Dienstag, den 18. März 1890
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Frau Margareth.
Novelle von I. v. Dirk in k.
(5. Fortsetzung.)
Wie jede gebietende Macht, hat auch Stine ihre Parteigänger, die ihr alles brühwarm zutragen, was sie zu wissen begehrt. Ungeachtet dieser Spione geht Joseph seine Wege. Aber sein Wesen ist launenhaft und gereizt.
„Du hast Dir ja einen ganz absonderlichen Umgang gewählt, Joseph," sagte Sophie, während er ihr gegenüber an der Wirthstafel sitzt. Ihre Blicke gleiten an ihm vorüber und haften mit einer Beharrlichkeit auf dem Oeldruckbilde an der Wand, als hätte sie in der jammervollen Darstellung eines vorsündfluthlichen Raphael's etwas Wunderbares entdeckt. Joseph erwidert immer noch kein Wort; er thut einen tiefen Zug aus seinem Glase, das Sophie ihm mit fliegenden Fingern auf den porzellanenen Untersatz geschoben. Mechanisch zieht seine muskulöse Hand mit dem Seidel Kreise auf , Tisch. Zorn und Mitleid streiten sich in seinem Herzen; Mitleid mit dem sorgenschweren Gemüthe der Wirthstochter, deren Sticheleien jedoch ganz darnach "Ugethan sind, ihn zur Wuth zu reizen.
„Man weiß ja nicht einmal, woher die Person kommt und ob sie wirklich verheirathet war," nimmt Sophie den Faden wieder auf. „Ich möchte nur wissen, weshalb sie so ein Fest mit der albernen Botenliese
Kede des Abg. Dr. Windthorll
in der Abgeordnetenhaus-Sitzung vom 10. März.
Als das Gesetz gegeben wurde, auf Grund dessen die An- siedelungskommission arbeitet, haben meine Freunde und ich mit aller Entschiedenheit gegen das ganze Verfahren Protest eingelegt. Wenn wir diesen Protest nicht immer von Neuem erheben, so thun wir es deßhalb nicht, weil wir wissen daß es doch vergeblich ist. Da aber Herr v. Puttkamer-Plauth anzudeuten schien, als ob wir so einverstanden seien mit dem was da geschähe, so halte ich mich verpflichtet zu erklären, daß wir das absolut nicht sind. (Bravo im Centrum und bei den Polen.) Das ganze System ist verwerflich und die Ausführung läßt in vielen Punkten Mängel, die uns zu großen Beschwerden Anlaß geben würden, wenn wir überhaupt den Glauben hätten HEr irgend welches Gehör zu finden. Ich bin der Meinung daß die polnischen Provinzen ein für alle Mal und für die Dauer dem preußischen Staate fest eingegliedert sind, und daß es gar nicht dazu solcher, nach meiner Meinung dem Naturrecht widerstrebender Gesetze bedarf, um etwas Weiteres zu thun Ich bin vielmehr der Meinung, daß dies Gesetz, wie überhaupt die Maßregeln, die man ' in Polen und Westpreußen vornimmt mehr dazu geeignet sind, die Polen von uns abwendig zu machen als sie uns zuzuführen. Und was mehr ist: die Maßregeln welche bei diesem Gesetz in Frage sind, die Maßregeln, welche man sollst in Bezug auf die Kirche und Schule in diesen Provinzen getroffen hat, haben bereits bewirkt, daß bei der polnischen Bevölkerung anderer Landstriche, die bereits vollständig deutsch waren, wenn sie auch polnisch sprachen, jetzt mehr und mehr der polnische Gedanke sich entwickelt, und Sie erreichen in Folge dessen das gerade Gegentheil, was Sie wollen. (Sehr richtig'
