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Freitag, den 7. März 1890.

int bäuerlichen Arbeiter- und Kleinbesitzerstande, Hand­werker- und anderen Beamtenkreisen heimisch zu machen dann sind sie die Herren der Lage, „Richter Stimm­zettel" gibt ihnen dann die Mehrheit, Kanonen und Soldaten werden dann wirkungslos; denn im Ernste wird es doch Niemand einsallen, Sozialdemokraten zu Tausenden zusammenschießen zu lassen, das ganze Land zu verheeren, Der Spruch: „Gegen Demokraten helfen Soldaten" ist baarer Unsinn.

Man wird mir vorwerfen, ich sehe viel zu schwarz. Für das kurzsichtige Auge vielleicht, aber für denjenigen, der weiter blickt, schwerlich. Ich sage mcht, daß die Sozialdemokratie das Alles in einem Jahrzehnt erreicht, aber daß sie es, wenn es so weiter geht, erreichen wird, und in nicht zu ferner Zeit, ist so sicher, wie zweimalzwei vier ist; nicht minder aber ist gewiß, daß die Bekämpfung der Sozialdemokratie um so schwerer wird, je länger man mit den richtigen Waffen zurückhält.

Wäre die Socialdemokratie ein rein politische Bewegung, z. B. eine republikanische, so würde sie nicht die alleräußerste Gefahr in sich bergen; aber nicht um wechselnde Regierungsform handelt es sich bei ihr allein, sondern um eine ganze Weltan­schauung', das ist der Kern der Sache, welcher nicht übersehen werden' darf. Man hat dieser Tage in ver­schiedenen Blättern gelesen, ein großer Theil der sozial­demokratisch Abstimmenden wolle nur seiner Unzu­friedenheit Ausdruck geben. Das mag richtig sein aber wenn es ein Trost sein soll, ist es ein herzlich schlechter. Wer bereits soweit gekommen ist, daß er für einen Sozialdemokraten seine Stimme ab­gibt, wird auch in den weitaus meisten Fällrn ein überzeugter Sozialdemokrat, ganz langsam und unvermerkt. Wo aber die Sozialdemokratie die Macht hat, schwindet der Einfluß der Religion; die Sozialdemokratie ist eine Art Religion für sich aber eine Religion streng von d ie fer W elt, die mit den Religionen, welche ein Jenseits, eine Gott­heit, Vergeltung nach dem Tode annehmen, ganz und gar unvereinbar ist. Ebensowenig, I wie die Physiker es fertig bringen werden, daß gleich­namige elektrische Pole sich anziehen, wird, eine Ver­einbarung zwischen Christenthum und Sozialdemokratie zu erzielen sein; entweder das eine oder das andere, einen Mittelweg gibt es hier nicht, jedes Suchen nach einem solchen wird erfolglos sein.

Also gegen die Sozialdemokratie hilft nur das Christenthum? Ganz gewiß, dies allein, denn auf ihm beruht unsere ganze Kultur und wird bis zum Ende der Tage darauf beruhen. Freilich, die ,Köln. Ztg/ begreift das nicht, sie meinte noch nach der

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Menschen mit dem zur Schau getragenen unverschämten Mienenspiel befreit sieht.

Kaum hat sich die Thür hinter ihm geschlossen, als die junge Frau auf ihre Knie sinkt und Gott für die Hilfe dankt, die er ihr zur rechten Zeit gesandt hat. O, jetzt ist sie ja für immer geborgen; die Arbeit gibt ihr Brod für sich und die Kinder, und je länger sie einsam und ungestört bleibt, je mehr baut sie an ihren Luftschlössern, die sich jedoch nicht allzu sehr über die Erde erheben. Nicht umsonst hat das Schicksal ihr seinen scharfen Stachel in die Seele gedrückt. Es hat ste aufgerüttelt zur rechten Zeit; sie hat die Prüfung bestanden; sie ist gestählt, gereift daraus hervorgegan­gen, als ein ernstdenkendes, pflichtgetreues Weib und ihrer Aufgabe einer gewissenhaften Kindererziehung sich voll bewußt. Und in erster Linie bewegen sich ihre mütterlichen Sorgen um ihren wilden Knaben. Er ist ein talentvolles, aber leichtherziges, eigenwilliges Mnd, dem strenge Zucht überaus Roth thut. Mit mancher j glänzenden Eigenschaft seines Vaters begabt, fürchtet sie dessen Stand für ihn, der ja so manche Gefahr für einen schwachen Charakter in sich birgt, und ihr größter Kummer war, daß sie voraussah, ihren Sohn bald in's Kadettenhaus schicken zu müssen. Gottlob, dieses „Muß" existirt von heute an nicht mehr; hat sie nicht die Mit­tel in Händen, Otto einem andern bewährten Erziehungs- Institut übergeben zu können?

