JM 44.
Sonntag, den 23. Februar 1890.
17. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. - m — » Druck u SR.rfnr, h,r stnOm..
Reichenbach-Neurode verloren, und auch dort kommt ein Sozialdemokrat mit einer anderen Partei in die Stichwahl. Aber das Centrum hat relativ und absolut schon heute mehr Kreise behauptet, wie irgend eine andere Partei, hat an mehreren Stellen durch Mandats- oder Stichwahl-Croberung Fortschritte gemacht, wird mindestens mit der alten Zahl der Mandate wiederkehren und hat an Wählerzahl zweifellos, besonders in Baden zugenommen. — Die Hauptsignatur der Wahlen ist aber das gewaltige Anwachsen derSozialdemokratie. Wir haben schon vor drei Monaten gesagt, die Sozialdemokratie werde bei den bevorstehenden Wahlen eine Million Stimmen überschreiten. Sie ist weit darüber hinausgekommen. Das kann man schon jetzt sagen, obgleich ja aus manchen Wahlkreisen noch erst Theil- resultate vorliegen. Aber die Sozialdemokratie hat bereits rund 20 Mandate und steht noch in mehreren Dutzend Wahlkreisen zur Stichwahl. Berlin unter I Anderem ist eine sozialdemokratische Stadt geworden. Mehr als die Hälfte aller Stimmen ist sozialdemokratisch, während das Kartell auf weniger als die Hälfte von 1887 zurückgegangen ist. Rückgang der Regierungsparteien und Stei gen derSozialdemokratie wird fort und fort die Signatur der Entwickelung deutschen Volkslebens und in Folge davon der Wahlen sein, wenn wir nicht endlich statt des Opportunismus eine grundsätzlich christliche Politik
I thums eine ernste fruchtbare soziale Gesetzgebung erhalten. In diesem Zeichen kann unser junger Kaiser, dem die bittere Erfahrung dieser Wahlen im Anfang der Regierung geworden, schon bald wieder siegen und das deutsche Volk in immer größerer Mehrheit wieder um sich sammeln. Anders aber gehts nicht — das ist unsere heilige Ueberzeugung.
* Das vorläufige politische Gesammtergebniß der Reichstagswahl läßt sich nach dem ,Schw. Bl/ dahin zusammenstellen, daß nach Besiegung des Kartells wiederum das Centrum die ausschlaggebende Partei im Reichstage sein wird. Wenn sich nichts mehr an den Wahlresultaten ändert, dann gibt es künftig eine Abwehrmehrheit zwischen Centrum, Deutschfreisinn, Polen, Deutschhannoveranern, Elsässern und Sozialdemokraten; eine zweite Mehrheit ,für positives Schaffen zwischen Centrum und Conservativen. Danach würden die Nationalliberalen wieder das fünfte Rad am Wagen werden. Hoffentlich bleibt es dabei!
* Das Centralorgan der Centrumspartei, die »Germania' schreibt unter der Spitzmarke: „Zusammenbruch der Bismarck'schen inneren Politik" über den Ausfall der Reichstagswahlen u. A. Folgendes: „So hat denn das deutsche Volk geurtheilt und — verurtheilt. Die Verurtheilung ist definitiv, denn eine Auflösung des neuen Reichstags würde das gestrige Resultat nicht nur bestätigen, sondern nach unserer festen Ueberzeugung sogar noch verschärfen. Und die Verurtheilung ist gründlich, denn die Kartell- mehrheit ist zerstört, die Sozialdemokratie ist nicht nur gewachsen, sondern furchtbar gewachsen, relativ und absolut stärker gewachsen wie bei irgend einer der Wahlen nach dem Sozialistengesetze. Das sind, neben Dem, was wir gleich von unserm, allein von allen alten Parteien, als „unüberwindlicher Thurm" bewährten Centrum und den ebenfalls verstärkten kleinern Oppositionsparteien sagen werden, die entscheidenden Züge der gestern gethätigten Wahlen. — Das Kartell, die Frucht jahrzehntelanger Bismarck'scher Mühe und politischer Erziehung, 1887 endlich ganz nach Wunsch zu Stande gekommen, j und siegreich durch eine geringe Mehrheit der Mandate, wenn auch nicht durch die Mehrheit der Wähler,
