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Mittwoch, den 5. Februar 1890.

17. Jahrgang

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Derbel in Fulda. — - Druck ü. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

* Der Krebsschaden^ die Korgwirthschaft und das Ueberwuchern des Kapitalismus.

Es ist ein altes Klagelied — das vom Borgen und Pumpen! Nirgend in der Welt findet sich ein solcher Hang zum Borgen, eine solche Pumpleidenschaft, wie in unserem lieben Vaterlande; der Sohn erlernt das Borgen schon vom Vater, die Tochter von der Mutter; es borgt Jeder, vom Minister bis zum letzten Kanzlisten, vom General bis zum Lieutenant herab, der Gutsbesitzer und der Rentier, die Handwerker und der Arbeiter und natürlich zuletzt — mancher Kauf­mann und dieser dann erst recht. Unser ganzes Ge­schäftsleben beruht sicher zu neun Zehntheilen auf Borg und zwar auf übertriebenem Borg. Bäcker und Metzger, Cigarrenhändler, Schuster und Schneider, sie alle müssen ihre Maaren auf Borg hin­geben und es sind noch sehr ordentliche Leute, welche halbjährlich oder jährlich bezahlen; das Anschreibebuch ist so sehr zur Regel geworden, daß diejenige Familie mit sonderbaren Augen und zunächst mit Mißtrauen angesehen und womöglich schlechter bedient wird, welche sich kein Buch anlegen läßt; man nimmt sie nicht für „voll". Das Borgen und sogar das lange Borgen wird als etwas so Selbstverständliches angesehen, daß man sich beleidigt fühlt, wenn ein Kaufmann mit der Waare auch die Rechnung schickt, oder wenn er nach ganzjährigem oder gar mehrjährigem Borgen sein Geld verlangt! Sehr entrüstet macht man dem Kaufmann Dann die heftigsten Vorwürfe und dieser muß, „um die Kundschaft zu behalten," sich sehr entschuldigen und ein Versehen seines Personals vorlügen.

Das sind grundfaule Zustände, welche am innersten Mark unseres Geschäftslebens zehren. Kauft eine Familie nur gegen Baar, so richtet sie sich ein, mit dem, was sie hat und sie wird sogar auch bei be­scheidenem Einkommen einen Nothgroschen zurücklegen. Ist sie aber einmal auf den Weg des Borgens ge- rathen, so eilen die Bedürfnisse den Mitteln stets mit Siebenmeilenstiefeln voraus.

Der Kaufmann thut das ©einige, eine Waare an­zupreisen ; mit dem Bezahlen hat's ja keine Eile und „man kann es gerade gut gebrauchen!"'So geht's denn auf der schiefen Ebene weiter; es treten außergewöhn­liche Fälle, es treten auch Unglücksfälle ein, die Ver­schuldung steigt; das darf aber ja Niemand merken, einschränken kann man sich nun nicht mehr, man würde ja den Kredit verlieren, und die Blamage, von sich sagen zu lassen, daß man nicht mehr in der bisherigen Weise leben könne! Also wird womöglich erst recht flott gelebt „um des Kredit willen".

Daniels Geheimniß.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(22. Fortsetzung.)

7.

Gegen 2 Uhr morgens in derselben Nacht war es, als der Kupferfarbige nebst seinen Spießgesellen, in ihrer Mitte den Mann mit dem weißen Barte, durch eine Hinterthüre die Spelunke verließen, in welcher wir sie allesamt angetroffen haben. Vorsichtig spähten und horchten sie, ehe sie ganz auf die Straße traten, rechts und links umher, aber kein einziges Licht war ringsum zu sehen, die wenigen Gaslaternen vergröß­erten mit ihrem flackernden trüben Lichte eher die Dunkelheit, und das ganze Viertel lag nun in tiefster Ruhe da.

Der Unbekannte mit dem weißen Barte, obwohl starr vor Schrecken, machte übermenschliche Anstreng­ungen, um ruhig zu erscheinen und bei seinen unheim­lichen Begleitern keinen Verdacht zu erregen.

Der kupferfarbige Chef der ganzen Bande befand sich in bester Laune: er hegte nur einige Besorgniß, daß nicht etwa ein Licht am Fenster des Stallknechtes sie nöthige, die Expedition für diesesmal aufzugeben.

In diesem Augenblicke gingen sie an den Festungs­gräben vorbei.

