Dienstag, den 18. Februar 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
Vierteljährlicher Abonnementspr'eis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Steine und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
entbietet
Aus die Erde und die
gläubigen Christenheit auf die Gegenwart des Herrn im hochhl. Sacrament gewesen ist, ich meine: Das ewige Gebet.
Die Liebe ist das große Merkmal der göttlichen Werke. Darum ist es das Verlangen Gottes, sich dem Geschöpfe zu schenken, sich mit ihm zu vereinigen. So theilt er sich den ersten Menschen mit nicht bloß durch die wunderbaren Werke, die Tag und Nacht sein Lob singen, er wandelt auf sichtbare Weise in dem Garten der Wonne, den unsere Stammeltern im Stande der Unschuld bewohnten. Es kam aber die unglückliche Katastrophe der ersten Sünde und das Band der innigsten Vereinigung ward zerstört. Gleichwohl blieb Gott mit seinen Geschöpfen in beständigen Beziehungen und erwählte sich ein Volk als den vorzüglichen Träger seiner Verbindung mit der Menschheit; er sprach zu ihm unablässig durch seine Propheten. Aber er bereitete eine andere Erscheinung unter den Menschen, welche in einer Form, die keines Menschen Vernunft ersinnen und ahnen konnte, seine unermeßliche und zärtliche Liebe zur Menschheit offenbarte. Der vielgeliebte Sohn des ewigen Vaters stieg herab in menschlicher Gestalt unter die Menschen. Sie sahen diese majestätische und doch so anspruchslose Würde, sie vernahmen fein erhabenes Wort, das den menschlichen Geist zu dem Ausruf zwang: „So hat noch kein Mensch geredet," sie waren Zeugen seines heiligsten und vollkommensten Lebens, sie vernahmen jene Machtworte, die der Krankheit und dem Tod geboten und die Geister der Hölle fesselten. Drei und dreißig Jahre weilte er so unter den Menschen und weilten sie mit ihm. War das der Liebe Gottes genug? Nein, er opferte sich für die Menschen dem qualvollsten Tode. War damit Alles gethau? Sollte die Zeit, da Gott unter den Menschen gewandelt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt für immer nur in den Erinnerungen der christlichen Menschheit fortleben? So denkt und meint es der Irrglaube. Er begreift nicht, daß von Seiten Gottes, wie von Seiten des Menschen die Liebe eine Macht ist, die nach steter Vereinigung strebt. Siehe da, der Gottmensch hat die Erde verlassen, um in anderer Weise seinen bleibenden Aufenthalt auf ihr zu nehmen, und das Geheimniß der Altäre ist es, das er für diesen Aufenthalt erdachte. Ja, .er ist da wahrhaftig und wirklich, wie er in der Krippe war und den Besuch der Hirten und Könige empfing; er ist da. wie er durch die Thäler und über die Hügel von Judäa, Galiläa und Santana zog, überall I „Wohlthaten spendend" und er ruft beständig aus der Hülle des I Saeramentes uns zu, wie den Völkerschaaren, die ihm folgten: „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich I will euch erquicken." Gewiß, er wohnt hier ohne das Gewand der Glorie, das ihm die Auserstehung gegeben; aber wer würde I auch wagen, ihm in diesem Gewände zu nahen? Der Mensch mag immerhin sich von der Sünde reinigen; er bleibt doch noch I beflekt genug von vieler Ungerechtigkeit, die ihmunicht gestattet, ohne Schrecken der Gegenwart des glorreichen Christus gegen- überzustehen. Welcher Priester würde es wagen, in seine Hände den strahlenden Leib des Erlösers zu nehmen? Welcher I Gläubige würde wagen, den Mund zu öffnen und zu dem trahlenden Leib des Erlösers zu jagen; „gehe ein in mich?" D nein, der Gottmensch muß sich seines unvergleichlichen Glanzes, der den Glanz der Sonne unermeßlich überstrahlt, entäußern, wenn wir es wagen sollen, mit Vertrauen ihm zu nahen, statt I mit jenen Israeliten in der Wüste zu sprechen: „Gott rede nicht zu uns, er zeige sich uns nicht, damit wir nicht etwa sterben." Und endlich haben wir kein Recht, in diesem Lande der Verban- I nung jene Anschauung des Gottmenschen schon zu genießen, welche erst der Vollendung im Himmel aufbewahrt ist; seine verklärte Gestalt paßt noch nicht zum Kampf dieses Lebens. Mag daher der Irrglaube immerhin mit dem Rufe, den David auf die Lippen der Gottlosen legt, uns entgegentreten: übi est Deus tuns? I „Wo ist euer Gott ?" Wenn er da ist im heil. Sakrament, dann I
der hochwürdigen Geistlichkeit und allen Gläubigen des Bisthums Gruß und Segen im Herrn!
