hat deren weit mehr als irgend eine Partei — die Wähler meist sich nicht so rege betheiligt haben, als wenn eine besonders brennende Frage bei den Wahlen vorliegt. Auch 1881 und 1884 war das schon der Fall, wie die obigen Zistern ergeben. Die freisinnige Stimmenzahl ist gegen 1887 um 202,561 Stimmen die Stimmenzahl der Sozialdemokraten um 567,405 (1 341,587 statt 774,182), die Stimmenzahl der Volks- pa'rtei um 22,066 und diejenige der Wilden um 71,206 gewachsen. Der Rückgang der Stimmen bei den 3 Kartellparteien beträgt rund eine Million, nämlich 999,163 Stimmen, wovon auf die Konfervativen 274,858, auf die Freikonservativen 235,259 und aus die Nationalliberalen 489,046 verlorene Stimmen entfallen. Das ist hart und die ,National-Ztg.' macht die tollsten Sprünge, Manches zu vertuschen. Um eine ihrer Illusionen sosort zu zerstören, konstatirt die ,Germania', daß das Centrum dieses Mal gleich im ersten Wahlgange weit weniger Stimmen sür die Freisinnigen abgegeben hat, als das 1887 geschehen.
* Das Abgeordnetenhaus verwies heute nach längerer Debatte den Gesetzentwurf betr. die Unterhaltung der nicht schiffbaren Flüfse in der Provinz Schlesien an eine 21r Kommifsion. Fast alle Redner sprachen sich gegen die in dem Gesetzentwurf vorgesehene Belastung der Kreise aus. Minister Freiherr von Lucius betonte, daß die Regierung Verbesserungen der Vorlage gern annehme. Der schlesische Provinzial- landtag habe sich bereits mit der Vorlage befaßt und sie für annehmbar erklärt. Der Regierung liege vor allem daran, die bereiten Mittel zu Flußregulirungen zu verwenden. Bei der Abstimmung über die Novelle zum Beamten-Pensionsgefetz ergab sich Beschlußunfähigkeit des Hauses. Montag 11 Uhr: Justizetat.
* Die am vorigen Samstag aus Berlin wegen Mangels eines Passes ausgewiesenen beiden Führer der belgischen und holländischen sozialdemokratischen Partei sind wieder nach Berlin zurückgekehrt. Den Bemühungen der belgischen und holländischen Gesandten, an welche die Sistirten sich gewandt, gelang es, dieselben mit Pässen zu versehen. Die beiden Fremdlinge gedenken sich hier noch einige Zeit aufzuhalten.
* Der von der deutschen Kolonial-Gesellschaft für Südwest-Afrika beabsichtigte Verkauf des Haupt- theiles ihrer Besitzungen in Südwest-Asrika ist hinfällig geworden. Der Reichskanzler hat als Aufsichts- Behörde der gedachten Gesellschaft durch Reskript vom 25. d. M. erklärt, daß er nach eingehender Prüfung der Sache aus wirthschaftlichen und politischen Gründen nicht in der Lage sei, die Genehmigung zum Berkaus an das holländisch-englische Konsortium zu ertheüen.
* Münster, 27. Febr. Der westfälische Pro- vinMllmchta^.beWMt^h^.stiMprM MMWW amten. Die dadurch entstehende Mehrausgabe beträgt 65,000 Mark.
* Mainz, 27. Febr. Domkapitular Dr. Mou- sang, welcher schon längere Zeit leidend war, ist heute Morgen 1la4 Uhr gestorben. Die ,Germania' widmet dem Dahingeschiedenen folgenden tief empfundenen Nachruf:
Das katholische Deutschland hat wieder einen seiner hervorragendsten Vertreter und Vorkämpfer verloren: Regens Christoph Moufang ist heute früh nach langer Krankheit in Mainz selig im Herrn entschlafen, und wird am Freitag Mittag beerdigt werden. Wenn man einstens die Kirchengeschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert schreibt und dabei zur Schilderung dessen kommt, was insbesondere im 6. und 7. Jahrzehnt von katholischer Seite angestrebt und geschaffen wurde, dann wird in erster Reihe auch der Name des Mainzer Seminar- Regens Moufang glänzen. Er war geboren den 12. Februar 1817 zu Mainz, studirte zu Bonn (namentlich unter Professor
