Mittwoch, den 12. Februar 1890.
17. Jahrgang
□ Das Kartell seit 1887?)
*) Nachdruck verboten.
vergönnt waren, jetzt hundertfach sollte büßen müssen ...
In der That brütete Ronstau genau zu der Stunde, wo Georges sich so überaus glücklich fühlte, die schwarzen Rachepläne, welche sein ganzes Glück zerstören sollten ... Made in diesem Augenblicke lauerten Schurken im ckeln auf die Heimkehr derjenigen, welche er liebte.
Er fühlte sich fast geneigt, ihm zuerst die Hand zu reichen, ja, so zu sagen, ihn zu lieben.
Uebrigens schwamm er heute in einem solchen Uebermaße des Entzückens und der Wonne, daß er alle hätte lieben, so zu sagen die ganze Welt hätte umarmen und jedem Vorübergehenden sein Glück laut hätte verkünden mögen.
Nicht im Entferntesten konnte er ahnen, daß sich gerade in diesem Augenblicke schwere Wolken über seinem Haupte zusammengezogen — gleichsam als ob der Himmel ihn habe daran erinnern wöllen, daß vollkommene Glückseligkeit hienieden nicht zu finden sei und als ob er für die glücklichen Stunden, die ihm soeben
find Schuld daran, daß diesem Gesetze eine Form ge- geben worden ist, welche die schwersten Bedenken toi rufen muh. Hat es ja i
Niemals hatte er sich in einer so glücklichen Stim- mung gefühlt, und nie war es ihm so warm und leicht um s Herz wie heute.
m große Ruhe war an Stelle der Angst und Besorgnlß getreten, welche ihn all' die Zeit hindurch I gerat gequält hatte, wo er sich einerseits hatte sagen müssen, Dun!
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und hat
ganisation der Unfall - Versicherung durch den bewilligten Staatszuschuß
gegen 165 Stimmen angenommen worden ist. Das Geheimniß, wie das Gesetz hat durchgehen können, liegt in dem Druck, der von Oben ausgeübt worden ist: es sollte indem ersten Regierungsjahr der „neuen Aera" eine hervorragende That geleistet werden, das wußten die Kartell-Parteien, und so bewilligten sie das Gesetz, um sich als geschlossene Regierungspartei nach all' den eklatanten Mißerfolgen zu präsentiren.
geordnete Lohren einen hell erleuchteten Abgrund genannt. Von anderen Konservativen, z. B. dem Grafen Mirbach, wurde das Gesetz auf's Schärfste angegriffen, so daß Minister v. Bötticher sein bekanntes Wort „Nur Muth, nur Muth" an den Reichstag richten mußte. Die Fehler des Gesetzes sind bis in die jüngste Zeit hinein erörtert worden, so daß wir sie hier nur zu streifen brauchen. Der Umfang der Alters- und Jn- validen-Versorgung ist viel zu weit ausgedehnt, so daß es fraglich ist, ob in dieser Ausdehnung sich das Gesetz überhaupt bemeistern läßt. Dabei hat es trotzdem den Mangel, daß es die so nothwendige Rekonvaleszenten-, Wittwen- und Waisenversorgung in diesem Verfiche- rungszwang nicht enthält. Daß die erfolgte Einbeziehung der landwirthschaftlichen Arbeiter in dieses Gesetz nicht dem Interesse des Bauernstandes entspricht, werden wir ja besonders in Bayern bald erleben. Die Kleinbauern können unmöglich die Versicherungssast für ihre Arbeiter bezahlen, und außerdem hätte man die landwirthschaftlichen Verhältnisse nicht nach der Schablone der Industrie, sondern in einem eigenen Gesetze behandeln sollen. Genau so verhält es sich mit dem Handwerkerstande. Endlich aber durchbricht das Gesetz die sehr mühsam geschaffene berufsgenoffenschastliche Or-
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(28. Fortsetzung.)
12.
Georges de Fresnieres hatte das Theater in einer kaum beschreiblichen glückseligen Stimmung verlassen.
Seinem Glücke stand nichts mehr im Wege.
Klara liebte ihn, ihr Bruder war mit der Sache einverstanden, er war, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, der offizielle Bräutigam. Kaum hatte er der hämischen und giftigen Blicke geachtet, welche Andree Ronstau ihm zugeworfen hatte, als er gesehen, daß man Georges bevorzugt hatte.