„Beim geringsten Wort, bei der geringsten ver­dächtigen Bewegung", sagte der Kupferfarbige mit ge- '

Die wirklich reichen und wohlhabenden Leute, welche alle ihre Bedürfnisse, auch wenn dieselben groß sind und sich steigern, gleich baar bezahlen könnten, finden es bequemer und sind einmal so gewöhnt, Alles auf Borg zu nehmen, und nach recht langer Zeit, wenn die Summe groß geworden ist, mit einem Check auf den Bauquier zu bezahlen; es ist ja so plebejisch, jede Kleinigkeit baar zu bezahlen, als ob man keinen Kredit hätte.

Welches aber sind die Folgen dieses Systems, unter welchem die Geschäftsleute stöhnen? Die Kauf­leute müssen bei ihren Lieferanten ebenfalls auf lange Dauer borgen. Und diese Lieferanten und Fabrikanten ihrerseits müssen etient. deshalb bei den Banquiers borgen. An dieser Stelle wird der Geschäftsbetrieb endlich ein geregelter, insofern als der Lieferant und Fabrikant Zinsen und Provision zu bezahlen hat.

Seinerseits aber kann er selbst für Jahre alte Aus­stände keine Zinsen berechnen, „um die Kundschaft nicht zu verlieren", er möchte wohl seinen Preis sowohl um den reichlich bemessenen Zinsverlust, als auch noch für das bedeutende Risiko, welches er durch das lange Bor­gen tragen muß, erhöhen, allein solche Zuschläge, die sich in jeder Hand wiederholen müßten und die der Konsument als Strafe für das Pump-System dann zu­letzt alle bezahlen müßte, lassen sich in der Wirklichkeit nicht wohl, durchführen. Die Konkurrenz der Verkäufer erschwert dies ungemein. So fallen also die Folgen dieses kodderigen Borgwesens zuletzt immer auf den Fabrikanten und Lieferanten. Aber auch der Handel, sowohl der große wie der kleine, leidet schwer darunter und sehr viele Bankerotte haben ihre Quelle allein in der Borgwirthschaft. Wenn der redliche Handwerker und Krämer regelmäßig sein Geld erhielte, so könnte sich Mancher über dem Wasser halten und ehrlich durch­bringen, der in dem Meere der allgemeinen Pump- wirthschaft mit seiner Familie untergeht, weil er den Athem nicht lange genug anhalten kann, d. h. weil er nicht lange genug zu borgen im Stande ist.

Von der Geschäftswelt kann eine Aenderung des unseligen Borgsystems nicht ausgehen: jede dahin zie­lende Vereinigung dient Anderen nur dazu, durch noch ausgedehnteres Borgen die Kundschaft an sich heran­zuziehen; daher auch die Mißerfolge von Rabatt-An­stalten re. Die wohlhabenden Leute aber sol­len zunächst mit dem guten Beispiel voran­gehen, jeden, auch den geringsten, Gegenstand nur gegen Baarzahlung zu kaufen und jeden Borg grundsätzlich auszuschließen. Sodann sind es die hohen Beamten und höheren Osfiziere, welche in diesem Sinne ein gutes Beispiel geben sollten, welches sicher auf das ganze Heer der unterstellten Beamten

dämpfter Stimme zu dem alten Manne, „geht's mit dir in diesen gähnenden Schlund hinab."

Der Unbekannte zitterte und antwortete nicht.

Langsam und schweigend zog die Truppe des Weges. An den Straßenecken ging der Chef etwas voraus, forschte das Terrain aus, gab dann ein Zeichen wenn sich nichts Verdächtiges regte, worauf dann alle folgten.

Unbehelligt langten sie am Hotel de Serves an.

Kein Licht war sichtbar.

„Unsere Affaire ist gemacht", raunte der Kupfer­farbige freudig seinen Genossen zu. „Also hurtig au's Werk!"

Zwei Mann wurden beauftragt, rechts und links die Avenue zu überwachen, während der Chef mit dem Vierten den Einbruch verüben sollten.

Wie ein zum Tode Vernrtheilter, welcher sein Schaffst errichten sieht, sah der Greis allen Vorbe­reitungen zu.

Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn und seine Kuiee schlotterten.

Was würde man mit ihm beginnen?

Wenn man ihn sogleich tobtete, ohne daß er ein warnendes Zeichen hätte geben können?

Aufmerksam horchte und horchte er hin.

