Einzelbild herunterladen
 

17. Jahrgang

Samstag, den 15. Februar 1890

uldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Vierteljährlicher Abonnementspr'eis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

□ Das Kartell seit 1887?)

(Schluß.)

Auch das Deutsche Re i ch bedarf dieses Schutzes iu hohem Maße, denn unausgesetzt machen sich die einheitsstaatlichen Tendenzen geltend, welche die Selbstständigkeit der Einzelstaaten immer mehr be­schränken wollen. Dr. Miquel der Führer der Na­tionalliberalen hat im Jahre 1877 ganz offenherzig geschildert, wie er sich die deutsche Entwickelung denkt. Preußen müsse mehr und mehr in Deutschland auf­gehen; er halte den Fall nicht für unmöglich, daß es in Zukunft keinen preußischen Landtag mehr gebe, daß die Angelegenheiten Preußens vom Reiche verwaltet würden. Das gleiche müßte dann natürlich nach Dr. Miquel auch mit den übrigen Bundesstaaten geschehen. Er stellte denn auch den Staaten Bayern, Württem­berg u. s. w. in Aussicht, sie könnten ihre Könige mit ihren Ehrenrechten behalten, würden aber im Ueb- rigen eine Stellung einnehmen, wie etwa jetzt die Pro­vinzen zum größeren Staatswesen. In diesem Jdeen- kreis bewegt sich die nationalliberale Politik. Führende Blätter derselben, wie die National-Zeitung haben schon die Aufhebung aller Reservatrechte verlangt. Das Kartell hat bei der Branntweinsteuervorlage eine derartige Zwangslage geschaffen, daß wir in Bayern unser Branntweinsteuerreservat aufgeben mußten. Daß darnach unser wichtiges Biersteuerreservat, welches eine Säule unseres bayerischen Budgets bildet, in eine eben­solche Zwangslage durch die Kartellparteien geschoben wird, wenn sie am Ruder bleiben, ist gar nicht zweifel­haft. Beim Alters- und Jnvaliditätsgesetz gingen die Kartellparteien von dem Grundfatze aus, daß eine neue Klammer in den Reichstagsbau geschlagen werden solle. Das sollte durch den von den Nationalliberalen aus­geheckten Plan einer Reichsversicherungsanstalt ge­schehen. Man denke sich 12 Millionen Menschen mit ihren Familien dirigirt von einer Centralstelle im Reiche; was bliebe da von einer steien Bewegung der bundesstaatlichen Bevölkerung noch übrig? Freiherr v. Franckenstein hat dieser Gefahr vorzubeugen gesucht indem er bei Zeiten seinen ganzen Einfluß für den Ausbau des Gesetzes nach Landesversicherungsanstalten geltend machte. Wie sehr das geschehen, ist in der Oeffentlichkeit nicht bekannt geworden; nichts desto- weniger steht diese Thatsqche fest. Für Freiherrn v. Franckenstein war damit auch einer der Hauptgründe gegeben, warum er für das unvollkommene Gesetz stimmte: er fürchtete, daß, wenn das Gesetz jetzt nicht zu Stande käme, die Nationalliberalen in späteren Stadien schließlich doch die Reichsversicherungsanstalten

*) Nachdruck verboten.

Daniels Geheimnis.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(31. Fortsetzung.)

Die Thüre des Salons, in welchem sie sich befand, ging auf — Andree erschien auf der Thürfchwelle.

Sogleich bei dem ersten Worte, welches er aus­sprach, wurde sie inne, daß alles bereit sei.

„Er befindet sich im Zuge," sagte er. „Ist alles bereit?"

„Joseph hat alles in Bereitschaft gefetzt.

Ronstau überzeugte sich, daß seine Anordnungen genau ausgeführt feien.

Dann sah er auf die Uhr.

„Wir haben noch Dreiviertelstunden vor uns," sagte er, während ihm zugleich nicht entging, daß die Gräfin leicht zitterte.

. „Was giebt's?" frug er. „Solltest Du wirklich leidend sein?"

Sie gab ihm eine ausweichende Antwort.

Er sah sie mit seinen durchbohrenden Blicken fest an.

„Du wirst mich doch nicht verrathen?"

„Nein:"

„Aber Du zitterst und machst ein so trübseliges Gesicht — gewiß wirst Du noch alles verberben. Willst Du vielleicht noch im letzten Augenblicke von der ganzen Sache abstehen?"

