Dienstag, den 28. Januar 1890.
17. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
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Fühlen Sie sich im Stande, etwas zu gehen? Ich will Sie bis zum Dorfe begleiten, wohin ich mich begebe. Eine ruhige Nacht wird Sie wieder Herstellen."
Nachdem der Unbekannte Daniel aus sein Maulthier geholfen hatte, zogen beide langsam des Weges auf das Dorf zu.
In welcher Geistesverfaffung sich Daniel befand, während er auf das Dorf zutrabte, dürfte schwer zu beschreiben sein: Es war ihm, als ob sich rings um ihn eine große Kluft geöffnet habe, in welche er immer tiefer versank . . . Gereichte ihm das Glück seiner Kinder zum größten Tröste, so mußte er sich sagen, daß er kaum Hoffnung habe, sie wiederzusehen, jetzt wo sie sich in Frankreich befanden. Ja, von Weitem sie zu sehen, war ihm nicht vergönnt, und ihr unerwarteter Reichthum mußte den Abstand zwischen ihnen und ihm noch erweitern. Wie sollte auch ein Vagabund, sozusagen ein Bettler, der er doch war, zu ihnen Zutritt finden können? Aber vor Allem schmerzte Daniel der Verlust seiner geliebten Frau.
Endlich waren beide im Dorfe angelangt.
Der Mexikaner deutete auf eine nahe gelegene Schenke und sagte dann zu Daniel:
„Gehen Sie hier hinein; hier werden Sie wohl aufgehoben sein.
Daniel dankte, seinem Begleiter herzlich und trat ein. Sogleich begab er sich alsdann zur Ruhe.
Hier, auf feinem Zimmer überließ er sich seinem
Daniels Geheimnis.
Rach dem Französischen von I. Rüttgers.
* (15. Fortsetzung.)
16.
Als Daniel de Serves wieder zu sich kam, war es völlig Nacht. Der Mexikaner hatte ihn auf die Böschung des Straßengrabens gebracht und war eben damit beschäftigt, ihm die Schläfe zu reiben.
Daniel starrte vor sich hin. Schloß und Fabriken, alles war verschwunden im nächtlichen Dunkel.
Hatte er eine Vision gehabt?"
Er betastete sich, um inne zu werden, ob er schlafe, ob er nicht geträumt hatte. Hatte er doch in wenigen Minuten so Schreckliches vernommen! In wenigen Jahren waren so große Veränderungen vor sich gegangen. Aber alles wäre ihm leicht erschienen, wenn nicht der Tod seiner Gattin gewesen wäre.
Er sollte sie nie, nie mehr Wiedersehen. Ohne Zweifel war sie gestorben aus Gram, vor Entbehrung und Roth . . . Sie hatte diese Welt verlassen müssen mit dem herbsten Schmerz im Herzen, ihre Kinder unglücklich sehen zu müssen.
Der Mexikaner hatte unterdessen bemerkt, daß Daniel wieder die Augen öffnete.
„Nun?" frug er ihn.
„Es geht besser, ich danke Ihnen."
„Aber Sie können hier die Nacht nicht zubringen.
Deutsches Deich.
' Berlin, 25. Januar.
* Der 'Reichstag hielt heute seine Schlußsitzung ab. Aaf der Tagesordnung stand; dritte Berathung des Sozialistengesetzes. Abg. Bebel (Soz.) bekämpfte das Gesetz, welches das Volk der Willkür preisgebe und demoralisirend wirke, wie der Elberfelder Prozeß bewiesen habe. Die Geheimbündelei sei die Folge des Gesetzes, der von der Sozialdemokratie bekämpfte Anarchismus werde von der Regierung gezüchtet. Minister des Innern, Herrfurth, erklärte, daß die Sozialdemokratie auf Grund des Gesetzes nur bekämpft werde, soweit sie den öffentlichen Frieden gefährde. Speziell als Vertreter der Arbeiter aufzutreten, habe die Sozialdemokratie kein Recht. Die Mitglieder der übrigen Parteien seien ebenso gut von Arbeitern gewählt. Höchstens verträten die Sozialdemokraten die Arbeiter, die nicht arbeiten wollten. Prinz ^arolath erklärte sich Namens eines Theiles der Reichspartei gegen die Aus- weisungs-Befugniß, die nur schade und forderte u. A. staatsanwaltschaftliches Vorgehen gegen dm Verfasser der (dem Herzog von Koburg ^geschriebenen) Broschüre „Fremde Hände in Deutschland". Abg. Liebknecht (Soz.) stellte als Ziel der herrschenden Parteien Brodvertheue- rung und Knechtung des Volkes hin. Abg. Kulemann
(nat.-lib.) begründete dieNothwendigkeit der Bekämpfung der Sozialdemokratie. In der Einzel-Berathung wurden alsdann die Beschlüsse der 2. Lesung allenthalben aufrecht erhalten, also die Ausweisungs-Befugniß gestrichen. Bei der Schlußabstimmung wurde das Gesetz mit 169 gegen 88 Stimmen ab gelehnt. Dagegen stimmten die Deutsch-Konservativen (wegen der Ablehnung der Ausweisungs - Befugniß), das Centrum mit Annexen, die Freisinnigen und die Sozialdemokraten. Von den Nationalliberalen stimmten Abg. Sedlmayr gegen das Gesetz. Der Präsident gab dann die übliche Geschäfts-Uebersicht, Graf Moltke dankte dem Präsidenten Namens des Hauses für die förderliche Leitung der Geschäfte. Mit dreimaligem Hoch auf den Kaiser wurde die Sitzung geschlossen. Abends 6 Uhr fand im Weißen Saale des Schlosses der Schluß der Legislatur-Period« durch dm Kaiser selbst statt.