„Ich höre bereits Tritte auf der Treppe . . . begann letztere wieder . . . „Schon kommt er hinauf . . . was sollen wir beginnen?"
„Ich weiß nur ein Mittel," antwortete Georges, welcher seine Geistesgegenwart nicht verloren hatte, „ihm nämlich alles mitzutheilen."
„Um Gotteswillen — niemals! Er würde Sie niedersiechen, ehe Sie nur ein Wort gesprochen hätten.
Inzwischen irrten ihre Augen im Zimmer umher, als ob sie etwas suche.
Endlich blieb ihr Blick auf der Thür des Neben- kabinets haften.
„Es ist das Beste, daß Sie sich dort verbergen, sagte sie dann. „Treten Sie also dort ein — es dauert ja nicht lange."
Georges schien nicht sogleich dazu bereit zu sein.
„Ich bitte Sie inständig darum", sagte sie als sie sein Zögern gewahrte, „thun Sie es um meinetwillen — retten Sie mein Leben! Ich führe meinen Gatten inzwischen in ein anderes Zimmer und dann wird ein Diener Sie herausbringen, ohne daß er das Geringste gewahrt."
Bereits ließ sich eine lärmende Stimme draußen auf dem Korridor vernehmen.
Jedenfalls war es der Graf, welcher mit den Dienern zankte.
„Schnell, schnell," drängte die Gräfin, „wenn er uns hier überrascht ..." 1
! Georges wollte noch einige Einsprüche machen, aber bereits hatte ihn die Gräfin mit fast übermenschlicher Anstrengung in das Kabinet hineingeschoben — er mochte keinen Widerstand leisten.
Dann verschloß die Gräfin die Thüre und kehrte wieder mitten in das Zimmer zurück.
Es war die höchste Zeit, denn in diesem Augenblicke trat der Graf ein.
16.
Das Zimmer, in welchem sich Georges sah, bildete eine Art Rotunde, denn es lag in einem der Thürme des Schlosses. Vor dem Fenster desselben befanden sich mehrere Eisenstangen, wie man sie bei alten Gebäuden noch häufig findet, so daß das Ganze einem wirklichen Gefängnisse gar nicht unähnlich. Georges konnte sich in der That eines gewissen beunruhigenden Gefühles nicht erwehren.
Jndeß sollte er nicht lange Zeit finden, sich seinen düsteren Betrachtungen hinzugeben, denn alsbald wurde es in dem Zimmer nebenan lebendig, hastige Schritte ließen sich vernehmen, und bald rief eine rohe Stimme:
„Ich sage Ihnen Madame, daß jemand bei Ihnen war!"
„Und ich schwöre Ihnen, daß dies nicht der Fall ist!"
„Warum haben Sie mich nicht abgeholt?"
„Ich hatte nichts gehört, ich befand mich im Halb-
Joseph, durch Gottes Barmherzigkeit und des heiligen apostolifchen Stuhles Gnade Mchof von Fulda, Doktor der Theologie, Sr. Päpstlichen Heiligkeit Hausprälat
Nach dem Französifchen von I. Rüttgers.
(32. Fortsetzung.)
„Aber was mag das denn sein?" rief sie heftig aus. Ich erwarte Niemanden."
Unwillkürlich hatte sich auch Georges erhoben, während sie inzwischen an's Fenster geeilt war.
Aber alsbald kam sie zurück und rief tonlos aus: „Mein Gatte!"
Georges wollte sich unwillkürlich zurückziehen.
„Wir sind verloren, wenn er Sie hier antrifft," stammelte fie todtenbleich.
„Weshalb?"
Anstatt aller Antwort rang sie die Hände.
„Nun, gemach," meinte Georges, „ich werde ihm alles erklären!"
