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J\s 62.

Sonntag, den 16. März 1890.

17. Jahrgang

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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gmd, indem sie den Duft des Rosenstrauches mit Be­hagen einzieht, „hast Du denn etwas Liebes auf un­serem Gottesacker?"

„O," versetzt Margareth, an den Bändern ihrer Schürze nesteln, „mich dauert das Grab des jungen Grönbauern. Gestern hat es ein Steindenkmal erhal­ten; Stein, kalten Stein, anstatt dustigenBlumenschmuckes. Je reicher die Leute sind, je weniger Sinn zeigen sie oft für das natürlich Schöne. Allerdings, der Stein­hauer will auch leben, aber — es bleibt immer noch Platz da für ein paar Setzlinge; und wenn dann der Grabhügel ein grünes Kleid trägt, wird dieser Blüthen- kranz als Krönchen darüber schweben.

Kopfschüttelnd, in Gedanken verloren, schaut die Muhme der jungen Frau nach, als sie mit ihrem Blu­menstöcke im Arme nach dem Friedhöfe hinausgeht. Sie kniet am Grabe Georg's nieder und schmiegt die heiße Stirn an den kalten Stein.

Er hat sie geliebt, wie kein Mann sie jemals ge­liebt hat, und dennoch hat es nicht sein sollen, hat es o ganz anders kommen müssen. Und auf's Neue be­stürmen sie düstere, verzweiflungsvolle Gedanken

Warum hat sie nicht so gut wie tausend Andere ihren frischen, frohen Antheil vom Leben? Verdienen Alle, die aus der Fülle des Guten schöpfen, diesen Vorzug vor ihr? Was hat sie verschuldet, so stief­mütterlich vom Glück behandelt zu werden?

Schnelle Fußtritte scheuchen sie jäh aus ihrem Brü­ten auf. Ein Schatten legt sich breit über das von

Eine anschließende Umgürtelung des Körpers ober­halb der Hüften tragen auch viele Männer. Besonders die Gebirgsvölker. Der Gürtel des bergsteigenden Tirolers ist auch eine Art Korsett; wenn er die Leute in ihrer Kraftentfaltung hindert, würden sie ihn nicht bei den anstrengendsten Hochgebirgstouren tragen. Er thut ihnen aber gute Dienste. „Brust heraus, Bauch I zurück!" heißt die erste Lehre auf dem Exerzierplätze Der Mensch soll mit der Brust und nicht mit dem Bauche athmen. Die richtige Haltung und die richtige Athmung wird durch eine Umgürtelung des Unterleibes befördert. Es ist ja eine bekannte, durch die Statistik immerfort bestätigte Thatsache, daß das weibliche Ge­schlecht durchschnittlich eine längere Lebensdauer hat, als das männliche, obschon die Natur an den Körper des sogen, „schwächeren" Geschlechts ganz be­sonders schwere und gefährliche Anforderungen stellt. Aus dieser unzweifelhaften Thatsache der weiblichen Lebenszähigkeit scheint mir zunächst hervorzugehen, daß die Zahl der Närrinnen, welche sich durch ein unvernünftiges Schnüren ruiniren, nicht so groß ist, um die allgemeine Sterblichkeitsziffer merklich be­einflussen zu können. Die Erscheinung regt ferner die Frage an, ob nicht das vernünftige Korsett eine der Ursachen ist, welche die größere Lebenskraft des weiblichen Körpers im Vergleich zum männlichen herbei­führen. Die Frage ist immerhin der Erörterung werth; denn wenn die Umgürtelung zu einer besseren Art des Athmens führt, so befördert sie die Entwicklung und Erhaltung der Lungen und gerade die Leistungsfähig­keit und Ausdauer. Diese Bluffabrik ist doch in erster Reihe für die Lebensdauer maßgebend.

Wenn das richtig ist, so würden sich zwei Mahn­ungen für die Korsetträgerinnen und auch eine für die