* Aus Sansibar wird heute gemeldet, daß Dr. Peters lebt und sich gegenwärtig inSubatti befindet (soll wohl heißen: Subaki) am Tanafluß, wo er auf Maaren und Proviant wartet.
* Bochum, 26. Jan. Die Versammlung der Bergarbeiter-Delegirten beharrte auf dm an den bergbaulichen Verein gestellten Forderungen, die in ausführlicher Weise begründet wurden. Die Versammlung beschloß, wie die ,Franks. Ztg.' meldet, aus Rücksicht auf die Wahlen bis zum 1. März mit einer Arbeitseinstellung zu warten. Zum Zweck der Erzwingung der gestellten Forderungen sollen unterdeß die einzelnen Belegschaften bei den Zechen auf Erfüllung der Forderungen vorstellig werden.
* Langenfeld, 25. Jan. Die Leiche des verewigten Freiherrn von und zu Franckmstein ist heute Morgm 8 Uhr auf Schloß Üllstadt angekommen. Sie wurde in der Vorhalle aufgebahrt. Es sind zahllose Kränze gespendet worden, darunter einer von Sr. k. Hoheit dem Prinz-Regenten Luitpold. Dieser ist verbeten durch dm Generaladjutanten v. Safferling, die Regierung durch den Minister Freiherrn v. Crailsheim, der Georgs-Ritter-Orden durch den Großkapitular Freiherrn von Mafien, den Grafen Jmer und Grafen Anton Arco-Valley. Ferner sind, wie die .Germania' berichtet, anwesend eine Deputation der Reichsrathskammer, der Präsident der Abgeordnetenkammer, Frhr. v. Ow, sowie zahlreiche Freunde und Verwandte des Verstorbenen.
* Mainz, 25. Jan. Der an der Lungenentzündung erkrankte Domdekan Dr. Heinrich wurde mit den Sterbesakramenten versehm. Er ist meistens bewußtlos. Heute früh war das Befinden etwas bester, doch ist die Hoffnung auf Erhaltung des Lebens schwach.
Schmerze ... Er glaubte, das Herz müsse ihm brechm ob des entsetzlichen Schlages, der ihn getroffen, und lange, lange Zeit wälzte er sich in Thränen gebadet auf feinem Lager hin und her, bis endlich der Schlaf ihn übermannte . . .
Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als Daniel am folgenden Morgen erwachte.
Nachdem er sich angekleidet, blickte er hinaus. Draußen, gerade der Schercke gegenüber, lag ein Grundstück, auf welchem viele Kreuze und Grabsteine mit Inschriften, dazwischen Cypressen und andere Bäume sich befanden.
Jedenfalls war dies der Kirchhof des Dorfes und ohne Zweifel ruhte hier die sterbliche Hülle feiner Gattin.
Eiligst ging er hinüber.
Kaum hatte er den Friedhof betreten, als ihm ein großes Grabmonument auffiel, das sich durch feine Pracht vor den anderen auszeichnete.
Eine Ahnung sagte ihm, daß hier die Ruhestätte einer Gattin sei.
Er trat näher: er hatte sich nicht getäuscht. Die Inschrift besagte, daß hier Anna de Serves ruhe.
Daniel sank in die Kniee und betete inbrünstig.
Um das Grab war ein sorgfältig gepflegtes Parterre angelegt: die Kinder hatten also^ihre Mutter nicht vergessen.
Schluß des Reichstags.
Die ablaufende Legislaturperiode des deutschen Reichstags ist heute durch Se. Maj. den Kaiser im Weißen Saale des Königlichen Schlosses mit nachstehender Thronrede geschlossen worden.
Geehrte Herren!
Sie stehen am Schlüsse der siebenten Legislaturperiode des Reichstags.