Der junge Mann hatte eine bescheidene Wohnung in der Nähe des Justizgebäudes, wo er tagtäglich zu verkehren hatte, in der Rue de la Monnaie inne. Als bie Vorstellung zu Ende war, begab er sich zu Fuße dorthin. Langsam ging er durch die bereits im Halbdunkel da liegenden Straßen dahin, die Augen gegen Himmel gerichtet, als ob er demselben für seinen Triumph danken wolle.
Form, Inhalt und Art des Zustandekommens des Jnvaliditäts- und Altersversorgungs-Gesetzes sind so in der That wenig geeignet, die sozialpolitifche Befähigung der Kartell-Parteien zu erweisen. Insbesondere sollten die Nationalliberalen davon schweigen, denn sie haben gerade aus den Gründen, welche die Fehler des Gesetzes darstellen (Behandlung der Landwirthschaft und
M her fmtonfcrMtwe Ab. | tcnbm.’ ,u ior6l?nl g,!ud|t. „'uf den wir noch zurückkommen.
Bei dieser Gelegenheit müssen wir denn doch daran erinnern, daß die Nationalliberalen, wie sie unsere Wirthschafts-Politik auf Schritt und Tritt zu vereiteln, wie sie die Arbeiterschutz - Bestrebungen gehemmt und abzuschwächen gesucht, so auch die Durchführung der Arbeiter-Versicherung zu vereiteln gesucht. Die Grundlage derselben ist mit der Unfallversicherung gelegt worden. Glauben die Herren etwa, man hätte ihr Auftreten gegenüber dieser wichtigsten Versicherung vergessen? Die Nationalliberalen widerstrebten damals grundsätzlich der ausschließlichen Zwangsversicherung und wollten damit die öffentlich-rechtliche Ordnung dieser Frage durchbrechen. Die Reden der Abgg. Qechelhäu- ser und Dr. Buhl gegen das Unfallversicherungs-Gesetz find uns noch völlig gegenwärtig. In der Kommission aber stimmten die Nationalliberalen derart mit den
Seine Bestrebungen waren auf Höheres gerichtet.
Ihm däuchten die Räume des Justizpalastes zu eng — vor einem größeren Publikum gedachte er seine ganze Beredsamkeit zu entfalten.
Sein Ehrgeiz strebte mit einem Worte dahin, De- putirter zu werden, und bereits hatten ihm eine Menge Freunde die Zusicherung gegeben, ihm ihre Unterstützung zu leihen und aus allen Kräften dahin zu wirken, daß ihm die Vertretung eines der größten Arrondissements in der Provinz zufiele.
Unablässig war demnach sein Sinnen und Streben auf dieses Ziel gerichtet, wegen dessen er sich denn auch in seinen Mußestunden eifrig mit dem Studium der ökonomischen und sozialen Fragen beschäftigte.
Besonders war es das Schicksal der arbeitenden Klassen, welches ihm am Herzen lag. Gern hätte er die ganze Welt glücklich gemacht, wenn es nach ihm gegangen wäre. Wenn er die Unglücklichen in den Straßen umherirren sah oder von den Dramen des Hungers oder anderen Elends, wie sie in Großstädten etwas Alltägliches sind, las, so preßte sich sein Herz zusammen. Er konnte es nicht begreifen, wie es möglich sei, daß bei unseren fortwährenden Fort-
Freisinnigen, daß das Centrum und die Konservativen genöthigt waren, gesondert vorzugehen und eine Reihe von Anträgen mit einander zu vereinbaren, auf denen das Gesetz gegen den Willen der Nationalliberalen aufgebaut wurde. Nachdem so der Widerstand der Nationalliberalen vereitelt war, mußten sie schließlich zu Kreuze kriechen; sie nahmen dann das durch Centrum und Konservative vereinbarte Gesetz schweren Herzens ob denn auch seine Liebe erwidert werde und sodann, ob auch seiner ehelichen Verbindung sich kein Hinderniß in den Weg stellen werde. Ein Blick, ein Wort war im Stande, ihn in die heftigste Aufregung zu verfetzen, und wenn er Ronstau's ansichtig wurde, so preßte sich ihm sein Herz krampfhaft zusammen.
Heute Abends hatte er ihn zwar gesehen, aber sein Haß war jetzt erloschen, verschwunden, jetzt, wo er ihn nicht mehr zu fürchten hatte.
kommen, ohne daß es den Kartell-Parteien dabei wohl zu Muthe gewesen wäre. Ein Theil derselben hat direkt dagegen gestimmt, so daß das so tief einschneidende Gesetz nur mit der geringen Majorität von 185
an, weil sie inzwischen den „Tag von Heidelberg" gemacht und sich entschlossen hatten, ihr Schifflein in das gouvernementale Fahrwasser zu lenken.