korsetlose männliche Jugend ergeben. Die beiden ersten würden lauten: 1) Schnüre nicht so stark, daß die Organe unterhalb des Brustkastens gepreßt werden. 2) Trage kein Korset, welches den Brustkasten selbst in seiner Bewegung und Entwickelung hindert. Ich glaube der letztere Gesichtspunkt wird sehr oft, namentlich bei jüngeren Mädchen, aus dem Auge gelassen. Die „hohen" Schnürleibe, welche auch den oberen Theil des Körpers wie einem Panzer umschließen', scheinen mir die gefährlichsten zu sein. Die Probe, ob der Brustkasten die nöthige Freiheit hat, ist ja sehr leicht gemacht. Man stelle sich aufrecht und frei hin und athme langsam nnd anhaltend so viel Luft ein, als die Lungen zu fassen vermögen. Wenn dabei die Kleidung sich zu enge erweist, so taucht sie nichts. Das gilt nicht bloß für Korsets, soudern auch für jede Art Bekleidung, auch für die männliche. Daraus folgt die Lehre, welche auch der männlichen Jugend gilt: Traget nicht Kleider, welche die Brust beengen. Röcke und Westen, welche über der Brust zu enge sind, und also ein Eindrücken des Brustkastens veranlassen, sind mindestens ebenso schlimm, wie festgeschnürte Korsets. Manche Schneider achten beim Anprobiren auf nichts weiter, als daß keine Falten sich bilden und die Taille wie „angegossen" sitzt. Sie sollten den Kunden sagen: Nehmen Sie gefälligst eine militärisch-stramme Haltung und athmen Sie recht tief als möglich! Dann würden sie erkennen können, ob das Kleidungsstück auch eine solche Weite hat, daß die edelsten und wichtigsten Or­gane unter ihnen ungestört arbeiten können. Die Aerzte sollten nicht bloß gegen die Einschnürung der Taille zu Felde ziehen, sondern auch gegen die Ein­schnürung der Brust, welche nur allzu häufig vorkommt Die natürlichste aller Trachten (und zugleich schön) ist die Bluse, welche dem Brustkasten die vollste Freiheit läßt und nur da Anschluß an den Körper erhält, wo er dieselbe recht gut ertragen kann, unter dem Gürtel. So lange die Männer das im Grunde unsinnige Rock- und Westen-System nicht abschütteln, muß Jeder für seinen Theil so vernünftig sein, um sich gegen die Einschnürung des Brustkastens zu wehren.

Ich fürchte, unter den Lesern befinden sich manche, die schon lange einen zu engen Rock oder eine zu enge Weste tragen, ohne es gemerkt zu haben. Es wird nämlich in der Welt sehr viel Turnerei getrieben, aber die einfachste Gymnastik des Athmens oft vollständig vernachlässigt. Ohne alle Apparate, ohne Zeitaufwand und sonstige Umstände kann man sich eine erfrischende und segensreiche körperliche Uebung leisten, wenn man den Körper aus der Arbeits- oder Ruhehaltung einige Augenblicke aufreckt und den Brustkasten aufbläht, daß

und Frauen sagen wollte: das Korset überhaupt ist gesundheitsgefährlich, ihr müßt es ablegen — so würde man gar nichts errreichen. Die Antwort würde lauten: „Wir müssen doch so ein Ding tragen, es geht durch­aus nicht anders; wenn es nun mal gesundheitschäd­lich ist, na,- dann wollen wir doch wenigstens Freude an unserer schlanken Taille haben; auf eine Nummer enger wird es ja wohl nicht ankommen." Um dem letzteren, gefährlichen Trugschluß vorzubeugen, muß man den Fräuleins und Frauen sagen: Nicht das Korsett selbst ist gesundheitsschädlich, sondern der M i ß b r a u ch, welcher damit getrieben wird. Ob es eine Kleinigkeit enger oder weiter getragen wird, ist nicht gleichgültig, sondern ist die Hauptsache. Das Ding kann dem Körper und der Kleidung den nöthigen Halt geben, ohne zu einer unnatürlichen und schädlichen Zusammenpressung zu führen.

Frau Margareth.

Novelle von I. v. Dirking.

(4.t Fortsetzung.)

Mit einem ganzen Stoß Leinwand im Arm kehrt die Muhme aus dem Adler heim. Das ist nun eine stolze Auswahl blendend weißer Damastgedecke, die noch des Namenszuges bedürfen; andere Linnenbreiten verlangen Hohlsäume oder Spitzen und Kanten. Welche Prachtfülle thut sich in diesen gediegenen Schätzen vor Margareths Blicken auf; sie fühlt sich ordentlich ge­schmeichelt, mit Hand anlegen zu dürfen, um die Schatzkammer einer glücklichen Braut gebührend aus­zustatten.

Und nun sitzt sie fortan von dem ersten Hahnen­schrei des Morgens bis tief in die Nacht, ununter­brochen mit der Nadel hantirend, auf ihrem Plätzchen am Fenster, das auf den Friedhof hinaussieht. Und wenn sich die Sonne in den goldenen Inschriften auf ; ben Denkmälern, oder in den blitzenden Thauperlen am Gesträuche, die hier wie frischvergossene Thränen erscheinen, spiegelt, schmerzt es Margareth, daß Georgs Grab noch jeden poetischen Schimmers ent­behrt, und ihre Gedanken kehren wieder zurück in die trostlose Vergangenheit.

Aber ach, dehnt sich nicht die Zukunft ebenso trost­los, ebenso eintönig und öde vor ihr aus, grau in grau, wie die Vergangenheit in ihr auftaucht?!

