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Samstag, den 22. Februar 1890

17. Jahrgang

uldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Deutsches Keich.

Berlin, 20. Februar.

* Die Stichwahlen sollen am 28. ds. stattfinden.

* Die Kartellblätter, welche noch vor kurzem sehr siegesgewiß schienen, sind in den letzten Tagen sehr kleinmüthig geworden und haben jetzt wenig Ver­trauen auf ihre Sache, nachdem erstens die erwartete Kundgebung der Regierung für das Kartell ausge­blieben ist und zweitens unter den beiden Kartell­parteien große Differenzen bestehen. Angesichts der Wendnng in der inneren Politik scheint man sich in Regierungskreisen bereits mit der Eventualität vertraut zu machen, daß keine Kartellmehrheit aus den Wahlen hervorgeht.

* Nunmehr wird auch offiziös zugegeben, daß Fürst Bismarck sich mit dem Gedanken trage, vom Präsi­dium des preußischen StaatsMinisteriums zurück­zutreten und sich dergestalt von den Geschäften zu er­leichtern. Es fragt sich jetzt nur, wer an die Stelle des Kanzlers treten und den Vorsitz im Ministerrathe werde. Allgemein nimmt man an, daß Kultusminister v. Goßler hierzu ausersehen sei. Die auswärtigen An­gelegenheiten wird der Kanzler auch fernerhin für sich behalten und jedenfalls zu Lebzeiten die Leitung der Reichspolitik nicht aus der Hand geben.

* Die Garnison von Berlin wurde heute Nach­mittag vom Kaiser allarmirt und rückte alsbald nach dem Tempelhofer Felde aus. Eine zahlreiche Menschen­menge begleitete die Truppen dorthin, um dem militärischen Schauspiel, das sich entfalten sollte, anzuwohnen.

* Der .Staatsanzeiger' publizirt heute die Ernen­nung des Unterstaats-Sekretärs im Kultusministerium, Nasse, zu Berlin zum Oberpräsidenten der Rheinpro­vinz, des Direktors im Kultusministerium, Dr. Bark- h aus en, zum Unterstaats-Sekretär in diesem Mini­sterium, und des Geheimen Ober-Regierungsrath Dr. Bartsch zum Direktor in demselben Ministerium und zum Wirkt. Geh. Ober-Regierungsrath mit dem Range eines Rathes erster Klasse.

* Von Interesse ist eine vom Generalstabsarzt Dr. v. Coler verfaßte Abhandlung über den Stand der Influenza-Epidemie. Aus derselben wird mit- getheilt, daß von der Influenza-Krankheit folgende Garnisonen vollständig befreit blieben: Jüterbogk, Gör­litz, Liegnitz, Gleiwitz und einige kleinere Orte.

* Aus Liegnitz und Magdeburg laufen Berichte ein über tumultuarische Versammlungen in Folge sozial-

Daniel's Geheimnis.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(36. Fortsetzung.)

19.

Der Greis, welchen man im Hotel des Serves aus­genommen hatte, war so zu sagen vollständig geheilt. Jndeß begann seit dem Zeitpunkte seiner körperlichen Genesung und seitdem er sich wieder im Stande ge­fühlt hatte, seine Gedanken einigermaßen zu sammeln, sein moralisches Leiden, das jetzt an die Stelle der körperlichen Schmerzen trat . . . Wie wir bereits bemerkten, hatte man sich wenig um ihn bekümmert, seitdem das plötzliche Verschwinden Georges de Fres- nieres das Hotel de Serves in so große Trauer ver­setzt hatte. Klara beschäftigte sich nur mit ihrem Lebens­glücke, das sie gebrochen sah, und Charles dachte nur daran, den seiner Schwester zugefügten Schimpf zu rächen. Er brachte seine ganze Zeit damit zu, den Advokaten zu suchen und Erkundigungen über ihn ein­zuziehen. Er hatte indeß nichts weiteres in Erfahrung gebracht, als das, was Ronstau ihm mitgetheilt hatte und was die Zeitungen berichteten. Demzufolge hatte sich der Advokat mit einer Dame auf und davon ge­macht, welche in Geschäftsangelegenheiten einige Male bei ihm gewesen war und deren schöne Augen ihn be- thört hatten. Uebrigens war diese Dame in ganz Paris bekannt, und Charles selbst hatte sie mehrere Male gesehen, wobei ihm ihre Schönheit aufgefallen war. Sie führte den Titel einer Gräfin und war mit einem Ausländer verheirathet, welcher seitdem verschwunden

demokratischer Störungen. In beiden Fällen mußte Militär einschreiten und gab es Verwundete. Die Sozialdemokratie hat mit ihrer Taktik, Tumulte bei den Versammlungen anderer Parteien hervorzu­rufen, bisher nur Unwillen erregt und ihrer eigenen Sache geschadet. In Berlin hat die Partei während der Wahlbewegung sehr eifrig agitirt und zahlreiche Versammlungen abgehalten, so daß die ,Kreuzztg.' kürzlich sich sehr besorgt zeigte über das Wachsthum der Sozialdemokratie und die Unthätigkeit der konser­vativen Parteien.

