17. Jahrgang
Samstag, den 1. Februar 1890..
Für die Redactiaa verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
5t Gin Königreich für eine Wahlparole!
Die Kartellbrüder befinden sich in tödtlicher Verlegenheit. Die Aermsten! Der Kartellreichstag ist offiziell verabschiedet, nach stark drei Wochen finden die Neuwahlen statt, und noch immer harrt der wiedererneute Kartellbund vergeblich des Kugelsegens, der seinen Geschossen sicheren Sieg verleihen, der zündenden Wahlparole, mit der er die Gegner zu Paaren treiben soll. Wir möchten in den letzten Tagen nicht in einer echten und rechten Kartellhaut gesteckt haben. Diese Erwartung, diese Spannung und diese — Enttäuschung ! Vor einigen Wochen tröstete sich männig- lich, der Kaiser selbst werde sein Machtwort sür die Kartellparteien einlegen und die übrigen Parteien und ihre Kandidaten sammt und sonders zu Feinden des Kaisers und des Reiches erklären. Die reaktionäre Phantasie sah das entzückende Bild der offiziellen Kandidaturen vor sich und als Zukunftsideal schwebte ihr die Bestätigung oder gar die einfache Ernennung der Reichstagsmitglieder durch den Kaiser vor.
Als aus der erwarteten kaiserlichen Wahlkundgebung ' nichts zu werden schien, der Kaiser sogar in der ,Kreuz- zeitungs'-Affaire bekannt geben ließ, daß er sich in das Parteigetriebe nicht einmifche, sondern über den Parteien stehe, setzten die geängstigten Kartellhasen ihre Hoffnung auf den Fürsten Bismarck, der schon durch die ,Nordd. Allg. Ztg.' das „rothe Gespenst" an die Wand malen und eine Wahlparole ahnen lasse, welche jeden Bürger und Bauer mit Naturnothwendig- keit in die Arme des welterrettenden Kartells treiben müsse. Er kommt, er kommt nicht, er kommt, ... so lüsterte es in der letzten Woche vor dem Reichstagschluß in den zünftigen Blättern des Kartells, und als chließlich seine Ankunft signalisirt wurde und er wirk- ich kam, da fiel ein Centnerstein von den gepreßten Kartellherzen. Was er wohl im Reichstage sprechen wird? Ob er die vor den Septennatswahlen so glimpflich behandelten Sozialdemokraten heute als die eigentliche ZukunftSgefahr hinstellen wird? Wie er es wohl anfangen wird, die Freisinnigen und die übrige „Opposition" einschließlich der „Franzosen" und „Welfen" mit diefer Zukunstsgefahr zu identifiziren? Oder ob gar wieder der drohende Krieg mit Frankreich auf's Tapet gebracht werden soll, um den Wählern gruselig zu machen? Ganz geheuer war es den beiden Kartellflügeln nicht bei der Sache, denn die Nationalliberalen ahnten, daß er ihr „Rückgrat von Stahl", mit dem sie gegenüber der Ausweisungsbefugniß prahlten, in zweckdienliche Behandlung nehmen und zu Kautschuk kneten möchte, die Konservativen dagegen fürchteten, „gehammersteinert" zu werden.
Kaiser Friedrich's von ihrem „starken monarchischen Sinn" nicht viel merken ließen.
So ist denn die Kartellbrüderschaft auf der Suche nach einer Wahlparole heute noch nicht weiter gediehen, als in den letzten Wochen. Die Roth ist groß. Ein Königreich für eine Wahlparole! Und noch immer will kein Retter erscheinen, während der Hader in den eigenen Reihen wächst und der neue Bund überall aus den Fugen zu gehen droht. Einzelne Optimisten auf der einen und Pessimisten auf der anderen Seite halten zwar an der Möglichkeit fest, es könne noch unmittelbar vor den Wahlen irgend ein außerordentlicher Schritt der Regierung das Wahlresultat beeinflussen. Wir glauben nicht daran, es will uns vielmehr scheinen, daß die maßgebenden Personen in Berlin sich von der großen Gefahr eines solchen direkten Eingreifens für das monarchische Prinzip überzeugt haben und es bei der seinerzeitigen kartellfreundlichen Kundgebung des .Reichsanzeigers' bewenden lassen werden.
