M 27.
Dienstag, den 4. Februar 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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A Dem Andenken Fran; von Hettinger's.
Wiederum hat der unerbittliche Tod einen Mann weggerafft, auf den die Katholiken Bayerns, Deutschlands und weit darüber hinaus stolz waren und stolz zu sein allen Grund hatten. Franz von Hetlinger war unbestritten einer der hervorragendsten katholischen Theologen der Gegenwart. Erft vor Jahresfrist feierte er in voller Körper- und Geistesfrische sein 70. Geburtsfest und nun hat ein Schlaganfall seinem Leben und Schaffen ein rasches Ende gemacht. Es muß einer kundigeren Feder und einer längeren Arbeit Vorbehalten bleiben, den ganzen Lebensgang und das ganze weittragende Wirken dieses wahrhaft großen Theologen eingehend und vollentsprechend zu schildern. Hier soll nur, nachdem die wichtigsten Daten seines äußeren Lebensganges schon kurz mitgetheilt sind, eine kurze Charakteristik desselben und seiner hervorragendsten Geistesprodukte gegeben werden.
Hettinger bildete mit Denzinger und Hergenrother, jenes wissenschaftliche Dreigestirn der Würzburger theologischen Fakultät, welches an Glanz des Wissens wie an Trefflichkeit des Lehrens weithin strahlte. Er leuchtete hervor als Dogmatiker, Apolo- getiker und Homiletiker. Seine philosophischen und theologischen Studien auf dem Kollegium Germanicum in Rom verliehen ihm jene Gründlichkeit und Tiefe der dogmatischen, überhaupt der theologischen Kenntnisse, zugleich aber auch jene Leichtigkeit in vollendet klassischer lateinischer Ausdrucksweise, welche seine Zuhörer bewunderten und welche nicht allzu häuffg sich finden. Hiervon zeugen auch alle seine Schriften, wenn er auch weniger das dogmatische Gebiet im engem Sinne bearbeitete. Berühmt, weit über Deutschlands Grenzen hinaus, ward Hettinger durch seine fünfbändige Apologie des Christenthums, die in zahlreichen Auflagen erschienen ist und sicher unermeßlichen Segen gestiftet hat. Der Beweis des Christenthums und die wissenschaftliche Rechtfertigung der Dogmen des Christen- chums sind in ihr gegeben mit einer fast unermeßlichen Fülle von Beweismaterial aus alten und neuen, heidnischen und christlichen, gläubigen und ungläubigen Autoren, mit einer gewaltigen Ueberlegenheit des wissenschaftlichen Denkens und Schließens über alle Gegner, zugleich aber in einer so vollendeten äußeren Form, daß die Apologie ein Meisterwerk der Dar- stellungsgabo genannt werden muß. Vielfach dieselben Fragen wie in der Apologie behandelte Hettinger in dem 1879 zuerst erschienenen, seitdem zum zweiten Male aufgelegten Lehrbuch der Fundamentaltheologie oder Apologetik, mit derselben Gründlichkeit nnd Belesenheit. Von andern hier einschlägigen Schriften feien bloß
Daniels Geheimmß.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(21. Fortsetzung.)
6.
Auch Georg de Fresnieres hatte Charles und seine Schwester gesehen und hatte ebenfalls ihnen entgegen gehen und sie begrüßen wollen, war jedoch zurückgeblieben, als er sah, daß Ronstau ihm zuvorgekommen war. Er wollte Letzterem gegenüber, in welchem er einen Nebenbuhler witterte, seine Liebe zu Klara nicht verrathen und lieber warten, bis derselbe sich entfernt haben würde, um dem jungen Mädchen seinen Gmß zu entbieten.
Ein verstohlener Blick der Letzteren, welchen er recht wohl bemerkte, belohnte ihn für feine Entsagung.
Inzwischen waren alle drei vor der Thür der Loge angekommen, welche jetzt ein Diener öffnete.
Nachdem Klara nebst ihrem Bruder die Loge betreten, entfernte sich Ronstau. Zu seiner größten Befriedigung hatte Georges von feinem Posten ans wahrgenommen, daß Klara, während Ronstau mit ihr sprach, durchaus gleichgiltig geblieben war — offenbar liebte sie ihn nicht, sondern duldete es nur, daß er ihr den Hof machte.
Der Vorhang war noch nicht aufgegangen.