im Centrum und bei den Polen. Zuruf rechts: wo?) Meine Herren, gehen Sie doch und sehen sich die Wahl in Ermeland an. Es war in Ermeland früher ganz und gar nicht erhört, daß dort besondere polnische Kandidaten aufgestellt wurden, jetzt geschieht es aber. Und woher kommt das'? Das ist die natürliche Reaktion einer Nation, die man unterdrückt. In Oberschlesien, wird mir hier bezeugt, sei es gerade so. (Sehr richtig! im Centrum.) Der verehrte Herr hat kein Bedenken getragen, den Polen hochverrätherische Absichten zuzuschieben und hat gesagt, sie sollten erst hierher kommen und sich unterwerfen. Ich halte dafür, daß in keiner preußischen Provinz eine neue Unterwerfung nöthig ist. Sie ist da, und wer hat ein Recht, die Loyalität Derer, die in diesen Provinzen wohnen, zu bestreiten? Und haben denn die Herren, die jetzt die polnischen Landestheile vertreten, nicht alle ihren Huldigungseid geleistet? Wer hat ein Recht, die Richtigkeit dieses Eides zu bezweifeln!? (Lebhaftes Bravo bei den Polen und im Centrum.) Ich bedäure, daß die Verhandlungen mir von neuem beweisen, daß die Erregung gegen die Polen noch immer so ist, daß ein objektives Urtheil gar nicht möglich ist. Nur ein Wort über das, was die Wahlen betrifft. Ich weiß nicht, wie die Parteien dort zusammengegangen sind, es ist aber behauptet worden, daß die deutschfreisinnigen Deutschen mit den Polen zusammeiigewirkt hätten — ob zu den polnischen Wahlen oder zu welchen anderen Wahlen, das weiß ich nicht. Die Polen haben auch mitgewirkt zu den anderen Wahlen und daran haben sie sehr wohl gethau, denn es handelte sich darum, das Kartell zu vernichten; das Kartell w ar gegen uns geschlossen und diente zur Unterdrückung der katholischen Interessen. So lange das bestand, war es unmöglich, irgend etwas von den begründeten Wünschen der Katholiken durchzubringen. Das wird jetzt schon anders werden! (Zuruf rechts.) — Die Wechselwirkung zwischen Reichstag und Abgeordnetenhaus zu leugnen, indem man das nicht anerkennen wollte, das würde den Reichsgedanken jedenfalls verleugnen. Also ich für mich bin sehr befriedigt über dieses Zusammengehen und wünsche meinestheils, daß die Polen sich daran gewöhnen, mit den Deutschen, und daß die Dentjchen sich gewöhnen, mit den Polen zusammellzuwirken, in Gemeinde- und in allen andern Verhältnissen, die das Leben mit sich führt. Dann erst kann Frieden werden. Die strenge Scheidung, welche Sie fort und fort unter den verschiedenen Nationalitäten stiften wollen, wird uns zum Verderben gereichen. In Polen find viel weniger S v z i a l- demokraten wie hier, und wenn es jetzt allmälig dahin kommt, daß sie sich dort mehr und mehr ausbreiten, so liegt es daran, daß die Katholiken dort so unterdrückt werden, wie es geschieht (Beifall im Centrum und bei den Polen; Widerspruch rechts), und wie wir es Ihnen bei dem Kultusetat, bei den Schulen u. s. w. näher darlegen werden. Ich hätte gewünscht, daß Sie diese Gesichtspunkte heute nicht hervorgehoben hätten, denn ich glaube, es wäre besser, daß wir einstweilen schweigend die Sache weiter gehen lassen. Die Zeit und die Entwickelung wird zeigen, daß Sie einen großen Fehlgriff begangen haben, der nichts fruchtet, — davon bin ich überzeugt. Was Sie den Polen hie und da an materiellen Mitteln genommen haben, das werden sie an Jntensivität ihrer Kraftentwickelung wieder gewinnen. Das ist eine ganz bekannte Lehre der Geschichte: eine Nation mit Gewalt unterdrücken zu wollen, das gelingt nicht; da kommen Sie auf ein Element, m. H., was Sie nicht besiegen können; das ist der Patriotismus der Frauen; den werden Sie nicht unterdrücken, deß bin ich gewiß. (Lachen rechts.) Ich weiß ja, daß Sie das Alles, was ich sage, nicht glauben, daß Sie es verwerfen; das haben Sie auch damals gethan. Nichts desto weniger sage ich es nochmals, wie ich es damals gesagt habe, damit es ad perpetu am rei memoriam bestehen bleibt. Ich werde gerechtfertigt bleiben, vielleicht schon morgen, ihrem Kleinen hat. Ja, ja, wer da nur klar schauen könnt'."