* Auf Grund telegraphischer Mittheilungen über die Reichstagswahl, wie sie der .Frankfurter Zeitung' bis jetzt zugegangen sind, saßt genanntes Blatt das Wahlergebnis dahin zusammen, daß die einzige Partei, welche keinen Verlust zu verzeichnen habe die Sozialdemokratie sei. Vielmehr sei das Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen geradezu aufsehen­erregend. Bei dem Freisinn, so fährt das Blatt wei­ter, werden die Verluste unzweifelhaft durch Erobe­rungen auf Kosten des Kartells wett gemacht werden, die Volkspartei hat Aussicht, in Württemberg und Bayern Sitze zu gewinnen; in Kaiserslautern wird sie mit dem Führer der Nationalliberalen, Herrn Miquel, in engerer Wahl sich zu messen haben. So stehen nach dem Ueberblick, den die ersten Stunden gestatten, die Dinge. Die Parole: „Gegen das Kartell" hat ihre siegreich e Kraft gezeigt und wird sie hoffentlich bei den Stichwahlen nych stärker bewähren. Was da­nach auch kommen mag — hoc erat in votis und so sagen wir, froh des Kartelljoches los zu sein: Es war zum Guten!"

Wir lassen hier einige der für unsere Leser wich­tigsten Mittheilungen der ,Frkf. Ztg.' folgen:

Wahlresnltate der Stadt Berlin: Erster Wahl­kreis Stichwahl zwischen Träger (Freis.) und Zeid­ler (Kons.). Zweiter: Stichwahl zwischen'Virchow (Freis.) und Janiszewski (Soz.). Dritter: Stich­wahl zwischen Munckel (Freis.) und Wildberger (Soz.). Vierter: Singer (Soz.) gewählt. Fünfter: Stich­wahl zwischen Baumbach (Freis.) und Auerbach (Soz.). Sechster: Liebknecht (Soz.) gewählt.

— In Berlin liegen bis jetzt 51 Wahlresultate vor; gewählt sind definitiv: 4 Konservative, 1 Natio­nalliberaler (Petri), 11 Centrum, kein Freisinniger, 7 Sozialdemokraten, 2 Polen und 2 Elsässer i Delles und Guerber). In Magdeburg wurde Vollmar (Soz.) gegen Hobrecht gewählt. In die Stichwahl kommen 2 Kons., 4 Reichsp., 8 Nat.-Lib., 3 Centrum, 11 Freisinnige, war. Georges war jedenfalls mit seiner verbrecherischen Liebe weit genug geflohen — aber von beiden war in den besuchtesten Sommerfrischen und Bädern keine Spur zu entdecken gewesen, auch hatte sie Niemand weder gesehen noch von ihnen gehört. Der Leser weiß bereits, weßhalb man Georges nicht finden konnte: die Gräfin hingegen hatte sich, nachdem sie das Schloß verlassen hatte, nach Deutschland, und zwar nach Berlin begeben, während Andree nach Paris zurückgekehrt war. Sie sollte dort bleiben, bis eine Mittheilung Ronstau's einträfe, nach welcher der Gefangene aus seiner Haft entlassen werden könne — dann war von Seiten des Advokaten nichts mehr zu fürchten und er konnte als­dann die Gräfin benachrichtigen, worauf diese herbei­eilen würde, um den Gefangenen zu befreien. Georges würde, so hatte sie sich überlegt, jedenfalls den erstell besten Zug benützen, um nach Paris zurückzukehren, obald sie sich blicken gelassen haben würde und gerade zeitig genug hier eintreffen, um zu sehen, daß seine Braut Ronstau geheirathet habe und mit ihm nach Italien abgereist sei.

Dies war der Plan, welchen Ronstau und Geor­gette entworfen hatten ; wir werden später sehen, in wie weit er zur Ausführung gelangte.

Kehren wir einstweilen zu dem Greise im Hotel de Serves zurück.

Der Unglückliche hatte sogleich beim Beginnen seiner Genesung wahrgenommen, daß große Trauer über das gastliche Haus gekommen sei, in welchem er ausgenom­men worden war. Aber was war die Veranlassung? Dies wußte er eben nicht.

