Einzelbild herunterladen
 

Dienstag, den 11. März 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

I. B.: PH. R-utz.

Vierteljährlicher Abonnementspr'eis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

cP Zur Frage der Aufhebung des Jesuiten­gesetzes.

Es ist eine auffallende und höchst lehrreiche That- sache, daß unmittelbar nach den Wahlen vom 20. Feb­ruar nationalliberale Blätter die baldige Auf­hebung dieses Gesetzes in Aussicht stellten. Zwar wird die nationalliberale Partei selbst keinen Finger rühren Sr Beseitigung, allein das böse Gewissen scheint den ertretern jener prinzipienlosen Partei keine Ruhe zu lassen. Wie ein Gespenst verfolgt sie das drückende Bewußtsein ihrer Schuld. Hunderte von anerkannt ehrenhaften Männern haben sie in die Verbannung ge­trieben, ohne Urtheil, ohne Rechtsspruch. Man fürch­tet, das deutsche Volk werde endlich sich auf sich selbst besinnen und ein Unrecht wieder gut machen, welches nunmehr fast 20 Jahre, 20 lange Jahre gedauert hat. Es ist eine anerkannte Thatsache, daß die eigentlichen Urheber des Jesuitengesetzes sich aus den Kreisen des ungläubigen Protestantismus zusammengefunden haben. Die Jesuiten und verwandten Orden sielendem Protestantenverein und der Loge zum Opfer. Wahrhaft gläubige Protestanten waren weniger bethei- ligt bei der Jesuitenhetze. Sie wurden wohl mit hinein­gezogen in den Strudel, ohne innerlich durch das wüste Treiben befriedigt zu werden. Wir können sogar aus den Reihen der gläubigen Protestanten ehrende Zeug­nisse zu Gunsten der Jesuiten anführen. So schrieb z. B. schon Fischer (Aburtheilung der Jesuitensache. 1853. Leipzig.) als Resultat seiner eifrigen Studien der Satzungen und der Geschichte des Jesuitenordens folgende beherzigenswerthe Worte nieder: Nach allen Erörterungen scheue ich mich nicht, in dem vollen Bewußtsein, ein guter Protestant zu sein, meine innigste Ueberzeugung dahin auszusprechen:

1) Der Jesuitenorden ist, abgesehen von jedem kon­fessionellem Standpunkte, in seinem Prinzip eine der bewunderns- und achtuugswürdigen sittlichen Institu­tionen, als eine Gesellschaft, welche der Idee, für die Ehre Gottes in der Erweckung der Glückseligkeit unter ihren Mitmenschen — unter Entsagung aller irdischen Lebensgenüsse, der Befriedigung des Ehrgeizes, der persönlichen Willensfreiheit und der edelsten Freuden des Familienlebens — selbst auf Gefahr des Lebens unermüdet wirksam zu sein, -einzig und allein ihr Leben widmet.

2) Soferne nach den Grundsätzen ihrer Kirche der Begriff der Religiosität in dem des Katholizismus auf­geht, gibt eine Vergangenheit von 300 Jahren der Verbindung das Zeugniß, daß sie, als Korporation be­trachtet, nie von ihrer ursprünglichen Verpflichtung ab­gewichen ist, wenn auch einzelne Glieder sich nicht probe- | haltig bewiesen haben und der menschlichen Gebrech­lichkeit unterlegen sind.

3) Was das Auftreten der Kongregation in der Gegenwart anlangt, so kann kein unbefangener Be­obachter der Zeitereignisfe verkennen, daß in der heu-

Um eine Dull.

Novelle von I. Dirkink.

(Schluß.)

„Mama, liebste beste Mama, verzeihst Du mir? Ich wollte nur einen Scherz machen, ganz gewiß, das wollte ich; frag' den Herrn Doktor nur, ich habe ihm und Herrn Bär alles gebeichtet wie es war, und sie Beide haben mir verziehen. Es war ja doch nur eine Null."

„Nur eine Null!" seufzte die Mutter, durch ihre Thränen lächelnd, „Du unvorsichtiges böses Kind, hättest einen hübschen Feuerbrand anrichten können; aber für dieses Mal — es ist Christabend da!" — sie küßte ihn — „nun sei zufrieden, bessere Dich!"