„Ich habe Furcht," murmelte sie mit leiser Stimme.

durchsetzen würden. So sehen wir also auch hier bei dem edlen Freiherrn die Liebe zu unserem bayerischen Vaterlande thätig.

Und die Nationalliberalen? Hat nicht der in der Pfalz gewählte und dort feßhafte Badenser Dr. Bürk- lin mit der Briefmarkenfrage den ersten Schritt gegen unser bayerisches Postreservatrecht versucht? Nach der Post kommen dann die Eisenbahnen. Das Reichseisen­bahnprojekt ist in den leitenden Kreisen zu Berlin durchaus kein schattenhaftes Wesen, und nicht umsonst erheben die ,Kölnische Zeitung' und ihr Gefolge von Zeit zu Zeit den Ruf nach dem Reichseisenbahnproject. Die Militärhoheit ist auch schon genügend im Reiche festgelegt und wird mit jedem Septennat stärker ins Reich geschoben. Hinterdrein kommt dann Herr von Bennigsen mit dem verantwortlichen Reichsfinanzmini­sterium, vor dessen Einrichtung selbst ein so begeisterter Anhänger der Centralgewalt wie Minister von Putt- kamer warnte, weil sie nothwendiger Weise die Schaf­fung eines Gesammt-Reichsministeriums zur Folge haben muß. Das Letztere würde die Regierung des Reiches aus dem Bundesrath herausnehmen, die unausbleib­liche Folge dieser verfassungswidrigen Pläne wäre die Lahmlegung der Bundesstaaten.

So haben wir gerade auf diesem Gebiete in den Nationalliberalen die gefährlichsten Gegner unserer bundesstaatlichen Organisation, welch allein die Garantie für die Existenz des Resches bildet, zu erblicken. Wer aber, so fragen wir, will da noch leichten Glaubens die Vertretung seiner politischen Ueberzeugung dem Nationalliberalismus anvertrauen?

Am Nationalliberalismus krankt das Kar­tell. Er legt mit seinen liberalen Anstrebungen die konservativen Kräfte im Kartell lahm und zwingt das Kartell in eine Stellung hinein, aus welcher die ge­schilderten Mißerfolge und Gefahren auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens entstehen. Positives zu leisten ist das Kartell aus sich heraus nicht im Stande; die Wirthschaftspolitik, die bäuerliche Frage, die Hand­werkerfrage, die Arbeiterstage sind vom Kartell theils direkt erschwert worden, theils haben sie beim Kartell absolut kein Verständniß gefunden. Die Volksrechte sind vom Kartell verkümmert worden, und werden unter der Herrschaft des Kartells noch weiter geschmälert werden. Wer will da ruhig zusehen? Wähler, wollt Ihr einer Lahmlegung der inneren Entwickelung, einer Erschütterung unserer politischen Institutionen Vor­schub leisten? Wollt Ihr den monarchischen Gedanken schädigen und die Selbstständigkeit unseres Bayern­landes der größten Gefahr aussetzen? Wenn Ihr das nicht woht, dann erhebt Euch in alter Kraft gegen Eure politischen Feinde und nehmt am Wahltage ein-

„Furcht?" wiederholte Ronstau, verächtlich die Achsel zuckend. „Vor wem? Möge er kommen — ich werde schon wissen, was ich zu thun habe. Keine Thorheiten! Du weist, welche Rolle du spielen sollst. Es ist leicht, mit ihm fertig zu werden. Bedenke, daß es sich um uns beide, um unsere Existenz handelt — ich werde, wie du weißt, meinen Ruin nicht überleben. Ich habe Dich geliebt und liebe Dich noch — ich habe aus Dir gemacht, was Du bist: Du besaßest nichts, als Dein Gatte gestorben war, mit Hinterlassung großer Schulden ... Du gehörtest zu der großm Zahl von Frauen, welche einsam und mittellos auf dem großen Ozean Paris unstät Herumtreiben. Ich lernte Dich kennen, ich habe Dich wieder aus dem Schiffbruch errettet und sogar mit Luxus umgeben, darf ich sagen, Du besitzest alles, was Dein Herz be­gehrt — diese Existenz sollst Du auch später haben, wenn Du mir bei meinen Plänen behilflich bist, wohl­verstanden!"

Die Gräfin wagte nicht mehr, den geringsten Ein­wand zu erheben — sie sah allzu gut ein, daß sie sich machtlos in den Händen dieses Elenden, den sie von Herzen verabscheute, befand.

Andree hatte kaum die letzten Worte vollendet, als sich das Rollen eines Wagens vernehmen ließ und gleich darauf die Klingel ertönte.

