Donnerstag, den 13. März 1890
17. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
I. 8.: PH. Reuß.
zermalmt trägt man es der Mutter ins Haus. Unter
Zwei Tage später wagt Georg es, vor ihrem Antlitz
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dem Schelten und Toben der aufgeregten Menge, die wie aus dem Boden emporschießt, stolpert Georg, leichenblaß an allen Gliedern zitternd, weiter.
stürmt er fort. Am folgenden Tage sieht sie ihn im berauschten Zustande an ihrem Fenster vorübertaumeln. Drohend hebt er die Faust empor — und zwei Tage später — geschieht das Entsetzliche.
Schaudernd fährt das sinnende Weib ineinander; die Erinnerung ist so mächtig in ihr, daß sie es wieder zu hören glaubt, das durchdringende Jammergeschei,
I ersten Gewerbe, auf welches die Versicherung ausgedehnt wird, wird das der Seefischer sein.
* Abg. Eugen Richter ist aus dem Vorstande der Landtagsfraktion der freisinnigen Partei ausgeschieden.
* Der russische Botschafter in Berlin Graf Paul Schuwaloff ist zum Generalgouverneur des Kaukasus ernannt worden. Der russische Botschafter in London Hugo von Staal ist zu seinem Nachfolger in Berlin bestimmt. Vollzieht sich in den leitenden russischen Kreisen eine Wendung in deutsch-freundlichem Sinne? Kürzlich besuchte der Zar, was seither nie der Fall gewesen, das deutsche Hospital. Bis dahin hatte er nur für die gleichartigen russischen Institute Interesse, und zwar sehr lebhaftes gezeigt. Am Sonntag wohnten der Zar und seine Gemahlin dem Festkonzerte bei, welches der deutsche Gesangverein „Liedertafel" in Petersburg zur Feier seines 50jährigen Bestehens veranstaltet.
* Der Reichskommissa^ für Ostafrika, Major Wißmann, hat dem Araberhäuptling Bwana Heri eine zweite Niederlage beigebracht. Die befestigte Stellung des Letzteren wurde am Sonntag von Wißmann'schen Truppen angegriffen und nach hitzigem Gefecht im Sturm genommen. Bwana Heri ist total geschlagen, seine Verluste sind groß, er selbst ist entkommen. Auf deutscher Seite fiel, wie dem ,Berl. Tagebl.' aus Sansibar gemeldet wird, ein Offizier, ein anderer Offizier, sowie mehrere deutsche und eingeborene Soldaten wur- I den schwer verwundet. Die Hitze war furchtbar. Auf dem Marsche sind leider ein Offizier und mehrere eingeborene Soldaten Wißmann's dem Sonnenstich erlegen.
* Der preußische Hauptmann v. Plüskow, welcher die vom Kaiser Wilhelm dem Sultan geschenkten Pferde und Trommeln überbringt; ist am Sonntag in Begleitung eines Tambourmajors und zweier Unteroffiziere in Konstantinopel eingetroffen. Heute (Dienstag) Abend wird der Sultan die ihm übersandten Pferde und Trommeln in Empfang nehmen.
* Der Generalversammlung des deutschen Bauernbundes ging aus ihr Begrüßungstelegramm an den Fürsten Bismarck von Letzterem folgende telegraphische Antwort zu: „Dem deutschen Bauernbunde danke ich herzlich für seine freundliche Begrüßung. Ich werde, soweit meine Kräfte reichen, gern fortfahren, dafür zu wirken, daß die Landwirthschaft, als erstes unter den vaterländischen Gewerben, durch unsere Gesetzgebung gepflegt und von steuerlicher Ungleichheit nach Möglichkeit befreit werde, v. Bismarck."
* Nach einer Pariser Meldung hat sich der Zustand des Großherzogs von Mecklenburg bedenklich verschlimmert. Professor Gerhardt aus Berlin ist nach
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Frau Margareth.
Novelle von I. v. Dirking.
(1. Fortsetzung.)
Früh verwaist, sieht sie sich im Hause ihres Vormundes, der, von Geiz und Habsucht getrieben, sie, sein Mündel, an einen ältlichen Mann, seinen Vorgesetzten verschacherte. Zum Glück löste bald der Tod ihre unglückliche Ehe mit einem Trunkenbold, bevor noch das an Geist und Körper verkrüppelte Wesen geboren wurde, an dem sie dennoch mit allen Fasern ihres Herzens hing. Zu der Zeit, als sich ihr Kind zuerst auf ihre unbeholfenen Füßchen stellte, lernte sie Georg kennen, der als Reservist während eines Herbstmanövers erkrankt und bei einem Bauer, am selben Orte, wo Margareth wohnt, im Quartier zurückgeblieben war.
