Mittwoch, den 29. Januar 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Perlag der Fuldaer Actiendmckerei (PH. Reuß).
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Die politische Mittigkeit des Freiherrn von Franckenstein.
Die nachfolgenden Zeilen erheben nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild der Persönlichkeit und des Wirkens des Verstorbenen zu geben. Was er im Privatleben war, im Kreise seiner Familie, die in ihm ihr Haupt und ihren Mittelpunkt verehrte, was denen, die sich seine Freunde nennen durften, entzieht sich ohnehin der Besprechung in einem öffentlichen Blatte. Auch die Schilderung seiner Verdienste auf dem karitativen Gebiete, die erfolgreiche Thätigkeit insbesondere, die er als hervorragendes Mitglied des St. Georgenordens mit anderen ausübte, um der glänzenden Form einen entsprechenden Inhalt zu sichern, mag Andern überlassen bleiben. Hier soll nur in einem kurzen Rückblicke seine Betheiligung am politischen Leben der beiden letzten Jahrzehnte in ihren Hauptpunkten vorgeführt werden.
Freiherr von Franckenstein trat zuerst im Jahre 1872 in den Reichstag ein, nachdem durch Mandatsniederlegung des Abgeordneten Fürsten Karl zu Löwenstein im 3. unterfränkischen Wahlkreise (Lohr) eine Neuwahl nöthig geworden war. Zuvor war er Mitglied des Zollparlaments gewesen, als Abgeordneter für den 4. mittelfränkischen Kreis (Eichstätt), auch gehörte er bereits seit dem Jahre 1847 als erbliches Mitglied der bayerischen Reichsrathskammer an. Doch war über die nicht unbedeutende Thätigkeit, die er an letzterem Orte entwickelt hatte, schwerlich viel in weitere Kreise gedrungen. Die Centrumsfraction des deutschen Reichstages sollte für ihn die Schule werden, in der er feine spätere Bedeutung gewann, und der Abgeordnete Windt- horst war es, der frühzeitig in ihm die Vorzüge erkannte, welche den durch seine soziale Stellung hervor- ragmden Mann dazu beriefen, auch auf dem politischen Gebiete eine hervorragende Rolle zu spielen. Auf seine Veranlassung wählte ihn die Fraktion nach dem Tode des Abgeordneten Savigny im Jahre 1875 zu ihrem Vorsitzenden. Fünfzehn Jahre lang hat Herr von Franckenstein diese Stelle eingenommen, zu der ihn immer auf's Neue das Vertrauen seiner Fraktionsgenossen berief. Zu dem angeborenm Takte, den er mitbrachte, und der ihn in hohem Grade auszeichnete, gewann er hier jene ruhige Sicherheit, jene klare und bewußte Festigkeit, welche er späterhin als Vorsitzender in zahllosen Kommissionssitzungen, wie im Plenum des Reichstages zu bewähren Gelegenheit hatte. Die erste Veranlassung hiezu bot die Zolltarif-Vorlage vom Jahre 1879. Da die veränderte Wirtschaftspolitik der verbündeten Regierungen ihre vornehmsten Stützen bei ben Konservativen und bei dem Centrum fand, fo entsprach es nur den Verhältnissen, wenn die neue Coalition auch bei der Zusammensetzung der Kommission zum Aus-
Daniels Geheimnis.
Nach dem Franzöfifchen von I. Rüttgers.
(16. Fortsetzung.) Dritter Theil.
1.
Jedermann, welcher Paris besucht, oder von den Herrlichkeiten der Seinestadt hat erzählm hören, kennt das herrliche Boulogner Gehölz.
Eine Menge herrlicher, breiter Avenuen führen rings auf diefen einzig in seiner Art dastehenden Vergnügungsort zu: prachtvolle Paläste, fast alle vergraben in kleine Ports und umgeben von hübschen Garten- anlagen sind hier die Wohnungen der „Reichen", die mit Vorliebe sich hier niederlassen, da sie hier den Cornfort der Stadt mit den Annehmlichkeiten des Landlebens vereinigt finden. Wenige Schritte sind es einerseits hier bis zum Are de Triumphe und den Elysee- ischm Feldern, dem aristokratischen Mittelpunkt des Pariser Lebens, andererseits erreicht man in wenigen Minuten das prachtvoll weit ausgedehnte Boulogner . Gehölz mit feinen herrlichen Anlagen, uralten Säumen und vielen reizenden Partieen.
Hier in diesem Pariser Eden hatte sich Charles de Serves mit seiner Schwester Klara, nachdem sie Mexiko verlafien hatten, niedergelassen.