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• r' , J5 E Zerstörung der Mehrheit nothrg ist. Das und statt des offenen oder opportunistischen Manchester- vielgeschmahte Centrum aber geht mlndestens mit ' ~
der gleichen Zahl der Mandate aus den Wahlen hervor. Christliche Grundsätze also und chrliche und gründliche soziale Arbeit also haben, wie wir immer behauptet, doch noch Geltung beim deutschen Volke, das vom Opportunismus auf allen idealen und vom Manchesterthum und wichtig thuendem Scheinwesen auf sozialem Gebiete in Massen sich abwendet. Auch m den Wahlkreisen des Centrums zeigen sich, wie wir es in unserer Artikelserie über die Sozialdemokratie vor drei Monaten theils schon ziffermäßig nachwiesen, theils voraussagten, die Anfänge der Sozialdemokratie an Stellen, die früher sozialistenfrei waren, in einigen Wahlkreisen ist die Ziffer der Sozialdemokratie sogar stark angewachsen und das Centrum muß z. B. in Düsseldorf und Köln Mandate, die es, wenn zum Theil auch erst durch Stichwahl besessen, in Stichwahl vertheidigen, verliert vielleicht München II. oder kommt auch dort in die Stichwahl, hat das 1887 in Stichwahl gewonnene
; I * Nach den bis heute Abend eingegangenen Nachrichten waren 141 Wahlresultate bekannt, davon nur 72 endgiltige. In den 69 übrigen Wahlkreisen müssen Stichwahlen stattfinden. Am meisten Verluste haben die Nationalliberalen erfahren. Am meisten gewonnen haben die Sozialdemokraten, von denen 20 bereits definitiv gewählt sind, während 33 noch zur Stichwahl stehen. Bei den übrigen Parteien sind, soweit sich jetzt schon ein Bild gewinnen läßt, die Veränderungen nicht sehr groß. Das Centrum wird sich in der alten Stärke behaupten.
* Gelegentlich der Verkündigun g desWahl- r e s u l t a t s im 4. Berliner Wahlkreise kam es zwischen Sozialdemokraten und Schutzleuten zu einem Zusammenstoß. Ein junger Mann war unter das Pferd eines reitenden Schutzmannes gerathen, worauf die Menge die Schutzleute angriff. 'Ein Schutzmann wurde vom Pferde gerissen und erlitt dabei einen kom- plizirten Bruch des Unterschenkels. Auch aus Frankfurt a. M. wird ein Wahlexzeß gemeldet, wobei mehrere Schutzleute Mißhandlungen erlitten.
* Die Deutschfreisinnigen haben in vielen Wahlkreisen Stimmenzuwachs. Sie verlieren bis jetzt Bremen und Halle, aber sie stehen in recht vielen Wahlkreisen mit guten Aussichten zur Stichwahl, so daß sie aller Wahrscheinlichkeit ihre alte Mandatsziffer behaupten, vielleicht sogar etwas gewinnen.
* Der ,Voss. Ztg.' geht aus Bern folgendes Tele- | gramm zu: Mit Rücksicht darauf, daß die Berliner Konferenz keine diplomatische, sondern eine fachmännische sein wird, und daß deren Programm nicht allein Gewerbsarbeiter- und Ausstandsfragen umfassen, sondern dem Berner Programm sehr ähnlich, wenn nicht gar weitgehender als dasselbe sein und bereits im März stattfinden soll, wird wahrscheinlich die Berner Konferenz vertagt bezw. ganz abgesagt werden.
* Eine Aeußerung des Kaisers betreffs der Arbeiter-Frage zum Grafen W a l d e r s e e wird dem Stuttgarter ,Neuen Tageblatt', angeblich auf Grund eines nach Heidenheim gerichteten Privatbriefes des Grafen, berichtet. Dieselbe lautet: „Ich halte es für Meine heilige Pflicht, hier helfend einzugreifen. Was daraus werden wird, weiß Ich nicht. Ich wünsche aber, dereinst nicht den berechtigten Vorwurf zu bekommen, daß Ich etwas unterlassen habe."
* Lieutenant Herold in Köln geht im Auftrage des Auswärtigen Amtes nach dem Togo-Gebiete und übernimmt die Station Bismarckburg.
Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne.
Diese Heirath war unmöglich, um jeden Preis mußte sie vereitelt werden.
Aber auf welche Art und Weise?
Was konnte er, ein armer, unbekannter Mann, dazu thun?
Er mußte sich zu erkennen geben!