Ueber Joseph's Stirn fliegt ein Schatten; eine Blutwelle schießt ihm in's Gesicht; seine Hand ballt sich, sein Auge sprüht. „Ha, ha," lacht er laut und hart. „ Merkwürdig, daß Ihr Weibsen Euch untereinander so wenig ausstehen könnt. Wer nur ein bissel schöner, gescheidter und aparter ist, hat seine liebe Roth, daß die Anderen ihm nicht die Augen auskratzen. Neid und Bosheit," murmelt er, nichts als Neid und infame Bosheit."
Sophie wird bald blaß, bald roth. Bittere, schmähende Worte schweben ihr auf der Zunge, da öffnet sich die Thüre der Gaststube, der Eintritt neuer Gäste macht dem Wortstreit ein Ende.
Unter widerstrebenden Empfindungen verläßt Joseph den Adler. Er hat für Margareth einen Strauß ausgefochten, ihm ist zu Muthe, als ob er ihr innerlich näher gerückt sei und sie ihm für seine Heldenthat dankbar sein müßte.
Jetzt würde ihr Anblick ihm doppelt wohlthun, würde ihr sanftes Wesen ihm die eigene Ruhe und Sicherheit wiedergeben. Aber das Schicksal ist ihm nicht hold, denn heute soll er Margareth nicht anwesend finden. Die herbe Enttäuschung steigert seinen Unmuth. Er will sich von der Muhme nicht aufhalten lassen und wendet sich zum Gehen, da trippelt das Büblein der Botenliese an ihn heran und streckt begehrend die
wenn heute noch nicht. Dann hat der verehrte Herr gesagt die Beschwerde, welche erhoben sei, daß diese Kolonisation vor- zngswerse zu Gunsten der Evangelischen geschehe sei unbegründet. Wenn Sie die Ziffern vergleichen, so müssen Sie k r t.-m yt^ultat sagen, daß es gar nicht anders sein kann, als daß hier eine Begünstigung vorliegt, sonst wäre es undenkbar, daß em so ungeheurer Borsprung der Kolonisten in Bezug auf bie Konfession auf Seiten der Evangelischen vorhanden ist. Es ist lür mich fein Zweifel, es ist zugleich darauf abgesehen, auch die katholische Kirche tu diesen Provinzen zurückzudrängen. (Beifall im Centrum und bei den Polen.) Wir werden Ihnen das auch noch beim Kultusetat sagen. (Zuruf rechts.) Es wäre gar nicht daran gedacht? Sie denken täglich und stündlich daran! Es ist dasselbe Bemühen, wie überall, in allen Provinzen, und es wird nicht lauge dauern, so werden wir Ihnen die Statistik darüber aufrollen. Ich habe keinen Zweifel, daß es sich hier nicht allem um Kolonisation, sondern um die P r o p a g a n d a handelt und das halte ich absolut für verkehrt. Ich wünsche keinerlei Bevorzugung der Katholiken, aber ich wünsche eine Gleichbehandlung, und die finden Sie weder hier noch auf irgend einem anderen Gebiet. (Sehr wahr! im Centrum.) Was nun im Einzelnen da angeführt worden ist m Beziehung auf die Ausführungen in technischer Hinsicht, so hat, glaube ich, der Herr Regierungskommissar die meisten Punkte siegreich widerlegt. Jndeß kann ich mich für diesen kleinen Streit gar nicht weiter interessiren, denn es handelt sich hier für mich unt große Prinzipien, um verfehlte Maßregeln einer barbarischen Politik (oho! rechts - sehr richtig! int Centrum), und die muß mau anders anfaffen als mit diesen kleinen Mitteln, ob so oder so groß die Parzellen sein sollen, oder wieviel hier und da noch mehr oder weniger gegeben werden kann. Wenn dann der ver- ohrte Herr gesagt hat, es sei zu wenig für die religiösen Bedürfnisse gesorgt worden, so muß ich in diesem Punkte mit ihm völlig übereinstimmen. Ich bin der Meinung, daß hier wie in den Kolonien, die wir jetzt auswärts haben, wir keinerlei Erfolg