Statt die Chancen der Regierung und des Kartells zu verbessern, hat der Schlußtag der Reichstags-Session unseres Erachtens nur das Gegentheil bewirkt. Der preußische Minister von Herrfurth hat auch seinen Theil dazu beigetragen. Denn sein unglückseliges Wort, daß die Sozialdemokraten nur die Vertreter derjenigen Arbeiter seien, die nicht arbeiten wollen, wird nur neues Oel in die ohnehin stark lodernden Flammen der sozialdemokratischen Wahl-Agitation gießen.
Die Centrumspartei steht allen diesen Dingen nut großer Gelassenheit gegenüber. Hat doch die hohe Auszeichnung, welche der Kaiser dem dahingeschiedenen Centrumsführer zu Theil werden ließ, mit diesem auch die Parteirichtung geehrt, welcher der Entschlafene bei allem deutschen und bayerischen Patriotismus mit jeder Faser seines Herzens anhing. Oder sollen wir vielleicht an die groben Verunglimpfungen erinnern, mit denen die offiziösen und Kartell-Organe im Februar 1887 nach dem Bekanntwerden der Jakobini'schen Note Freiherrn von Franckenstein überhäuften? Heute preist alle Welt den damals so schwer Verlästerten als einen Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, als das Muster eines Patrioten. Diese Lehre des Grabes kommt uns für die bevorstehenden Wahlen noch gerade recht.
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Daniel'; Geheimnis.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers.
(19. Fortsetzung.)
4.
Während das vorhin beschriebene Komplott angezettelt wurde, wohnten Klara und Charles de Serves vergnügt einer Theatervorstellung bei.
Während der Fahrt zum Theater hatte Charles mit seiner Schwester weitläufig über seinen Freund Ronstau, sein Finanzgenie und seine glücklichen Unternehmungen gesprochen. Jedensalls sei es, so hatte er gemeint, eine glänzende Partie, und die Frau, welche Ronstau zum Gatten bekomme, würde sicherlich all- seittgen Neid erwecken.
Klara hatte ihren Bruder reden lassen, ohne ein Wort zu erwidern. Sie besttitt die vorzüglichen Eigenschaften Ronstau's, auf die sie übrigens wenig achtete, nicht, und so hatte Charles, welcher ihr Schweigen als Zustimmung bettachtete, fortgefahren und war seinem eigentlichen Ziele allmählich immer näher gekommen. . Namentlich hatte er ihr die großen Vortheile hervorgehoben, welche für sie Beide diese Verbindung haben würde. Andree Ronstau's Namen hatte in der Pariser Finanzwelt einen guten Klang und in aller Augen war er in Finanz-Angelegenheiten eine Autorität. Des Weiteren zählte Charles alle Dienste auf, welche Ronstau ihm bereits geleistet hatte und ließ schließlich
Und was ist nun geworden aus allen diesen Hoffnungen und Aengsten, aus diesen kühnen Plänen und Luftschlössern? Nichts. Der Herr Reichskanzler hat es vorgezogen, den Reichstag unbehelligt von dannen ziehen zu lassen, die Nationalliberalen und die Reichspartei durften stark bleiben und die Ausweifungs- befugniß ablehnen, und dse Konservativen hatten Ordre, als einzige „Regierungspartei" das Machwerk ihrer Kartellgenossen abzulehnen und in diesem Punkte, wenn auch aus ganz entgegengesetzten Motiven,, mit der „Opposition" zusammenzugehen. Der Reichstag schloß also mit einem klaffenden Riß zwischen den beiden Kartellgruppen, und zwar in einer der wichtigsten politischen Fragen der Session und der Legislaturperiode. Das unglückselige Sozialistengesetz, welches mittelbar oder unmittelbar eine fulminante gemeinsame Wahlparole hatte liefern sollen, wurde zum Scheidewege für das Kartell.
Man darf die Bedeutung diefer Abstimmungen am letzten Tage des Kartellreichstages ebensowenig unterschätzen, wie die nahezu verblüffende Rede, mit welcher der Reichsparteiler Prinz zu Schönaich-Carolath dem gegenwärtigen System zur Bekämpfung der Sozialdemokratie den Fehdehandschuh hinwarf. Diese mannes- muthige Rede hat den heillosen Wirrwarr im Schooße des Kartells noch weiter vermehrt, wie die nächsten Tage zeigen werden. Es ist wohl noch nicht dagewesen im deutschen Reichstage, daß ein Redner der sogen. Botschafterpartei von der Opposition mit stürmischem Beifall überhäuft wurde, während die Rechte und ferne näheren politischen Freunde sich in ein peinliches Schweigen hüllten.
