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Samstag, den 8. März 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

I. PH. Neuß.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der

belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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* „Gin geradem unwürdiges Gejammer", schreibt die,Kreuz-Ztg.', „heben verschiedene mittelpar­teiliche Blätter, besonders die ,Köln. Ztg.', in einem Artikel „Proficiat“ über den Ausfall der deutschen Reichstagswahlen zum Hohn und zur Schadenfreude des Auslandes cm."

„Man sagt, das Wahl-Resultat schwelle den Fran­zosen und Russen den Kamm und sporne sie an, Deutschland mit Krieg zu überziehen. Wäre diese Wir­kung wirklich zu erwarten, so könnte sie jedenfalls durch diese mittelparteilichen Winseleien welche aus dem Ausfall der Reichstagswahl das finis Germaniaeprophezeien, nur befördert werden. Wie sich die deutschen Verhältnisse in den Köpfen der kun­digen Thebaner malen, welche in der Pariser Journa­listik das große Wort führen, weiß alle Welt, und die russischen Zeitungsschreiber sind vielleicht noch unwissen­der. Man glaubt aber, was man wünscht; so werden sie sich gerne von der,Köln. Ztg.' einreden lassen, daß von 10 deutschen Wählern mindestens 6 bis 7 Feinde des Reiches und des Hauses Hohenzollern seien. Der politische Einfluß und die Macht eines Staates werden aber nicht allein dadurch bedingt, daß er stark ist, sondern daß er auch in der ganzen Welt für stark, festgefügt und innerlich geschlossen gehalten wird. Um so mehr ist das Treiben dieser mittelpar­teilichen „Heulmeier" zu verurtheilen, welche durch ihre pessimistischen Darstellungen Deutschlands Kredit vor dem ganzen Auslande herabsetzen. Wenn wir mit dem Worte „reichsfeindlich" so rasch um uns wür­fen, wie sie, so würden wir unbedingt sagen, daß eine solche Selbstschändung „reichsfeindlich" sei. Aber sie glauben ja selbst nicht, was sie sagen. Der Aerger der Enttäuschung spricht aus ihnen, denn sie hatten auf die dauernde Begründung ihres mittelparteilichen Re­giments gehofft, und nun kurz vor der Landung, so zu sagen schon im Hafen, erleidet die Barke schwere Ha­varie, so daß von 100 Nationalliberalen kaum 40 das nackte Leben gerettet haben. Hine illae lacrimae!“

Diese Strafrede ist durchaus berechtigt. Sollte Jemand im Auslande noch immer dekan denken, es könne Deutschlands Stellung zum Auslande oder gar die energische Durchfechtung eines Kampfes davon ab­hängen, daß nicht die sogenannten „Reichsfreunde" die Mehrheit im Parlamente haben, so sind an jenem Glauben allein diese „Reichssteunde" schuldmitsammt den Offiziösen, welche so oft innere Kämpfe, wie sie in jedem Lande vorkommen, ohne daß man dort an die Scheidung in Feinde und Freunde des Staa­tes denkt, auf diese verhetzenden, verletzenden und ftivol unwahren Gegensätze zurückführen. Die,Kreuz- Ztg.' schreibt aber weiter: •

Dur eine Aull.

Novelle von I. Dirkink.

(4. Fortsetzung.)

„Bitte, beruhigen Sie sich, Madame", mahnte Bär mit einem spöttischen Lächeln, „hier, schauen Sie, hier ist der Beweis. Kam mir gleich so unglaublich vor, daß eine Firma, die schlechterdings nicht in der Lage ist, bessere Preise zu bieten als wir, so eine Summe für das Exemplar eines Kunstzweiges geboten haben sollte, der kaum in Aufnahme ist. Wir Geschäfts­leute sehen uns einander scharf auf die Finger, die Konkurrenz ist zu groß, darum werden Se, Madamche", wauschelte er plötzlich in vertraulichem Tone, „ent­schuldige, daß mer telegraphirt habe; sind es doch von unsere Leit, mit der mer zu thun hat im Geschäft. Lesen Sie die Antwort selber", bat er, ihr das Tele­gramm unter die Augen haltend. „40 Mark hat man ^hnen geboten, und die Null ist von einer andern Hand angefügt; unter der Lupe ist kein Zweifel mehr an der Fälschung.

—,..8r"uKlara war einer Ohnmacht nahe. Sie hatte Mühe sich aufrecht zu erhalten. War sie nicht in ein Netz von ^ntriguen verwickelt? So flog es ihr durch den Kopf. Denn der Schein zeugte nach den Beweisen dieses schrecklichen Menschen ganz und gar gegen sie.

