„M 29.
Donnerstag, den 6. Februar 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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* Das Landheer Englands.
In jüngster Zeit wurde mehrfach von amtlicher Seite in England die Besorgniß kundgegeben, daß bei einer Verfeindung mit einer europäischen Großmacht diese eine starke Truppenmacht auf einen Punkt der englischen Küste werfen und so das Land in die größte Gefahr bringen könnte. Im Zusammenhang damit wies man auf die Unzulänglichkeit der englischen Streitkräfte hin, ließ aber die Landsoldaten außer Betracht und glaubte, es bedürfe bei der eigenartigen Lage des Reiches nur einer Verstärkung der Flotte. Diese F l o t t e ist das eine Auge, mit welchem man hinlänglich über der Wohlfahrt Englands wachen zu können glaubt, während man das andere Auge, das Landheer, verkümmern läßt, insofern der für dessen Entwickelung zur Regel gewordene Stillstand ein Rückschritt ist.
England hat ein Werbeheer, welches, soweit die eigentliche aktive Armee in Betracht kommt, im Kriege nur ein wenig stärker ist als im Frieden. Eine Ergänzung durch Mannschaften der Reserve findet nur in beschränktem Maße statt. Nur für Zwecke der reinen Landesvertheidigung hat man noch eine Miliz und Freiwilligen-Armee (Volonteurs) und für Indien noch ein kaiserliches Heer aus Eingeborenen. Von diesen Truppen muß aber bei einer Berechnung der England zur Verfügung stehenden aktiven Militärmacht abgesehen werden. Letztere kann füglich nicht höher als auf rund 210,000 Mann angeschlagen werden. Diese ist in erster Linie berufen, die Ordnung und Sicherheit innerhalb eines Gebietes von über 23 Mill. Quadrat- Kilometer — 410,000 Quadratmeilen mit 311 Mill. Einwohnern aufrecht zu erhalten.
Allerdings zeigt sich in den englischen Kolonieen (abgesehen von Indien) mehr und mehr das Bestreben, ihre Vertheidigung selbst zu übernehmen, aber zur Zeit kann die englische Regierung denselben diese noch nicht überlassen. Nur Australien ist sich selbst überlassen und hat keine englischen Garnisonen, und in Nordamerika (Canada) befinden sich nur 1500 Mann der aktiven Armee. Auf diese Weise konimen — wir folgen hierbei einer ausführlichen Berechnung des,Reichsboten'— zwar rund 17 Mill. Quadrat-Kilometer in Abzug, fo daß 6 Millionen (—100,000 Quadratmeilen) ungefähr übrig bleiben, deren Sicherheit durch rund 210,000 Mann erhalten werden soll. Von diesen stehen 104,000 Mann in England, Schottland und Irland, während 74,000 Mann Indien, 5000 Gibraltar, 7000 Malta, 1000 Cypern besetzt halten und 15,000 Mann über die Kolonieen Südafrika, St. Helena, Hongkong, Sin- gapore, Ceylon, Westindien, Westküste von Afrika und
Damel's Geheimnis.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(23. Fortsetzung.)
8.
Starr vor Schrecken standen einen Augenblick die Mitglieder der Bande da.
Aber der Chef hatte sich rasch Rechenschaft gegeben von dem, was geschehen war: er sah den Greis wie leblos auf den Eingangsstufen da liegen - jedenfalls war er es, welcher den Ruf ausgestoßen hatte.
„Ah, Schurke, Du bist's!" rief er wüthend.
Dann packte er den Unglücklichen beim Halse, schleuderte ihn mehrere Male heftig auf den Steinstufen hin und her und rief dann, sobald er ihn tobt glaubte, seinen Freunden zu:
„Sauve qui pent!“
Alle verschwanden alsdann im Garten.
Es war die höchste Zeit.
Im Hause wurden Lichter sichtbar und Fenster wurden geöffnet.
Charles de Serves war einer der Ersten, welcher aus dem Bette sprang.
' Er eilte auf das Zimmer Klara's.
Das junge Mädchen schlief ruhig und hatte nichts gehört.
