17. Jahrgang
Freitag, den 7. Februar 1890.
JM 30
Fuldaer Zeitung
........ . .. in Kutba. - m - Druck u. B-rl-g der Fuldaer Aetiendruckerei (PH. Reuß).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Das christliche Sittengesetz fragt nicht nach der Partei- i raison, und hoch über den Parteien steht das Wohl des Vaterlandes und des Volkes. Ihnen allein haben wir zu dienen. Das Kartell aber stellt das Gewissen und das Volkswohl bei einer Politik, die alle Fragen unter dem Gesichtswinkel der Gefährdung feiner Majorität betrachtet, in die zweite Linie.
Wir müsfen Herrn v. Kardorff zugestehen, daß er nicht der Erfinder dieser bösartigen politischen Taktik ist. Vor ihm haben dieselbe schon Andere formulirt, darunter die .Konservative Korrespondenz , das offizielle Organ der deutfchkonservativen Fraktionen. Auch auf dieser Seite wurde erklärt, daß man politische Aufgaben, welche dem Zufammenschluß der Nationalliberalen, Freikonfervativen und Deutfchkonservativen entgegenstehen, zurückhalten müsse, was, wie die ,Kreuzzeitung' richtig bemerkte, dazu nöthigen würde, die brennendsten Fragen brach liegen zu lasten und eine „Politik der Filzpantoffeln" zu führen.
Es ist ja auch ganz klar, daß die Kartellparteien eine solche Politik führen müsfen, denn sie sind eine zusammengewürfelte Gesellschaft, in der die widersprechendsten Grundsätze und Interessen vertreten linb. Die Deutschkonservativen rekrutiren sich hauptsächlich aus dem protestantischen Adel und dem Grundbesitz, sie sind nach Familientradition, Interessen und Grundsätzen zur Vertretung der bäuerlichen Verhältnisse und des Handwerkerstandes geneigt, wie sie andererseits nach der geschichtlichen Entwicklung von jeher nur in Anlehnung an die Krone .politisch sich geltend gemacht. Mehr oder minder vertreten sie auch die strenggläubige Richtung im Protestantismus. Die National- liberalen sind auf Seiten des Protestantenvereins, je weniger kirchlich gesinnt man sich gibt, desto lieber ist es ihnen. Die Nationalliberalen sind im Kampfe gegen das Königthum und für den Parlamentarismus groß geworden, wäre nicht das Jahr 1866 und die Lösung der deutschen Frage in preußischem Sinne dazwischen gekommen, so wäre es dem nationalliberalen Elemente in Preußen niemals gelungen, in günstige Beziehungen zur Krone zu treten. Endlich aber wurzeln die Nationalliberalen ausschließlich in der Großindustrie und dem Großhandel, sie sind die Hauptvertreter des Großkapitalismus im Gegensatz zur Landwirthschaft und zum Handwerk. Und daraus folgt dann noch der natürgemäße Gegensatz in sozialen Fragen überhaupt, bei welchen die Nationalliberalen um so befangener sind, je mehr sie die Industrie zu beherrschen streben. Und trotzdem wollen Nationalliberale und Konservative zusammen im Kartell Politik treiben. Das kann doch
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sorgen hatten, blieben in dem Gemache zurück, und betrachteten verwundert bald den Verwundeten, bald Klara selbst, deren Eifer und Hingebung sie nicht genug bewundern konnten, wenn sie auch nicht damit einverstanden waren.
Mittlerweile waren die Diener, welche man auf die Suche geschickt hatte, zurückgekehrt.
Sie hatten niemanden gesunden, sondern nur die Spuren des Einsteigens wahrgenommen und die ganz frischen Schritte auf dem Rasen bemerkt. Es waren der Schurken, wie sie meinten, wenigstens vier gewesen.
Unter großem Wortschwalle und mit vieler Ueber- treibung berichteten sie, wie sie nach allen Richtungen umhergestöbert hätten, um einen der Verbrecher zu fassen. —
In ihrem Munde nahm die Sache eine ganz un- gewöhliche Bedeutung an.
Das ganze Personal des Hotels war nach ihrer Meinung einer gräßlichen Gefahr entgangen, und offenbar war die ganze Geschichte von langer Hand geplant wie denn auch nach ihrer Ansicht die Verbrecher mit den Gepflogenheiten der Hausbewohner durchaus vertraut gewesen sein mußten.
Jedenfalls mit Absicht hatten sie die dunkelste Ecke gewählt, um ins Hotel einzudringen, um nicht die Aufmerksamkeit der Bewohner zu erregen.
