche zu sein. Nun erklärt aber die Regierüng jenes Dogma für staatsgefährlich und weigert sich, ihm das Plazet zu ertheilen. In Rom aber will man den Streit der Prinzipien nicht zum Aeußersten treiben, sondern sucht — das ist die alte und weise Tradition der päpstlichen Diplomatie — sich mit denRegierungen zu verständigen durch eine Vermittlung, welche den Rechten und Dogmen der Kirche nichts vergibt, aber auch die Regierungen nicht zu sehr demüthigt. Man nennt das Kompromiß und so verwerflichem solcher mitunter ist, wo erunverjähr-

Frau Wargareth.

Novelle von I. v. Dirkink.

(7. Fortsetzung.)

6.

Der Regen hat nachgelassen und das ganze Dorf ist auf der Landstraße versammelt; denn der Teich ist aus seinem Bett getreten. Das Wasser überschwemmt das Dorf und dringt mit Macht in die Häuser der niedrig gelegenen Gassen. Von allen Seiten tönen Hilferufe. Selbst die Sturmglocke läutet, denn lehmige Wassermassen stürmen und schäumen vom Gebirge herah und schleppen Allerlei auf ihrem Rücken mit: todtes Wild und Geflügel, Hausgeräthe und ganze Bündel Heu und Stroh. Höher und höher schwillt die Fluth und der Sturm heult wie tobsüchtig dazwischen und wirrt Alles durcheinander, schneidet den Leuten das Wort vom Mund, wühlt und bohrt in den Wasser- fluthen, daß sie brodelnd, gurgelnd, tosend mit wilder entfesselter Leidenschaft den verheerenden Lauf fortsetzen.

Aufathmend rastet Sophie in der Nähe des Mühlen­steges; ein seltsames grausiges Schauspiel fesselt ihr Auge und jagt ihr eisige Schauer durch den Leib. Auf der schwanken Brücke, bis an die Brust im Wasser, stehen zwei Gestalten, die eine ist Margareth, die andere Botenliese, sie trägt ihr Kind auf dem Arm. — Jetzt

bare Grundsätze opfert, so ist er doch an sich betrach­tet, die Grundlage aller Politik und auch der Beziehun­gen zwischen Kirche und Staat. Die Kirche kann gar Vieles nicht billigen, aber stillschweigend dulden. Von diesem Standpunkte aus hat Rom auch diese Frage behandelt. Offenbar wurde der bayerischen Regierung zuerst gesagt: „die Leugnung des vatikanischen Dog- ma's allein schließt die „Altkatholiken" aus und wei­tere Ausschließungs-Gründe zu suchen ist nicht Sache der Kirche "

Darauf hin erklärte die bayerische Regierung: Wir haben den ernsten Willen, die „Altkatholiken" als aus der Kirche ausgeschlossen zu erklären und die weiteren Folgerungen für das kirchliche und bürgerliche Gebiet daraus zu ziehen, aber der Papst wird uns sicher nicht zumuthen, den Schein einer Demüthigung, einer Unter­werfung des Staates unter die Kirche auf uns zu laden, abgesehen davon, daß wir das überhaupt nicht thun würden, nachdem wir wiederholt erklärt, daß wir dem vatikanischen Dogma das Plazet nicht ertheilen können, es aber mit unserem Wissen und unsererEin- willigung in allen katholischen Lehrbüchern lehren und allenthalben verkünden lassen." In der Sache selbst hatten somit der Papst und die bayerischen Katholiken einen vollen Sieg errungen. Die „Altkatho­liken" werdtn auch von der Regierung aus der katho­lischen Kirche vertrieben, an die sie sich bisher klam­merten, um sie zu belästigen und zu zerstören. Das Dogma von der lehramtlichen Unfehlbarkeit des Papstes wird nzit Wissen und. Einwilligung der Regierung in Lehrbüchern, welche sie selbst billigt und einführt," ge­lehrt und überall trotz seiner „Staatsgefährlichkeit" da­durch von der Regierung thatsächlich anerkannt und mit einem stillschweigenden Plazet versehen. Papst Leo XIII., der Friedens-Papst, ist nicht der Mann, wegen solcher formalen Vorbehalte, wie die bayerische Regie­rung sie macht, den Frieden auszuschlagen, wenn er die Sache selbst gewonnen hat. Ueber solche formale Vorbehalte und prinzipielle Verwahrungen, wenn sie nur papierne sind und keine Macht mehr hinter sich haben, geht die Wucht des Lebens immer zur Tages­ordnung über und das wird auch mit Herrn v. Lutz und seinen prinzipiellen Verwahrungen der Fall sein.