Aber nein, daran konnte er nicht denken, ohne zu zittern.
Er glaubte die Spur des warmen Blutes auf seiner Hand wieder zu fühlen . . .
Sollte er ihnen mittheilen, daß sie die Kinder eines I Mörders seien?
Und wenn auch, so würden sie doch seiner Erzählung keinen Glauben schenken, wenigstens nicht glauben, daß er unschuldig sei . . .
Und wenn Zweifel bei ihnen auftauchten, wie bei der Justiz.
Dazu würde Ronstau jedenfalls seinen Vater rächen wollen; er würde ihn jedenfalls bei der Polizei an- I Zeigen und er selbst würde vor ihren eigenen Augen abermals verhaftet und in Ketten geschlossen werden.
Was thun — was sagen?
Der Unglückliche befand sich in tausend Stetigsten. Mit großer Verwunderung betrachtete Klara ihn und gewahrte auf seinen verstörten Gesichtszügen seine hef- tigen Gemüthsbewegungen, sein vor Schrecken erfülltes Auge . . .
Weshalb mochte nur die Nachricht von ihrer Vermählung diesen Mann, der ihr gänzlich unbekannt war, so sehr erregen?
Sie wußte ebenfalls nicht, was sie denken oder sagen sollte.
Fast fühlte sie etwas wie Furcht, und gespannt harrte sie der weiteren Erklärungen des Mannes.
Er aber stand da einer Bildsäule gleich und sprach I kein Wort.
Endlich brach sie zuerst das drückende Stillschweigen und sagte:
„Erklären Sie sich näher mein Freund!"
„Nein, nein," antwortete er rasch, „ich kann mich
I nicht näher erklären!"
Dann setzte er nach einer Pause hinzu:
„Weshalb heirathen Sie diesen Ronstau? Lieben Sie ihn?
Starr blickte sie ihn an, ohne zu antworten, während er in ihrem Blicke las, wie erstaunt sie sein mußte, über diese seine Frage, die ein Fremder an sie richtete, welchen die ganze Sache nichts anging.
Er gewahrte, daß sie sich anschicken wollte, sich zurückzuziehen und ihn allein zu lassen wie einen alten Narren, für welchen ihn das Mädchen halten mußte.
„Verzechen Sie, Fräulein", sagte er deshalb in tiefster Erregung und größter Angst, „was mich beseelt, ist einzig und allein, Jhnm nützlich zu sein — ich mochte Sie glücklich machen und möchte nicht, daß auch nur eme einzige Thräne Ihr Auge verdunkle."
Fast ohne es zu wollen, war er bei diesen Worten vor Klara auf die Kniee gesunken — sein ganzes Wesen schien in unendlicher Liebe zu zerschmelzen.
Unwillkürlich fühlte sich Klara tief bewegt.
Ihr Auge war jetzt nicht mehr hart oder gleich-
Deutsches Keich.
Berlin, 21. Februar.
Danielas Geheimniß.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(37. Fortsetzung.)
»Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten, lieber Freund," antwortete sie kopfschüttelnd", indeß können weder Sie noch sonst Jemand mir Trost in meinem Leide bringen."
„Man will Sie zwingen, Jemanden zu heirathen, den Sie nicht ließen ?"
„Niemand zwingt mich," antwortete sie nach einigem Besinnen. „Ich bin genöthigt, Herrn Ronstau zu heirathen, um meiner Ehre willen ..."
„Ronstau!" rief der Greis aus, während seine Augen wie glühend leuchteten und seine Gestalt sich wie ge- spensterhaft hoch aufrichtete. „Ronstau, sagen Sie?"
„Freilich — kennen Sie Herrn Ronstau vielleicht ?"
„Ob ich ihn kenne?" wiederholte er, indem er sich vernichte, ruhig zu bleiben. „Sie meinen ja Ronstau, den Sohn des Banquiers?"
„xtn der That war sein Vater Banauier," gab Klara zur Antwort.
„Auf dem Boulevard Sebastopol wohnte er?“
»So viel ich weiß, ja."
Der Greis zitterte an allen seinen Gliedern.
«r war bleich wie eine Wand geworden.
»a toar ^in Zweifel mehr möglich — er war es!
aier, sollte jetzt seine eigene Tochter heirathen!
„.r <m verbrechen hatte also noch nicht volle Sühne ihm » Cn toaS Orderte das Geschick noch mehr von