So sinnt und denkt und träumt Frau Klara und '

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Gürzenich - Versammlung, das Centrum wolle die Sozialdemokratie mit Weihrauch vertreiben. Den ge­meinen Spott auf katholische Gebräuche wollen wir diesmal nur festnageln, belehren kann man die ,Köln. Ztg.' nicht, weil es ihr mit ihren „intellektuellen" I Eynern und Genossen an der nothwendigen Fassunqs- kraft mangelt Die sozialistischen Agitatoren begreifen das Wort „Christenthum gegen Sozialdemokratie" viel besser, aber sie verdrehen es, sie sagen: „Die Ultra- montanen wollen die soziale Frage durch Beten lösen." Allerdings, gebetet soll werden, viel gebetet, weit Ehr, als jetzt geschieht; es würde sogar ganz am Platze sein, wenn sich zur Abwendung der sozialistischen Gefahr von unserem lieben deutschen Vaterlande Ge- bets-Vereine gründeten, welche sehr passend das heilige deutsche Kaiserpaar zu Patronen nähmen, das sicher viel am Throne Gottes für Deutschlands Heil fleht: den hl. Kaiser Heinrich und seine hl. Gemah­lin Kunigunde. Aber mit Beten allein ist es I nicht gethan, Beten allein ist das Christenthum nicht. I „Richt Derjenige wird in's Himmelreich eingehen, der Herr, Herr! sagt, sondern werden Willen meines Vaters thut", belehrt uns der Stifter unserer Re-

I ligion. Christlicher Geist soll gepflegt werden, Mer Geist, welcher Früchte bringt, jener Geist, der die Welt überwindet und das Antlitz der Erde erneuert „Praktisches Christenthum" hat Fürst Bis­marck es genannt, „Befolgung der Gesetze der christlichen Sittenlehre" nennt unser geliebter Kaiser es, damit muß Ernst gemacht werden, gründlicher Ernst, sonst ist alle Rettung verloren.

Das positive soziale Programm hier zu entwickeln, insofern es sich auf den Schutz und die Fürsorge für den Arbeiter bezieht, ist hier nicht der Platz das ist oft genug geschehen und wird hoffentlich behalten sem, aber auf etwas Anderes sei hinqe- wiesen. Ist es etwa christlicher Geist, wenn man vom Arbeiter verlangt, er solle gläubig sein, und dabei Professoren auf den Lehrstühlen duldet, die erklären, der Mensch sei nicht ein Ebenbild Gottes, sondern stamme aus dem Ur schleim oder vom Affen her? Ist es etwa christlich, wenn man ruhig zusieht, wie in Romanen und Erzählungen die nackte Sinnlich­keit gepredigt, die Gottesfurcht verhöhnt, das Laster verherrlicht wird? Ist es etwa der christlichen Sitten­lehre entsprechend, wenn auf großstädtischen Bühnen ^ahr aus Jahr ein Stücke aufgeführt werden dürfen, in denen der Ehebruch als ein reiner Scherz, die Keuschheit aber als lächerliche Dummheit erklärt wird? Ist es etwa praktisches Christenthum, wenn das schmutzigste Laster, die Prostitution, sich gesetzlichen Schutzes erfreut? Ist es christlich, wenn „pikante Lek-

Wristlich oder sozialistisch?

So wird in nicht ferner Zeit die Frage lauten, vor deren Beantwortung wohl oder übel Jedermann insbesondere aber die breiten Schichten des Volkes, gestellt werden. Der Sozialismus ist zwar selbst keine Religion, aber er ist der abge­sagte Feind aller Religion, und wohin er kommt, verdorren die Wurzeln des Christenthums wie unter dem versengenden Strahl der Tropensonne. Ein Fünftel sämmtlicher am 20. Februar abgegebenen Wahlstimmen war für die Soziademokraten in drei Jahren haben dieselben beinahe eine halbe Million Stimmen gewonnen. Wohin soll es führen wenn es so weiter geht? Wird nach fünf Jahren nicht jede dritte Stimme eine sozialdemokratische sein wenn keine positive Abhülfe kommt? Mit der nega­tiven Abwehr durch Gendarmen, Schutzmänner Aus­weisungen, Verbote, Reichsgerichtsmtscheidungen, Riesen­prozesse rc. hat man es lange genug versucht, der Er­folg liegt so klar zu Tage, daß man das Blaue am Himmel ebensogut in Abrede stellen kann, als die Er­folglosigkeit des Sozialistengesetzes.

