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Freitag, den 31. Januar 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

ferner der Ansicht, daß wiederholt die Organe des Staats der Sozialdemokratie Vorspann geleistet habm, indem man Leute ausgewiesen hat, die man ruhig hätte lassen sollen, wo sie waren, und welche auswärts viel größeren Schaden anrichteten, als dort, wo sie

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Ich erlaube mir zu dem Gesetze ferner noch Fol­gendes zu bemerken. Ich habe in diesen Tagen in einer Zeitung, die sich mit einem autoritativen Schimmer umgibt und die wohl auch dazu berech­tigt ist, das Wort gelesen: „Förderer und Beschützer der Sozialdemokratie". Ich möchte nun den Theil meiner politischen Freunde, der gegen den § 24 (Ans- I Weisung) stimmt, ebenso wie mich, gegen den Vorwurf | verwahren, daß diese Abstimmung dahin ausgelegt werden könne, man sei Förderer oder Beschützer der sozialdemokratischen Bestrebungen. Uns liegt die Be­seitigung, die Bekämpfung der Sozialdemokratie gewiß ebensosehr am Herzen, wie denjenigen Herren, welche für den § 24 stimmen, nur sind wir über die Mittel und Wege dazu anderer Ansicht. Ich verkenne in keiner Weise die Gefahr der sozialdemokratischen Be­wegungen und bin der Ansicht, daß gerade die sozial­demokratische Frage die Frage der Zukunft sein wird, die uns beschäftigen wird. Wir sind vollkommen be­reit, mit der Regierung Schulter an Schulter gegen die Sozialdemokratie zu kämpfen und ich bitte nur, uns die Freiheit zu lassen, daß wir in der Wahl der Mittel doch auch einmal andere Meinungen haben dürfen wie die verbündeten Regierungen. (Hört! Hört!) Ich bin gegen die Ausweisungsbefugniß — die Gründe sind hier schon so oft klargelegt worden, daß ich mich ganz kurz fafsen darf — einmal deshalb, weil die be­treffenden Ausgewiesenen aus den großen Zentren, in denen eine Polizeigewalt besteht, welche die Aufficht vollkommen erleichtert und möglich macht, nun aus der?' Zentren in die Provinz kommen und wenn ich mich so ausdrücken darf, die nicht infizirten Gegenden anstecken und keiner Konttolle unterliegen, denn die kleinen Po­lizeiverwaltungen der kleinen Orte haben nicht die Machtmittel und Organisatton und Alles, was damit zusammenhängt, was in großen Städten geboten ist. Ich bin ferner gegen die Ausweisung, weil ich der Ansicht bin, daß dadurch eigentlich erst recht gewerbs­mäßige Agitatoren geschaffen werden. Die Leute, die in den großen Städten leben, haben meistens ihr Ge­werbe nebenbei. Es ist wiederholt ausgeführt worden: indem man sie ausweist, verlieren sie das Gewerbe, welches die Basis ihrer ganzen Familienexistenz ist, sie müssen sich nun voll und ganz in den Dienst der

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Damit versuchte ‘er abermals sich zu erheben und fortzugehen, aber die Banditen pflanzten sich vor ihm auf und versperrten ihm den Weg.

„Man sieht's ja deutlich", murmelte der Kupfer­farbige, „daß du der Geheimpolizei angehörst! Du willst nun weg, um uns zu verrathen! Aber wehe Dir, wenn Du nur einen Schritt thust oder einen Schrei ausstößest!"

Der Kupferfarbige ballte seine nervigen Fäuste, während seine Genossen ebenfalls eine drohende Miene annahmen.

Den Greis überlief es eiskalt, weniger seinetwegen, als wegen der Unglücklichen, die vielleicht jetzt einem schrecklichen Schicksale anheimgefallen waren.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und ein Kellner mit Getränken in der Hand trat ein.

„Hilfe! Hilfe!" schrie der Greis.

Verwundert bettachtete der Kellner die ganze Szene.

„Stelle die Flasche dorthin und scher' Dich weg!" agte der Kupferfarbige mit gebieterischem Tone. „Wir haben hier mit diesem Herrn Angelegenheiten, welche Niemanden angehen."

Der Kellner, welcher seine Kundschaft jedmfalls ;ut kannte, stellte die Getränke hin und entfernte sich chweigend.

„Schließ die Thür ab", rief ihm der Anführer nach, „wir wollen durchaus ungestört fein."

Die Thüre wurde abgeschlossen und tiefe Stille

Daniels Geheimnis.

Rach dem Französischen von I. Rüttgers.

(18. Fortsetzung.)