Er wird keine Erllärungen annehmen, wissen Sie!
ist ein roher ungebildeter Mensch, ich habe es ehrten ja bereits gesagt. Dann darf er überhaupt nicht wissen, daß Sie hier gewesen sind, daß ich einen m* öT™01 und einen Prozeß anhängig
Als ob sie den Kopf gänzlich verloren habe, eilte sie wie eme Wahnsinnige in dem Gemache auf und atL Auch Georges befiel etwas wie Angst.
r, r1. hatte keine Furcht, aber die erschrockenen Ge- ncytszuge der Gräfin beunruhigten ihn nicht wenig.
das Höchste und Heiligste, Liebste und Theuerste, was hat, will ich zum Beginn der hl. Fastenzeit Eure Blicke fromme Erwägung Eures Herzens wenden: auf das Hochheiligste Altarfakrament, insbesondere auf eines feiner erstaunlichen Wunder. Wir wissen, wie die unendliche Weisheit, Liebe und Macht zusammengewirkt haben, um in diesem Sakramente eine Reihe von Geheimnissen zu wirken, glänzender als die Harmonie der Erde und des Himmels, erstaunlicher als die Größe und Schönheit der menschlichen Natur, strahlender als alle übernatürlichen Wunder, welche Gott dem Menschen nahe bringen. Ein Gott, die ewige lebendige Nahrung der Bewohner des Himmels, wird das Brod der Wanderer auf Erden; ein Gott, der einmal für die Menschen sich in blutigem Todeskampf geopfert, opfert sich fort und fort täglich auf dem Altar und ergießt die unendlichen Verdienste feines Opfers über die Gläubigen aller Zeiten; ein Gott schlägt, ohne den Thron zu verlassen, auf dem er die ewigen Huldigungen der Engel und Seligen empfängt, feine Wohnung auf inmitten der Erdenkinder, und feine Wohnung ist nicht die eines Wanderers, der von einem Land zum andern zieht und an dem Orte, wo er sich aufhält, nur eine kurze Gastfreundschaft begehrt; nicht die eines großen Herrn, der hie und da durch die Reihen seiner Diener und Arbeiter schreitet uud seine Befehle austheilt; nicht die eines Monarchen, der die großen Städte seines Reiches besucht und dort aus einige Tage von Hoch und Nieder Huldigungen und Hochrufe empfängt : es ist der dauernde Aufenthalt des Vaters im Kreise seiner Familie, des Freundes, der seine Freude daran findet, bei denen zu weilen, die er liebt; es ist das Verweilen des Bräutigams bei der Braut, der sie nur entlassen will, damit sie den unauffchiebbaren Tagesgeschäften für eine Weile sich widme. Wunderbares, erstaunliches Geheimniß! — Das ununterbrochene Verweilen Gottes unter seinen Geschöpfen! Da erfüllt sich das Wort der geh. Offenbarung (Apoc. 21, .3) „Siehe die Hütte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er, Gott selbst mit ihnen' wird ihr Gott sein." Da findet sich jenes hl. Zelt, unaussprechlich heiliger als das Zelt, dessen Erbauung Gott den Moses auf der Höhe des Sinai (2 Mos. 24, 14) gelehrt, das nur eine wunderbare Wolke als Zeichen der Gegenwart und Herrlichkeit des Herrn enthielt; da findet sich die Bundeslade des neuen Testamentes mit einem unvergleichlich wirksameren Gnadenthron als dem des alten Heiligthums. Wird nun dieses Wunder göttlicher Weisheit und Liebe den Gläubigen keine Pflichten aufer- erlegen ? Ohne Zweifel ! Was anders aber könnte es sein, als daß wir diesem göttlichen Gast, der sich in unfern Tabernakeln niederläßt und einfchließt, unsere Huldigungen darbringen, indem wir ihm unsere Anbetung zollen und unser Herz vor ihm öffnen in all unseren Bedürfnissen. Von diesem Geheimniß nun, dem beständigen Verweilen des Herrn im Tabernakel, einer jener 3 Sonnen, in denen die ganze' Fülle und Größe des hl. Saeramentes wiederstrahlt, will ich zu Euch sprechen, um damit in meiner Tiöeese jene große herrliche Andacht einzuleite welche seit Jahrhunderten die Antwort der