Andree lief an's Fenster — nach einem Augen­blicke rief er hastig aus:

müthig den Kampf auf. Vorwärts in den Kampf, für Wahrheit Recht und Freiheit pflanzet die Fahne auf, und sieget unter der Losung:

Nieder mit dem Kartell!

Deutsches Deich.

Berlin, 13. Februar.

* Innerhalb der preußischen Ministerien gehen die Erörterungen über die Erhöhung der Beamten­gehälter ihrem Abschluß entgegen, so daß die Be­fassung des Landtages mit dieser wichtigen Frage ziemlich unmittelbar nach der jetzigen Vertagung er­folgen kann. Auch hier ist die Erledigung mit mancherlei Schwierigkeiten verknüpft gewesen, deren Beseitigung sehr umfassende Erörterungen nöthig gemacht hat. Die zugesagte gleiche Maßnahme für die R e i ch s b e a m t e n ist übrigens auch bereits in Angriff genommen und es sind die Vorbereitungen auch nahezu vollendet; doch läßt sich der Zeitpunkt der Ausführung noch nicht ab­sehen.

* In Paris hat der deutsche Botschafter vorgestern Abend dem Minister des Auswärtigen Spuller die Einladung der deutschen Regierung zur Theilnahme an der durch das Reskript des Kaisers vorgesehenen internationalen Konferenz übergeben. Ueber die Aufnahme der Einladung seitens der stanzösischen Regierung ist noch nichts bekannt.

* Der Staatsrath, welcher demnächst unter dem ' Vorsitze des Kaisers zur Berathung der Arbeiterstage zusammentreten wird, besteht aus den Prinzen des königlichen Hauses, welche das 18. Lebensjahr erreicht haben, dem Präsidium des Staatsministeriums, den aktiven Ministern, den Feldmarschällen, dem Chef- präsidenk der Obersten Rechnungskammer, dem Geheimen Kabinetsrath und dem Chef des Militär - Kabinets; ferner haben die kommandirenden Generale und Ober­präsidenten, wenn sie in Berlin anwesend sind, Sitz und Stimme im Staatsrath. In Folge königlicher Ernennung gehören zum Staatsrath seit 1884: Geh. Kommerzienrath Baare, Oberpräsident v. Bennigsen, Oberkonsistorialrath Dr. Brückner, Reichsbankdirektor v. Dechend, Amtsrath v. Dietze, Graf Frankenberg, Professor Gneist, v. Helldorf, Graf Henckel v. Donners­marck, Präsident des evangelischen Oberkirchenrathes Dr. Hermes, Oberhofprediger Dr. Kögel, Präsident des Abgeordnetenhauses v. Köller, Fürstbischof Dr. Kopp, Erzbischof Dr. Krementz, Landesdirektor v. Levetzow, Geheimer Bergrath Leuschner, Graf Limburg-Stirum, Geheimer Kommerzienrath Dr. v. SReoiffen, Freiherr v. Minnigerode, Dr. Miquel, Herzog von Ratibor, Professor Schmoller, Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst,

„Er ist's!"

Damit verschwand er.

Es war in der That Georges de Fresnieres.

Unterwegs hatte er sich bei dem Kutscher des Näheren bezüglich der Gräfin erkundigt, aber der Kutscher kannte sie bloß von Hörensagen. Er wußte nur, daß sie sonst in Paris wohne. Das Schloß war lange Zeit unbewohnt geblieben: ein Herr, welcher sich Graf von Cremona tituliren ließ, hatte es vor einiger Zeit gekauft. Er war in der ganzen Gegend niemals sichtbar gewesen.

Die Diener, welche man um Auskunft über ihn frug, hatten erwidert, daß er sich auf Reifen befinde.

Man hielt ihn für einen Ausländer.

Georges lohnte den Kutscher und klingelte dann. Ein Diener erschien.

„Ist Frau Gräfin de Cremona zu sprechen?" frag er.

„Die gnädige Frau ist leidend," antwortete der Lakai, „sie ist für Niemanden zu sprechen."

„Das heißt, sie wird mich doch empfangen."

Verwundert maß der Diener den Fremden von Kopf bis zu Füßen und fagte dann:

„Ah — verzeihen Sie, vielleicht sind Sie der Pariser Advokat?"

„Allerdings." ...»

„Dann bitte, treten Sie ein und kommen Sie mit mir. Beide schritten nunmehr auf die Villa zu.