Rom gab daher zu, daß die Bischöfe der Regie­rung auch die anderen wichtigen Kirchenlehren namhaft machen, in denen die „Altkatholiken" von der kathol. Kirche abweichen. Diese Abweichungen hätte die baye­rische Regierung bei gutem Willen allerdings selbst wissen können, aber sie wollte sie von der zuständigen kirchlichen Behörde amtlich erfahren. Es sind: das Dogma von dem Primat des römischen Stuhles und das von der unbefleckten Empfängniß, also nicht, wie das Hauptorgan der bayerischen Kulturkämpfer, die ,Neuesten Nachrichten', sagte, die Verwerfung der Ohren-

pfeift ein Windstoß daher und das Wasser bäumt sich hoch auf; ein furchtbarer Aufschrei durchschneidet die Luft, knatternd zersplittert das Brückengeländer und — Sophie sieht nichts mehr. Alles dreht sich mit ihr rund herum; Feuerfunken kreisen in wilder Jagd vor ihren Augen.--Da, eine mächtige Stimme klingt

neben ihr und bringt die halb Ohnmächtige schnell wieder zum Bewußtsein zurück. Wie die Posaune des jüngsten Gerichts tönt Josephs Stimme in dieser ent­setzlichen Minute an ihr Ohr. Der Sturm reißt und zerrt an ihrem Gewände, — sie fühlt es nicht; der furchtbare Schrei, das Auffchlagen des Wassers, Joseph's Hilferufe; es hallt Alles wirr durcheinander.

Vor ihren Augen stürzt sich Joseph hinab in die braunen, schäumenden Wellen — jetzt taucht ein Arm, nun ein Kopf auf der Wasserfläche empor. Man sieht deutlich ein bleiches Antlitz auf- und niedertauchen; ein dumpfer Angstschrei ringt sich aus Sophiens ge­preßter Brust hervor. Aber sie rührt sich nicht vom Fleck. Sie kann sich nicht rühren; ihre Glieder sind ihr wie abgestorben. Wie in Schrauben von schneidend kaltem Eisen fühlt sie ihre Füße; nur in ihrer Brust regt sich noch etwas.

Wie ein böser Wurm nagt und bohrt es an ihrem Herzen. Es ist die Reue. — Wie glühende Stacheln werden die Selbstvorwürfe fortan in ihrem Innern

beichte und des Cölibats. Indem Bischof Rampf so der Staatsregierung auch die anderen wichtigen Punkte mittheilte, in denen die „Altkatholiken" von der Kirchen­lehre abweichen, war der Regierung die Brücke gebaut, auf welcher sie sich zurückziehen konnte, um sich zu beugen vor der Glaubenstreue und politi­schen Einigkeit und Festigkeit des katho­lischen Volkes, ohne jedoch ihren prinzipiellen papiernen Standpunkt aufzugeben und den Schein der Unterwerfung unter die Kirche allzu sehr auf sich zu laden. Das wollte der Papst ja auch nicht, son­dern handelte nach dem guten Sprüchworte, man soll dem Feinde, der flieht, eine goldene Brücke zum Rück­züge bauen.