Die verflossenen drei Jahre bilden in der Entwickelung des Reichs einen Abschnitt von so hervorragender Bedeutung, daß es Mir Herzensbedürfniß ist, von dieser Stelle aus in Erinnerung zu bringen, zu welchen Ergebnissen für das Vaterland Ihre und der verbündeten Regierungen gemeinsame Thüligkeit geführt hat.
Durch den Hintritt Meines Hochseligen Großvaters und Vaters der beiden ersten Deutschen Kaiser gesegneten Andenkens ist das Reich schwer betroffen worden, aber erhaben haben sich bei diesem Aniaß die Treue und der monarchische Sinn des Volkes kund gegeben.
Vor Ihnen, als den berufenen Vertretern des Volkes, sei dafür noch einmal Mein Kaiserlicher Dank ausgesprochen.
Wenn die Veränderungen, welche in schneller Folge sich an den Heimgang der Kaiser Wilhelm und Friedrich knüpften, in Frieden sich vollzogen haben, so gebührt die Anerkennung auch dem Reichstag, dessen einsichtige Vaterlandsliebe bereitwillig mitgewirkt hat, um unsere Wehrkraft zu stärken und dauernd sicher zu stellen. Sie haben, geehrte Herren, durch Ihre Beschlüsse dazu beigetragen, dem Reiche die Weltstellung zu gewährleisten, vermöge deren es zur Erfüllung der Aufgabe befähigt wird, mit dem ihm im Rathe der Völker gebührenden Gewichte für die Güter des Friedens und der Gesittung erfolgreich einzutreten.
Auch auf wirthschaftlichem Gebiete ist die Gesetzgebung durch Ihre Mitwirkung wesentlich gefördert worden. Insbesondere gereicht es Mir zur Genugthuung daß durch die Entweiterung der den Innungen zustehenden Befugnisse dem Handwerkerstande die Möglichkeit erleichtert worden ist, seine Widerstandskraft und sein wirthschaftliches Gedeihen durch den Zusammenschluß zu ge- gemeinsamer Thätigkeit kräftiger als bisher zu fördern.
Mit besonderer Befriedigung habe Ich die fortschreitende Durchführung der in der Botschaft Meines Hochseligen Herrn Großvaters vom Jahre 1881 ausgesprochen Gedanken durch den wetteren Ausbau der Unfallversicherungsgesetzgebung und nament- lich durch die" Vereinbarung des Jnvaliditäts- und Altersver- ficherungsgesetzes begrüßt. Den der Fürsorge vorzugsweise bedürftigen Gliedern des Volkes ist dadurch für die Sicherung ihrer Zukunft eine Gewähr geboten, welche für den inneren Frieden des Vaterlandes von guten Folgen begleitet sein wird. Bleibt auch auf diesem Gebiete noch Vieles zu thun übrig, so bin Ich doch überzeugt, daß der Antheil, welchen der Reichstag
an dem bereits Erreichten hat, int Volke nicht vergessen werden wird.
Auf den gewonnenen Grundlager wird sich weiter bauen lassen, um den arbeitenden Klassen die Gewißheit zu verschaffen, daß die gesetzgebenden Gewalten für ihre berechtigten Interessen und Wünsche ein warmes Herz haben, und daß eine befriedigende Gestaltung ihrer Lage nur auf dem Wege friedlicher und gesetzmäßiger Ordnung zu erreichen ist. Es ist Mein dringender Wunsch und Meine Hoffnung, daß es dem folgenden Reichstag gelingen möge, im Verein mit den verbündeten Regierungen für die auf diesem Felde nothwendigen Verbesserungen wirksame gesetzliche Formen zu schaffen. Ich betrachte es als Meine ernste und erhabene Aufgabe, auf die Erfüllung dieser Hoffnung hinzuwirken.
Durch die Beseitigung der Wittwen- und Waisengeldbeiträge ist unter Ihrer Mitwirkung den Beainten eine nicht zu unterschätzende Wohlthat erwiesen. Reicht dieselbe auch nicht hin, um allen berechtigten Wünschen der minder günstig gestellten Beamtenklassen zu genügen, so haben Sie doch durch Ihr Votum den verbündeten Regierungen die mit Dank zu begrüßende Gewißheit verschafft, daß deren auf eine hinreichende Verbesserung der unteren und mittleren Stellen gerichteten Bestrebungen auf die Zustimmung des Reichstags und damit auf baldige Verwirklichung rechnen dürfen.
Für Ihre, nunmehr abgeschlossene treue und mühevolle Arbeit danke Ich Ihnen in Meinem und im Namen Meiner Hohen Verbündeten. Ich entlasse Sie mit dem Wunsche, daß das sortschreitende friedliche Gedeihen des Vaterlandes und die daraus erwachsende Zufriedenheit der Bevölkerung und als willkommener Lohn Ihrer Thätigkeit beschieden fein möge!
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. *“ ~