Georg ging also und klopfte an der Loge, woraus Charles selbst öffnete und Georg, wenn auch anschei-
genannt: „David Fr. Strauß, Ein Lebensbild", und: „Die Krisis des Christenthums" gegen die gleichnamige Schrift von Hartmann's.
Als Homiletiker gab Hettinger verschiedene Reden geistlichen Inhalts heraus; seine langjährigen Erfahrungen als praktischer Homilete wie als Lehrer der Homiletik faßte er zusammen in den „Aphorismen über Predigt und Prediger", die ihn auch nach dieser Seite hin ebenso als talentvollen Geist, wie insbesondere als der Kirche treu ergebenen, für sie glühenden, in ihrem Geiste und Wesen ganz und gar lebenden Priester bekunden.
Von der anderweitigen reichen literarischen Wirksamkeit Hetlingers sei hier außer zahlreichen Abhandlungen und Rezensionen in Zeitschriften, kleinen Broschüren u. s. w. besonders noch verwiesen auf die zweibändige Schrift: „Aus Welt und Kirche", worin er in zwangloser Form, aber in klassischer Sprache, durch drei Länder: Italien, Deutschland, Frankreich und durch ein großes Stück Geschichte des 19. Jahrhunderts und Rom's insbesondere uns führt. Ferner muß noch genannt werden die vor Kurzem in 2. Auflage erschienene: „Göttliche Komödie des Dante Alig- ghieri". In dieser und mehreren anderen Schriften über Dante und fein Hauptwerk zeigt sich Hettinger als einer der berühmtesten Dauteforscher und Dantekenner der Gegenwart, wie er denn auch einer der ersten Kenner , der mittelalterlichen Geschichte Italiens war. — Die Vorzüge der Schriften Hetlingers hatten auch feine Vorlesungen an sich. Tiefe Gelehrsamkeit, erhabene Gedanken, glänzende Diktion, oratorische Darstellung kamen auch den letzteren zu. Seiner ganzen Individualität lag allerdings ferne eine gewisse dialektische Schärfe in der Behandlung subtiler Streitfragen. Dagegen waren seine Vorlesungen über Apologetik getragen von feuriger Begeisterung für die Wahrheit des Christenthums und der Kirche, und rollten feine dogmatischen Vorlesungen die ganze Tragweite der einzelnen katholischen Lehren auf. Was er als Lehrer der Homiletik war, kann daraus einigermaßen ermessen werden, daß viele berühmte Kanzelredner der Gegenwart zu seinen Füßen gesessen sind.
In seinem Privatleben war Hettinger die Einsach- heit selbst, legte aber im Umgänge wie im Gespräche stets eine seiner ganzen äußeren Erscheinung entsprechende edle Vornehmheit des Charakters und ein berechtigtes Selbstgefühl an den Tag. Weite Reisen, besonders in den Süden, verschafften ihm einen weiten Blick und überall ein sicheres Auftreten. Von Bedeutung für ihn, wie für andere Kreise war seine Romreise 1868 um an den Vorbereitungen zum Vatikanischen Konzil Theil zu nehmen. Auch vor wenigen Jahren noch nend in etwas mißvergnügter Stimmung, ihm die Hand entgegenftredte.
Ehe Georg noch ein Wort gesprochen, sagte Klara zu ihm:
„Wir brauchen gar nicht mehr geheim zu thun, mein Bruder weiß Alles."
„Weiß?" stammelte Georg, „Sie haben es ihm gesagt?“
„Ja!" erwiderte sie lachend. „Charles wollte mir einen anderen aufdrängen, da mußte ich mich wohl wehren."
„Das heißt," fiel jetzt Charles in's Wort, „ein anderer hatte bei mir nm Deine Hand angehalten, und da ich nicht wußte, daß Du schon in anderweitige Beziehungen getreten warft, so habe ich natürlich keine Einwendungen zu machen gehabt. Jetzt freilich ist keine Rede mehr davon."
„Dieser andere ist Ronstau, nicht wahr?" fragte Georges.
„Ja," antwortete Klara.