O, Gott im Himmel, was sollte sie thun, wie

„Wenn wir der Kartellherrlichkeit schon seit län­gerer Zeit keinen Bestand zutrauten, so geschah das wahrlich nicht aus Bosheit, sondern uns leitete dabei die nüchternste politische Berechnung. Wurde doch auf mittelparteilicher Seite nicht allein die Kartell-Herr­schaft proklamirt, sondern es sollten zugleich auch die Rechtskonservativen aus dem Kartell hinaus­geworfen werden. Auf wie viele Abgeordnete könnte sich dieses „purifizirte" Kartell wohl im neuen Reichs­tage stützen? Gern gestehen wir deshalb zu, daß die ,Nordd. Allgem. Ztg.' sich jetzt bedeutend klüger und staatsmännischer benimmt, als andere mittelpar­teiliche, besonders nationalliberale Organe, wie z. B. die ,Köln. Ztg.' und ,Nat.-Ztg.'. Die ,Nordd. Allg. Big/ setzt trotz der Niederlage des Kartells Ver­trauen in die Zukunft und sucht nicht das Aus­land mit lustigen Hoffnungen auf Deutschlands Schwäche zu erfüllen. Das ist der korrekt „nationale" Standpunkt."

Die ,Krenz-Ztg.' fügt daran eine Frage und ihre Antwort:

„Und was soll jetzt unsere Aufgabe sein? Wir wollen den Ruf der Sammlung ergehen lassen an alle christlich-monarchischen Elemente.......

Weg mit deu kleinen parlamentarischen Ex­perimenten und Kunststücken, mit denen man jetzt schon wieder zu operiren sich anschickt; auf die ewig wahren und unabänderlichen christlich-konser­vativen Prinzipien werde die große Aktion ge­baut! Keine Furcht und Bangigkeit, hoch die Herzen und hoch die Fahnen! Wir begrüßen Alle als Bundes­genossen, die mit uns streiten wollen für den himm- lifchen und den irdischen König, für Thron und Altar, für Christenthum und Monarchie. Kommen wir doch wieder zurück auf diese große Prinzipienfrage, welche die Geister scheidet ..."

Der,Reichsbote' seinerseits schreibt, in ernsthaf­ten konservativen Kreisen denke selbstverständlich Nie­mand daran, den Vorschlag der geschlagenen Mittel- Parteien zu acceptiren und das Präsidium des Reichstages auszuschlagen, wenn es der kon­servativen Fraktion angetragen würde.

„Man lächelt über diese — „Kinderei", hatten wir neulich gesagt, heute wollen wir Geniestreich sagen, wenn das der,Kons. Korr.' besser gefällt. Man ist froh, daß man endlich das Kartell-Joch vom Halse hat. Die Nationalliberalen mögen sich so viel ärgern über ihre Niederlage als sie wollen; aber es ist zu viel zu- gemuthet, daß die Konservativen sich nun aus purer Kartell-Freundschaft nach all' den bitteren Erfahrungen von nationalliberaler Kartell-Treue noch mitärgern soll­ten. Von ihrem Standpunkte ganz mit Recht schreibt die,granff. Ztg.' zu der Frage:

konnte sie das Räthsel lösen? Wie ihre Unschuld be­weisen? — Stand sie nicht in den Augen dieses Mannes und seiner Kollegen in der Residenz bereits als Betrügerin da? Würde man ihr je auch nur Arbeit geben — und was stand ihr jetzt bevor — wohin sollte sie fliehen um Rath und Hilfe, wo sich ver­bergen mit ihrer Qual? Wer würde ihr glauben, sich ihrer annehmen hier in der Fremde, wo sie Niemand kannte — Niemand?! Wie ein Blitzstrahl der Erleuch­tung zuckte ihr der Gedanke an den Rechtsanwalt Schwarz, der mit ihr im Haufe wohnte, durch den Sinn. Aber nein, nein — wenn es Roland war.

Die Stimme des Händlers unterbrach ihre Gedanken.

„Es ist sonnenklar," schnarrte er, „nur zum Zweck einer Erpressung ist die Fälschung in Scene gesetzt; allein Sie sollen den alten Bär kennen lernen, Madame, ja, das sollen Sie! Wenn Sie hartnäckig leugnen, macht mer die Sache anhängig und wissen Se, was Ihne blüht — ?!"

Er hatte sich erhoben, sein dunkles stechendes Auge bohrte sich wie eine Dolchspitze in ihr Antlitz, aus dem alle Farbe entwichen war.