Was der Diener gesehen und was ihm so großen Schrecken eingejagt hatte, war nichts weiter als ein sehr großes Porträt seiner jungen Herrin, welches man
Mauritius vertheilt sind. 4000 Mann stehen als Besatzungstruppen in E g y p t e n. Diese Zersplitterung der aktiven Streitmacht gibt einen Anhalt für die Beur- theilung der militärischen Stellung Englands, die selbst dann noch als sehr schwach bezeichnet werden muß, wenn Organisation und Bewaffnung nach jeder Richtung hin befriedigten. Aber diese beiden Punkte liegen auch sehr im Argen, wie die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen haben.
Was man von der für europäische Verwickelungen verfügbaren Macht zu halten hat, wird klar, wenn man berücksichtigt, daß Irland rund 30,000 Mann beansprucht. (!!) Es bleiben somit noch 74,000 Mann für England und Schottland. Diese Zahl stellt ungefähr 2 Armeekorps nach modernen Begriffen dar. Aber die Nothwendigkeit, doch eine gewisfe Anzahl Plätze dauernd und zwar stark im Innern besetzt zu halten, verbietet, auf jene Zahl zu rechnen, und man wird kaum in der Annahme fehl gehen, daß höchstens 45,000 Mann unter Zusammenraffen alles verfügbaren Personals für einen Krieg bereitgestellt werden können. Die Organisation und Ausbildung der Milizen, Jeomanrys und Freiwilligen ist keine derartige, daß sie für kriegerische Operationen ernsthaft in Betracht kommen, und diese Truppen werden einer regulären feindlichen Invasions-Armee gegenüber unmöglich lattge Stand halten können.
In Indien, einem Gebiet von annähernd 2*/g Millionen Quadrat-Kilometer, d. h. von einer Größe wie Deutschland, Oesterreich, Frankreich und Spanien zusammengenMmen, stehen 74,000 Mann regulärer Truppen. Ist auch die Zahl für asiatische Verhältnisse nicht so sehr gering, so muß doch berücksichtigt werden, daß Englands Macht dortselbst fast ausschließlich auf der Macht der Bayonnette beruht und diese Armee zum größten Theile zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern gebraucht wird. Es ist kaum anzunehmen, daß beim Eintritt kriegerischer Verwickelungen sicher auf die kaiserliche Armee aus Eingeborenen gerechnet werden kann, welche auf dem Papier annähernd 130,000 Mann beträgt und allerdings in ihren Reihen fast 3000 englische Offiziere zählt. Die englische Regierung glaubt rund 800,000 Mann zu ihrer Verfügung zu haben, von denen 210,000 Mann auf die aktive Armee, 58,000 auf die Reserve, 150,000 auf die heimische Miliz, 250,000 Mann auf die Freiwilligen und 130,000 Mann auf die Eingeborenen-Armee kommen. Diese Macht ist über die Welt vertheilt. Abhülfe ist bei diesen Uebel- ständen dringend nothwendig, wenn England seine Weltstellung behalten will. England hat bekanntlich
im Laufe des Tages gebracht hatte, und deren blendend weiße Robe in dem Dunkel des ersten Gemaches ge- spensterhaft geleuchtet hatte.
Der Schurke, welcher schon so voll der größten Angst und des höchsten Schreckens war, war in höchster Hast, ohne sich über das Wesen der Gefahr klar zu sein, zurückgeeilt.
Die Diener eilten, mit Fackeln in der Hand, aus den oberen Etagen bestürzt hinunter, und bereits vernahm Charles ihre Rufe und Verwünschungen.
„Aber was giebt's denn eigentlich?" frug seine Schwester schlaftrunken.
„Nichts — mache Dir keine Sorge, ich will nachsehen!"
Rasch ging er hinaus und eilte in raschen Sätzen die Treppe hinab.
Klara erhob sich unruhig und kleidete sich an.
Bon ihrem Zimmer aus konnte sie nur ein wirres Durcheinander von Stimmen und ein hastiges Kommen und Gehen vernehmen.
Was hatte dies alles nur zu bedeuten?
Sie wollte es wissen und schickte sich deßhalb an, hmunterzugehen.
Als Charles de Serves unten angelangt war, umstanden die Diener todtenbleich einen Greis, welcher tobt zu sein schien, unb dessen Haupt- und Barthaar mit Blut benetzt war.