Nein, nein, jubelt es bisweilen in ihr auf, wenn

ihr Blick das spielende Kind der Botenliese streift, das sich vergnügt zu ihren Füßen tummelt. „Nein, nein! Die Zukunft muß und wird mir Ersatz in diesem Kinde bringen, Ersatz für meine verlorene Jugend. Weshalb hätte sonst die Vorsehung dieses süße Ge­schöpf in meinen Weg geführt? In diesem Kinde ist mir mein eigenes, aber vollkommener, erstanden." Unter solchen Gedanken kehrt ihr Lebensmuth, ihre oft erlahmende Schaffensfreudigkeit zurück. Jede Mi­nute, die sie sich zur Erholung gönnen darf, verwendet sie zu Nutzen und Frommen des kleinen Gerhard. Und die Mutter ist nicht im geringsten eifersüchtig auf sie. Die Noth treibt das arme Weib zum Herbste in einen i Dienst, und so gewöhnt sie sich allmählich daran, ihren Liebling entbehren zu müssen. Denn an Tagen, an welchen das Dorf ihre Botengänge in Anspruch nimmt, wird Gerhard, schon mit dem Frühesten, in Frau Margareths Obhut gegeben. Das sind wahre Fest­tage für das Nachtwächterhäuschen, wie für das Kind. Es gedeiht sichtlich, und Margareths Fürsorge hält es sauber und ordentlich.

Eines Tages kehrt Margareth mit einem Blumen­stock in der Hand aus der Stadt zurück und setzte die Rose, welche voller Blüthen Prangt, vor der Muhme auf den Tisch. . Dann wickelt sie ein paar Pflänzchen Epheu, die sie im Walde ausgegraben, aus dem Pa­pier; ihr Gesicht bedeckt sich mit dunklem Roth, ihr Auge irrt durchs Fenster nach dem Kirchhof.

„Aber Kind," fragt die Muhme, ihrem Blicke fol­

K> Zeitgemäße Plauderei.

Berlin, 13. März.

Das geschnürte Meerschweinchen von London läuft jetzt durch alle Blätter. Ein Arzt soll die stark gerundete Taille dieses Thierchens in ein Korset ge­preßt und durch das jämmerliche Geschrei des ge­schnürten Meerschweinchens seinen Vortrag gegen den Schnürleib der Damm gewürzt haben. Solche „ver­mischten" Mittheilungen wirken oft stärker, als lange Artikel. Gestern hielt mich eine würdige Matrone an und bestand darauf, daß ich ihr die Skrupel lösen solle, welche das geschnürte Meerschweinchen angeregt hatte. Es sei nicht ihretwegm meinte sie; denn sie mit ihren weißen Haaren sei über alle Eitelkeit hinweg (na, na!); abtr ihre Tochter und ihre Enkelin könnte doch leicht Schaden leiden durch die Schnürerei. Ob sie da nicht als Mutter und Großmutter eingreifen müsse? Aber wie? Denn ohne Korsett ginge es doch nun einmal nicht u. s. w. Ich erwiderte, der Arzt müsse in folchen Dingen das entscheidende Wort haben. Doch mit diesen Ableitungsverfuch hatte ich kein Glück. Die alte Dame gehört zu den Leuten, welche den Arzt nicht eher in Anspruch nehmen mögen, als bis eine richtige Krank­heit vorhanden ist. Den Beruf zur Verhütung von j Krankheiten legen sie dem Arzt nicht bei; es scheint fast, als ob sie das Gefühl haben, man muthe dem Arzte zu, seine eigenen Interessen zu schädigen, wenn man ihn um Mittel zur Erhaltung der Gesundheit angehe. Kurz, die Dame bestand darauf, daß ich ihr meine Meinung sage; denn da ich Artikel schreibe, so müßte ich doch in dieser Angelegenheit auch Bescheid wissen. Was soll man gegen solche Damen-Loqik machen? Vielleicht hat die fragliche Mittheilung noch in werteren Kreisen der holden Weiblichkeit Skrupel erregt, so daß es am Ende nicht ganz ungerechtfertigt ist, wenn ich an dieser Stelle darauf aufmerksam mache daß der Londoner Arzt gegen das feste Schnüren' das Zusammenpressen des Körpers zu Felde ge­zogen ist. In dieser Verurtheilung hat er zweifellos Recht; daraus folgt aber nicht, daß ohne Weiteres jede Art von Futteral als Mittelkörpers (Korset Mieder, Schnürleibchen oder wie es sonst heißen mag) unbedingt als gesundheitsschädlich zu verwerfen ist.

Ich habe diesen Unterschied zwischen dem unver­nünftigen Schnüren und der vernünftigen Körperein­fassung nicht etwa zur Abschwächung der Londoner Strafpredigt hervor, sondern ich möchte sie dadurch wirksamer machen. Denn wenn man den Mädchen :