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17. Jahrgang

Mittwoch, den 5. März 1890

uldaer Zeitung

Druck u. Berlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Für dir Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Deutsches Keich.

Berlin, 3. März.

* In. den Stichwahlen hat das Centrum nach den bisherigen Ergebnissen folgende Mandate er­obert: Breslau-Neumarkt, Bielefeld, Bochum, Hamm- Soest, Lahr; behauptet hat es: Reichenbach-Neu - rode, Köln, Düsseldorf, Kronach, Forchheim, Würzburg, Augsburg und Offenburg. Die Stichwahlen haben also dem Centrum 13 weitere Mandate gebracht. Das Centrum hat ferner im ersten Wahlgang gewonnen: Kempten-Jmmenstadt und Waldshut-Säkkingen; Ge­winn zusammen also 7 Mandate. Verloren hat es München II., Homburg und Mainz. Da das Centrum 7 Wahlkreise erobert, 3 verloren, verstärkt es sich um 4 Mandate. Zu Ende der vorigen Legislaturperiode zählte das Centrum 99 Mandate, jetzt 103. Dabei steht es außerdem in 3 badischen Wahlkreisen in Stichwahl, bei welcher noch Eroberungen gemacht werden dürften: es sind dies die Wahlkreise Freiburg, Lörrach und Konstanz, die nicht im Besitz des Centrums waren. In zwei westpreußischen Wahl­kreisen (Danzig-Land und Deutsch-Krone) steht das Centrum ebenfalls noch zur Stichwahl.

* Nach dem bisherigen Wahl-Ergebniß sind gewählt: 103 Centrums-Mitglieder, 10 Deutschhan­noveraner, 16 Polen, 67 Konservative, 21 Freikonser­vative, 66 Deutschfreisinnige, 33 Nationalliberale, 9 Demokraten, 34 Sozialdemokraten, 4 Antisemiten.

* Das Centrum hat außer Bochum auch noch Hamm-Soest gewonnen, das noch nie in seinem Be­sitze war. Herr v. Schorlemer-Alst, in beiden Kreisen gewählt, wird sich nun wahrscheinlich für Soest- Hamm entscheiden, weil es zweifelhaft ist, ob dieser Kreis bei einer Ersatzwahl für das Centrum behauptet werden kann. Auch der Sieg in Lahr ist eine neue Eroberung des Centrums, das noch nie so stark war, wie jetzt.

* Nachdem die Abtheilungen des Staatsraths ihre' Arbeiten über die Arbeiterfrage beendet haben, wird das Plenum zusammentreten, um zu den gefaßten Beschlüssen Stellung zu nehmen. Es ist davon die Rede, daß der neue Reichstag noch in diesem Monat, andernfalls aber nach Ostern einberufen werden soll, um über Vorlagen betreffend die Arbeiterschutzgefetz- gebung und Maßregeln gegen die Anarchisten zu be- rathen. Möglicherweise handelt es sich bei diesen An­kündigungen nur um Kombinationen. Die Aufstellung eines Arbeiterschutzgesetzes ist von den Ergebnissen der Berliner internationalen Konferenz über die Arbeiter- ftage abhängig. Allerdings wird es auch einige Punkte geben, bezüglich deren deutscherseits ohne Rücksicht auf =&=•"■...... " 1 - ■ ■ - M'T-

Kur eine Kull.

Novelle von I. Dirkink.

(1. Fortsetzung.)

„Ist das ein Leben, Herr Doktor!" ruft die Alte, das "Theebrett auf den Tisch niedersetzend. „Seitdem die Kinder hier oben eingezogen sind, ein Getrippel und Gelärm Trepp' auf und ab den ganzen lieben langen Tag. Und bei dem feuchten Niederschlag draußen ist der Hausgang nicht rein zu halten, absolut nicht. O diese Kinder!" schilt Gertrud im verstellten Zorn, indem sie ein paar Holzklötze in den Ofen schiebt; dann kehrt sie an den Tisch zurück, und Schwarz ahnt es ja, er weiß, sie hat ihm etwas vorzutragen; wenn es wieder das alte Lied ist. Gertrud spielt nämlich in Zwischenpausen schon seit Jahren auf ihre Entlassung an. Sie hat in der Nähe der Stadt ihre einzige Tochter gut verheirathet. Die drei wohlerzogenen Enkelchen der Alten verlangen sehnsüchtig nach ihrer Großmutter, und wie gern würde sich diese bei der -wohlhabenden Tochter in Ruhestand setzen, wenn nur irgendwie Aussicht wäre, daß sie beim Doktor entbehrt werden könnte. Gertrud ist ein Stück Haus-Inventar von Schwarz aus dem Elternhause übernommen, die Dank ihrer verantwortlichen Stellung ihren Herrn zu bevormunden und zu tyrannisiren pflegt. Wie oft hatte sie ihn daran erinnert, daß er sie dieser Stellung ent­heben und sich nach einer Hausftau umsehen möchte, /

die Konferenzbeschlüsse vorgegangen werden kann. Nahe liegt dagegen die Annahme, daß der Gesetzentwurf über Gewerbegerichte und Einigungsämter, der bereits vom Bundesrathe angenommen worden ist, zu den ersten der dem Reichstage zu unterbreitenden Vor­lagen zählen wird.

