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17. Jahrgang

Sonntag, den 2. Februar 1890.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Deutsches Keich.

Berlin, 31. Januar.

* Eine Zusammenkunft des Kaisers von Deutsch­land mit dem Kaiser von Oesterreich ist non einigen Blättern für den kommenden Juli in Aussicht gestellt worden. Die Zusammenkunft soll in Spindetmühl bei Hirschberg erfolgen. Derartige Ankündigungen sind ja in dieser Zeit nichts Seltenes und häufig find ste ganz werthlos. Das gilt namentlich dann, wenn der Czar dabei in Frage kommt. Auch im vorliegenden Falle wird man gut thun, die Nachricht mit einiger Reserve aufzunehmen.

* Das preußische Abgeordnetenhaus wird am Montag seinen „großen Tag" haben. Wenn nichts Unerwartetes dazwischen kommt, wird der Reichs­kanzler erscheinen und an der Debatte theilnehmen. Man ist gewöhnt, daß sich in solchen Fällen Fürst Bismarck über weitere Gebiete der inneren und äußeren Politik verbreitet, als der Rahmen der Tagesordnung dies erfordert.

* Wie der .Staatsanzeiger' mittheilt, ist der Präsi­dent des Staats-Ministeriums Fürst von Bismarck auf fein Ansuchen von dem Amt als Minister für Handel und Gewerbe entbunden und der Oberpräsi­dent der Rheinprovinz, Freiherr von Berlepsch zum Minister für Handel und Gewerbe ernannt worden.

* Beim Reichskanzler Fürsten Bismarck findet dem Vernehmen nach heute Abend ein parlamentarisches Diner statt, zu dem der Kaiser sein Erscheinen zugesagt haben soll. , , ,

* Nicht zu viel, sondern zu'wenig haben die Regierungen im Sozialistengesetz gefordert, §so schreibt die .Leipziger Zeitung': „Das wirksamere Mittel zur Bekämpfung der Umsturzparteien wäre nicht die Ausweifung, sondern die Expatriirung ge­wesen, die Verweisung der Agitatoren aus dem Vater­lande, von dem sie innerlich sich schon längst losgesagt haben." Bekanntlich hatte Fürst Bismarck im Jahre 1888 dem Reichstag ein Sozialistengesetz vorgelegt, welches eine solche Expatriirung in Aussicht nahm.

* Der .Erfurter Allg. Anz.' berichtet, daß die frei­sinnigen und sozialistischen Parteiführer Thüringens foeben einen geheimen Pakt äbgefchlosfen haben, bei den Stichwahlen zwischen den Kartellkandidaten und einem der ihrigen sich gegenseitig zu unterstützen. Dazu bemerkt das ,Erf. Tagbl.': Wer eme nur ganz bescheidene Kenntniß von den Parteiverhältmssen hat, weiß, welche tiefe Kluft die freisinnige Partei von der sozialdemokratischen scheidet und daß von einem ge­heimen Pakt nicht die Rede sein kann. Man kann daher behaupten, daß die erwähnte Nachricht eine be­wußte Unwahrheit enthält, mit der Tendenz, die frei-

Fuldaer Zeitung

Für die Rebedien vrrantwortlich: Ludwig Derbrl in Fulda. » SjR

es sich denn, wenn man offen und ehrlich sein will? Doch nur um zweierlei: die Vertheidigung des Vater­landes gegen die drei antipatriotischen Mächte: den Ultramontanismus, den Kosmopolitismus des Geldsacks und das staatsruinirende Prinzip der Sozialdemokratie, und das deckt sich für uns Konservative mit der Ver­theidigung der Religion, und zwar des Protestantismus, gegen wen? Gegen Katholiken, Juden und Heiden. So läge die Sache für uns fehr einfach." Sehr einfach in der That! Es geht doch nichts über die Verbisfenheit eines echten württembergischen Muckers!

Ausland.

* Wien, 30. Jan. Die .Amtszeitung' publizirt die Ernennung des Feldbischofs Grufcha zum Fürst- bifchof von Wien.

* In den jetzt stattfindenden französischen Wähler­versammlungen — es handelt sich um die Ersatz­wahlen für die ungültig erklärten Mandate — wird buchstäblich mit fchlagenden Argumenten gekämpft. Republikaner und Boulangisten, Sozialisten und Anti­semiten verhauen sich dabei auf's Kräftigste und schwere Verletzungen stehen dabei auf der Tagesordnung.

