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Dienstag, den 4. März 1890.
17. Jahrgang
WWA
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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 1. März.
* Die Sitzungen der beiden Abtheilungen des Staatsraths sind am Freitag geschlossen worden. In einer Schlußrede hat der Kaiser seine hohe Freude über das erzielte, günstige Ergebniß ausgesprochen. Es handle sich, so habe der Herrscher gesagt, keineswegs um eine Bekämpfung der Sozialdemokratie, sondern um die Ermittelung des Weges zur thunlichsten Befriedigung der berechtigten Wünsche und Ansprüche der Arbeiter. Die Beschlüsse seien großen- theils einstimmig, in anderen Fällen mit überwiegender Mehrheit gefaßt worden. Der Kaiser hat persönlich die Rednerliste geführt, die Fragestellung bestimmt und die Abstimmungen geleitet. Die betreffenden Gesetzentwürfe werden dem Reichstage zugehen.
* Die Mitglieder des Staatsraths sind heute vom Kaiser mit Einladungen zur Tafel beehrt worden.
* Wie mehreren Blättern gemeldet wird, sind Einladungen zur Beschickung der Arbeiterschutzkonferenz außer an die auswärtigen Staaten auch an deutsche Regierungen ergangen.
* Mitte dieses Monats soll eine Gesandtschaft von hier nach Marokko gehen, um dem dortigen Sultan die Gegengeschenke unseres Kaisers, worunter eine große Anzahl alter und neuer Waffen, Sättel, Reitzeuge, kostbare Gewänder für die Frauen des Sultans, Tafelaufsätze, ein kostbarer Springbrunnen rc zu überbringen.
* Keine Politik in den Kreisblättern! — so lautete die Forderung, welche der Abg. Dr. Windthorst am Dienstag im preußischen Abgeordnetenhause begründete. Der Centrumsführer fügte u. A.:
Ich hatte mich gemeldet, um die Frage der Kreisblätter zu erörtern. Da aber darüber noch eine besondere Verhandlung stattfinden wird, so will ich auf weitere Ausführungen hier verzichten, aber doch dem Herrn Minister nicht vorenthalten, daß wir Ursachen haben, in allem Ernste dahin zu wirken, daß aus den amtlichen Kreisblättern jede politische Erörterung entf ernt wird. (Sehr gut! im Centrum und links.) Diese haben den Zweck, die kommunalen Angelegenheiten zu besprechen, die darauf bezüglichen Bekanntmachungen zu bringen und was sonst endlich der Gemeinde oder dem Kreise mitzutheilen ist. Ist dann noch Raum übrig, so kann der betreffende Landrath durch sein Organ nette Artikel hineinbringen, die über kommunale Angelegenheiten belehren, die bestehende Gesetzgebung in kommunalen Sachen und noch andere die Gemeinde interessirende Dinge erläutern, und wenn dann noch Raum da ist, würde eine für alle Theile angenehme Unterhaltung am Platze sein. Zu politischen Erörterungen eignen sich Blätter nicht, die Alle halten müssen. (Sehr richtig!) Es ist ein arger Mißbrauch, wenn man zu diesen politischen Erörterungen die Amtsblätter braucht.
Kur eine Kull.
Novelle von I. Dirkink.
I (Nachdruck verboten.)
Wie mit einem Trauerflor hatte der graue Nebel eines trüben Dezembertages die nordische Stadt eingehüllt. Es wollte gar nicht Tag werden heute, allein das nahe bevorstehende Christfest trieb alle hinaus nach dem Marktplatz, der sich über Nacht in einen Tannenwald verwandelt hatte.
An dem Fenster des Erdgeschosses in einem hohen Giebelhause lehnte der Rechtsanwalt Doktor Schwarz und ließ die stahlgrauen Augen sinnend hinausschweifen über das schemenhaft hin und herwogende Menschengewühl. Seit den letzten vier Wochen trat Schwarz täglich um dieselbe Stunde ans Fenster, wie auf einen Wachtposten, und fein ernstes blasses Antlitz nahm emen Ausdruck der Spannung an, bis sich die Haus- thüre öffnete. Aber jedes Mal schien er enttäuscht, wenn nur die alte Dienerin zum Vorschein kam, die mit emem kleinen Mädchen an der einen und dem Korb an der anderen Hand über die Straße da- hmtrollte.
