Dienstag, den 11. Februar 1890.
17. Jahrgang
uldaer Zeitung
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Daniels Geheimniß.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(27. Fortsetzung.)
Charles antwortete also dem Kommissar, indem er zugleich aus dm Diener deutete, welcher in seinem Uebereifer die Sache der Polizei angedeutet hatte:
„Der Mann hat sich geirrt — wir glaubten selbst anfangs ..." , , t
„Aber," fiel ihm der Beamte m's Wort, „da ist ja ein provisorisches Krankenlager zurecht gemacht, und ein verwundeter Mann liegt auf demselben!"
„Der Mann ist das Opfer eines Unfalles geworden," antwortete Charles kurz, während feine Schwester zugleich auf den Greis trat, als ob sie ihn beschützen wolle.
„Es ist einer Ihrer Diener?" frug der Kommissar weiter.
Der junge Mann nickte.
„Sie wissen seinen Namen?"
Charles antwortete nicht.
Eine peinliche Stille trat ein — so lautlos, daß man nebenan im Speisesaale das einförmige Ticken der Uhr vernehmen konnte.
Sinnend stand der Polizeikommissar da.
Er witterte etwas Verdächtiges und sein Verdacht wuchs mit jeder Minute.
„Welches Interesse konnte Herr de Serves nur daran haben," so frug er bei sich, „einen Schurken, einm Verbrecher um jeden Preis retten zu wollen?"
D Das Kartell seit 1887?) (Fortsetzung.)
Während der ganzen verflossenen Legislatur-Periode hat es sich gezeigt, daß das Kartell nur einig ist in der Bekämpfung der Volksrechte zu Gunsten der Kartellherrschaft. Ueberall, wo positive Aufgaben an das Kartell herantraten, wo es in der Gesetzgebung eine schöpferische Kraft entfalten sollte, da versagte das Kartell.
Gleich in der zweiten Session des Reichstages wurden die Getreidezölle erhöht. Die Landwirth- schaft verlangte dringend diese Erhöhung. Wir brauchen deren Berechtigung nicht noch näher zu begründen, denn die entschiedene Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist überzeugt, daß der Landwirthschast auf diese Weise geholfen werden muß. Frankreich, Rußland und Oesterreich - Ungarn müssen ihre Landwirthschast ebenfalls durch hohe Schutzzölle vor der überseeischen Konkurrenz und auch dem schon von Asien her drohenden Wettbewerb schützen, warum sollte nun in Deutschland die Landwirthschast schutzlos sein? Freihandel ist ein sehr schönes Prinzip und zweisellos ist es objektiv richtig, daß ein Land nur das treiben soll, wozu es von Natur aus die besten Vorbedingungen hat. Aber einer schönen Lehrmeinung wegen können wir nicht unsere alte deutsche Kultur umstürzen, welche gerade auf der Landwirthschast fundamentirt ist, blos deshalb, weil augenblicklich jüngere Länder günstigere Verhältnisse für den Ackerbau besitzen. Drei Fünftel der deutschen Bevölkerung beschäftigt sich mit Ackerbau, gerade er vorzugsweise hat seither die Mittel geliefert, unser Staatswesen mit all' seinen Vortheilen, aber auch mit seinen schweren Belastungen aufrecht zu erhalten. Wie aber steht es mit dem Kartell in dieser Lebensfrage der deutschen Nation? Das Kartell hätte aus eigener Kraft diefe Frage nicht zum Wohle der Landwirthschast gelöst, wenn nicht das Centrum gewesen wäre. Als die Getreidezölle geschaffen wurden, waren die Nationalliberalen dagegen. Sie boten durch Bennigsen der Regierung Finanzzölle zur beliebigen Höhe an, nur Schutzzölle wollten sie nicht. Da mußte das Centrum einspringen und durch seine führende Mitwirkung mit den Konservatiaen gegen die Nationalliberalen das Schutzzoll-System schaffen. Als dann 1885 die Getreidezölle erhöht wurden, da versagten die Nationalliberalen trotz der inzwischen erfolgten Einschweükung m's gouvernementale Lager der Landwirthschast die Hilfe. Von 47 nationalliberalen Abgeordneten stimmten 13 für den Roggenzoll von 3 Mark, 34 gegen
*) Nachdruck verboten.