Klee), München und Mainz und wurde 1839 zum Priester geweiht. Nachdem er mehrere Jahre hindurch zu Seligenstadt, Bensheim und Mainz in der Seelsorge thätig gewesen, wurde er zu Ostern 1851 durch Bischof Ketteler zum Regens des Mainzer Priesterseminars und zum Professor der Moral und Pastoral ernannt. Andere Auszeichnungen und Würden wurden ihm von dieser Zeit ab in reichlichem Maße zu Theil. Im Jahre 1854 ward er ins Domkapitel berufen, 1855 zum Ofsizial- rath ernannt, seit 1862 als Vertreter seines Bischofs in der ersten Kammer der hessischen Stände bestimmt, 1864 zum Dr. tbeol. hon. c. von Würzbnrg creirt, 1839 als Konsultor für die Vorarbeiten des vatikanifchen Konzils nach Rom berufen, 1871 zum Mitglied des Reichstags in Mayen gewählt. Seine wichtigeren Schriften (sämmtlich bei Kirchheim) sind: Die Barmherzigen Schwestern (1842), der Jnsormativ-Prozeß beiden Bischofswahlen (1850), Officium divinum, in vielen Auflagen und vielen Tausenden von Exemplaren verbreitet, das Verbot der Ehen zwischen nahen Verwandten (1863), die katholischen Pfarrschulen in der Stadt Mainz (1863), die Kirche und die Versammlung katholischer Gelehrten (1864), die Handwerkerfrage (1864), Kardinal Wiseman und seine Verdienste um Wissenschaft und Kirche (1865), Aktenstücke betreffend die Jesuiten in Deutschland (1872). Seit 1850 führte Moufang mit Heinrich die Redaktion der Mainzer Monatsschrift: Der Katholik, Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben. Die zahlreichen Reden und Predigten, welche im Druck erschienen sind, können nicht alle aufgezählt werden. In seiner langjährigen Wirksamkeit als Regens hat Moufang unsäglich viel Gutes gewirkt. Das Mainzer Seminar ist vorzugsweise durch ihn eine Schule der Wissenschaft, eine Pflanzstätte des Charakters, eine Quelle priesterlichen Lebens geivorden. Viele hundert ehemalige Alumnen aus den Bisthümern Mainz, Limburg, Freiburg, Speier, Köln, selbst aus der Schweiz u. s. f. segnen sein Andenken und gedenken mit Liebe des Mainzer Seminars, wo ihnen die unverlöschliche Liebe zur Kirche eingeflößt worden ist. Weit über die Grenzen seines engeren Berusskreises ging das Wirken dieses seltenen Mannes. Wer hat ihn reden hören auf einer der zahllosen kath. General-Versammlungen ut den verschiedensten Gegenden Deutschlands, ohne daß er begeistert wurde für die gemeinsame Sache der Wahrheit, der Freiheit und des Rechts? Wer hat seine umfassende Wclterfahrung, seinen bewundernswerthen Scharfblick, seine vielseitige Vereinsthätigkeit kennen gelernt und ist nicht mit Ehrfurcht gegenüber diesem großen und doch so einfachen Manne, an dem jeder Zoll ein Priester, erfüllt worden? Das katholische Deutschland feierte mit Recht in ihm den gesuchten Kanzelredner, den Rathgeber für Hoch und Niedrig, von Nah und Fern: den Mann, der mit hinreißender Kraft "die Zuhörerschaft für seine großen Ziele zu begeistern vermochte. Allen, die ihm je näher getreten, bleibt der Mainzer Regens ins Herz geschrieben als ein leuchtendes Vorbild. In die politische Arena trat Moufang ein, da er seit 1863 Vertreter des Bischofs von Mainz in der ersten darmstädtischen Kammer wurde, und seit 1871 sich in den deutschen Reichstag wählen ließ und dort natürlich der Centrumspartei beitrat. Er vertrat im Reichstage 1871—1873 den 5. Wahlkreis des Regierungsbezirks Koblenz (Mayen-Ahrweiler), 1874—1881 den 9. Wahlkreis des Großherzogthums Hessen (Mainz), seitdem Wipperfürth- Mühlheim. Bei der jetzt eben beendigten Reichstagswahl nahm er, seit langem ernstlich erkrankt, kein Mandat mehr an.
Ausland.
Wien, 26. Febr. Wie in Montenegro, so herrscht jetzt auch in der Herzegowina eine große Agitation, um die griechisch-orthodoxe Bevölkerung zu einer Massen- glöRs'msi^s^Mo dÄei^arl^^anslavistn'che Einflüsse im Spiele. In hiesigen Regierungskreisen sieht man dieser Bewegung ruhig zu und ein offiziöses Organ erklärt sogar, daß man die Leute gerne ziehen läßt, weil damit die unruhigen Elemente ans den okkupirten Provinzen beseitigt würden.
* In Wien hat jetzt eine englische Gesellschaft eine Reihe von Druckereien, Papiergeschäften und Fabriken angekauft, um damit eine Art Monopol auszuüben. In letzter Zeit wurde mit Vorliebe englisches Kapital in Oesterreich investitirt.