Die deutsche Sozialdemokratie, vor der Hand noch unter der sie hegenden Obhut des Soziali­stengesetzes, verfolgt mit größter Folgerichtigkeit und Thatkraft einen scharf umgrenzten Plan, der ihr, wenn er gelingt, die Herrschaft sicher in die Hände spielen muß. Er lautet kurz: „Erst die großen Fest- ungen, dann die kleinen, zuletzt das platte Land. Zunächst wurden die großen Städte Berlin voran, bestürmt, die Eroberung ist so weit gediehen, daß bald das letzte Fort die rothe Flagge aufziehen wird; für den diesjährigen Wahlgang nahmen die Sozialdemokraten den Angriff auf die kleineren Städte, insbesondere die I n d u st r i e o r t e, so weit ste bisher noch ihnen Widerstand geleistet hatten, vor die Kürze der Zeit hat noch keinen vollen Erfolg ge­zeitigt, aber was erzielt wurde, ist gewiß darnach an- gethan, die Zuversicht und den Muth der Agitatoren zu beleben. In Köln und Düsseldorf z B Stichwahlen zu erringen, ist für die Sozialisten unleugbar em großer Erfolg; in Aachen dürften sie nächstes Mal auch schon so weit sein; wenn es so voran geht, wird Köln ihnen sicher zufallen.

Nach den Mittelstädten und kleineren Städten kommt das Land an die Reihe, der Anfang ist schon ge­macht, hier und da mit unerwartetem Erfolge Dort wird es sehr eindringlicher Arbeit bedürfen, aber auf das Wühlen verstehen sich die Sozialisten, und ihr Eifer ist größer, als derjenige irgend einer andern Partei. Wenn es ihnen gelingen sollte, ihre Lehren

Dur eine Mll.

Novelle von I. Dirkink. (3. Fortsetzung.)

Dem Faktotum wird die Zeit zu lang; er sieht scharfer zu der jungen Frau hinüber, ihre Erregung entgeht ihm nicht; haha, der Alte hat Recht. Einzig die Noch treibt vornehme Fraum an die Arbeit und

wer klug, ein schlauer Geschäftsmann ist, nimmt seinen Vortheil wahr, wo er ihn findet. Diese junge Frau fit eine angehende Künstlerin; darum ist es nur rath- fam, den Preis zu drücken. Aber man spielt, die Sach- wge solcher Hilfsbedürftigen benutzend, in kluger Weise KL»? Ö°rrn Wohlthäter, indem man ihnen einen SeiL°' d°nn erst hat man sie an der Durcbbrn^s.T<?; das Selbstgefühl kommt nicht zum zeitgemäü^R-^ für lmmer gefangen. Solche « Sin^Ä9'" W‘" im rens^düEl^ Ä im Freudentaumel ihres Her- Ete fie die Ka^ ä ^er gas.Papier gleiten. Schnell ö? nut dem brillanten Preisgebot aus

?*nSr±hm W-°» H-rn, «r 1fei. ihn unter ^chend, ihr die abgelie- Genuatbuuna ^rückzugeben. Mit innerer

aette ©dSn? ■ dem Harrenden das versie- auf «p «A I^n Herrn und athmet ordentlich b ls sie sich endlich von der Gegenwart dieses

da ihre Phantasie einmal in Schwung gekommen ist, verklärt und vergoldet sie auch alles Zunächstliegende.

I Ihre Blicke streifen die paar armseligen, auf einer Auktion erstandenen Möbeln; ihr Schönheitssinn darf sich nächstens an einer geschmackvollen, wenn auch be- scheidmen Ausstattung erlaben. Und Lene, die gute treue Seele, soll mehr Lohn erhalten, und das Budget

I für den täglichen Tisch kann erhöht werden. Ja, ob man sich an Festtagen nicht einen Kuchen erlauben dürfte — und zu Weihnachten — o — Frau Klara's Jdeengang machte plötzlich Halt.

Weihnachten stand ja vor der Thüre, wie wäre es, wenn man sofort mit der Verwirklichung der Pläne zu einer Christbescheerung beginnen würde. Warum zögern, ruft sie sich bei ihrem innerlichen Schwanken zu, stehen nicht die 400 Mark in Sicht? O, wie wird Lene wie werden die Kleinen ihre Augen aufreißen Aber halt, vorläufig noch nichts verrathen, um so größer ist ja die Ueberraschung.

Der erste Einkauf foll für die ewig ftöstelnde Alte em neuer Umhang sein. Ihr kattunener Wintermantel mrt dem mottenzerfressenen Wollfutter hält die alten fttifen Glieder nicht mehr warm. Unter diesem Ent­schluß macht sich Frau Klara zum Ausgang fertig und mit beflügelten Schritten eilt sie die Treppe hinab aus dem Hause.

II.

Mit Packeten beladen kehrte Frau Klara um die

___ ________________ 17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung.

B o Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).