* Das Abgeordnetenhaus berieth heute in zweiter Lesung den Etat des Justizministeriums. Abg. Bietenbach (Ctr.) verwies auf die von Jahr zu Jahr steigende Zahl der außeretatsmäßigen Assessoren. Hier fei ein Stück sozialer Frage der besseren Klassen zu lösen. Der Regierungskommissar erwiderte^daß an dieser Ueberproduktion die Regierung keine Schuld trage. Sache der Eltern sei es, unter den jetzigen Umständen ihre Söhne vom Rechtsstudium fernzuhalten. Auf eine Anfrage des Abg. Olgem (nl.) erwiderte Justizminifter Dr. v. Schelling, daß die Regierung nichts unterlassen, um das große Werk eines einheitlichen bürgerlichen Gesetzbuchs zu einem würdigen Abschluß zu bringen. Dazu bedürfe es aber noch jahrelanger Arbeit. Bezüglich der Frage der „bedingten Verurtheilung" erklärte der Minister, daß die Gutachten der Oberlandesgerichte noch zum Theil ausstehen. Nachdem noch die geforderte neue Stelle eines Senatspräsidenten beim Oberlandes­gericht zu- Breslau dem Kommissionsantrag gemäß ab­gelehnt worden, wurde die Weiterberathung aus morgen vertagt.

* Die ,Köln. Ztg.' veröffentlicht die Satzungen für die Arbeiter-Ausschüsse auf den königlichen Gruben in Saarbrücken. Die Vertrauensmänner wer­den in geheimer Abstimmung auf 3 Jahre gewählt. Wahlberechtigt ist jeder 21jährige, sobald er wenigstens 3 Jahre in königlichen Gruben gearbeitet hat, wählbar jeder 25jährige aktive Knappe, der wenigstens 5 Jahre in königlichen Gruben gearbeitet hat. Jede Steiger- Abtheilung wählt einen Vertrauensmann, welcher der Abtheilung angehören muß. Die Vertrauensmänner haben die Aufgabe, Anträge, Wünsche und Beschwerden der Belegschaften dem Bergwerks-Direktor vorzutragen, dabei sonstige Fragen des Arbeits - Verhältnisses, der Aenderung der Arbeits-Ordnung, überhaupt die Frage über das Wohl der Bergleute und ihrer Angehörigen dem betreffenden Bergweicks-Direktor vorzulegen, Strei­tigkeiten der Bergleute unter einander zu vermitteln und thunlichst beizulegen, ferner mitzuwirken, daß Ar­beits-Ordnung, sowie die für Gesundheit und Sicher­heit der Bergleute getroffenen Vorschriften und Anord­nungen von den Kameraden gewissenhaft und pünktlich befolgt werden. Zusammenkünfte der Vertrauensmänner und dem Bergwerks-Direktor finden vierteljährlich statt oder sonst, wenn der Bergwerks - Direktor sie für er­forderlich erachtet oder wenn wenigstens 5 Vertrauens-

— er war doch alt genug dazu. Ja, es wurde die höchste Zeit! Aber das schien ihm gar nicht einzu­leuchten, als ob er das Gelübde gethan, sich als Jung­geselle begraben zu lassen.

„Sehen Sie, Herr Doktor", begann Gertrude mit in die Seite gestemmten Armen, die lustigen Kleinen hier sind der Nagel zu meinem Sarge. Aber ver­stehen Sie mich recht, verbesserte sie sich, als sie dem fragenden Blick seiner Augen begegnete, weil sie mich an t)ie Kinder meiner Tochter erinnern. Man hat doch auch ein Herz, und wer putzt ihnen den Christbaum auf, frage ich mich, so oft ich Tannengrün und Kuchendust rieche. Die Mutter ist schwächlich, der Vater mit Arbeit belastet in der Werkstatt, und Kin­der sind Kinder; unschuldige Jugendfreuden, die man ihnen schuldig bleibt, lassen sich im Leben nie mehr nachzahlen---Da wir nun kein ordentliches

Christfest feiern---fo —"

„Ja so, jetzt weiß ich, wo es hinaus soll", lächelte Schwarz, mit dem Löffel in seiner Tasse rührend. „Ihr begehrt Urlaub auf die Feiertage; aber es ist gewagt von mir, ihn Euch zu gewähren; man wird Euch nicht fortlaffen wollen und nachher kommen die Jeremiaden und Rückerinnerungen und" — er vollen­dete nicht, sprang von seinem Stuhle auf und ging erregt umher.