* In der Oper zu Nizza fand dieser Tage wäh­rend der Aufführung von „Das Leben für den Zaren" eine große ruffenfreundliche Ovation statt. In dem Stücke kommt die rufsifche Hymne vor. Dieselbe mußte wiederholt werden, während sich das Publikum von den Plätzen erhob. Dann wurde ein Hoch auf Ruß­land ausgebracht und schließlich wurde dem Zaren zu Ehren — die Marseillaise gesungen. Zu Ehren des Autokraten das Hohelied der Revolution!

* Ebenso wie in Neapel hat auch in Turin eine Gruppe von Studirenden durch lärmende Kundgebun­gen versucht, der Influenza wegen die Schließung der Vorlesungen zu erzwingen.

* Zwischen Italien und der centralamerckamschen Republik Columbien schleppt sich schon seit Jahren ein Streit hin, der durch die Behandlung veranlaßt worden ist. Columbien hat sich bisher immer um die geforderte Genugthuung gedrückt. Jetzt hat England endlich in der Sache ein Ultimatum überreichen lasten.

* In Petersburg foll kürzlich eine wichtige militärische Konferenz stattgefunden haben, in welcher angeblich über Anlegung von Befestigungen entlang der chinesischen Grenze berathen wurde. Ferner soll Rußland die Errichtung von Konsulaten in verschie- benen afrikanischen Häfen planen.

* Der Zar hat das Schiedsrichteramt m dem französisch-holländischen Streite wegen der Grenze von Guyana abgelehnt, nachdem er die Akten einge- sehm. Von französisch-offiziöser Seite wird behauptet, die Schuld für diefe Ablehnung treffe Holland, welches Andree Ronstau. Der Sohn des Banquiers hatte zwar auch noch niemals förmlich um ihre Hand an- aehalteu, aber sie hatte wohl bemerkt, daß er ihr gegenüber, seitdem er mit Charles sehr befreundet war stets außergewöhnlich liebenswürdig und aufmerksam austrat und stets in ihrer Nähe zu fein sich bemühte

Ihre Besorgniß wurde alsbald auch von Georges qetheilt, welcher gleichfalls in dem jungen Manne einen nicht zu verachtenden Nebenbuhler witterte, eine um so größere Schwierigkeit, als es schien, daß er von dem Bruder Klara's selbst auserwählt worden fei.

Fragen wir, weshalb Klara sich nichts zu Andree binaerogen fühlte, so war es wohl vielleicht nichts An­deres,^ als jenes geheimnißvolle Etwas, was uns oft einen gewissen Widerwillen gegen unbekannte Menschen einflößt, während wir uns von anderen ebenso geheim- nißvoll angezogen fühlen.

Vielleicht hatte auch Klara bei ihren Begegnungen mit dem Sohne des Bankiers Letzteren aus Kleinigkei- ten — aus Kleinigkeiten lernt man ja so häufig den Menschen kennen — kennen gelernt.

In der That war Andree Ronstau ein nichts weniger als liebenswürdiger Charakter. In Reichthum geboren und erzogen, hatte von seiner Jugendzeit an sich Jedermann vor ihm gebeugt, und so glaubte er auch jetzt fordern zu dürfen, daß Niemand ihm wider­spreche und seine Ansichten und Pläne für einzig und

sinnige Partei bei den Wählern zu verdächtigen. That- fache ist aber, daß die Unzufriedenheit unter der Be­völkerung mit der Thätigkeit des bisherigen Reichs­tages eine so große ist, daß man sehr häufig düe Aeußerung hört: Kann ich einen Freisinnigen nicht wählen, so gebe ich bei der Stichwahl lieber emem Sozialdemokraten meine Stimme, niemals einem Kartellbruder!

* Die Ankündigung des Abg. Liebknecht, daß die Sozialdemokraten die etwas unvorsichtige Jdentifizirung der sozialdemokratischenArbeiter mit Faulen­zern durch den MinisterHerrfurth als wirksame Wahl­parole verwerthen würden, geht bereits in Erfüllung. Eine gestern Abend abgehaltene Verfammlung der Ber­liner Drechsler hat eine Erklärung angenommen, worin energisch gegen den Ausspruch des Ministers protestirt und zugleich die Erwartung ausgesprochen wird, daß „der Minister sich von der Ungerechtigkeit des von ihm Gesagten überzeugt und die dem selbstdenkenden Arbei­terstande zugefügte Beleidigung von derselben stelle aus zurücknimmt." Diese Resolution wird jetzt wahr-- scheiulich das ceterum censeo aller sozialistischen Ver­sammlungen werden.

