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17. Jahrgang

Sonntag, den 16. März 1890

Vierteljährlicher Abonnementspr'eis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennig.

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Fuldaer Zeitung

-- ~ (h uDruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß). Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel tn Fuioa.

WM Erstes Blatt.

Deutsches Keich.

93 ertin, 14. März.

* Die internationale Arbeiterschutzkonferenz tritt morgen Nachmittag 2 Uhr im Kongreßsaale des Reichskanzlerpalais zusammen. Vertreten sind folgende Staaten: Deutschland, Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Oesterreich- Ungarn, Portugal, Schweden und Norwegen und die Schweiz. — Die meisten Delegirten sind bereits hier eingetroffen. Die italienischen werden erst am Tage des Konserenzbeginnes erwartet. Die Spanier dürften, abgesehen von dem Botschafter in Berlin, erst nach der Eröffnung anlangen, da sich deren Ernennung infolge Unwohlfeins des fpanischen Ministers des Auswärtigen verzögert hat.

* In Folge des Gesetzes über die Wehrpflicht der Geistlichen vom 8.Februar 1890 sind die zur Zeit dienenden katholischen Theologen, welche bereits die Subdiakonatsweihe empfangen haben, sämmtlich ent­lassen worden. Für diejenigen Studirenden der Theo­logie, welche noch nicht gedient haben, finden selbstver­ständlich die Bestimmungen des Gesetzes über die Zurück­stellung Anwendung. Da das Gesetz aber keine rück­wirkende Kraft hat, fo entstehen einige Schwierigkeiten für solche Studirende, welche zur Zeit im Dienste sich befinden, und für Diejenigen, welche der Uebun^spflicht als Reservisten nach beendigter einjähriger Dienstzeit unterliegen. Durch das wohlwollende Entgegenkommen der Militär - Behörden ist indessen Fürsorge getroffen, daß auch diesen Studirenden im Sinne des Gesetzes die Entlassung aus dem Dienste behufs Fortsetzung ihrer Studien, beziehungsweise die Befreiung von Uebungen zu Theil werden wird, sobald die betreffenden Studirenden zu diesem Zwecke Anträge an die vorgesetzte Militär- Behörde stellen. Den Anträgen ist der Nachweis des Studiums der Theologie beizufügen.

* Dem Abgeordnetenhaus ist ein Gesetzentwurf be­treffend die Fürsorge für die Waisen der Lehrer an öffentlichenVolksfchulen zugegangen. Der- felbe bestimmt bis zum Erlasfe eines Gesetzes über die öffentlichen Vvlksfchulen Folgendes:

§ 1. Die Hinterbliebenen ehelichen oder durch nachgefolgte Ehe legitimirten Kinder eines Lehrers, welcher zur Zeit feines Todes an einer öffentlichen Volksschule definitiv angestellt oder aus dem Dienste an derselben mit lebenslänglicher Pension in den Ruhestand versetzt war, erhalten aus der Staatskasse Wai­sengeld. — § 2. Keinen Anspruch auf Waisengeld auf Grund dieses Gesetzes haben 1) diejenigen Waisen, welchen ein Anspruch aus Grund des Gesetzes vom 20. Mai 1882 betr. die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der unmittelbaren Staatsbeamten zusteht; 2) die Kinder derjenigen Lehrer, welche zur Zeit ihres Todes oder ihrer Versetzung in den Ruhestand nur nebenamtlich im öffentlichen Bolksschuldienst angestellt waren; 3) die Kinder aus der Ehe eines pensionirten Lehrers, welche derselbe erst nach seiner Versetzung in den Ruhestand geschlossen hat; 4) die Kinder eines mit Belassung eines Theils der gesetzlichen Pension aus dem Dienste entlassenen Lehrers. — 8 3. Das Waisengeld beträgt- 1) sür Kinder, deren Mutter lebt und zum Bezüge von Wittwengeld aus einer nach den Vorschriften der Gesetze vom 22 Dezember 1869 und vom 24. Februar 1871 eingerich­teten Wittwen- und Waisenkasse für Elementarlehrer oder aus einer gemäß § 11 des ersteren Gesetzes an Stelle einer solchen Kasse bestehenden anderweitigen Anstalt zur Versorgung von Lehrerwittwen berechtigt ist, jährlich 50 Mk. für jedes Kind; 2) für Kinder, deren Mutter nicht mehr lebt oder zum Bezug von Wittwengeld aus einer der unter Ziffer 1 bezeichneten Ver­sorgungsanstalten nicht berechtigt ist, lährlich 84 Mk. für ledes Kind. Auf letzteres Waisengeld werden diejenigen Bezüge bis zu einem Betrage derselben von 250 Mk. jährlich ""^rechnet, welche den Kindern aus einer nach den Vorschriften der Gesetze vom 22. Dezember 1869 und vom 24. Februar 1881 eingerich­teten Wittwen- und Waisenkasse für Elementarlehrer zustehen

Aus den übrigen Bestimmungen des Gefetzentwurfes ist noch hervorzuheben, daß das Waifengeld weder ab­getreten noch verpfändet werden darf. Das Recht auf Waifengeld erlifcht, wenn die Waise 18 Jahre alt - geworden ist, oder sich verheirathet oder stirbt. Die Entscheidung über das Waisengeld ersolgt durch die Schulauffichtsbehörde. Gegen dieselbe ist der Rechtsweg zulässig, wenn vorher die Entscheidung des Kultus­ministers eingeholt worden ist.