Einmal hatte die Alte, wie magnetisch angezogen, dre Augen nach dem Fenster hinaufgewandt und zwar zu chrem Schreck dem forschenden Blick des ernsten Mannes begegnet. Seufzend, mit einem fliegenden
Nachdem der Minister des Innern H e r r f u r t h indirekt zugegeben hatte, daß es nicht Sache der Kreisblätter sein könne, Politik zu treiben, erwiderte Abg. Windthorst:
Ich bin erfreut, daß eigentlich prinzipiell der Herr Minister mir zugab, es sei nicht geeignet, daß die Amtsblätter politische Erörterungen enthalten. Er meint nur, er könne es nicht ändern, weil viele dieser Blätter Privat-Redakteuren gehörten, welchen diese amtlichen Bekanntmachungen zur Besorgung aufgegeben würden. Wenn es richtig ist, daß amtliche Bekanntmachungen gelesen werden sollen und gelesen werden müssen, so müssen sie dem Volke zugänglich gemacht werden in einer Weise welche andere Zwecke und Ziele ausschließt. Man möge doch generell anordnen, daß die Amtsblätter nichts Anderes enthalten sollen, als die zwei Kategorien, die der Herr Minister angegeben hat. Im Prinzip sind wir also einig: politische Nachrichten gehören nicht in die Amtsblätter und Kreisblätter! ich hoffe, daß der Herr Minister dafür sorgen wird, daß überall Kreisblätter sind, die keine politischen Erörterungen enthalten.
* Die deutschen und französischen Besitzungen an der Sklavenküste in Afrika bilden vom 15. März ab ein einheitliches Zollgebiet ohne Zwischenzollgrenze. Es werden in denselben also ein und dieselben Zölle erhoben. Der Verzollung unterliegen Genever, Rum, Tabak, Pulver, Gewehre und Salz. Alle übrigen Artikel sind zollfrei. Die Erhebnng der Zölle kann in deutschem, französischem und englischem Gelde erfolgen. Das neue Zollsystem wird zunächst für die Dauer eines Jahres eingeführt. Wenn es nach sechs Monaten nicht gekündigt wird, bleibt es weiter bestehen.
* Aus den bisher bekannten 69 Stichwahlen sind als gewählt hervorgeMngen: 6 Konservative, 11 Reichspartei, 13 Nationalliberale, 7 Centrum, 22 Freisinnige, 13 Sozialisten, 1 Hannoveraner, 6 Demokraten. — Nach der von der ,Franks. Ztg? auf Grund ihrer Drahtnachrichten aufgestellten Uebersicht dürfte sich bei dem Centrum Gewinn und Verlust die Wage halten. Die Freisinnigen haben bereits ihre alte Zahl erreicht, die Sozialdemokraten sind auf 30 Mandate gestiegen. Die Konservativen erleiden mäßige Verluste, die Nationalliberalen sehen aber jetzt schon die Aussicht schwinden, sich in den Stichwahlen auch nur bis zur Hälfte ihres Besitzstandes zu erholen.
* Das Resultat der Berliner Stichwahlen ist, daß die Freisinnigen diese vier Sitze behauptet haben. Im ersten Wahlkreis siegte Träger mit 8933 gegen den konservativen Rechtsanwalt Zeidler, der 5521 St. erhielt. Im zweiten siegte Virchow mit 24,949 gegen 23,378, im dritten Muuckel mit 13,633 gegen den Sozialdemokraten Wildberger mit 12,955, im fünften Baumbach mit 10,803 gegen den Sozialdemokraten Auerbach, der 7790 erhielt.
Roth auf den scharfgeschnittenen Zügen war Schwarz ins Zimmer zurückgeglitten, und als seine alte Haus- I hälteriu hereintrat, fand sie ihn, den Kopf aufgestützt, am Tische sitzen, in tiefen Gedanken verloren.
„Sind Sie unwohl Herr Doktor?" hatte sie mit einem Gemisch von Sorge und Verwunderung gefragt.
„Ganz wohl", war die Antwort. Und nach einer Weile: „Wißt Ihr vielleicht, wie die Dame heißt, die unlängst hier eingezogen? Sie hat zwei allerliebste Kinder", betonte er; „ich sehe sie fast täglich mit der alten Dienerin vorübergehen."
„Ach, Sie meinen die Dame im dritten Stock?" I staunte Gertrud mit einem verstohlenen Seitenblick in das Gesicht ihres Herrn. „Das muß eine junge Wittwe fein. Sie heißt Wallroth; ihre Lene nennt sie „meine gnädige Frau", also wohl die Wittwe eines Offiziers. Mit ihren Geldmitteln muß es aber nur knapp bestellt sein", fuhr Gertrud mit steigender Befriedigung zu berichten fort, denn das Interesse an ihren Mittheilungen stand ihrem Herrn ja deutlich I auf der Stirn geschrieben. „Sie ernährt sich Haupt- I sächlich von Handarbeit, so viel habe ich schon heraus- I gebracht", brüstete sie sich. I
Nach dieser kurzen Unterredung mit seiner Dienerin über die neuen Hausgenossen war der Doktor nie mehr auf letztere zurückgekommen. Allein für Gertruds Wißbegierde war sie ein Sporn gewesen, auf eigene Faust weiter zu spioniren. Hätte sie nur heute das
— Breslau. (Ostkreis.) Tutzauer (Soz.) mit 12,504 Stimmen gewählt. Seydewitz (K.) erhielt 12,109 Stimmen. — (Westbezirk): Vollrath (Fr.) gewählt mit 13,595, Kühn (Soz.) erhielt 13,280 Stimmen.