„Ich hatte es wohl geahnt!" murmelte Georg. „Ich muß um Entschuldigung bitten," fuhr er bann, sich zu Charles wendend, fort, „daß ich mich nicht zuerst an Sie gewandt habe .... Sie begreifen, daß ich mit meiner Werbung quasi offiziell nicht eher hervortreten wollte, als meine Verhältnisse sich ein wenig konsoli- birt hätten, damit die Welt nicht glaube, ich hätte es auf die Mitgift Fräulein de Serves' abgesehen. Weil
reifte er in ganz speziellem Auftrage des hl. Vaters nach Rom. lieber den Zweck dieser Reise wird vielleicht noch Näheres an die Oeffenllichkeit kommen. — Wenn wir Eingangs Hettinger einen wahrhaft großen Theologen nannten, so hatten wir hiebei nicht bloß seine tiefe. Gelehrsamkeit, fein reiches philosophisches und theologisches Wissen, seine staunenswerlhe Belesen- heil in der älteren und neueren Literatur, auch nicht bloß seine Meisterschaft in der Diktion und die Klasfi- ziläl seines Stils im Auge, sondern vor Allem auch seine tiefe Frömmigkeit, feine kindliche Ergebenheit und unerschütterliche Treue gegen die katholische Kirche und ihr sichtbares Oberhaupt, wie sie aus allen seinen Werken (speziell aus der Schrift über die kirchliche Vollgewall des apostolischen Stuhles 1873) so glänzend hervorlreten, und ohne welche es einfach einen katholischen Theologen in Wahrheit nicht geben kann.
Dem Verdienste Hetlingers zollten Kirche und Staat die verdiente Anerkennung und Auszeichnung. Seine Heiligkeit der Papst ernannte ihn zum Haus- prälaten, Seine Majestät König Ludwig II. verlieh ihm den Michaelsorden L Klasse und den Verdienstorden der bayerischen Krone. Die zahlreichen Schüler des Verlebten aber sowie seine zahlreichen Freunde, werden ein dankbares Andenken ihm bewahren, die Fachgenoffen werden neben der Trauer über feinen f» unerwarteten Verlust ihn stets zu den Besten ihrer Kreise zählen. R. I. P.
Deutsches Deich.
Berlin, 1. Februar.
* Die Beziehungen der preußischen Regierung znm Vatikan sollen in jüngster Zeil etwas erfüllet sein; man kann sich nicht wundern angesichts der Haltung der preußischen Diplomatie in der römischen Frage.
* Mil dem Kartell scheint es durchaus nicht so S klappen, wie es die Offiziösen hinstelleu. Es ist on eine Reihe von Wahlkreisen bekannt, in welchen ein Zusammengehen der Gouvernementalen perhorrescirt wird und die einzelnen Fraktionen separate Kandidaten gegen einander aufstellen. Hier in Berlin ist das Kartell ganz in die Brüche gegangen und können die Sozialdemokraten sich wirklich freuen über die günstige Situation, die ihnen durch die Verstimmung der Rechls- konservaliven bereitet wurde.
* lieber die Personalien des neuen preußischen Handelsmini st ers wird mitgetheilt: Freiherr von Berlepsch hat noch nicht einmal das 50. Lebensjahr vollendet. Er war, nachdem er seine Studien abgeschlossen hatte, zuerst Landrath eines oberschlesischen Kreises, als er in den 70 er Jahren zum Staalsmini-
ich Fräulein Klara lediglich ihrer selbst wegen heirathen mochte, so wollte ich mich nicht in ein schiefes Licht gestellt sehen. . . . Schon seil zwei Jahren ist meine Situation eine bessere geworden; zwar bin ich nicht reich, aber ich darf auf die Zukunft große Hoffnungen bauen — und fo halte ich denn bei Ihnen um die Hand Ihrer Fräulein Schwester an, ihre Einwilligung selbstredend vorausgesetzt."
„Für meine Person habe ich keinen Einspruch zu erheben," erwiderte Charles „Uebrigens darf ja hier auch nur das Herz meiner Schwester sprechen."
Klara antwortete nicht — aber ein Blick, welchen sie Georges zuwarf, fagte ihm Alles.
Georges erhob sich, drückte Klara die Hand, dankte ihrem Bruder in den wärmsten Ausdrücken und entfernte sich dann als der Glücklichste der Menschen.
Nachdem der erste Akt vorüber war, verließ Charles die Loge, es drängle ihn, mit Ronstau eine Unterredung zu haben und endlich aus einer peinlichen Situation herauszukommen.
Er traf Andree am Ende des Couloirs.
Der junge Finanzmann schien trotz seines gewohnten britannischen Phlegmas doch erregter zu fein, als er äußerlich erscheinen wollte. Er hatte von seinem Sitze in der Nähe des Orchesters die Szene zwischen Herrn de Fresnieres, Charles und Klara genau verfolgt. . . Auf den Gesichtszügen der Letzteren.halte