* Der Gesetz-Entwurf über die Errichtung von Gewerbe-Gerichten und Einigungsämtern ist soweit fertig, daß nur noch die letzten Stadien zu durchlaufen sind, um die Angelegenheit vor das Plenum zu bringen. Augenfcheinlich werden die Einzelregier­ungen noch.um die Abgabe gutachtlicher Aeußerungen angegangen werden. Wie die Hamb. Nachr.' hören, handelt es sich um die Errichtung obligatorischer ge­werblicher Schiedsgerichte und fakultativer Einigungs- ämter. ,

* Münster, 30. Jan. Schwer glaublich, aber wahr! Wie nach der ,Köln. Volksztg.' verlautet, haben verschiedene Bürgermeister bezw. Amtmänner die kath. Lehrer ihres Bezirks zu sich beschieden und ihnen einen Erlaß der königlichen Regierung zu Münster den Bochumer Lehrer-Verband betreffenb eröffnet. Mit der Begründung, daß Politik in demselben ge­trieben werde, erklärt die Regierung, es sei ihr nicht genehm, wenn die Lehrer dem Verbände beiträten. Zugleich wurden die Lehrer befragt, ob sie bereits Mitglieder deffelben seien.

* Am Sonntag findet in Essen wieder eine Versammlung der Bergarbeiter - Delegirten statt, an welcher betreffs der Forderungen vom 13. Januar und über ein solidarisches Vorgehen zur spä­teren Durchsetzung derselben definitiv Beschluß gefaßt werden foll. . m

* Stuttgart, 30. Jan. Eine Wahlparole eigener Art hat das hiesige Protest. Pastorenblatt, die „Deutsche Reichspost", erfunden; sic schreibt: „Um was handelt

Mehr als sonst suchte er, seitdem er Klara auf einem Balle kennen gelernt und mit ihr eimgemale getanzt hatte, feinen Freund Charles de Serves m seinem Hotel auf — das heißt, natürlich weniger des Freundes als wegen feiner Schwester.

Mit dem ihrem Geschlechte eigenen Scharfsinn hatte Klara es bald herausgefühlt, daß diese häufigen Be­suche mehr ihr selbst als ihrem Bruder galten, und wie es denn so häufig der Zufall fügt, so hatte es sich denn auch eines Tages getroffen, daß er Charles nicht zu Haufe traf. .

Zu seiner größten Freude bat ihn Klara inständig noch etwas zu bleiben und lud ihn ein, mit ihr in dem großen, an die Villa anstoßenden Parke zu lust­wandeln, da sie doch häufig allein zu Hause sei.

Sie wies ihn also nicht zurück — dies war schon viel erreicht und ihre Blicke sagten ihm deutlicher als viele Worte, daß seine Zuneigung Erwiderung ge­funden habe. ., ,

Freilich hatte Klara sich noch nicht förmlich aus­gesprochen, und ihre gegenseitige Liebe war noch immer so geheim, daß, wie wir gesehen, Charles lange Zeit teilte Ahnung hatte.

Ohne gerade zu wissen weshalb, wollte sie eine förmliche Erklärung um so mehr einstweilen hmaus- schieben, als sie fast instinktmäßig vermuthete, daß ihre Liebe noch durch jemand bedroht — nämlich durch

Daniels Geheimmß.

Nach dem Französischen von I. Rütigers.

(20. Fortsetzung.)

5.

Georg de Fresnieres war achtundzwanzig Jahre alt und feines Standes Advokat. Schon bei feinem Debüt hatte er große Anlagen verrathen. Vermögen befaß er nicht, aber er war der Mann, welcher durch sein Talent sich eine Stellung und Reichthum nicht allein erringen konnte, sondern auch hoffen durfte. Er hatte nur seine Mutter gekannt, welche vor mehreren Jahren gestorben war und besaß übrigens nur einige wenige sehr entfernte Verwandte, welche in der Pro­vinz wohnten, und die er kaum zur Ansicht bekam.

Durch Zufall hatte er Klara kennen gelernt und sogleich eine tiefe Zuneigung zu ihr gefaßt, welche fefte Wurzeln in seinem Herzen geschlagen hatte. Freilich stellte sich ihm eine nicht geringe Schwierigkeit ent­gegen : sie war reich und er ein Advokat ohne Namen und Vermögen. Aber diese Schwierigkeit spornte ihn um so mehr an, seinen Eifer und feine Arbeit zu ver­doppeln. . ,

Er fühlte deutlicher als fönst jemand die Kluft, die in getoiffer Weise zwischen ihm und derjenigen be­stand, an welcher sein Herz hing, und so wagte er es nur gleichsam verstohlen, Klara sich zu nähern.