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JV 42

Freitag, den 21. Februar 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

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denn sie wollte allein sein mit ihren Gedanken und ihren Schmerzen. Ganze Stunden brachte sie in ihrem Treib­hause zu, bei ihren Blumen, die ihren einzigen Trost bildeten . . . Bisweilen gewahrte sie, wie der Blick des Greises auf ihr ruhte, der allmählich so weit ge­nesen war, daß man ihn in einem Rollstuhl in den Garten brachte. Alsdann verlangte er stets merkwür­digerweise, in der Nähe des Treibhauses zu sein. Klara, die etwas abergläubisch war, empfand darob einen son­derbaren Eindruck. Dieser Blick, so glaubte sie, ent­spräche ihrem heißen Flehen, und sie meinte aus dem­selben eine unbeschreibliche Milde und Sympathie her­auszulesen. Ja, oft glaubte sie, wenn sie selbst weinte, auch Thränen in dem Auge des Greises wahrzunehmen. Alsdann pflegte sie auf ihr Zimmer zurückzukehren, um die Bewegung zu verbergen, welche sich sicher ihrer be-

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Sie wagte es in der Folge nicht mehr, in den Gesichtskreis des Greises zu treten, sondern sie be­schränkte sich darauf, sich nach seinem Befinden zu er­kundigen und anzuordnen, daß man alle seine Wünsche erfüllen möge. Uebrigens verließ sie ihre Gemächer kaum mehr, selbst nicht einmal, um im Garten einen Spaziergang zu machen.

Sichtbar nagte der Gram an ihrem Herzen — faunt mehr rührte sie Speise und Trank an, und ihre Schwäche nahm zusehends zu.

An dem Morgen, wo Charles ihr hatte mittheilen lassen, daß er sie zu sprechen wünsche, befand sie sich in ihrem kleinem Boudoir, hinfälliger denn je, mit

ihn von ihr scheiden. Aber wenn er tobt war, wes­halb wußte es dann ihr Bruder nicht, der doch Er­kundigungen einziehen konnte? Weshalb befreite er sie nicht aus ihrer tödtlichen Ungewißheit? Oft hatte sie ihn gefragt, ihn oft mit Thränen in den Augen ge­beten, ihr zu sagen, was er wisse . . . Aber ihre Fra- ________a

gen schienen ihn in Verlegenheit zu bringen, und jeden- mächtigte. alls hatte er ihr stets geantwortet, daß er ebenso wenig wisse als sie selbst. Er hatte, so sagte er, von Herrn de Fresnieres nicht sprechen hörm und hatte ‘■eine Nachricht über ihn empfangen ... Ja, es hatte ihr geschienen, als sei er bei seinen Antwotten ihr gegenüber sehr kalt gewesen, und sie hatte so etwas wie eine kleine Erregung wahrzunehnlen geglaubt . . . Was hatte dies Alles zu bedeuten — wann sollte sie eigentlich den wahren Sachverhalt erfahren?

In diesen u. ähnlichen grausamen Zweifeln hatte Klara )e Serves den Zeitraum von einem Monat zugebracht, welcher seit dem Verschwinden Georges de Fresnieres verflossen war. Sie verließ ihre Wohnung kaum mehr,

Deutsches Keich.

Berlin, 19. Februar.

* Der Kaiser hat dieser Tage wiederholt Besprechun­gen mit Mitgliedern des Staatsrathes hinsichtlich der dem Staatsrathe zu unterbreitenden Fragen gehabt. Die Vernehmung von Interessenten seitens der Abthei- lungen des Staatsrathes wird sich, wie offiziös mitge- theilt wird, nicht auf Industrie - Arbeiter beschränken, sondern auch auf Handwerksmeister und Handwerks- Gesellen, sowie auf Sachverständige, die sich besonders mit der Arbeiterfrage beschäftigt haben, erstrecken. — Zu den Berathungen der beiden Abtheilungen des Staatsraths, welche am 26. d. M. im Saale desBun- desrathes, Wilhelmstraße 74, beginnen werden, sind, wie der ,Staatsanzeiger' hört, auf Befehl des Kaisers als sachkundige Personen eingeladen worden: der Schlossermeister Deppe zu Magdeburg, der Werkmei­ster Spengler zu Mettlach, der Bau-Tischlermeister Vorderbrügge zu Bielefeld, der General-Sekretär Hitze zu München-Gladbach, der Putzer Buchholz zu Berlin, Arbeiter-Vertreter der nordöstlichen Bauge­werks-Berufsgenossenschaft und nichtständiges Mitglied des Reichsversicherungsamtes, ferner der Direktor Schlittgen zu Marienhütte bei Rotgenau und der Fabrikbesitzer H. Freese zu Berlin. — Aus diplo­matischen Kreisen verlautet, daß die deutsche Regie­rung allen Grund hätte, mit dem bisherigen Verlau ihrer Schritte wegen Anbahnung eines internationalen Arbeiterschutzes zufrieden zu sein. Es habe den Anschein, als ob selbst diejenigen Mächte, welche an­fänglich sich schwierig zeigten, der Aufforderung zur Theilnahme an der Konferenz entsprechen würden. Die hier und da eingeforderten näheren Auffchlüsse hätten eine lebhafte und umfassende diplomatische Korrespon- dmz zur Folge gehabt. Es wird als nicht unwahr- schemttch angesehen, daß über den Stand der Angele­genheit demnächst Genaueres authentisch mitgetheilt wird.