„Halt!" donnerte der Anführer der Bande zu dem Greise, welcher mehr todt als lebendig auf seine Bank zurückgesunken war und erschrocken den Gewalttgen an- flarrte.

„Was wollt Ihr von mir?" sagte er dann zähne­klappernd.

„Du hast Alles gehört, Elender!" herrschte ihn der Gewaltige an. „Ich sehe Dir's an — zehn Minuten lang hast Du gethan, als ob Du schliefest: jetzt willst Du natürlich gehen, um uns zu verrathen!"

„Ich . . . ich . . ." stammelte der Greis. „Ich weiß nicht ..."

Inzwischen hatten sich auch die übrigen Banditen erhoben und hefteten ihre durchbohrenden Blicke auf den Mann mit dem weißen Barte, dem es durchaus nicht geheuer wurde.

Wenn man ihn festhielt und es ihm unmöglich machte, Diejenigen zu warnen, auf welche die Schurken es abgesehen hatten?

Gleichwohl versuchte er so kaltblütig zu bleiben, als es ihm möglich war.

„Ich versichere Euch", sagte er also, daß Ihr Euch irrt. Ich kenne Euch nicht und weiß nicht, was Ihr von mir wollt."

müsse, ganz unbekümmert, welcher politischen und reli­giösen Richtung er angehört. Ich glaube, darin wird der Reichstag meine Auffassung theilen. Wenn es hier den Anschein gewinnt, als ob in Hamburg anders ver­fahren würde, so meine ich, ist es die unabweisliche Pflicht des Vertreters von Hamburg, hier vor dem Reichstage die Unrichtigkeit der Ausführungen des Abg. Dietz darzulegen.

Ein anderer Passus, der sich in der Rede des Abg. Dietz befindet und den zu berühren, mir weit peinlicher ist, — giebt mir auch noch Veranlassung, darauf zu­rückzukommen. Ich sage es: es ist mir sehr peinlich, und wird dem Hause ebenfalls in hohem Maße pein­lich sein. Nachdem diese Angelegenheit aber hier be­handelt ist, halte ich es für die Pflicht eines Abgeord­neten, noch darauf zurückzukommen. Der Abgeordnete sagte: „In demselben Verlage, wo die Herwegh'schen Gedichte und so viele Bücher erschienen sind, die von dem Reichskanzler resp. von irgend einer Polizeibehörde sofort, wenn sie erscheinen, verboten werden — als Grund genügt vollständig, wenn darauf steht: „Ver­lagsmagazin von Schabelitz in Zürich" — ist vor nicht langer Zeit eine Broschüre erschienen unter dem Titel: „Mitregenten und fremde Hände in Deutschland". Dieses Büchlein soll von einem ge­wissen „Ernst" — ich weiß nicht, ob er in Koburg oder in Gotha wohnt — verfaßt worden sein; bei dem Manuskript lagen zugleich gute deutsche Hundert­markscheine, die zum Ausgleich der Druckkosten dienen solltm. Das Büchlein, das verschiedentliche Beleidig­ungen enthält gegen hochstehende Personen —es han­delt sich hier nämlich um englische Frauen und deren Einfluß an deutschm Höfen — ist ganz straflos aus­gegangen, ist nicht verboten worden. Ich will das nur anführen, als Beweis, daß man an gewissen Stellen ausliest, was zu verbieten ist, was nicht." Meine Herren, ich bin überzeugt, daß dieser Vorwurf ungerechtfertigt ist und daß man in Deutschland nicht ausliest, sondern nach gleichem Rechte verfährt. Des­halb halte ich mich für verpflichtet, die Aufmerksamkeit der Regierungen auf jene Broschüre zu lenken, damit beim englischen Volke nicht der Verdacht entstehen kann, daß unbegründete Verdächtigungen gegen Ihre großbritannische Majestät in Deutschland ,..... 3„..o ... _ UVL

geduldet und verbreitet werden. Ich kann ferner nicht Sozialdemokratie stellen, um ihr Leben und das Leben

glauben, daß mit diesem von mir verlesenen Passus ihrer Familien zu erhalten. Ich halte deshalb die

auf eine andere hochstehende Frau hat hingezielt Maßregel für eine vollkommen verfehlte. Ich bin werden sollen, deren Wiege allerdings in England ge- r----- " " "" --------- -

standm hat, die aber seit 30 Jahren Freud und Leid mit dem deutschen Volke getheilt hat. Sollte dies der Fall sein, dann würde das Einschreiten der Staatsan­waltschaft um so gebotener fein.

| trat in dem nur dunkel erleuchteten Gemache ein, in welchem anscheinend Niemand mehr anwesend war.