haben können, wenn für die Kolonien nicht in genügender Weise für tue religiösen Bedürfnisse gesorgt wird. Wir werden auch keinen Frieden haben, wenn die Religion und die religiöse Empfindung nicht in die Herzen der Menschen zurückgeführt werden. Es hat auch mich unangenehm berührt, daß in dem Bericht über diese Sette der Sache so wenig gesagt ist. Das liegt aber in dem Wesen unserer öffentlichen Verhältnisse: die Religion und die kirchlichen Interessen in der Schule — die kommen immer zuletzt. Daß die immer zuletzt kommen, bedauere ich; den Erfolg solchen Beginnens haben Sie in der Verbreitung der Sozialdemokratie vor sich stehen. Fahren Sie fort auf dem Wege, auf dem Sie in dieser Hinsicht sind, so wird sich dieselbe noch mehr entwickeln. Wir werden nicht eher klug werden, nicht eher umlehren zu den wahrhaft christlichen Grundsätzen, als bis wir zu unserem Schaden gesehen haben, wie durch die Vernachlässigung kirchlichen und religiösen Sinnes die Sozialdemokratie im Volke gewachsen ist; denn die Sozialdemokratie wächst entschieden nur auf dem Boden des Unglaubens (Sehr richtig! im Centrum), anderswo nicht. Wo der Unglaube am stärksten ist, da ist die Sozialdemokratie auch am stärksten. (Zuruf: Belgien!) Meinen Sie denn, daß in Belgien die Sozialdemokraten, die dort sind, irgend welche Religiosität haben? Wenn alle Katholiken wirklich ihre Pflicht thäten, so sähe es ganz anders aus in der Welt. Das thun sie leider nicht, und ein nicht geringer Theil wetteifert mit einem großen Theil Ihrer Konfession im Unglauben. Soffen sie uns doch bei solchen Gelegenheiten ein wenig vorsichtiger vorgehen. Es ist aber ein Gegenstand, der besser verschwiegen, als erörtert wird. Die Erörterung kann allerdings dazu beitragen, bei diesem oder jenem ein Nachdenken zu erregen, und insofern sind die Stunden nicht verloren, die wir ans diesen Gegenstand
Händchen nach ihm ans. Joseph stutzt. Er forscht in den Zügen des Kindes; aber Schamröthe fliegt dabei über sein Antlitz und jetzt hebt er den Kleinen hoch empor und schleudert ihn einige Male spielend durch die Luft, daß er laut jauchzend die Händchen zusammenschlägt. Klappernd fällt etwas auf den Boden. Die Muhme stürzt eiligst herbei und hebt das Gefallene scheltend empor. Seufzend hält sie jetzt ein paar kleine gelbe Metallplatten in der Hand, die sie vergebens in einander zu schieben versucht.
„So geht es," zürnt sie kopfschüttelnd, „wenn man Kindern gute Sachen zum Spielzeug überläßt. Ei, ei, Margareth ist sonst so sorgsam und vorsichtig; heute aber saß ihr der Kopf ohnehin nicht auf dem rechten Fleck. Sie geht kürzlich so oft nach der Stadt und "ehrt immer gedankenvoller wieder. Wenn sie Einem ihren Druck, ihre geheimen Sorgen nur mittheilen wollte. Aber verschwiegen ist sie wie das Grab. Sie artet im Wesen auf ihren Vater. Er war Förster; von ihm kommt auch dieses Döschen. Ehemals trugen die Männer von Stand dergleichen Dinger am Uhrbehang. „Ah!" und wieder bückt sich die Muhme, „sieh mal, Joseph!" ruft sie, „dieses Kreuzlein von Haaren, die mit einem blauseidenen Fädlein zusammen gehalten sind, gehört auch dazu! — O, wie wird Margareth sich grämen, daß das Andenken von ihrem Vater entzwei gegangen ist."
„Ich sehe schon, es ist ein Medaillon," gibt Joseph,
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2. «Quartal 1890
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