* Das Abgeordnetenhaus setzte heute die zweite Berathung des Etats der Berg-, Hütten- und Salinenverwaltung fort. Abg. Dr. Ritter (freik.) wies

auf die Zukunft hin, in welcher nach Erschöpfung der englischen Gruben Deutschland der Mittelpunkt der Kohlenproduktion sein wird. Ernste Aufmerksamkeit verdiene der Zwischenhandel. So sei ein großer Theil der oberschlesischen Produktion in den Händen Eäsar Wollhaim und Friedländer, welche die Kundschaft an der Hand hätten. Die Löhne der Arbeiter feien dauernd gestiegen. Die Schichtzeit dürfe nicht fchablonistrt werden. Die Forderungen, welche die Arbeiter heute stellten, seien unannehmbar. Abg. Schultz-Lupitz (frk.) wünscht energisches Vorgehen gegen die Sozialdemokratie. Bei der Lohnfrage solle man individualisiren. Fnchs (Centr.) : Auf die jungen Leute wirke man am besten durch die Schule. Man solle daher dem Windthorst- schen Schulantrage zustimmen. Minister v. Maybach erklärte, daß die Ablösung der Berg-, Hütten- und Salinenverwaltung auf seinen Wunsch erfolgt fei. In den wenigen Fällen, in denen die Strike-Enquete Un­regelmäßigkeiten ergab, fei energifch eingeschritten worden. Dr. Windthorst: Nachdem die Arbeiterschutz-Anträge an Allerhöchster Stelle Anerkennung gefunden, werde er auch seinen Schulantrag wieder einbringen. Abg. Brömel (frs.) bemängelt die Bergarbeiter-Enquete. Die Regierung solle nicht Uebelstände zu beseitigen sich den Anschein 'geben, die überhaupt nicht beseitigt werden könnten. Weiterberathung morgen.

* Für die diesjährigen Kaisermanöver in Schlesien und Schleswig sind die Programme festge­stellt. Den Kernpunkt des Schleswiger Manövers soll die Erstürmung der „Düppeler Schanzen" unter Mit­wirkung der Flotte bilden.

* In den letzten Tagen haben die Arbeiter der größten Riemendrehereien B a r m e n s die Beschäftigung bedingungslos wieder ausgenommen.

* Auf den Braunschweigischen Kohlen­bergwerken ist ein Strike ausgebrochen, der in Tätlichkeiten ausartete. Drei Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Strikenden sind meist polnischer Nationalität.

* Aus Baden, 13. März, schreibt man der ,Köl. Vztg.': Der gute Ausfall der Reichstagswahlen ist ohne Zweifel in erster Linie dem entschiedenen Vor­gehen der Katholiken Badens zu verdanken. Sie haben sich endlich aufgerafft. Wie das gekommen, ist nicht schwer zu sagen: die rohe Abweisung berechtigter For­derungen der Katholiken durch die Mehrheit der Liberalen im Landtage, die jahrelang fortgesetzte Hetze gegen alles, was dem Katholiken heilig ist, durch die berüchtigt gewordenen liberalen Amtsverkündiger, die mächtige Anregung durch die Freiburger Katholikenversammlung, endlich nicht zum Mindesten die opferreiche Thätigkeit einzelner rühriger Stimmführer der Bedrückten (Wacker, v. Buol, Marbe u. A.), fowie das immer mehr er­starkende katholische Vereinsleben, das alles hat zu­sammengewirkt, das „gemüthliche" Völkchen am Ober­rhein zu wecken und dasselbe den Beweis liefern zu lassen, daß denn doch auch seine „Gemächlichkeit" ein Ende haben kann. Natürlich machen jetzt die liberalen Blätter ihrem Steiger über die doch recht unerwartete Niederlage durch Schimpfen Luft, oder beginnen bereits den neuen Reichstag als unbrauchbar zu kennzeichnen, wobei dann der Wunfch der Vater des Gedankens ist; denn nichts wäre ihnen lieber, als wenn dieser Reichs­tag aufgelöst würde, und e§_ werden — das ist gewiß — wie im ganzen Reiche, so auch hier zu Lande die liberalen Blätter alles thun, um Stimmung gegen denselben zu machen; in ihrem blinden Hochmuth geben sich die Liberalen in der Thal für eine etwaige Neu­wahl ganz unbegründeten Hoffnungen hin. Von den Vorwürfen, die man hierzulande den Katholiken nach der Wahl macht, lohnt sich im Allgemeinen nicht zu reden. Nur einer derselben hat eine gewisse Berechti­gung: er betrifft die Unterstützung der Sozial-Demo- kraten bei der Mannheimer Stichwahl. Freilich im Munde der Nationalliberalen hat, ein solcher Vorwurf gar keine Berechtigung: sie sollten ihrer eigenen viel großem Sünden in München, Hannover u. s. w. ge­denken und schweigen. Aber die Thatsache, daß viele Katholiken entgegen der Parteiparole, die auf Wahl­enthaltung lautete und lauten mußte, ihre Stimme den Sozialdemokraten gegeben haben, ist nicht zu recht­