Beide toten hier still mit einander mitten in den
drucke gelangte, welcher die Vorberathung des Entwurfes übertragen wurde. Zum Vorsitzenden wurde Herr von Seydewitz, zu dessen Stellvertreter Herr von Franckenstein erwählt. Da aber der Erstere alsbald in Folge seiner Ernennung zum Oberpräsidenten von Schlesien aus dem Reichstage ausschied, wählte die Kommission an seiner Stelle Herrn von Franckenstein und zu dessen Stellvertreter Herrn von Bötticher, ben jetzigen Staatssekretär des Innern. Hauptsächlich dem ebenso maßvollen als entschiedenen Auftreten des Vorsitzenden ist es, wie die ,K. V.-Ztg.' schreibt, zu verdanken, „daß der Zolltarif von 1879 im Wesentlichen eine billige Ausgleichung widerstrebender Interessen darstellte. Seine bei aller Verbindlichkeit durchaus feste, selbstbewußte Haltung dürfte es gewesen sein, was den Reichskanzler im entscheidenden Augenblick bestimmte, die Taristeform durch eine aus Centrum und Konservativen zusammengesetzte Mehrheit unter Dach zu bringen, einschließlich der „Franckenstein'schen Klausel", welche die über 130 Millionen hinausgehenden Erträge aus den Zöllen und der Tabaksteuer ben Bundesstaaten überwies. Selbst die grundsätzlichen Gegner der Reform haben seine ausgleichende, extremen Forderungen abgeneigte Thätigkeit in dieser wirthschaftlichen Frage ersten Ranges zu schätzen gewußt." Die Mitglieder der Kommission aber bewunderten an ihrem Vorsitzenden, abgesehen von den bereits hervorgehobenen Eigenschaften, insbesondere den aufopfernden Fleiß, mit welchem derselbe sich in alle Detailfragen hineinzuarbeiten wußte. Den Mitgliedern der Centrumsfraktion war dasielbe nichts Neues: Herr von Franckenstein ist jederzeit der genaueste und zuverlässigste Kenner aller Vorlagen gewesen. Damals kam er auch zuerst in nähere Berührung mit dem Fürsten Bismarck, der ihn dann wiederholt in wichtigen Momenten der parlamentarischen Verhandlungen zu einer Besprechung einlud.
Im Jahre 1881 wurde er Vorsitzender der Kommission, welche den ersten Entwurf eines Unfallversiche- rungsgefetzes zu berathen hatte, und seitdem nahm er diese Stelle in den sämmtlichen sozialpolitischen Kommissionen des Reichstags ein. Unter seinem Vorsitze gewann das Krankenversicherungsgesetz vom Jahre 1884 die Gestalt, in der sie zur Annahme gelangten, seiner vor keiner Schwierigkeit zurückschreckenden Energie allein ist es zuzuschreiben, daß das Jnvaliditäts- und Altersversorgungsgesetz im Frühjahre 1889 in der Kommission durchberathen wurde, was zu Anfang und auch noch in den späteren Stadien Niemand vorausgesetzt hatte. Er war der ehrlichen Ueberzeugnng, daß das Gesetz angenommen werden müsse, um für die Zeit Schlimmeres zu verhüten, und biefer Umstand in Verbindung mit dem persönlichen Antheil, welchen er in einer großen Zahl langer und aufreibender Kommissionssitzungen an
herrlichen ausländischen Pflanzen, die sie stets erinnerten an jenes Land, wo sie so viele traurige Tage gesehen, wo sie die sterblichen Ueberreste der geliebten Mutter zurückgelassen und das geheimnißvolle Verschwinden des Vaters erfahren hatten. Klara insbesondere erinnerte sich stets an die Vergangenheit und oft traten ihr die Thrcinen in die Augen, wenn sie an alles dies dachte.
Klara war jetzt etwa achtzehn Jahre alt. Eine große Schönheit war sie gerade nicht zu nennen, aber in ihrer ganzen Physiognomie lag etwas Anmuthiges Einnehmendes und ihre ruhigen, lichtvollen Augen und ihre lieblichen Gesichtszüge deuteten zugleich auf eine große Herzensgüte. Sie suchte nicht, wieso viele ihres Geschlechts, äußerlich zu gefallen und das, was man Eitelkeit nennt, war ihr unbekannt. Das große Vermögen, welches ihnen zngefallen war, hatte ihren Sinn nicht, wie dies sonst so häufig zu geschehen pflegt, verkehrt: sie wußte so zu sagen kaum, daß sie reich war und milde und gütig gegen jedermann blieb sie auch jetzt, wie sie es früher gewesen war. Sie bildete sich nicht ein, daß das Gold ihr ein Anrecht gebe, auf ihre Mitmenschen verächtlich herabzuschauen, sondern freute sich nur, daß sie jetzt mehr Wohlthaten spenden könne als früher.