Wie hübsch er war, wie stattlich seine Erscheinung! Wie llopste ihr das Herz, wenn seine hohe Gestalt an ihrem Fenster vorüberschritt, an dem sie mit ihrer Näharbeit hinter ihren Blumenstöcken saß. Als er zum ersten Mal über ihre Schwelle trat, glaubte sie, daß er sich den Kopf an der niederen Decke ihres Stübchens einstoßen müsse. Doch wie verwunderte sie sich, als der Riese sich gar so scheu und schüchtern in ihrer Nähe benahm, er, von dessen wilder heftiger Natur dre wunderlichsten Gerüchte umgingen.
Aber bald wußte sie, daß die Liebe zu ihr ihn
Pensionsgesetz, die Haubergordnung für den Kreis Altenkirchen, das Radfelgengesetz für den Hessen-Kasseler Bezirk und die Trennung der Bergwerksverwaltung vom Ressort des Arbeitsministerium. In zweiter Be- rathung wurden genehmigt die Gesetzentwürfe über den Ansatz der Zinsen von den aus dem vormaligen Stadtbuch von Altona in das Grundbuch übertragene Hypotheken im Zwangsvollstreckungsverfahren, betr. die Abveräußerung kleiner Grundstücke und betr. den Fährverkehr in Schleswig-Holstein. Dann wurde die Berathung des Etats der Ansiedelungskommission zu Ende geführt und die einzelnen Ansätze desselben genehmigt. Die Debatte drehte sich im Wesentlichen um die den Polen seitens der Antikartellparteien gewährte Wahlunterstützung. Morgen: Kleine Vorlagen, Initiativanträge.
* Die dem Abgeordnetenhaus zugegangene Vorlage wegen Erweiterung der Stadtgemeinde Altona bezweckt die Vereinigung der Landgemeinden Oevelgönne, Othmarschen und Bahrenfeld, Kreis Pinneberg. Die Einwohnerzahl Altona erhöht sich durch diese Vereinigung von 123,300 auf 126,300. Wit der Vereinigung wird die Zahl der Altonaer Stadtverordneten von 30 auf 42 erhöht.
* Die Abgg. Drawe, Rickert (frs.) und Szmula (Ctr.) haben im Abgeordnetenhause einen Gesetzentwurf, i betr. die Bestrafung der Schulversäumnisse in öffentlichen Volksschulen, eingebracht.
* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht eine nach amtlichen Erhebungen aufgestellte Nachweisung der in den hauptsächlichsten Bergbaubezirken Preußens während des Jahres 1889 verdienten Bergarbeiterlöhne. Derselben sind zum Vergleiche Ziffern vom Jahre 1888 beigegeben. Es geht daraus hervor, daß die Zahl der beschäftigten Arbeiter ebenso wie die verdienten reinen Löhne (nach Abzug aller Arbeitskosten sowie der Knappschafts- und Krankenkassenbeiträge) pro Arbeiter im Jahre 1889 höher waren als im Jahre 1888.
* Eine Erweiterung der Arbeiterschutzbestimmungen der Gewerbeordnung erfolgt auf jeden Fall, selbst dann, wenn die internationale Arbeiterschutzkonferenz zu einer Vereinbarung nicht führen sollte. Ob dem nach Ostern zusammentretenden Reichstage bald nach seinem Zusammentritt eine bezügliche Vorlage gemacht werden kann, ist zweifelhaft, da einzelne verbündete Regierungen, speziell Sachsen, noch besondere Anträge einbringen, über welche vorerst Verstän- I digung herbeizuführen ist.
* Das Reichsversicherungsamt hat neuer- I dings wieder die Ausdehnung der Unfallversicherung auf das gesammte Handwerk beantragt. Eines der
Deutsches Deich.
Berlin, 11. März.
* Der Kaiser hatte am Sonnabend eine lange Unterredung mit dem Fürsten Bismarck. Unmittelbar darauf wurde dem Minister v. Bötticher der Schwarze Adlerorden, also die höchste Ordensauszeichnung in Preußen, verliehen. Herr v. Bötticher hatte seither die sozialpolitischen Regierungsvorlagen im Reichstage vertreten und ist der Stellvertreter des Reichskanzlers. Alsbald nach dem Zustandekommen des Alters- und Jnvaliditätsgesetzes hieß es, Herr v. Bötticher werde eine hervorragende Auszeichnung erhalten. Ob das jetzt, und zwar gerade im Zusammenhänge mit dem Todestage des Kaisers Wilhelm, welcher für die Invaliditäts- Versicherung sich so lebhaft intereffirte, nachgeholt wird, oder ob die jetzige Auszeichnung eine politische Bedeutung für die Zukunft hat, vermag man noch nicht zu erkennen. Herr v. Bötticher hat allerdings die Ablehnung der Arbeiterschutz-Gesetzentwürfe des Reichstages vertreten, aber ob die vom Reichskanzler gewünschte und vom Bundesrath vollzogene Ablehnung auch seine eigene Meinung war, ist damit ebenso wenig entschieden, als wenn er gegen die Vermehrung der Fabrikinspektoren u. dgl. die Regierungsauffassung vertrat. Ueber das conciliante Wesen des Herm v. Bötticher und seine geschickte Geschäftsführung ist bei allen Parteien nur eine Stimme.