„Was ist denn vorgefallen?" frug er die Diener, die bei seiner Annäherung ehrfurchtsvoll zurücktraten,
keine allgemeine Wehrpflicht, sondern nur geworbene Truppen — würdig eines Volkes, dessen König das Gold und die Baumwolle sind. Die englische Armee ist in Folge dessen sehr theuer und hat int allgemeinen das schlechteste Soldatenmaterial: den A b - Hub der Nation. So lange die Engländer nur mit Völkern mit geringer militärischer Tüchtigkeit und veralteter Bewaffnung zu thun haben, geht das noch an, die Dinge im Sudan haben aber gezeigt, daß es auch hier eine Grenze giebt; bei einem Kriege mit einer europäischen Macht würden sie rasch unterliegen. Dem Werbesystem entspricht es auch, daß für die Verpflegung der Truppen im Felde im allgemeinen nicht mit der nöthigen Umsicht gesorgt wird. Das Pferd ist dort immer noch mehr werth wie der Mann, der nur den Werth seiner Ausbildung hat und auf dem großen Markte des Elendes und des Proletariats immer wieder leichter gekauft werden kann, wie ein gutes Pferd.
Deutsches Deich.
Berlin, 4. Februar.
* Ein römisches Blatt, der ,Osservatore Romano' veröffentlicht an hervorragender Stelle einen Artikel über die deutschen Reichstagswahl en. Zum ersten Mal findet die Wahl auf 5 Jahre statt; dieser Umstand mahne zu doppelter Vorsicht bei der Auswahl der Kandidaten, die namentlich über ihre Stellung zur Frage der vollen Religionsfreiheit zu prüfen seien. Großer Werth sei auf möglichst hohe Stimmenzahl zu legen, auch in aussichtslosen Wahlkreisen eigene Cen- trums-Kandidaten aufzustellen. Schließlich wird betont, der Klerus sowie die Orden hätten überall da, wo sie durch kein Gesetz oder Hinderniß beschränkt waren, die Sozialdemokraten erfolgreich bekämpft. „Nicht Ausnahmegesetze, und seien sie auch noch so scharf, vermögen ein solches soziales Hebet zu ersticken, sondern einzig unb allein bie Zurückführung des irregeleiteten Volkes zur Religion Jesu Christi. Unb daraus erklärt sich auch bas geringe Wachsthum ber sozialdemokratischen Ideen in allen denjenigen Bezirken, wo die Kirche ihre Mission hat frei ausüben können..."
* Die Pflichten des Offiziersstandes hat vergangene Woche der Kaiser in einer Ansprache an die Kadetten in Groß-Lichterfelde in folgender bemerkenswertster Weise betont. Der Kaiser wies die Kadetten darauf hin, daß wir in einer ernsten Zeit leben, in welcher an jeden Einzelnen die höchsten Ansprüche gemacht werden müssen. Einfachheit und Mäßigkeit müsfe den Offizier auszeichnen; wenn sie hie und da
„Wir wissen es nicht, Herr," antwortete einer derselben, „wir haben einen Schrei vernommen."
„Ich habe ihn ebenfalls gehött."
„Wir haben uns dann schleunigst erhoben, aber gesehen haben wir nichts."
„Es war mir", begann ein anderer, „als ob verschiedene Schurken durch den Garten huschten.
„Aber wie kommt der Mann hierhin?" frug Charles.
„Er gehörte ohne Zweifel zu der Bande, er wirb getroffen unb verwundet worben sein . . . Jebenfalls ist er's auch, welcher ben Schrei ausgestoßen hat.
Charles be Serves beugte sich nieder, um ben Mann genauer anzusehen, während ein Diener mit einer Fackel leuchtete.
„Aber dieses Gesicht ist mir ja bekannt!" rief er dann aus.
„Uns auch! Dieser Mann hat sich jetzt bereits mehrere Tage um das Hotel Herumgetrieben! Offenbar wollte er einen günstigen Zeitpunkt abwarten, um seinen Coup auszuführen."
„Ist er teilt?"
Ein Diener beugte sich zu ihm nieder unb legte seine Hand auf die Brust des Alten.
„Nein, er ist nicht tobt", sagte er bann, „fein Herz schlägt noch."
„Wir.müssen ihn herein schaffen, ihm alle Pflege angedeihen und dann einen Arzt Holm lassen."
Verwundert sahen bie Diener einanber an.“