Charles besaß nicht den ruhigen, füllen Charakter seiner Schwester. Seitdem er sich in Paris niederge-
dem Zustandekommen desselbm genommen hatte, läßt es begreiflich erscheinen, daß er auch bann noch für dasselbe eintrat, als ber Widerspruch der überwiegenden Mehrheit der Fraktion gegen dasselbe sich geltend machte.
Herr von Franckenstein war kein Redner und er hatte, was für den Leiter einer großen politischen Partei unter Umständen ein ganz entschiedener Vorzug sein kann, noch viel weniger ben Ehrgeiz, als Redner aufzutreten. Wenn aber ber Prüsibent des Reichstags verkündigte: „Das Wort hat der Abg. Freiherr v. Franckenstein", fo wußte man im Hause stets, daß es sich um eine bedeutsame Kundgebung handle. Herr v. Franckenstein pflegte dann im Namen seiner politischen Freunde eine kurze markante Erklärung abzugeben. Zum ersten Male geschah das im Herbst 1878, als er in einer solchen die ablehnende Haltung ber Centrumsfraktion dem Sozialistengesetz gegenüber moti- virte. Damals war man im Zweifel, ob Herr von Forckenbeck ihm die Verlesung des Schriftstückes gestatten werde, welches er in der Hand hielt, später hat sich Herr v. Franckenstein auch im mündlichen Ausdruck mit voller Sicherheit zu bewegen gewußt, in vollster Harmonie hierin mit seinem starken kräftigen Organ, welches mühelos den größten Raum ausfüllte. Die letzte Erklärung, die er abgab, war ber Vorbehalt im Interesfe ber römischen Frage, mit welchem sich bie Centrumsfraktion im Frühjahr 1889 bem Dank für die Sympathiekundgebung des italienischen Parlamentes anschloß.
Der Umschwung der inneren Politik im Jahre 1879 berief ihn auf die Stelle des ersten Vizepräsidenten des Reichstags, auf welche die Centrumsfraktion schon immer den in ihrer numerischen Stärke begründeten, aber bis dahin erfolglos gebliebenen Anspruch erhoben hatte. Das Reue Amt brachte neue Aufgaben und neue Beziehungen, welchen Herr von Franckenstein mit ebensoviel Geschick als Pflichttreue zu entsprechen wußte. Bei sämmtlichen Parteien des Hauses erfteute er sich der größten Achtung und der unbedingten Anerkennung der rückhaltlosen Lauterkeit seines Charakters und seiner Gesinnung. Noch zwei weitere Legislaturperioden fanden ihn in dieser Funktion, erst der unter dem Zeichen des Septennats znsammenttetende Reichstag sah sich im Jahre 1887 veranlaßt, ihn darin durch den nattonalliberalen Dr. Buhl zu ersetzen.
Die Stellung, welche sich Herr von Franckenstein durch seine parlamentarische Thätigkeit in Berlin errungen hatte, konnte nicht ohne Nachwirkung in Bayern bleiben. Im Jahre 1881 ernannte ihn König Ludwig II. zum ersten Präsidenten der Kammer der Reichsräthe, ebenso im Jahre 1887 der Prinz-Regent für die noch andauernde Wahlperiode. Daß man in patriotischen Kreisen auch wohl daran dachte, ein Umschwung des
lassen, hatten sein Name und sein Vermögen ihm Zugang zu ben vornehmsten Kreisen ber Gesellschaft verschafft.
Zu seinen neuen Freunden, zu denjenigen, welche mehr oder weniger Veranlassung gegeben, daß er sich in den Strudel des Pariser Lebens gestürzt, zählte auch Andree Ronstau, ber Sohn des Banquiers Ronstau.
Die jungen Leute ahnten natürlich nicht im entferntesten, daß zwischen ihnen die Kluft bestehe, bie sie auf ewig trennte. Das Verbrechen vorn Boulevard Sebastopol war ja bis dahin noch gar nicht aufgeklärt worden.
Andree Ronstau war der Pariser Lebemann in der vollen Bedeutung des Wortes, und obwohl man allerlei munkelte, daß das Vermögen, welches ihm sein Vater hinterlassen hatte,, stark auf bie Neige gehe, schien es wenigstens nach seiner Lebensweise sich durch- aus anders zu verhalten.
Die beiden jungen Leute waren, wie bemerk, sehr eng mit einander befreundet: Charles besuchte häufig Andree in seinem prächtigen Hotel in ber Avenue be Mabrid und umgekehrt. Klara schien auf Andree einen tiefen Eindruck zu machen und letzterer hatte auch wiederholt sehr ostenfibel der jungen Dame ben Hof gemacht. Klara schien inbes an bem jungen Manne keinen Gefallen zn finden, und Charles hatte feiner-