Aber noch einmal erwachte ihr Stolz, der Muth der Unschuld in Frau Klara; ihre ganze Kraft zusam­menraffend, erwiderte sie:

„Ich werde es auf eine Anklage gekost ankommen lassen, sie bringt meine Unschuld an den Tag. Hätte

„Herr v. Levetzow war immer ein tüchtiger und liebenswürdiger Präsident; sollte er diese Eigenschaften nicht mehr in den Dienst des Prä­sidiums stellen wollen, wäre das ja wohl zu bedauern, aber schlimm würde es nicht sein: „vixere fortes ante Agamemnona“ — es gab auch vordem schon gute Präsidenten, die nicht konservativ waren, was der klassisch beanlagte Herr ja wohl verstehen wird, wenn er sich jetzt mit einem neuen „Oi moi“ grollend zurückziehen wird. Und was den Nationalliberalismus an­geht, daß Gott erbarm, was der in den letzten Jahren für Kräfte in das Präsidium der Par­lamente geliefert hat. Herrn Buhl wird ebenso wenig Jemand vermissen, wie Herrn Benda, „denGreis, der sich nicht zu helfen weiß", wenn er einmal zur Aushilfe auf den Präsidentenstuhl berufen wird. Staat hat die Partei mit diesen „Größen" nicht gemacht, und daß sie der Flagge des Reichstages einen auch nur bescheidenen Glanz verliehen hätten, wird nicht einmal der Korps­geist behaupten wollen."

„Man thue, schließt der ,Reichsbote', doch einfach seine Pflicht, und die heißt gerade in einem Reichs­tage, der recht unsichere Partei-Verhältnisse zeigt, die konservative Partei fest auf allen den Posten verharren, die sie erlangen kann. Solche Schreckgespenster an die Wand malen, als könnten die anderen Parteien die konservative dupiren und beleidigen, indem sie zuerst einen konservativen Präsidenten wählen und ihn nach vier Wochen fortschicken, zeigt nur die Dürftigkeit der Gründe, die für die Ablehnung geltend gemacht werden." DieNationalliberalen aberfahren, als wenn sie, die viertstärkste Partei, noch etwas zu sagen hätten, fort mit dem Hineinreden in die Präsidentenwahl, die aus einem Konservativen, einem Centrums - Mit- gliede und einem Deutschfreisinnigen sich leicht wird machen lassen, und falls die Konservativen sich wirklich von den „Kartell-Freunden" in den Schmollwinkel trei­ben lassen sollten, aus dem Centrum und den Deutsch- freisinnigen allein auch möglich ist, da sich für diese Kombination Stimmen genug finden werden. Und das Centrum kann auch sowohl eine Mehrheit nach rechts wie nach links für positive Aufgaben, wie zur Ab­wehr bilden, das steht ziffermäßig fest, und die natio­nalliberalen Herren, die auch Das bezweifeln, mögen sich doch bei der ,Nordd. Allgem. Ztg.' erkundigen, die 1881, als die Manchestermänner, in der besten Zeit der Wirthschafts- und Sozial-Reform, über ihren Sieg jubelten, der .Germania' Recht gab, die nach­wies, daß die Polen und Elsässer in jenenFragM positiv eine Mehrheit sicherten! (Germ.)

ich durch so schlechte Mittel eine Pression auf Sie ausüben wollen, dann hätte ich ja die Karte nicht ans der Hand gegeben. Ich erbat meine Fächer zurück--

aber ich stehe nicht schutzlos da", unterbrach sie sich, als sie dem lauernden Blick seines Auges begegnete. „Und Sie, mein Herr, sollen mir für diese unverant­wortliche Scene Genngthnnng geben."

Mit einer stolzen Handbewegung zeigte sie nach der Thüre.

Bekoffen durch diese unerwartete Wendung der Dinge stand Bär einen Augenblick unschlüssig da; — er hatte offenbar einen andern Ausgang erwartet. Seine Geschäftspraxis stützte sich hauptsächlich auf die geschickte Benutzung und Ausbeutung einer verzweifelten Sach­lage. Er hatte nach feinen Erfahrungen als dunkler Ehrenmann nicht gerne mit den Gerichten zu thun und wäre in diesem Falle mit einer Vernichtung der jungen Frau, einer moralischen Vernichtung und Demüthigung in seinen Augen zufrieden gewesen. Verlief es fo, wie er es sich ausgemalt, dann spielte er den Großmüthigen, zu ihrer aus Noth und in Verzweiflung geübten Un­vorsichtigkeit, ihn zu täuschen, ein Auge zudrückend. Er avancirte zu ihrem Wohlthäter, indem er fortfuhr, ihre Arbeiten zu erwerben, deren Preis er zu bestim­men hatte, natürlich. Denn an eine Abtrünnigkeit ihrer­seits war, so lange er die verhängnißvolle Karte in Händen hatte, nicht zu denken.