‘ Die Lichter brannten am Tannenbaum, Frau Klara holte ihre Einkäufe herbei, aber für den Dottor, für Gertrud hatte sie nichts. Da glitt die Alte, die Verlegenheit ihrer Herrin bemerkend, hinaus. Als sie wiederkehrte, hielt sie einen Blumenstrauß, den sie für lhre Herrin besttmmt hatte, in der Hand und trat da­mit auf den Dottor zu. Roland nahm ihn lächelnd entgegen.

tigen Tages sichtbaren Erkaltung des religiösen Sinnes im Volke die Hauptquelle der Staatszer­rüttung, die Empörung gegen alle Autorität im Staats-, Gemeinde- und selbst Familienleben, zu suchen ist (und daß) ... in der Thätigkeit des Jesuitenordens ein Mittel erkannt werden muß, welches vorzugsweise in seiner unmittelbaren Wir­kung auf die Belebung der Religiosität allen staatsgefährlichen Verlockungen der Um­sturzpartei planstörend in den Weg tritt."

Ungläubige und Revolutionäre sind in der That stets die heftigsten Gegner des Jesuitenordens ge­wesen. Wer sich nicht aus der Gesetzgebung und aus der Geschichte der Jesuiten belehren lassen will, der möge wenigstens aus dem Charakter ihrer Geg­ner lernen, wie hoch und erhaben die Ideen sein müssen, in deren Dienst jene Männer stehen.

Gott Dank beginnen die Ansichten in dieser Hin- I sicht sich immer mehr zu klären. Wenn wir der kon­servativen ,Kreuzzeitung' Glauben schenken dürfen, so werden die gläubigen Protestanten einer demnäch- stigen Aufhebung des Gesetzes, welches die Jesuiten | und verwandte Orden vom Boden des deutschen Reiches verbannt, keinen Widerstand entgegenstellen. Sie schreibt in Nr. 101. Sonnabend den 1. März 1890:

„Die Centrumsblätter behaupten, daß in den evan­gelischen Ortschaften viele sozialdemottatischeStim­men abgegeben seien, in den katholischen aber fast gar keine. Bei jedem Dorfe lasse sich das verfolgen. Ob das richtig, ist, wissen wir nicht. Thatsache ist aber, daß in den großen Städten das Centrum auch nicht der Sozialdemokratie Herr zu werden vermochte. Das 400,000 Einwohner zählende München wird keinen Centrums-Abgeordneten nach Berlin senden, und in dem fast 300,000 Einwohner zählende Köln hat der Sozialdemokrat über 10,000 Stimmen erhalten. Weniger große Städte, wie Aachen, Münster u. s. w. sind dagegen fest geblieben. Die Ursache liegt darin, daß in den großen Städten die Einwirkung des Klerus auf den Einzelnen wegfällt. Die großen Städte lassen sich, wie katholischerseits versichert wird, nur durch Missionen behandelt; deßhalb wird man um so energischer die Rückkehr der Jesuiten und Redemptoristen fordern. Es ist nicht ohne Humor, daß man sich zu Gunsten der Missionen, speziell der jesuitischen, auf das „einwandfreie" Zeugniß der,Köln. Zeitung' beruft, welche über die vom 27. Oktober bis 10. Novbr. 1850 in Köln abgehaltene Jesuitenmission geschrieben hat: „Während der ganzen Zeit versam­melten und erbauten die im hohen Dome und in der St. Severinsttrche dreimal täglich gehaltenen Vorttäge Tausende aus den verschiedenen Klassen der Bürgerschaft. Das allgemeine Urtheil über diese Vorträge spricht sich dahin aus, daß die Väter mit wahrhaft apostolischem Eifer, zarter Mäßigung und Klarheit die Grundlehren des Christenthums dem Volke dargelegt, und Gottes­und Nächstenliebe so eindringlich gepredigt haben, daß

„Auf treue, unwandelbare treue Freundschaft, Lene nicht wahr?"

Sie nickte mit einem vielsagenden Blick auf ihre Herrin.

Wie hübsch sah sie aus, trotz der Thränenspuren auf ihren Wangen, die jetzt im Purpur innerer Freude erstrahlten. Und wie schön es sich ausnahm, daß der ernste Mann an ihrer Seite die Runde um den Christ­baum machte, und plötzlich reißt Lene ihre alten trüben Augen weit auf; war nicht der neue schöne Mantel für sie? Als ob er nicht der gnädigen Frau viel nothwendiger fehlte; das Monstrum von Radmantel war viel zu schäbig für eine so vornehme Dame. Aber es war so ihre Natur, zuerst kamen die Anderen; an sich dachte sie nie. Aber auch ihre Stunde schlug. Das sah die Alte an den glückstrahlenden Blicken, mit denen sich Frau Klara und der Doktor begegneten. Wie die Kinder jubelten! Und der Höhepunkt des Freudenrausches kam noch, als Gertrud, die sich leise hinausgeschlichen hatte, mit einem riesigen Festkuchen erschien, dessen köstlicher Duft das Zimmer erfüllte.