Charles sah seine Schwester an und sagte in etwas spöttischem Tone zu ihr:
„Nun, was macht Dein Freund und Schützling? Bist Du jetzt vollständig überzeugt?
Daniel', Geheimniß.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(24. Fortsetzung.)
Seine Gesichtszüge trugen noch immer, so glaubte sie wahrzunehmen, den ruhigen, ja gutmüthigen Ausdruck, wie dies bei Verbrechern kaum der Fall zu sein
Nein, es war dies keine Schrecken erregende Physiognomie, wie sie die berussmäßigen Verbrecher zu haben pflegten. ,
Behutsam wusch sie ihm das Gesicht und natzte ihm die Schläfe mit einem in Weinesilg getränkten, leinenen Lappen. . . „ „ , . „ ,
Mit gleichgiltigen Blicke üeß Charles sie machen.
Wozu sollte er sie auch zu hindern suchen?
Jede Frau ist ja von Natur so eine Art Krankenpflegerin. „ „ . ,
Auch sie wollte diese Rolle spielen.
Er wollte sich ihrem Beginnen nicht widersetzen.
Uebrigens war es ihm selbst nicht unerwünscht, daß der Alte dem Leben erhalten bleibe, damit er ihn verhören und so vielleicht etwas Näheres erfahren könne. .
Das ganze Hotel lag jetzt in vollständiger Ruhe da, und man. hörte nur den leisen, dumpfen Tritt der Diener, welche auf Weifung Klara's allerlei Gegenstände, deren sie zur Pflege ihres Schützlings bedurfte, herbeiholten.
Diejenigen Diener, welche gerade nichts zu be-
nur geschehen, wenn beide Theile den Dingen nicht auf den Grund gehen und in allen politischen Fragen nicht deren sachliche Bedeutung in den Vordergrund stellen, sondern fragen: Was verträgt sich mit denk Kartell ?
Daß dem Kartell dabei selber nicht wohl zu Muthe ist, ist bekannt. Aber es bleibt äußerlich doch beisammen, weil es das Mißtrauen der im Kartell geeinigten Parteien so erfordert. Die Nationalliberalen fürchten, daß die Konfervativen nach Bismarcks's Tode ans Ruder kommen könnten, während umgekehrt die Konfervativen die Besorgniß hegen, die Nationalliberalen könnten dereinst zur Herrschaft gelangen. Und so vereinigen sich beide, um sich als Ganzes zu präsentiren und die gesonderte Beförderung der Theilparteien zu verhindern. Die Nationalliberalen glauben dadurch die Konservativen von konservativer Politik abzuhalten, wie die Konservativen hoffen, auf folche Weise die Erstarkung des Liberalismus zu verhindern. Was daraus entsteht, haben wir in den letzten drei Jahren vor uns gesehen. Bald lagen sich die Kartellparteien vor Freude in den Armen, wenn sie Mal bei irgend einer Frage einig waren, bald zogen ihre Blätter in der heftigsten Weise gegen einander zu Feld und führten das widerlichste und ödeste Parteigezänk auf. Und gerade jetzt fehen wir wieder, wie bei den Wahlabmachungen in den einzelnen Kreisen die Kartellparteien einander in der ungenirtesten Weise zu hintergehen suchen.
Wie unehrlich und widernatürlich das Kartell ist, sieht man am deutlichsten in Bayern. Hier gehen nicht nur bei den Landtagswahlen und in der bayerischen Abgeordnetenkammer die Nativuallioeruleu mit ven Deutsch-Freisinnigen zusammen, sondern sie stehen auch bei den Reichstagwahlen in engster Wahlverbrüderung, obwohl doch außerhalb Bayern die Nationalliberalen als die hestigsten Gegner der Deutschfreisinnigen sich geberden.
Die Wähler werden sich zu fragen haben, ob sie noch länger einem solchen Treiben zusehen wollen. Sie werden am 20. Februar ihr Votum darüber abzugeben haben, ob sie ihre eigenen Interessen und das Staatswohl einer Parteiclique unterordnen wollen, welche lediglich die Sucht, sich zur Herrschast im Staate auszuschwingen, zusammengesührt hat, und welche, uneinig im Wollen und Thun, sich nur bei einer allgemeinen Versumpfung unserer inneren Verhältnisse behaupten kann. Schon am 21. Februar 1887 hat diese Clique nicht die Mehrheit der Wahlstimmen auf sich vereinigt, werden die Wähler ihr trotzdem zum Siege verhelfen?