Der weitere Ausbau der Unfallversicherung ist ebenfalls nicht das Verdienst des Kartells, denn daran war das Centrum wesentlich betheiligt, namentlich ist die landwirthschaftlicheUnfall- versicherung, für welche die Regierung einen unbrauchbaren Entwurf vor gelegt hatte, nach den Anträgen und Forderungen des uns durch den Tod so früh entrissenen Freiherrn von Franckenstein erledigt worden.
Kurz, wohin wir auch blicken, finden wir, daß das Kartell nicht Trägerin positiver sozialer Reformen ist. Daß das auch in Zukunft so sein werde, ergibt sich aus der Zusammensetzung und den inneren Beweggründen der Kartellparteien. Sie waren unfähig, die Agrarfrage und das Handwerk zu fördern, sie vermögen auch die Arbeiterfrage nicht zu lösen trotz aller schön stylisirten Reden des Herrn Dr. Miquel. Er wird es nicht vermögen, in der Arbeiterwelt den Glauben an den sozialen Beruf des Kartells zu erwecken. Dieselbe kennt die Geschichte der fozialen Reformbewegung zu gut, um irr zu werden, sie kennt auch das terroristifche Vorgehen der Nationalliberalen bei den Wahlen, um deren gerühmte angebliche „Arbeiterfreundlichkeit" nicht zu durchschauen. Wer die abhängige Arbeiterwelt zur Abstimmung gegen ihre Ueberzeuqung mit allen Mitteln gedrängt hat, wie die Nationalliberalm, kann nicht erwarten, daß er irgendwie Vertrauen bei den Arbeitern erwecken wird!
Und auch die Art und Weise, wie das Kartell sich zur Frage des Sozialistengesetzes gestellt hat, muß die Arbeiter mit tiefem Mißttauen erfüllen. Im Jahre 1887 haben die verbündeten Regierungen versucht, das Sozialistengesetz durch die Verweisung außer Landes zu verschärfen, was vom Reichstage abgelehnt wurde. Im Jahre 1888 hat dann Preußen im Bundesrath einen Gesetzentwurf zur Ueberführung des Sozialistengesetzes ins gemeine Recht vorgelegt, welcher die gesammte Versammlungs-, Vereins- und Preßfreiheit unter ein Damoklesschwert gestellt hätte, dem alle Parteien ohne Ausnahme verfallen mußten, je nachdem gerade der Wind vom Regierungstisch her wehen würde. Die Tendenzen in den obersten Regionen sind durch diese Vorgänge vollkommen geklärt, und erst dieser Tage hat an sie Exminister v. Puttkamer in seiner Stolper-Kandidatenrede in dem Brustton uner- fchütterlicher Ueberzeugung wieder angeknüpft. Herr v. Puttkamer soll auf Wunsch des Fürsten kandidiren, und daß er an hoher Stelle sehr gelitten ist, weiß
Georges war, wie der Leser weiß, Rechtsanwalt. Fast vor zwei Jahren war er in irgend einem Prozesse öffentlich aufgetreten und es fehlte ihm keineswegs an Kundschaft; aber er gedachte doch nicht in dieser Karriere zu bleiben.
Fuldaer Zeitung
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(Fortsetzung) burd) den bewilligten Staatszuschuß einen direkt der
An den hervorragenden politischen Fragm haben Ku£Ä
wir bereits dargethan, wie das Kartell mtweder nichts J
zu leisten vermochte oder direkt ein Hinderniß für Ze- !ft bad Ätzers- und ^nvaüdttats-Gesetz zu Stande gesunde Reformen war und ist. Wir wollen indeß nicht verhehlen, daß bei der Reform des Genossenschafts- Gesetzes das Kartell zugestandmermaßen nicht gescheitert ist. Das ist aber kein Verdienst des Kartells, sondern hier war der Reichstag überhaupt einig und §mit dieser Reform ein Werk vollbracht, an dem
alle Parteien, insbesondere das Centrum, betheiligten.
r müssen daher, obwohl der nationalliberale Führer
Dr. Miquel am 2. Februar in Kaiserslautern behauptet, das Kartell allein sei zu sozialpolitischem Schaffen befähigt, beim Gegentheil bestehen bleiben, denn dieses Gegentheil ist erwiesen durch die ganze Entwickelung und Bethätigung des Kartells.
Allerdings ist es seit dem Zustandekommen des Alters- und Invaliditäts-Gesetzes bei den Nationalliberalen Mode geworden, sich selbst als die hervorragenden Vertreter der Sozialpolitik hinzustellen. Mit welchem Rechte? Gerade die Nationalliberalen