fertigen. Nein! nicht zu rechtfertigen, wohl aber zu erklären. Wer weiß, mit welcher Rohheit die in diesem Kreise erscheinenden Amtsverkündiger, vorab der General- Anzeiger in Mannheim, der Weinheimer Anzeiger an der Bergstraße u. A. seit Jahren katholische Dinge, Priester, Bischöfe, Orden u. s. w. in den Schmutz ge­zogen und gegen die Katholiken gehetzt haben, der be­greift, daß die Erbitterung der Letztem so groß war, daß Viele in der Stichwahl zwischen einem Sozial­demokraten und einem Nationalliberalen jenem die Stimme gaben. Die Hauptsache ist jetzt, daß die badi­schen Katholiken durch ihren glänzenden Sieg sich er- muthigen lassen, nun auch dem Feinde seine letzte ge­fährliche Position zu entreißen — seine noch immer ausschlaggebende Stärke im Landtage. Dann erst kann das langgequälte katholische Volk des schönen Badener Landes endlich wieder frei aufathmen.

Ausland.

* Das ungarische Amtsblatt publizirt den Rück­tritt des Kabinets T isz a und die Ernennung des neuen Ministeriums, an dessen Spitze Garas Szapary steht.

* Ein furchtbarer Cyklou wüthete vor einigen Tagen auf der Jufel Sardinien. Er richtete ungeheuere Ver­wüstungen an. Hunderte von Segelschiffen sind unter­gegangen.

* Die Grubenarbeiter Nordenglands wollen sich vorläufig mit einer öpStigen Lohnerhöhung be­gnügen, vorausgesetzt, daß eine weitere Erhöhung um 5pCt. im Juli erfolgt. Im Falle der Ablehnung wollen sie von morgen ab ftrifen.

* Ein schreckliches Grubenunglück ereignete sich am letzten Donnerstag in Morsa in England. Die Zahl der Todten ist auf achtundachtzig festgestellt worden.

* New-Orleans befindet sich in Wassersnoth. Der Mississippi führt Hochwasser, welches einen großen Deich durchbrochen und einen großen Stadttheil über- fluthet hat. Man sucht die Fluth nach einem nahe­gelegenen See abzuleiten. Gelingt das nicht, so find weitere Stadttheile schwer g^ährdet. Den größten Verlust erlitten die Kaufleute, welche Zuckerlager in den überschwemmten Stadttheilm besitzen. Verluste an Menschenleben sind bisher nicht zu beklagen. Als sich in der Nacht von Donnerstag zu Freitag das Wasser über die Dämme ergoß, besserten Arbeiterabtheilungen sofort die besonders schwachen Stellen der Dämme wieder aus.

* Die neue Freimaurer-Republik Brasilien labo- rirt noch immer mit großen Schwierigkeiten. Neuestens wird gemeldet, daß die Regierung beschlossen habe, den neuen Entwurf der Verfassung für die Republik keiner konstituirenden Versammlung zu unterbreiten, sondern durch einen Regierungs-Erlaß zum Gesetze zu erheben. Es ist sehr bezeichnend, daß die Regierungskreise sich scheuen, einem Parlamente gegenüber zu treten und zur ersten Gewaltthat eine zweite fügen.

Aus Stadl, Wovin; und Uachbargebiet.

Fulda, 15. März.

< Aus Anlaß der in Aussicht stehenden Auffüh­rung des Cherubini'fchen Requiem durch den Ge- fang-Verein „Cäcilia" theilen wir unseren Lesern nachstehend einige kurze Notizen über den Meister mit. Chernbini, Maria Luigi, Zenobio Carlo Salvatore, geb. den 8. September 1760 zu Florenz, einer der gediegensten und begabtesten Komponisten, entstammte einer alten Künstler - Familie. Von Geburt war er Italiener, fein zweites Vaterland Frankreich, seine künstlerische Richtung deutsch. Besonders seine Jn- ftrumentirung bildete er ganz nach dem Muster Mozart's, den er grenzenlos verehrte. Bereits in seinem 13. Jahre schrieb er Kirchenstücke, so eine Missa solemnis für 4 Stimmen und Orchester, die nicht nur der Zufrieden­heit seines Lehrers, sondern auch des Beifalls Aller, die sie hörten, theilhaftig ward. 1788 wurde er in Paris Direktor der italienischen Oper. 1791 begann er mit der Oper „Lodoisca" die glänzende Reihe von