zeige er sich, damit wir ihn mit euch anbeten. Wir haben das Wort des allmächtigen Gottes: Das ist mein Leib! Das ist mein Blut! Davor muß sich der Widerspruch der Vernunft und der Anstoß der Sinne beugen. Wenn aber der Gottmensch unter uns weilt, dürfen wir ihm jene Huldigung und Anbetung versagen, welche die Gegenwart der furchtbar göttlichen Majestät । erfordert? Wenn ein mächtiger Monarch die Städte seines Reiches I besucht — wie drängt sich Alles herbei, ihn zu sehen, ihm zu huldigen! Die Angesehensten der Stabt sind glücklich, zu einer flüchtigen Audienz weniger Minuten zugelassen zu werden und das Volk schaart sich vor den Palast, um einen Augenblick die I Person des Monarchen zu schauen und ihm in begeistertem Zu- I ruf feine Verehrung auszudrücken. Und hier weilt der König I der Welt und der König der Könige in feinem Palast, den man Gotteshaus nennt, nicht bloß vorübergehend, vielmehr beständig, I mächtiger und glorreicher als alle Monarchen der Welt, deren I ewiger Richter er ist, und es gäbe für das gläubige Herz kein I Gesetz selbst des Anstandes, geschweige der Siebe und Dankbar- I feit, feinem Gott den Akt der Huldigung und Anbetung darzu- I bringen ? Ach, wenn wir selbst unser ganzes Leben vor dem I Tabernakel verbrächten, wir wären nicht im Stande, seine Herab- I lassung genug zu ehren und zu verherrlichen. Und wir dürften I uns der Pflicht entschlagen, hie und da wenigstens vor dem I gegenwärtigen Gott zu erscheinen und mit dem Psalmisten zu I rufen: Venite adoremus et preoidamus ante Denm; ploremus I coram Domino! „Kommet und lasset uns anbeten und nieder- I fallen vor Gött; lasset uns meinen vor dem Herrn!"
Ja, wenn der Besuch des im Tabernakel verschleierten Got- I tes unsere Pflicht ist, so ist derselbe noch mehr unser Bedürfnis. I Im sozialen Leben haben unsere Besuche bei den Menschen, von Neugierde und Müssiggang hier abzusehen, hauptsächlich unsere Geschäfte und die Hebung der Freundschaft zum Zwecke. Wie viele Schritte und Gänge, unser irdisches Interesse zu suchen und zu befestigen! Wenn eine Schwierigkeit in unfern Berufsgeschäften, in unfern irdischen Verhältnissen sich erhebt — wie fleißig sucht man die Berathungen mit erfahrenen Männern auf! Ach, unser armes Leben verfließt voll Unruhe und Sorge und von ! ihm gilt nur zu sehr das Wort: Martha, Martha, du machst dir viel zu schaffen, eins ist nothwendig." Wohlan! ihr kennt dieses eine Nothweudige, es ist die große Sache unseres Heils. Und mit wem könnten wir sie besser behandeln als mit dem göttlichen Erlöser selbst? Er kennt tiefer als wir die Wichtigkeit und Gefahr unseres Heils und den Zustand, in dem es sich befindet ; und er ist der höchste Richter, der einst über unser ewiges Heil entscheidet. Tretet also in das geheimnisvolle Gemach, wo dieser unser „Sachwalter bei Gott" seine Klienten erwartet, und seine Rathschläge ertheilt. Er wird Euch dort das ernste Wort in die Seele rufen: „Was nützt es, wenn ihr die ganze Welt gewinnet und euer Seelenheil verliert?" Er wird Euch die geistigen Wunden, die böfen Neigungen, Gewohnheiten und Gelegenheiten, die Eure Seele in Gefahr bringen, und den Weg offenbaren, den ihr einschlagen müßt, um nicht für ewig irre zu gehen. Er wird aber auch Euerm schwachen Herzen zusprechen: „Habe Vertrauen, mein Kind, das Himmelreich braucht Gewalt und man muß mit Gewalt es gewinnen." Er wird Euch seine Gnade verheißen und Euere Sache in die Hand nehmen, und bevor ihr Euch von ihm trennt, wird er Euch Muth einflößen, für die einzige und große Sache Eures Heils auch ein Opfer zu bringen, eine Selbstüberwindung zu Üben. O, wo lernte feit Jahrhunderten die christliche Menschheit, die von der dreifachen bösen Lust verdorben ist, jene bewunderungswürdigen Tugenden der Demuth, der Keuschheit und Uneigennützigkeit, die in ihrem Schooße erblühten, wenn nicht vor dem Tabernakel, wo sie ihren Erlöser fand und erkannte? Woher kommt den Aposteln der Kirche jene göttliche Flamme des Eifers, die sie an die fernen