— Bielefeld. Die Wahl von Evers (C.) ist gesichert.
— Köln. Greiß (Centr.) 22,332, Lücke (Soz.) 11,893 Stimmen. Greiß gewählt. Das Centrum hat somit den Angriff der Sozialdemokraten mit glänzender Mehrheit zurückgeschlagen.
* Ein in den Annalen der Reichstagswahl noch nicht dagewesenes Ereigniß meldet der ,Franks. Ztg.' eine Privatdepesche aus D ü s s e l d o r f: absolute Gleichheit der auf die beiden Kandidaten, einen Sozialdemokraten und einen Centrumsmann, gefallenen Stimmen, Wenders (Centrum) 8187 und Grimpe (Soz.) 8187 Stimmen. Hier würde zum ersten Male das Loos zu entscheiden haben, wer den Kreis vertreten soll. In Hameln kam vor vielen Jahren einmal der Fall vor, daß eine Stimme Mehrheit die Wahl entschied, das Mandat wurde aber alsbald vom Reichstage für ungültig erklärt; der Loosurne ist unseres Wissens, sagt genanntes Blatt, noch kein Reichstagsabgeordneter entstiegen.
* In Bochum ist Freiherr v. Schorlemer-Alst gewählt worden.
— Duisburg. Hammacher (Kart.) mit 20,500 Stimmen gewählt. Lieber (Centr.) erhielt 17,600 St.
* Dortmund. Möller (Nl.) siegte mit 19,000 Stimmen gegen Tölcke (Soz.) der 16,000 Stimmen hatte.
* Wie die „Köln. Ztg." berichtet, sind seit Donnerstag auf den Saar^rückencr fiskalischen Bergwerken Arbeiterausschüsse eingeführt worden.
* In der Frage der Schulreform ist seitens der bayerischen Regierung die entschiedene Erklärung abgegeben worden, daß sie an der Pflege der klassischen Bildung ohne Einschränkung des Griechischen festhalte. Damit ist freilich die Frage auch für Bayern nicht aus der Welt geschafft.
* Ludwigshafen. Clemm (Nl.) bis jetzt ca. 11,000 St., Siben (C.) 9000 Stimmen. Einige Orte stehen noch aus.
— Lahr. Engler (Kart.) 8864, Schättgen (Cent.) 10,177 St. Letzterer gewählt.
— Mainz. Gesammtresultat: Racke (Ctr.) 9204, Jöst (Soz.) 9490). Es fehlen noch 2 nicht maßgebende Orte. Jöst ist gewählt.
Ausland.
* Paris, 1. März. Infolge von persönlichen Meinungsverschiedenheiten mit Tirard in der heutigen Gesicht ihres Herrn sehen können; heute während er klopfenden Herzens am Fenster lehnend einer schlanken, schwarz verschleierten Dame nachschaute, die im sack- [ artigen Trauermantel, unter dem sie etwas versteckt hielt, aus dem Hause getreten war und eilfertig über die Straße huschte. Die Thurmuhr der nahen Lambertikirche ließ neun harte, dröhnende Schläge fallen; sie schreckten Schwarz aus seinem Brüten empor; mit unterschlagenen Armen schritt er im Zimmer auf und ab.
„Ja, sie ist es, lieber Himmel", stöhnte Schwarz; „unter diesen Umständen, — wie ist's möglich?" Frösteld warf er sich in den Strohsessel am dickbauchigen Kachelofen, in welchem ein lustiges Holzfeuer prasselte. Mechanisch folgten seine Blicke dem blassen Feuerschein, der blitzartig zuckende Lichtsttahlen auf dem blankgebohnten Fußboden bis über den buntfarbigen dicken Plüschteppich tanzen ließ, daß seine verblichenen Rosen und Tulpen neu aufzublühen begannen. Und welche angenehme Wärme das Feuer verbreitete; nie empfand der Doktor der Behaglichkeit seines gemüthlichen Junggesellenheims wohlthuender, als bei einem Wetter wie heute, an diesem unfreundlichen Dezembertage.
Träumerisch blickt er umher; jeder Gegenstand dieses behaglich eingerichteten Gemach's führt eine beredte Sprache, die nur er, er allein versteht. Wohin das Auge fällt, gewahrt es einen Markstein der Erinnerung, welcher eine Station mehr bezeichnet, die der Besitzer