(darunter Rickert, Träger, Virchow, Munckel, Baum­bach), 18 Sozialdemokr., 1 Welfe, 1 Elsässer.

Köln (Stadt). Stichwahl zwischen Greiß (Centr.) 16,848 und Lücke (Soz.) 10,688. Heuser (Kart.) er­hielt 6556, Barth (fr).) 676 Stimmen.

Elberfeld. Evertz (frs.) 3834, Harm (Soz.) 18,904, Weyerbusch (Kart.) 11,209, Windthorst 2749 Stimmen, Harm gewählt.

Crefel d. Crönert (nat.-lib.) 3621, Bachem (Ctr.) 6802, Grillenberger (Soz.) 2703 Stimmen.

Mainz. Gesammtresultat. Jacoby (Kart.) 5411, Racke (C.) 6425, Jöst (Soz.) 8910. Stichwahl zwi­schen Racke und Jöst. In den Landgemeinden große Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen.

Darmstadt. Gesammtresultat im Wahlreise Darmstadt-Groß-Gerau. Munckel (fr.) 3575, Müller (Soz.) 5960, Osann (nl.) 9113, Böckel (Antisemit) 20 Stimmen.

Mannheim. Stichwahl zwischen Diffeno (Kart.) und Dreesbach (Soz.).

Hanau (Stadt.) Schier (Kart.) 762, Nickel (fr.) 1360, Geck (Soz.) 2119.

Aus dem Wahlbezirk Hanau-Bockenheim. Bockenheim. Geck (Soz.) 1533, Nickel (fr.) 604, Schier (Kart.) 630 — Ginn he im. Geck 196, Nickel 38, Schier 28. — Esch ersheim. Geck 106, Nickel 62, Schier 26.

Gießen (Stadt). Schlenke (Kart.) 553, Gut­fleisch (fr.) 1484, Orbig (Soz.) 489, Böckel (Antis). 130.

Eisenach. Harmening (fr.) 4865, Geibel (Kart.) 3051, Windthorst 213, Bock (Soz.) 620 Stimmen. 70 Orte fehlen noch. Der Sieg Harmening's ohne Stichwahl ist wahrscheinlich.

Gießen. Guttfleisch (fr.) 5248, Böckel (Antis.) 4117, Schlenke (Kart.) 3914, Orbig (Soz.) 1653 St. Stichwahl zwischen Gutfleisch und Böckel.

Friedberg. Oriola (Kartell) 3800, Gutfleisch (fr.) 3400, Prinz (Soz.) 1300, Windthorst 650 St. Stichwahl sicher

Würzburg. Stichwahl zwischen Stöhr (Centr.) und Segitz (Soz.)

Ausland.

* Nach einer längeren Pause meldet der Telegraph wieder einmal einen Theaterbrand. Seit heute (Don­nerstag) Morgen um 6 Uhr steht das Stadttheater in Amsterdam in Flammen; das Innere scheint völlig verloren. Menschenleben sind bis jetzt nicht zu bekla­gen. Die Entstehung des Brandes ist noch nicht ermittelt.

Jetzt, wo er nicht mehr zu besorgen brauchte, für einen Landstreicher oder gar für einen Verbrecher ge­halten zu werden und als solcher der Polizei in die Hände zu fallen, und wo man ihn für den ehemaligen Zouaven Jacques Bernard hielt, dessen Papiere er an sich genommen hatte, — jetzt, wo sein ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, die Veranlassung zu er­mitteln, weßhalb Klara stets thränenfeuchte Augen hatte und Charles beständig sehr erregt und nervös zu sein schien, während die beiden jungen Leute kaum auf ihn achteten, achtete er auf die gerinste ihrer Be­wegungen. Sein Blick ruhte stets auf den Fenstern des Hotels und sie beobachtete er so zu sagen auf Schritt und Tritt.

Der Person, welche ihn pflegte, konnte dieses sein Benehmen nicht verborgen bleiben: sie fand es anfäng­lich etwas sonderbar, dann fand sie darin so etwas wie Dankbarkeit . . .

An dem Morgen, an welchem die Scene stattge­funden hatte, welche wir geschildert hatten, befand sich der Verwundete, welcher bereits gehen konnte, im Garten. Unaufhörlich war er vor dem Fenster der Zimmer des jungen Mädchens auf- und abgegangen. Er glaubte zu ahnen, daß an diesem Morgen sich etwas Wichtiges ereignet habe. Er hatte den frühen Besucher, der Niemand anders war als Andree Ron­stau, Vorbeigehen sehen, sein triumphirender Blick war ihm nicht entgangen, und der Eindruck, welchen er auf ihn gemacht hatte, war kein besonders günstiger gewesen.

Nachdem dieser Mann verschwunden war, hatte er