* In Nordböhmen wird jetzt von gewissen Deutschthümlern ein großer Terrorismus gegen die Katholiken geübt. So wurde in Schönlinde, weil dort ein kath. Volksverein gegründet wurde, von dieser Seite sogar mit Verweigerung des Kirchenbesuches und Austritt aus der Kirche selbst gedroht.
Gattin und meine Kinder — die Schande würde sie tobten, so befürchtete ich, wenn sie von der grausigen That vernähmen. Wenn ich den wirklichen Hergang vor Gericht darlegte, so dachte ich, würde man mir höchstwahrscheinlich keinen Glauben schenken; deßhalb weigerte ich mich, meinen Namen anzugeben, und während man mich in Mexiko bei einem Schiffbruche umgekommen wähnte, war ich in Paris verurtheilt, ohne daß man meinen Namen kannte."
Charles und Klara saßen sprachlos vor Erstaunen da, und ebenso vermochten auch die übrigen Anwesenden ihre Bewegung kaum zu verbergen.
Ronstau saß düster und schweigend da und stierte vor sich hin — welche unheimliche Gedanken mochten sich nur in seinem Hirn kreuzen?
Für ihn war jetzt alles zu Ende — keine Spur von Hoffnung gab es mehr für ihn.
In der That — das gestand er sich ein — gähnte eine unübersteigliche Kluft zwischen ihm und Klara, und er glaubte wahrzunehmen, wie diese Kluft sich mit jeder Minute erweiterte.
Mit einer gewissen Neugier lenkten sich aller Blicke auf ihn, aber er achtete kaum darauf.
Er dachte an sein verlorenes Leben, und bisweilen umspielte ein cynisches, bitteres Lächeln seine blaffen Lippen.
Er war sich darüber klar, was ihm zu thun übrig blieb — und der Entschluß stand bei ihm fest, dies zu thun ohne einen Augenblick zu zögern.
Wozu sollte er noch lange einen doch erfolglosen Kampf führen? Er war besiegt.
Die Heirath mit Klara, das letzte Rettungsbrett,
welches sich ihm darbot, entschlüpfte ihm — er mußte zu Grunde gehen.
Plötzlich frug Charles mit zitternder Stimme:
„Du bist damals verurtheilt worden, Vater?"
„Ja, zu zwanzigjähriger Zwangsarbeit."
„Und was hast Du gethan?
„Ich bin geflohen."
Aufmerksam horchten die Anwesenden abermals auf, während der Greis fortfuhr:
„Ich wollte dieses Geheimniß in meinem Herzen verschlossen halten und es mit mir ins Grab nehmen. Ich glaubte, daß Niemand, besonders Ihr beide, jemals erfahren würdet, daß der Mann, dem Ihr das Leben verdanket, von den Gesetzen des Landes verurtheilt und geächtet sei."
„Aber Du wärest doch nicht schuldig?"
„Gewiß nicht — aber konnte ich meine Unschuld beweisen, kann ich dies jetzt? Ich müßte dazu diese unglückliche Quittung besitzen."
Ich glaube, daß ich diese Quittung besitze, Vater!" sagtö Klara, sich erhebend.
„Wirklich — wirklich?" frug der Greis freudig erregt.
„Ja, ich habe sie vor langer Zeit in einem Arbeitskasten wieder gefunden und ich habe sie immer verwahrt, ohne zu ahnen, daß sie uns eines Tages noch einen so großen Dienst leisten werde. Die Unterschrift konnte ich nicht entziffern, aber Du wirst dieselbe jedenfalls wiedererkennen."
„Geh' und hole die Quittung, meine Tochter," sagte der Greis mit klopfendem Herzen.
(Schluß folgt.)
* Die Untersuchung gegen die bulgarischen Verschwörer Panitza und Genossen hat ergeben, daß russische Einflüsse dabei sehr wesentlich thätig gewesen sind. Für den Fall des Gelingens der Verschwörung war die Ernennung eines Generaladjutanten des Zaren zum Diktator Bulgariens in Aussicht genommen.
* Die schwedischen Kammern haben die Regierung ersucht, die Handelsverträge mit Frankreich und Spanien zu kündigen, so daß dieselben nach Ablauf von zwei Jahren außer Kraft treten würden.
* Die B oulangisten sind in der Auswahl zugkräftiger Agitationsmotive nicht penibel. Sie versuchen es mit Allem, mit dem Chauvinismus, Antisemitismus und neuerdings auch mit dem Sozialismus. Sie spielen sich jetzt als Sozialisten auf und sagen den Arbeitern, daß deren Forderungen auch die ihrigen wären.
* In England droht abermals ein Riesenstrike. Die Bergarbeiter des nördlichen Englands haben Lohnerhöhungen verlangt, welche abgelehnt worden sind. Wenn die Arbeiter auf ihren Forderungen bestehen, ist ein Ausstand zu befürchten, der nicht weniger als 350,000 Arbeiter umfassen würde.