Aber noch eine, und zwar eine große Hoffnung blieb dey^ Kartellbrüdern nach diesen kläglichen Niederlagen ihrer vielgepriesenen Einigkeit. Der Kaiser ließ ankündigen, daß er den Reichstag durch eine Ansprache persönlich schließen werde. Endlich, dachten sie, endlich erscheint das erlösende Wort, welches allen Zwist überbrücken, alles Vergangene vergessen machen und den sicheren Sieg an unsere Fahnen bannen wird. Und der Kaiser erschien, aber die Wahlparole blieb aus. Wohl sprach er in allgemeinen Wendungen vom nächsten Reichstage und seinen Aufgaben für die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen, aber statt vor den Reichsfeinden zu warnen und die „reichstreuen" Parteien zu empfehlen, sprach er dem gejammten Reichstage und dem deutschen Volke seinen kaiserlichen Dank aus für die bewiesene Treue und monarchische Gesinnung bei Gelegenheit der beiden Thronwechsel. Ja, man könnte aus diesem Danke sogar einen leisen Tadel gegen die Kartellparteien herauslesen, deren Presse bekanntlich während der „99 Tage" der Regierungszelt durchblicken, daß er es sehr gern sähe, wenn Klara dem jungen Manne etwas weniger kühl gegenüber als bisher sein würde. Wie er ihm gesagt hatte, liebte er seine Schwester bereits thatsächlich, hatte es aber bis dahin noch nicht gewagt, ihr förmliche Erklärungen zu machen, weil ihn die Kühle Klara's noch immer etwas abgeschreckt hatte. Er beschwor sie also, ihm gegenüber aus ihrer bisherigen Reserve herauszutteten, einmal, weil er sich mit Andree nicht gerne überwerfen wolle, andererseits sei sie ja auch bereits zum heirats- sähigen Alter herangewachsen.
„Dir scheint also viel an dieser Heirath gelegen zu sein," hatte Klara lächelnd geantwortet.
„Freilich!" war er dann herausgeplatzt. „Aber es ist nur zu Deinem Besten."
„Ich glaub's wohl."
„Du hast ja auch wohl keine Veranlassung, Herrn Ronstau zu verabscheuen."
„Ebensowenig als ihn zu lieben."
„Er mißfällt Dir also?" . „
„Dies will ich nicht sagen; er ist nur gleichguttg.
Charles schwieg eine Zeit lang; dann jagte er plötzlich: , .o
„Wahrscheinlich werden wir ihn heute Abends im Theater treffen." .
„Wen denn?" srug Klara, welche bereits an etwas Anderes dachte.
„Herrn Ronstau!"
Fuldaer Zeitung
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Deutsches Keich.
Berlin, 30. Januar.
* Der Reichsanzeiger' veröffentlicht nachstehenden Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler: In Meinem Schmerze um den Verlust der erst vor Kurzem zur ewigen Ruhe Heimgegangenen geliebten
„Ah!" begnügte sich Klara zu antworten.
„Wenn Du wüßtest, wie sehr er Dich liebt!" fuhr Charles fort. „Er grämt sich wirklich, der Unglückliche." .
„Was kann ich daran thun?"
„Mache ihm wenigstens einige Hoffnung."
„Herrn Ronstau werde ich niemals heirathen!" erwiderte Klara im festen Ton.
„Weßhalb?"
Weßhalb? Weil ich ihn niemals lieben kann.
„Gut", versetzte Charles ärgerlich, „so werde ich Dir nicht mehr davon sprechen."
Du thust mir damit nur einen Gefallen.
Dann als sie die betrübte Miene ihres Bruders gewahrte, setzte sie hinzu:
„Zürne mir nicht Charles, ich bitte Dich! Es geschieht nicht mit meinem Willen, daß ich Dir diesen Kummer verursache: fordere von mir alle Opfer — ich werde sie Dir bringen, um Dir nicht Kummer zu bereiten. Aber dieses Opfer würde zu sehr meine Kräfte übersteigen. Ich liebe Herrn Ronstau nicht, ja ich kann ihn niemals lieben, ich suhle es."
Thränenfeuchten Auges hatte sie dies alles zu ihrem Bruder gesagt.
„Du liebst also einen anderen! sagte er dann nach einer Pause.
„Ja."
„Und wen denn?"