* Die beiden Erlasse, welche der Kaiser gegen die Soldatenmißhandlungen, wie für die Pflege von Religion und Vaterlandsliebe unter den Offizieren und Kadetten herausgegeben hat, finden in allen christ­lichen und volksthümlichen Kreisen Zustimmung. Man ersieht daraus, daß der junge Monarch aus freier In­itiative darangeht, bestehende Uebelstände zu beseitigen. Die kaiserliche Kundgebung gegen die Soldatenmiß­handlungen wird hoffentlich dazu beitragen, daß die fortgesetzten Klagen über unwürdige Behandlung des gemeinen Mannes in den Kasernen aufhören. Es scheint übrigens, daß die Debatten im Reichstage, in denen

I einen Namen gemacht hat. v. Himpel doeirte alt- testamentliche Exegese.

Ausland.

* Der vorgestern in Bolocsa verstorbene öster- relchlsch-ungarische Staatsmann Graf Andrassy war I am 8 März 1823 zu Zemplin in Ungarn geboren.

der Politik seines Vaterlandes hat er eine hervor­ragende Rolle gespielt. Im ungarischen Reichstage zeichnete er sich schon im Alter von 24 Jahren als glänzender Redner aus und erwarb sich auch als Schriftsteller einen Ruf. Im Revolutionsjahre 1848 war er Obergespan des Komitats Zemplin und als solcher Führer des revolutionären Zempliner Land­sturmes in dem Gefecht bei Schwechat, durch welches den Ungarn der Weg nach Wien verlegt wurde. Später ging er als Gesandter der Debrecziner Revo­lutions-Regierung nach Konstantinopel, wo er im Interesse der ungarischen Sache eine bedeutende Thätig- keit entwickelte und besonders in der Behandlung der I ungarischen Emigration auf die Türkei entscheidenden Einfluß ausübte. Wegen der Theilnahme am Aufstande wurde Andrassy im Jahre 1850 kriegsrechtlich zum Tode durch den Strang verurtheilt und am 22. Sept. 1852 in effigie (im Bild) gehenkt; dem Tode hatte er sich durch die Flucht nach Paris entzogen, von wo er später um seine Amnestie einkam; 1856 wurde er begnadigt und kehrte 1860 in sein Vaterland zurück, um abermals als Obergespan von Zemplin zu fungiren. 1866 ward er Präsident des Unterhauses'und wurde nach dem Zustandekommen des österreichisch-ungarischen Ausgleichs an die Spitze des ungarischen Ministeriums berufen, wo er zur Entwickelung der inneren Verhält- mfse Ungarns leider vielfach im liberalen und die Judenherrschaft fördernden Sinne Bedeutendes wirkte Nach Beust's Rücktritt im Jahre 1871 wurde er dessen Nachfolger und damit Leiter der gemeinsamen und auswärtigen Angelegenheiten der österreichisch- ungarischen Monarchie. Die Annäherung zwischen Oesterreich und Deutschland, durch ein ziemlich enges Verhältniß Andrassy's mit dem Fürsten Bismarck be­günstigt, machte unter seiner Leitung der auswärtMtt Angelegenheiten gute Fortschritte, führte indeß auch zu' dem innerlich unhaltbaren Plan des Drei-Kaiser-Bünd- nisses, das zur völligen Aussöhnung Oesterreichs und Rußlands doch nicht führen konnte. Die Orient­politik Rußlands, der russisch-türkische Krieg machten diesen Besttebungen ein Ende. Als Rußland im Frieden von San Stefano mehr sich zusprechen ließ, als Oester- reich mit seinen Interessen vereinbaren konnte, forderte

Danielas Geheimnis.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(35. Fortsetzung.)

18.

Die Gemächer Klara's lagen aus der nämlichen Etage wie diejenigen ihres Bruders.