Beim geringsten Geräusche wollte er rufen, wenn es ihm auch das Leben kostete . . .

Aber nichts zeigte sich und kein Schritt ließ sich

und Offiziere förderlich einwirken würde. Auf diesem Wege müssen wir dahin gelangen, daß das Borgen von B edürf nissen des täglichen Lebens als sittlicher Makel betrachtet wird: denn ist es in der That mit wahrem Ehrgefühl vereinbar, sich für verzehrte Nahrungsmittel, verbrauchte Beklei­dungs-Gegenstände re. nach Jahr und Tag mahnen zu lassen? »

Der einzige, der bei diesem Pump-System gewinnt, ist der G^eldhandel. Zum Bankier müssen sie alle: der Fabrikant, der Groß- und Kleinhändler, der Krämer und Handwerker. Er muß ihnen allen aus­helfen und so lange Geld leihen, bis die Zahlungen eingehen. Er allein verdient, denn er läßt sich seine Gesälligkeiten theuer bezahlen, alle Anderen ver­armen.

So trägt die Unsitte des langen Borgens sehr viel dazu bei, daß von allen Geschäften fast allein noch das des Bankiers blüht, wenn es mit großen Mitteln und der nöthigen Umsicht geführt wird.

Deutsches Deich.

Berlin, 3. Februar.

* Das Abgeordnetenhaus berieth heute in zweiter Lesung den Etat der direften Steuern. Der Reichskanzler, der heute int Hause erwartet wurde, war nicht erschienen. Die Debatte drehte sich haupt­sächlich um die Frage der Reform der direkten Steuern. Abg. Sombart (nl.) wünschte diese Reform unabhängig von der Regelung der Ueberweisungsfrage. Dr. Krause (nl.) befürwortete eine progressive Einkommensteuer mit Deklarationspflicht, von Eynern (nl.) sprach gegen Deklarationspflicht, für Quotierung der Einkommen­steuer und für schärfere Heranziehung zur Erbschafts­steuer, sowie Reform der Gewerbesteuer. Rickert er­klärte sich gegen die letztere Forderung, sprach gegen )ie Getreidezölle und erklärte wiederholt, daß die Frei­sinnigen eine Steuerreform ohne Quotisirung nicht annehmen. Gegen die Rickert'schen Ausführungen wandten sich von Kröcher, Graf Kanitz und Freiherr v. Erffa (kons.). Schließlich wurden die Einnahmen aus den direkten Steuern genehmigt und die Weiter- üerathung auf morgen vertagt.

* Es wird gemunkelt, daß sich die Ernennung des Oberpräsidenten von Berlepsch zum Handelsminister gegen den Minister der öffentliche Arbeiten von May­bach richte. Man spricht sogar von einem bevorstehen­den Rücktritt des Letzteren. Alles das ist unwahr­scheinlich. Die Entlastung des Arbeitsministeriums durch Ueberweisung der Bergverwaltung an das Ressort des Handels und der Gewerbe wird im Arbeitsmini­

vernehmen, auch lag das Haus zu weit, als daß da drinnen jemand etwas hätte hören können.

Der Kupferfarbige wandte sich an den Greis und sagte zn ihm, auf die Mauer deutend:

„Vorwärts!"

„Was soll ich . . ." stammelte der Greis halb tot.

„ Dort hinaufklettern!"

Der Greis zögerte, da erfaßte der Kupferfarbige ihn beim Arme und hob ihn empor.

„Keine Thorheiten oder du bist auf der Stelle ein Mann des Todes!" sagte er dann.

Sein Genosse saß inzwischen bereits rittlings oben auf der Mauer.

„Reiche ihm die Hand!" befahl ihm der Chef, während er zugleich den Unbekannten, als wäre es ein Kind, emporhob.

Dann sagte er zu seinen Genossen:

„Ihr beide müßt zugleich herunterspringen — wir dürfen ihn nicht allein lassen."

„Natürlich!"

In einem Nn saß der Greis oben auf der Maner — kaum hatte er Zeit wahrzunehmen, daß der Kupfer­farbige sich gleichzeitig neben ihm befand.

Er sprang hinab und fing den Greis in seinen Armen auf; dann sagte er in leisem Tone zu ihm:

„Bedenke, daß Du, wenn Du uns verrätst, ver­loren bist, wie wir — denn ohne böse Absichten steigt man nicht über Mauern und Zäune. Verhalte Dich