(Fortsetzung folgt.)
□ Das Kartell seit 1887?)
Das deutsche Volk steht vor der wichtigsten Reichs- taqswahl seit Gründung des deutschen Reichs. Denn der 20. Februar 1890 soll darüber entscheiden, ob unsere ganze innere Entwickelung einer Reichstags- Mehrheit" dauernd preisgegeben werden soll, die das Staatswesen nach ihren selbstsüchtigen Parteizwecken diriqiren und es einer Politik dienstbar machen will, welche die Erschaffung unseres öffentlichen Lebens, die Erschütterung unserer verfassungsmäßigen Zustände und den allgemeinen Unfrieden im Innern zur Folge haben mU^n den schönfärberischen Darstellungen der Kartellparteien steht es freilich anders zu lefen. Da dient die aanze Einrichtung des Kartells nur dem äußeren und inneren Frieden. Insbesondere ist es die Hauptmte- ressentin des Kartells, die nationalliberale Partei, welche in dieser Weise das Volk zu täuschen versucht, ^n ihrem Wahlauftus von 1887 sowohl tote in dem jüngst erschienenen wird Friede, Friede Allen verkündigt: fern von allen persönlichen Gegensätzen, un- besangen und unabhängig sollen die Vorlagen der Regierung geprüft und lediglich nach sachlichen Rücksichten beurtheilt werden, so erklärt der am 27. Jan. d Js. veröffentlichte nationalliberale Wahlaufruf. Da war "der freikonfervative Abgeordnete von Kardorff, dem der Verstand allerdings leichter auf die Zunge springt als es seinen Parteifreunden lieb sein mag, doch weit offener. Er erklärte kurz und bündig am 7 März 1887 im Reichstag als Grundsatz des Kartells: „Wir werden uns auf's Eifrigste bemühen, alle Fragen wirthschastlicher, sozialer und konstitutioneller Art unter dem höheren Gesichtspunkte zu betrachten: wie weit können und dürfen diese Fragen geeignet sein, die Majorität zu gefährden. Unter diesen großen Gesichtspunkt müssen wir alle Fragen unterzuordnen suchen." In diesen Worten spricht sich die Selbstsucht des Kartells in der unverhohlensten Weise aus. Es wird ent in den Be- rathunqsgegenständen liegender sa chlich er Zwang nicht anerkannt, sondern lediglich parteitaktische Erwägungen, die Rücksichten auf den Zusammenhalt des Kartells sollen maßgebend sein bei den Berathuugen der Volksvertretung. Wir wollen den Personen nicht zu nahe treten, aber was Herr von Kardorff unbewußt, aber aus innerem Drange ausgesprochen, steht, auch wenn er es bestreitet, im Gegensatz zu den christlichen Lehren und ist Verrath an den Interessen des Vaterlandes.
*) Nachdruck verboten.
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Lebhaft, aber im Tone der nämlichen Ueberzeugung antwortete sie:
„Dieser Mann ist kein Mörder!"
Im nämlichen Augenblicke schlug der Verwundete die Augen aus und regte sich unruhig auf seinem Lager.
„Ich . . . Mörder und hier ..." stammelte er dann. — .
Dann sank er matt und wie am ganzen Leibe von Schrecken geschüttelt, wieder auf sein Lager zurück.
Andree Ronstau hatte nach der Szene, welche wir kennen, in einer unbeschreiblichen Wuth das Theater verlassen. Es war ihm um die Heirath mit der Schwester Charles de Serves aus mehr als einem Grunde zu thun. Zunächst liebte er — was dem Leser bei seinem uns bekannten eigenthumlichen Charakter außergewöhnlich dünken mag, und sodann war er vor allem ein Mann der schlaum Berechnung, denn er rechnete mit der Mitgift, die gerade nicht klem sein konnte, und mittels derer er fein Schifflein, das trotz allem gegenseitigen Anschein bald auf dem Trocknen zu sitzen drohte, wieder flott zu machen hoffte.
Andree Ronstau war .int geheimen mit seinen Hilfsmitteln zu Ende. In wenigen Jahren war alles darauf gegangen und er konnte sich jetzt nur halten vermöge der nicht unbedeutenden Summe, welche lein Freund ihm zugesteckt hatte. Da er indes meist beim Spiel und an der Börse einen Theil semes Kapital» verloren hatte, so war seine wirkliche Lage kaum br-