denselben; 25 für den Weizenzoll von 3 Mark, 22 gegen denselben. Die Nationalliberalen haben sich also gegenseitig lahm gelegt. Der Effekt war derselbe, als wenn sie überhaupt gar nicht dagewesen wären. Würde das Centrum nicht für die Getreidezoll-Erhöhung eingetreten sein, so hätten 1885 die Nationalliberalen diese Maßregel durch ihr Verhalten vereitelt. Im Jahre 1887 erfolgte die Erhöhung der Getreidezölle auf ihre jetzige Stufe mit 203 gegen 116 Stimmen. Diesmal waren nur 17 Nationalliberale für die Erhöhung, die Uebrigen stimmten, etwa 70 Mann stark, dagegen. Das Centrum mußte wiederum die Führung übernehmen und setzte durch seine entscheidende Stellungnahme die Erhöhung durch. Bei dieser wichtigen Frage hat also das Kartell den Dienst versagt.
Noch mehr! Der Führer der Nationalliberalen, Herr von Bennigsen, hat in diesem Kartellreichstag ausgesprochen, auf die Schutzzoll-Bewegung werde nach seiner Meinung eine rückläufige Bewegung erfolgen; man könnte die Schutzzölle als Tauschobjekt bei der 1892 nothwendig werdenden Erneuerung der Handelsverträgeanwenden! Das heißt nicht mehr und nicht minder, daß die Nationalliberalen eventuell bereit sind, die Schutzzölle zu opfern, um günstigere Handelsbeziehungen mit anderen Nationen zu erzielen. Der Gedanke ist geradezu ungeheuerlich, zumal man ja schon jetzt Seitens der Nationalliberalen erstrebt, den Identitätsnachweis wieder aufzuheben und so die Getreidezölle gründlich zu durchlöchern. Ein betreffender Antrag der Nationalliberalen wurde vom Reichstag bereits abgelehnt. Jetzt darf bekanntlich Getreide mit Rückvergütung des Zolls eingeführt werden, wenn dasselbe Getreide wieder ausgeführt wird, wenn also das Getreide lediglich dem Transitverkehr dient. Es muß dann der Identitätsnachweis geliefert, d. h. bewiesen werden, daß man dasselbe Getreide ausführt, das man eingeführt hat. Die Seeplätze erstreben den Wegfall diefes Identitätsnachweises, so daß dann ohne Weiteres für foundfoviel Zentner eingeführtes Getreide ebensoviel ausgeführt werden könnte — mit Zollrückvergütung. Dadurch hätten die Getreidehändler Gelegenheit, gutes Getreide von auswärts, namentlich aus Russisch-Polen, bei uns einzuführen und weiter zu verkaufen, und das minderwerthige billig aufgekaufte Getreide des Ostens ins Ausland zu schaffen. Für unser Bayerland, für Rheinland und Westfalen würde das eine eminente Gefahr werden, wir hätten dann eine scharfe Konkurrenz der preußischen Ostprovinzen zu bestehen, die uns mit verbilligten Eisenbahntarifen auf den Leib rücken könnten. Der Schutz unserer Getteide-
Der Greis lag inzwischen da und vernahm in wahrer Todesangst die Fragen des Kommissars.
Beinahe hätte er, um das Peinliche der Situation zu beendigen, Alles verrathen.
„Vielleicht haben Sie den Namen des Mannes vergessen," fuhr der Kommissar mit leichter Ironie fort. „Sie haben fo viele Diener!"
„Ich habe ihn in der Thal vergessen," erwiderte Charles kurzweg.
„Dann gestatten Sie mir gewiß, ihn nach demselben zu fragen."
„Ich habe nichts dagegen."
Der Beamte trat auf das Bett zu — indeß Klara kam ihm zuvor und sagte hastig:
„Sie werden diesen Mann tobten, mein Herr . . . Der Arzt hat ihm ausdrücklich verboten, zu sprechen!"
Zu gleicher Zeit hatte das junge Mädchen dem Arzt einen bittenden Blick zugeworfen.
„In der Thal könnte ein Verhör in diesem Augenblicke gefährlich werden," bemerkte der Letztere.
Mißtrauisch blickte der Beamte um sich —die ganze Geschichte däuchte ihm sonderbar, und er glaubte, daß sich Alles gegen ihn verschwöre, um ihn hinter's Licht zu führen.
Aber weshalb? Und zu welchem Zwecke?
„Aber ich muß doch schließlich meine Pflicht erfüllen!" stammelte er etwas verlegen.
Ruhig antwortete Charles:
„Dieser Mann befindet sich unter meinem Dache — er steht unter meinem Schutze."