„Die Seite von oben", beharrte Gertrud mit der Praxis, daß man das Eifen schmieden müsse, so lange

männer der Inspektion sie unter Angabe der zu be- rathenden Gegenstände beantragen.

* Emin Pascha ist nun soweit hergestellt, daß er Bagamoyo verlaßen und die Ueberfahrt nach Sansibar unternehmen konnte. Er ist daselbst auf einem Dampfer des deutschen Reichskommissars eingetroffen.

* Ein Wettstreit zur Verbesserung der Lage der Arbeiter wird vom 25. Mai bis 29. Septbr. zu Köln auf dem Terrain zwischen „Flora" und „Zoo­logischen Garten" stattfinden. Zu dem Wettstreit wer­den alle Gegenstände, Einrichtungen und Arbeiten zu- gelaffen, welche auf das Arbeiterleben Bezug haben und die Wohlfahrt der Arbeiter im Familienleben und in der Arbeit zu fördern bestimmt sind. Dieselben ge­langen in wettersicheren, geräumigen Hallen zur Aus­stellung. Der Wettstreit wird über vier Haupt-Aus­stellungshallen verfügen: 1. Arbeiter-Wohlfahrt, 2. Haus-Industrien, 3. Gewerbe-Hygiene, 4. Unfallver­hütung und Hilfeleistung. In der Halle für Haus- Industrie sollen alle Maaren, welche im Hause des Arbeiters hergestellt werden können, angefertigt und verkauft werden. An Preisen sind ausgefetzt: Drei Tausend Mark Geldpreis für die beste Arbeit über die Verbesserung der Lage der deutschen Arbeiter im Sinne der Allerhöchsten Kundgebung, goldene, silberne Medaillen, Diplome. Den industriellen Werken und Gesellschaften ist durch den Wettstreit Gelegenheit ge­boten, ihre Einrichtungen zum Wohle der Arbeiter be­kannt zu geben und so belehrend zu wirken und zur Nacheiferung aufzvsordern. Für alle zur Betheiligunq gelangenden Objekte, welche rein soziale Zwecke ver­folgen, gelangt eine Platzmiethe nicht zur Erhebung. Die Generalbedingungen und Preisaufgaben sind von der Geschäftsstelle, Hohenzollernring 94, Köln, zu be­ziehen.

* Die Drechsler der Möbelbranche in Görlitz haben die Arbeit niedergelegt, weil 40 Prozent Lohn­erhöhung bei neunstündiger Arbeitszeit seitens der Meister verweigert wurde.

* Die ,Franks. Ztg? schreibt: Unsere Angabe über die Düsseldorfer Wahl beruhte auf einem Tele­gramm, das die Zahlen nicht richtig gab; der Kandidat des Centrums hat mit großer Mehrheit über den Sozialdemokraten gesiegt. Auch unsere Behauptung, es sei noch nie bisher eine Entscheidung durch das Loos erfolgt, war irrig; der Fall ist einmal schon vorge­kommen und zwar im Jahre 1887 bei der Wahl in Merseburg. Dort war Stimmengleichheit im zweiten Wahlgang zwischen Neubarth (kons.) und Panse (fr.) und das Loos entschied für Neubarth, dessen Wahl aber schon in der ersten Session für ungiltig erklärt wurde.

es heiß ist „würde an meiner Statt fo lang ihre Bedienung übernehmen, wenn sie im Gasthofe zu Mittag —"

„Ich brauche keine fremde Bedienung", unterbrach sie der Doktor schnell, „ich — ich verreise ebenfalls. Ja, so ist es am besten, entschied er, ans Fenster tretend. Dann zog er seine Börse hervor. Ihr müßt nicht knausern, Alte, und den Enkelchen hübsch be- fcheeren. Hier!"

„O danke", wehrte Gertrud erröthend ab; „ich weiß, es besser; heute noch werde ich das Gebäck selber besorgen. Ein bischen Blätterteig, ein bischen Specu- latius, und für die Kleinen von oben fällt dann auch etwas ab; schon der Duft gibt einen so festlichen An­strich fürs Haus und find reizende Kinder. Herr Doktor, ich meine die von oben, „Herr Doktor", be­tonte die Alte schmunzelnd.

Als er schweigend verharrte, verließ sie das Zim­mer; gab es für sie nicht jetzt alle Hände voll zu thun? Im Hausflur stieß sie auf den Postboten. Er hielt ihr eine Postkarte entgegen: „An Frau Haupt­mann Wallroth", las sie.

„Oho, die Karte ist für uns!" tonte eine Helle Stimme und im Nu sprang ein zehnjähriger kraus­köpfiger Knabe von der Treppe herab und nahm dem Briefträger die Karte aus der Hand.

„Seht Ihr, welch' flügger Junge, ein rechter Wild­fang", bemerkte Gertrud zu dem Postboten gewandt,