Wir glaubeu nicht zu irren, wenn wir den Gang der Dinge uns in dieser Weise vorstellen. Unsere Auf­fassung, sagt die ,Pfälz. Ztg.', ruht sowohl auf In­formationen, als auf kühler Erwägung der streitenden Mächte und dem ähnlichen Hergänge in Preußen. Das Plazet für das vatikanische Dogma wird nicht ertheilt, die Regierung schließt aber die „Altkatholiken", wenn auch aus anderen Ursachen, aus der katholischen Kirche aus und die Kirche sagt: Man kann das zugeben — tolerari potest. Ueber „die Motive wird nicht abge­stimmt." Die „Altkatholiken" müssen nun eine Reli­gions-Gemeinschaft für sich bilden oder sich unterwerfen. Wahrscheinlich wird langsam und allmählich das Letz­tere erfolgen, sie werden wieder zur Kirche zurückkehren, soweit sie nicht ihre Kinder bereits haben protestantisch werden lassen. M_der Erlaß der Regierung zunächst auch nur auf die „Altkatholiken" in der Diözese Mün­chen gerichtet, so gilt er doch prinzipiell für das ganze Land und jeder andere Bischof wird auf dieselbe Ein­gabe dieselbe zusagende Antwort erhalten. Das ist selbstverständlich. Ebenso, daß „altkatholischen" Geist­lichen, die bisher vom Staate gehalten worden sind, die Psründe wird entzogen werden müssen, falls sie sich nicht der Kirche unterwerfen.

Was wird nun die Centrums-Fraktion thun? Wie wird sie sich zu der vollendeten Thatsache stellen? Wird! sie ihre Opposition gegen die Regierung, so weit sie auf deren „kulturkämpferischer" Haltung be­ruhte, weiter führen, mildern oder aufgeben? Die Fraktion hat sich in ihrer Erklärung vom 14. Februar ganz ausschließlich auf den strengen dogmatischen Standpunkt gestellt. Einen anderen kann sie, da sie nicht das Kirchenregiment ist, nicht einnehmen. Anders ist die Stellung des Kirchenregiments. Es hat zu ver­handeln und kann den Regierungen gegenüber ab- und zugeben, so weit nicht das Dogma in Frage kommt. Haben sich Regierung und Kirchenbehörde geeinigt, hat die Letztere ihr tolerari potest^u erkennen gegeben, so wird sich die Haltung der Fraktion nach den noch vorhandenen Beschwerdepunkten und politischen Erwägungen richten.

wühlen, wenn das Blut je wieder wie ein lebender Strom in ihren Adern kreisen wird. Jetzt aber ist sie noch von einem Eispanzer umschnürt, der sie fester und fester zusammen preßt. — Unterdeß kämpft Joseph mit der reißenden Fluth um ihre Opfer. Auch Andere sind ihm ins Wasser gefolgt: ringsum stehen die Leute mit Stangen und Geräthen; Schreien und Zurufen dringt von hüben und drüben.

Vor Sophiens Ohren hallt es wie Todtengeläute. Sie ist so gut wie eine Mörderin, sie, sie! Die Hölle hat ihre teuflischen Wünsche schnell erfüllt. Wie Eva im Bunde des Satans erst nach der Sünde fehend wurde, fo auch sie. Ist es doch das ewig alte Spiel der Höllenschlange mit der Seele der Sterblichen.

Aber nun ist's zu spät, zu spät! Sie Alle sind tobt, Joseph, ihr Joseph auch. „O Gott im Himmel, erbarme Dich!"

Margareth war Botenliese auf der Brücke be­gegnet; sie von dem morschen Stützpunkt, an den sie sich lehnte, zurückzureißen, war Margareth auf sie ge­stürzt und mit Sturmesgewalt gegen das Geländer ge­schlendert worden, das bei diesem Anprall wie ein Strohhalm zerbrach. Alle Drei wurden von manns­hohen Wellen hinabgezogen. Margareth fühlte sie über sich zusammenschlagen; heranbrausende Wogen rissen sie mit Macht in ihren Strudel. Aber noch ist sie bei