Das junge Mädchen war bereits seit geraumer Zeit aufgestanden, denn sie schlief kaum mehr und die Nächte ermüdeten sie sehr. Es wurde ihr zu lang, bis sie das Tageslicht durch die Fensterläden schimmern sah, denn jeder neue Tag, so meinte sie, müßte ihr Nachrichten bringen. Obwohl der Schein gegen diese Annahme sprach, so konnte sie doch noch immer nicht glauben, daß Georges sie verlassen, sie verrathen habe. Sie lebte in der festen Ueberzeugung, daß ihm irgend ein Unglück zugestoßen sei, daß er vielleicht tobt sei und Ms sie ihn nie mehr Wiedersehen werde .... Sein Bild erschien ihr in ihren schlaflosen Nächten nicht anders als in blutiger, entstellter Gestalt .... Die Stimme Georges' war die einzige, welche ihr Herz höher schlagen machte ■— sie hatte so große, so süße Hoffnungen auf diese Ehe gebaut, und sie war wie trunken, wenn sie an das Glück dachte, ihn stets in chrer Nähe zu haben! Und jetzt war er mit einem Male von ihrer Seite gerissm — durch einen gänzlich unbekannten. Zufall . . . Ihre ganze Zukunft war ge- brochen ihr Herz blutete aus tausend Wunden . . . Bisweilen wünschte sie leise den Tod herbei — auch pe möchte gleichsam verschwinden, wenn sie ihn nicht

über die Mißhandlung und Beschimpfung der zu den Waffenübungen einberufenen Lehrer geklagt wurde, nach oben hin Eindruck gemacht hat.

* Den Kieler Viehkommissionären ist gestattet worden, dänische Schweine auf dem Seewege einzuführen. Wenn dieselben mit Ge­sundheitsattest versehen und in Kiel veterinär­ärztlich untersucht^ sind, dürfen sie direkt vom Schiffe nach dem Schlachthof gefahren und dort geschlachtet werden.

* Koblenz, 18. Febr. Nachdem Oberbürger­meister Dr. Miquel am Sonntag endgültig abgelehnt hatte, ist jetzt der Unterstaatssekretair Nasse zum Oberpräfidenten der Rheinprovinz ernannt worden. Herr Nasse ist in Bonn geboren, wo vor kurzem zwei seiner Brüder, der Leiter der Provincial-Jrrenanstalt, sowie der National-Oekonom und Vertreter der Bonner Hochschule im Herrenhause, vom Tode dahingerafft worden find. Er selbst war sieben Jahre Landrath des Lahnkreises, dann sieben Jahre Oberpräsidialrath in Koblenz, sieben Jahre vortragenderRath imMinisterium des Innern, endlich sieben Jahre Regierungspräsident von Trier. Als nach dem Tode des Kaisers Friedrich Freiherr v. Wilmowsky sich in den Ruhestand zurück­zog und Herr v. Lucanus zu seinem Nachfolger als Chef des Civilcabinets ernannt worden war, wurde Präsident Nasse zum Unterstaatssekretair im Kultus­ministerium ernannt. In dieser Stellung war er so­nach nur anderthalb Jahre thätig. Zum Nachfolger des Herrn Nasse als Unterstaatssekretair des Kultus­ministeriums ist der langjährige Leiter der ersten Ab- theilung dieses Ministeriums für die geistlichen Ange­legenheiten Wirklicher Geh. Oberregierungsrath Dr. Barkhausen ernannt und dieser als Ministerial­direktor wieder durch den drittältesten Rath dieser Ab- theilung, Geh. Oberregierungsrath Dr. Barsch, ersetzt worden.

* Saarbrücken, 19. Febr. Kaiser Wilhelm hat dem Frhrn. v. Stumm seinen demnächstigen Be­such in Neunkirchen angekündigt, um sich an Ort und Stelle über die Arbeiterverhältnisse in großen Jndustrie- centren zu informiren.

* Tübingen, 18. Febr. Theologieprofessor Dr. Felix v. Himpel ist am Sonntag Nachts im Alter von 69 Jahren dahier gestorben. Die kath.- theologische Fakulität verliert in ihm ihren Senior, der nicht bloß lehramtlich und fachschriftstellerisch vieles gewirkt, sondern der sich auch durch seine kirchen­politische Thätigkeit besonders in den 50er Jahren Wiedersehen sollte. Sie sehnte sich darnach, daß alles Denken in ihrem Hirn ersterbe, damit ihre Qual ein Ende nehme . . .

Sollte sie etwa an der Treue Georges' zweifeln? Nein, nie und nimmermehr. Konnte Georges sie etwa vergessen haben oder sie ihn? Nein, sie hatte das festeste Vertrauen zu ihm, sie war seiner ebenso sicher, als ihrer selbst. Weshalb also sah sie ihn nicht mehr — weshalb ließ er nicht das Geringste mehr von sich hören? Offenbar war er tobt — nur der Tod konnte

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