Auch draußen war die Straße einsam und öde ge­worden, und nur unterbrach hier und da ein ver­späteter Fiaker die nächtliche Stille. Der Himmel war düster und gespensterhaft bewegten sich im Winde die Bäume der Avenue.

Der Greis gab sich verloren.

„Du siehst", hob der Kupferfarbige, sich zu ihm wendend, wieder an, „daß wir hier zu Hause sind! Du hast also mir gute Miene zum bösen Spiele zu machen, wofern Dir Dein Leben lieb ist."

„Aber was wollt Ihr denn eigentlich von mir?" stammelte der Unglückliche. „Und mit welchem Rechte haltet Ihr mich-zurück?"

„Zunächst mit dem Rechte des Stärkeren", erwiderte der Angeredete höhnisch lachend, . „dann vermöge des Rechtes, uns zu vertheidigen, welches wir habm. Uebrigens, genug der Worte, ich habe Dir keine Auf­klärung zu geben. Entweder gehörst Du zur Geheim­polizei oder nicht; wmn ja, so sage es sogleich, wir werden dann sehen, was wir zu thun haben; wmn nein, so hast Du ein einfaches Mittel, es zu beweisen und Dir soll alsdann kein Leid widerfahren. Also ge­hörst Du dazu?"

„Ich weiß nicht, was Ihr sagen wollt", versetzte der Greis verlegen. „3dj bin nur ein harmloser Mensch und kam nur hier herein, um mich etwas zu stärken.

Gin königlicher Landrath über das SoMisten-Gesetz.

Daß ein Landrath heutzutage noch eine eigene politische Meinung hat, daß er diese selbstständige Mei­nung gar noch der Regierung gegenüber öffentlich ver­tritt und dazu in der von der Staatsregierung als so ungeheuer wichtig behandelten Sozialistengesetz- Frage, das ist eine so große Seltenheit, daß wir uns unseren Lesern gegenüber für verpflichtet halten, sie mit einem solchen Unikum unter den Landräthen etwas genauer bekannt zu machen. Es ist dies der fteikonservative Landrath und Abg. Prinz C a r o l a t h, dessen Rede wir nach dem stenographischen Berichte der,Post' nachstehend ausführlicher mittheilen. Dieser von wahrem Geistesadel durchdrungene, frei denkende und frei redende Landrath sagte in der Samstags- Sitzung des Reichstages:

„Was ich zunächst erörtern möchte, ist der mir gestern Abend zugegangene stenographische Bericht vom 22. Januar, und zwar die Rede des Herrn Abg. Dietz- Hamburg. In dieser Rede finde ich folgenden Passus: „Es wurde von einem Herrn Jensen, einem Manne, der nicht der sozialdemokratischen Partei angehört, ein Fachorgan der Schneider herausgegeben. Dieses Blatt brachte ein kleines Gedicht zum Abdruck, in welchem nach einer wahren Begebenheit in England die That eines Arbeiters verherrlicht wird, der mit Aufopferung seines eigenen Lebens einen Eisenbahnzug rettete. Die­ses Gedicht soll einen Inhalt habm, der befürchien läßt, daß in Folge dessen in Hamburg die Gesellschafts- Klassm gegenseitig verhetzt werden. Der Senator Dr. Hachmann verbot auf Grund dieses Gedichtes das Blatt, aber er verbot es nicht allein, er ließ den Ver­leger kommen und brüllte ihn an: „Sagen Sie Ihren Genossm, wenn sie so fort machen, so werde ich mit Kolben drein schlagen lasten." Und ferner wies der Herr Senator Dr. Hachmann den Redakteur, einen armen Schneider, der nicht einmal so viel hatte, um fein Leben fristen zu können, auch noch aus." Nun steht es mir nicht zu, einen Zweifel in die Ausfüh­rungen des Abg. Dietz zu fetzen; aber ich halte mich für verpflichtet, biefen Fall hier nochmals zur Sprache zu bringen, um dem Vertreter der freien Reichs- und Hansestadt Gelegenheit zu geben, auch seinerseits sich zu diesem Falle zu äußern. Ich bin der Ansicht, daß so etwas nicht unwidersprochen in das Volk hinaus- gehen darf, weil nach den Darstellungen des Herrn Abgeordneten Dietz das Unrecht entschieden auf Seiten der hamburgischen Behörden liegt. Sie werden doch Alle mit mir einverstanden fein, daß die wackere That eines braven Mannes eben solche Anerkennung finden

Fuldaer Zeitung

Für die Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. — ----- ~ ■ - • — - -