* Der Reichskanzer hat jetzt fast täglich längere Konferenzen beim Kaiser. Bon großen Aenderungen der Organisation der Reichsämter ist keine Rede.
* Offiziös wird dementirt, daß Fürst Bi sm ar ck während der Verhandlungen des Staatsraths gegenüber den sozialpolitischen Anregungen eine ablehnende Haltung beobachtet habe. Der Staatsrath diene auch zur Information der Minister und dementsprechend habe sich auch Fürst Bismarck in den Abtheilungssitzungen des Staatsraths jeder Meinungsäußerung enthalten.
* Von Neuem wird in Brüssel von einer Reise des Kaisers nach Belgien gesprochen. Der Kaiser würde, tote es heißt, im Frühjahr über's Meer nach Antwerpen kommen, dort seinem Bruder! dem Prinzen Heinrich, begegnen und einen Besuch beim König Leopold abstatten. .
* Die nächsten Plenarsitzungen des Herrenhauses finden am 20. d. Mts. statt.
* Im Herren hause ist der Bericht der Kommission zur Vertheilung gelangt, welche den Gesetzentwurf über Rentengüter vorberathen hat.
* Das Abgeordnetenhaus nahm heute in dritter Berathung an die Novellen zum Oder- und Spreeregulirungsgesetz, zum Beamten- und zum Lehrer-
Zornige, fluchende Stimmen verwünschen den Bauer. „Wie kann man einem trunkenen, wüsten Menschen die Zügel übergeben? Er hat das arme Lamm nie ausstehen können. — Ein schöner Fuhrmann, der kein Kind von einem Vogel unterscheiden kann —" so tobt rmd schreit es wild durcheinander in dem Tumult der sich an Maraareths's Häuschen herandrängt.
Vor Verzweiflung fast wahnsinnig, kauert die unglückliche Muttier an der Seite ihres verunstalteten Kindes.
von Georg geleitet, um die Hausecke schwankt, hat ein Häuflein spielender Kinder verscheucht; aber das schwerfällige Büblein Margareth's taumelt in verkehrter Richtung weiter und geräth unter die Räder. Todt,
fanft erscheinen ließ, was ihr zwar schmeichelte, aber auch Furcht einflößte, denn selffamerweise schrak ihr kleiner Thomas beim Anblick Georgs jäh zusammen, und kroch auf allen Vierm schleunigst aus seiner Nähe in den dunkelsten Winkel des Häuschens. Und eines Tages, als sie Georg erwartet, weil er sich ihr Jawort, um das er schriftlich gebeten, holen will, ist sie, > z» yuitn gmuvi, uu» vurcyvringenoe -yammeTgejajei, nnbemertt von ihm, Zeuge, wie er ihren Liebling wie es aus hundert Kehlen von der Straße zu ihr „Wechielbalg schimpft und das arme Bübchen im I herübergellte. Der schwer beladene Erntewagen, der, Bogen umkreist, als er es auf seinem Wege findet. 1 ' — -
Jetzt ist der heftige Kampf in Margarethes Seele zu Ende, der Kampf, der ihr seit Georgs Annäherung die Ruhe geraubt, Tag und Nacht. Nein, nein! sie liebt ihn wohl nicht mit der rechten Liebe, da seine Abneigung gegen ihr armes Kind schon hinreicht, die aufkeimende Neigung zu ihm in ihrem Herzen zu ertödten.
Margareth's „Nein" schmettert den übermüthigen Burschen vollends zu Boden. Kreidebleich lehnt er am Thürpfosten; allein er weicht nicht, bevor sie ihm den Grund ihrer Weigerung offenbart hat. Als ihre bleiche Lippen die Wahrheit stammeln, zuckt er gestossen zusammen und nun verwandlt sich das Lamm in eine Tiger. Ja, so wenig Zartgefühl besitzt er, daß er in der ersten Wuth hämisch lachend mit schneidender Schärfe ruft: „Wer kann auch außer Dir diese Mißgeburt liebm? Wahrlich, das ist zu viel verlangt, doch ich war ein Narr, es so offen zur Schau zu tragen; Heuchelei liegt nicht in meiner Natur —" Damit
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — -• *■- - - • — —