* Um die großen Ueberschüsse, welche Nordamerika seit Jahren im Staatsbudget aufweist, etwas zu verringern, sollen jetzt neue Steuererleichterungen eintreten, gleichzeitig gehen die Rückzahlungen der Staatsschulden fort, so daß in 8 Jahren sämmtliche Kriegsanleihen getilgt sind und Nordamerika schuldenfrei ist. (So was kommt bei uns nicht vor!)
* Die Leiden der russischen Katholiken.
Von den griechisch-katholischen Familien, welche aus Podlachien nach dem orenburger Gouvernement deportirt wurden, weil sie der Propaganda, welche sie dem Schisma zuführen wollte, widerstrebten und von ihrer geistigen Verbindung mit der römisch-katholischen Kirche nicht lassen wollten, sind neuerlich Briefe eingelaufen, welche die Fortdauer ihrer Leiden schildern. Den größten Schmerz bereitet den verbannten Katholiken die Unmöglichkeit, eine katholische Kirche zu besuchen, das Wort Gottes zu hören und die Tröstungen ihrer Religion zu empfangen. In jenen Gegenden giebt es nur in Orenburg eine katholische Kirche, und jene deportirten Unirten, welche es dahin noch am nächsten haben, hätten doch eine Reise von 200 Werst (IWerst ist stark 1 Kilometer) zu machen, um den geweihten Boden eines Gotteshauses ihrer Religion zu betreten. Dieses Glück wird daher selten Jemandem von den Verbannten zu Theil. Auch die materielle Lage derselben ist fortdauernd eine bejammernswerthe. Bekanntlich wollte die russische Regierung, daß sich die SKnrfinn«<-»iT in Son NovkmnnnngSorten ansiedclrr tollten und sie bot ihnen Gelegenheit dazu. Allein diese fürchten, daß, so bald sie im orenburgschen Gouvernement ansässig sind, die Hoffnung, in die Heimath zurückzukehren, für sie völlig verschwinden, und daß endlich und schließlich der Anfall an die schismatische Kirche unvermeidlich werden würde. Zwar die Erwachsenen sind zu glaubesstark und zu sehr erprobt in den Versuchungen, aber allerdings dem Nachwuchse droht Gefahr, wenn die Aelteren nicht mehr da sind. Aus diesen Gründen haben die verbannten Katholiken die angebotenen Grundstücke abgelehnt und führen ein entbehrungsvolles Leben. Da die Einheimischen sie nicht ins Quartier nehmen wollten, so verbrachten die Deportirten den Sommer zum Theil unter freiem Himmel, allen Unbilden des Wetters ausgesetzt. Dies und die mangelhafte Ernährung brachten es mit sich, daß unter ihnen der Hungertyphus ausbrach und viele Opfer forderte. Da ein katholisches Begräbniß mit geistlicher Begleitung nicht möglich ist, so begruben die Verbannten, mit Umgehung der Popen, ihre Todten selbst. Für die Wintermonate wurden den Unglücklichen die Gemeindestuben als Wohnung angewiesen. Da die Verbannten nun schon seit zwei Jahren im Orenburgschen Gouvernement zurückgehalten werden und oft genug hungern, hat sich die Regierung endlich entschlossen, ihnen für drei Monate ein Kostgeld auszahlen zu lassen. Allein, da man verlangte, daß jeder seine eigenhändige „Unterschrift gebe, so vermutheten manche Deportirte eine List dahinter, und nahmen weder das Geld, noch gaben sie die Unterschrift. Ein Pope bot jedem Hungernden ein Stück Vrod, wenn sie in die griechisch-orientalische Kirche gehen würden; aber sie antworteten: „Wir haben Dir ja nicht geklagt und auch nicht den Wunsch ausgesprochen, in die Cerkew (schismatische Kirche) zu gehen. Glaubst Du etwas auszurichten, wenn Du uns wie kleine Kinder mit Näschereien lockst?" Das traurige Loos einiger Familien wurde dadurch etwas gemildert, daß in den polnischen Ländern ein Geldbetrag gesammelt und den Unglücklichen zugesandt wurde. In einem der Briefe sagt der Verfasser, daß nach seinen Beobachtungen ein Jahr katholischer Missionen hinreichen würde, um ganz Rußland in den Schooß der römischen Kirche zurückzuführen. So sehr fühlt man sich von den schrecklichen Zuständen, welche die schismatische Kirche und das brutale Regiment in Rußland bewirken, abgestoßen. Allein noch ist dieses Regiment, wenn auch durch den Nihilismus geschwächt, doch durch die Gewalt der Bajonnette gestützt. Der blinde Haß der regierenden Stockrussen gegen die katholische Kirche hat in dm