„Da ich nicht verreisen werde, wie es meine Ab­sicht war, so —" sie stockt.

die besten Früchte zu erwarten stehen. Die letzte Pre­digt im Dome hielt P. Roh vor einer Versammlung, die man über 20,000 schätzte." Ob die Rückkehr der Jesuiten in nächster Zeit oder überhaupt zu erwarten ist, wissen wir nicht. Als Zeichen der Zeit sei nur bemerkt, daß die.Schlesische Volkszeitung" heute darauf hinweist, „daß der Reichskanzler schon vor Jahren die Wiederzulassung der Jesuiten als eine durchaus harm­lose Sache behandelt hat." Allerdings ist die starke Zunahme der Sozialdemokratie viel­leicht geeignet, diese Bestrebungen zu för­dern. Entscheidend wird derWille derRe- gierung sein."

Ja, entscheidend wird der Wille der Regierung fein. Wir aber vertrauen auf die Einsicht und den Gerech­tigkeitssinn der Regierungen, die nicht länger zögern werden, ein Gesetz zu beseitigen, welches die Gefühle aller Katholiken aufs Empfindlichste verletzt.

Deutsches Keich.

Berlin, 8. März.

* Heute, Sonntag den 9. März, war der dritte Jahrestag des Heimgangs Kaiser Wilhelm I. Der Tag wurde durch eine ernste Gedächtnißfeier im Mau- solenm zu Charlottenburg begangen. Gleichzeitig fand die Weihe des Erweiterungsbanes des Mausoleums statt. Zur Theilnahme an der Gedächtnißfeier sind die badischen, wie die weimarischen Herrschaften in Berlin eingetroffen.

* Der,Wests. Merkur' erfährt von wohlunterrichteter Seite, daß die Kanzlerkrisis fortbesteht. Große Ueber- raschungen, auch in Bezug auf die Kirchenpolitik, ständen bevor.

* Die Verhandlungen des Staatsraths, welche der Kaiser von Anfang bis zu Ende persönlich geleitet hat, haben aller Welt gezeigt, mit welchem Ernste der Kaiser seine sozialreformatorischen Erlasse in die Wirk­lichkeit zu übertragen bemüht ist. Es gilt in politischen Kreisen als unzweifelhaft, daß eine Arbeiterschutzgesetz- .gebung im Sinne der Centrumsanträge der Abgg. Hitze nnd Dr. Lieber die erste Frucht dieser Verhandlungen sein wird. Bezüglich der Arbeiter-Ausschüsse ist der Mittelweg eingeschlagen, daß zunächst auf den staat­lichen Bergwerken derartige Ausschüsse eingerichtet werden. Die Frage ist also nur fakultativ, nicht wie man gewünscht hätte, obligatorisch geregelt worden.

* Der Kaiser empfing heute Vormittag den Be­such des Großherzogs von Sachsen-Weimar. — Wie der Hofbericht meldet, wird der Prinz von Wales etwa gegen den 20. d. Mts. zu mehrtägigem Besuche am hiesigen Hofe eintreffen.

* Das Abgeordnetenhaus berieth heute iben Etat der Bauverwaltung. Abg. Tramm (nl.) befür­wortete Förderung des Projekts des Rhein-Weser-Elbe- Kanals im wirthschaftlichen und militärischen Interesse. Minister v. Maybach erwiderte, die Sache habe die

Die Kinder umringen sie jubelnd.

„Aber Ihre Enkelchen, sollen die darunter leiden?" fragt der Dottor.

„Nein, nein, Herr Doktor! Nach Weihnachten, später verreise ich auf längere Zeit und Lene verttitt dann, hoffentlich für immer, meine Stelle; dannspen- dire ich heute den Feftkuchen, obschon der Keine Schlingel ihn nicht verdieitt hat. Meine Meinung ist: er muß einen strengen Herrn und Meister über sich haben", predigte Gertrud in schalkhafter Weise.

„Still, Alte, jetzt werdet Ihr anzüglich", drohte scherzhaft der Doktor, feiern wir heute gemeinsam ohne alle Nebengedanken eine fröhliche Weihnachten! nicht wahr, Otto?"

Der Knabe nickt und schmiegt sich verttaulich an den gütigen Herrn an. „Es war ja nur eine Null", murmelte er.

„Ja, nur eine Null, die uns vereint hat, nicht wahr, Klara?" flüsterte er, ihre Hand erfassend, mit einem fragenden Blick in ihre Augen.

Und sie erwidert: „Vereint?! O mein Gott, dieses Glück!"