Produktion würde dadurch hinfällig. In dieser Frage stimmen die Konservativen des Ostens mit den Nationalliberalen überein. Bayerische Wähler haltet euch das genau vor, ehe ihr den Stimmzettel bei der Reichstagswahl abgebt! Stärkt ihr das Kartell, so lauft ihr Gefahr, der Landwirthschast das wieder zu nehmen, was das Centrum unter schwierigen Verhältnissen durch seinen entscheidenden Einfluß hat schaffen helfen. Wollt ihr die Herrschaft des Kartells vermehren, das euch die Einführung und Erhöhung der Getreidezölle versagt hat und das eventuell bereit ist, das Schutzzollsystem zu durchlöchern oder gar völlig abzuschaffen bei der Erneuerung der Handelsverträge? Wir sind fest überzeugt, daß ihr das nicht thun, sondern mannhaft diese Gefahr am Wahltage abwehren werdet.
Und auch von den Handwerkern haben wir dieselbe Ueberzeugung. Sie sind in der letzten Legislaturperiode nicht leer ausgegangen, denn der Reichstag hat in dritter Lesung mit 130 gegen 92 Stimmen die Einführung des Befähigungsnachweises angenommen. Natürlich stimmten auch hier wieder die Nationalliberalen dagegen. Das Kartell hat sich also auch hier nicht zugkrästig erwiesen. Die Handwerker haben vom Kartell überhaupt nicht das Geringste zu erwarten. Alles, was sie bislang in der Gesetzgebung erreicht haben, wurde durch das Centrum und die Konservativen durchgesetzt; die Nationalliberalen haben nur Spott und Hohn über die „Zünftler" und deren „verknöchertes" System, im freien Konkurrenzkampf mit der Großindustrie wollen sie kalten Blutes das Handwerk scheitern lassen, da es nun einmal nicht mehr zu retten sei.
Endlich haben wir noch die Arbeiterfrage hier zu streifen. Der Reichstag hat einmüthigein Arbeiterschutzgesetz votirt. Von wem ging es aber aus? Wieder nicht vom Kartell, sondern vom Centrum. Als im Jahre 1885 das Centrum int Reichstag in einer Resolution auf den Arbeiterschutz drang, da wies Fürst Bismarck die Forderung zurück und stützte sich dabei auf Reden des nationalliberalen Abg. Dr. Buhl und des deutsch-freisinnigen Abg. Dr. Baumbach. Das Centrum legte dann einen formulirten Arbeiterschutz- Gesetzentwurf vor, gegen den gerade die eigentlichen Kartellparteien d. h. die Freikonservativen und National- liberalen am schärfsten sich wandten. Daß sie dem Abg. Hitze nicht noch Sachkenntniß absprachen, war Alles! Das Centrum hat aber diesen Widerspruch zu brechen gewußt durch andauernde Beharrlichkeit, so daß die Kartellparteien in Anbetracht der Stimmung der Arbeiterwelt nachgaben. Immerhin aber mußte das Centrum wichtigeBestimmungen seinesGesetzentwurfes abschwächen,
„Ich habe das Recht, seinen Namen zu wissen." „Wir werden ihn um seinen Namen fragen, sobald er überhaupt verhört werden kann."
„Aber von seinen Kameraden kennt ihn doch ohne Zweifel Jemand?"
Die sämmtlichen Diener standen ruhig und theil- namslos da.
„Der Mann hat seine Stelle erst heute bei mir angetreten, also kann ihn noch Niemand kennen."
Dem Kommissar kochte es.
„Nun, mein Herr," sagte er dann kurz und schneidig, „ich habe das Recht, zu erfahren, wer dieser Mann ist und was sich heute Nacht hier zugetragen hat. Wenn man mich zum Besten hat halten wollen, indem man mir von einem angeblichen Verbrechen berichtet hat, oder wenn man die Justiz zum Narren halten will, indem man, ich weiß nicht aus welchem Grunde, ein wirkliches Verbrechen zu verheimlichen sucht — und wenn man mir, wie es scheint, überhaupt nicht antworten will, so will ich mich entfernen, aber die Untersuchung wird damit noch nicht erledigt sein und ich werde schon erfahren, was vorgegangen ist."
Damit griff der Beamte nach seinem Hute und schickte sich an, zu gehen.
„Mein Herr," sagte Charles, sich an ihn wendend, „es ist Niemandem eingefallen, Sie oder die Justiz irgendwo zum Narren zu halten. Allerdings sind wir diese Nacht durch einen Schreckensschrei, welcher vom Eingänge des Hauses herzukommen schien, aus dem Schlafe geweckt worden. Wir sind fchleunigst hinunter-