JV 19.
Samstag, den 25. Januar 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
Für die Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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<K> Zum Wahlaufruf der Gentrumspartei.
Der Wahlaufruf der Centrums-Fraktion des deutschen Reichstages ist bereits in der ganzen deutschen Centrumspresse veröffentlicht worden. Derselbe beweist vor Allem die fortdauernde Einigkeit der Fraktion und Partei, und zwar nicht blos die taktische Einigkeit, sondern auch die Einigkeit in den Grundsätzen, in den wichtigsten und wesentlichsten Zielen. Heber der Partei weht noch nimmer das alte siegreiche Banner, und auf diesem Banner prangt die nie verleugnete Parole: „Mit Gott, für Wahrheit, Freiheit und Recht". Mit diesem Feldgeschrei ist die Partei in den 70er Jahren von Wahlperiode zu Wahlperiode immer mächtiger emporgediehen, bis ihre Vertretung im Reichstage zu jener Achtung gebietenden Hundertschaar heranwuchs, mit welcher Regierung und Parteien zu rechnen hatten und haben und die selbst den Herrn Reichskanzler auf der Höhe seines Ruhmes und Einflusses zu der Anerkennung zwang, das Centrum sei der „feste Thurm", gegen den man vergeblich seine Pfeile richte. Das Centrum im Reichstage hat schon seit langen Jahren in seinem ziffermäßigen Bestände einen gewissen Stillstand zu verzeichnen. Kleine Verluste hier oder dort wurden durch neue Siege an anderen Orten ausgewogen. Das Centrum besitzt überhaupt — und das ist gerade seine Stärke — einen Grundstock von Wahlkreisen, welche ihm bei einiger Rührigkeit sicher sind; und was den übrigen unsicheren, wechselnden und schwankende., Besitzstand anbelangt, so haben sich bisher stets Gewinn und Verlust die Waage gehalten. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß nicht noch das eine oder andere Mandat, namentlich wenn es früher in den Händen des Centrums sich befand, erobert werden könnte. Die Partei muß ihren Stolz darein schm, daß sie das runde Hundert auch in Zukunft in Ehren behaupte. Gerade der feste, feit der erreichten Höhe nur in geringen Ziffern abweichende Besitzstand der Centrumspartei hat ihr in Verbindung mit der gleichen Festigkeit ihrer Grundsätze und ihrer Disziplin die hohe Achtung und Beachtung verschafft, welche sie heute thatsächlich besitzt, und welche gewaltig absticht gegen die verächtliche, geringschätzende Art, mit der man bei Beginn des Kulturkampfes die Partei zu behandeln sich vermaß.
Das Programm, mit dem die Centrumspartei vor die Wähler tritt, ist das alte, ruhmvoll bewährte. An der Spitze sehen wir den Hinweis auf die erhöhte Wichtigkeit der nächsten Wahlen in Folge der Verlängerung der Legislaturperioden von drei Jahren auf fünf Jahre. Wie fehr durch diese Verfassungsänderung das Recht der Wähler beeinträchtigt wird, erkennt man recht dmtlich an einer soeben in einzelnen
Daniels Geheimnis
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(13. Fortsetzung.)
14.
Während einer Minute voll tödtlicher Angst sah und hörte man nicht das Geringste. Das Meer hatte sich über die Beiden geschlossen und ruhig lag die dunkle Fläche da.
Athemlos horchten die Matrosen von ihrem Boote aus nach dem geringsten Geräusche und bemühten sich, in der Dunkelheit etwas zu sehen.
Sie ahnten nicht im Geringsten, welches Drama in einiger Entfemung vor sich ging.
Plötzlich wurde es in ihrer Nähe lebendig; ein schwarzer Punkt, dann eine dunkle Masse, endlich ein Arm tauchte aus der Fluth empor.
Im Nu befand sich das Boot an der Stelle.
Einer der Matrosen griff mit kräftiger Hand in's Wasser und faßte Haare und Kleider.
„Sind Sie es, Herr Lieutenant?" frug er dumpf.
„Ja," erwiderte der Offizier, welcher sich inzwischen ganz an die Oberfläche des Wassers emporgearbeitet hatte.
Dann setzte er hinzu:
„Aufgepaßt, ich habe ihn!"
Die Matrosen zogen den ohnmächtig gewordenen Daniel in das Boot hinein.
Blättern erschienenen Drohung, wonach der nächste Reichstag, falls er eine oppositionelle Mehrheit aufweisen und das dauernde Sozialistengesetz nicht bewilligen werde, sofort wieder aufgelöst werden solle. Die Regierung kann sich eines unbequemen Reichstages jeden Augenblick entledigen, das Volk nur alle fünf Jahre. Das ist die Bedeutung der Verlängerung der Legislaturperioden, die wir dem Kartell verdanken.
Die Haltung der gegenwärtigen Reichstagsmehrheit, welche die in zweiter Lesung genehmigten drei kirchen- politischen Centrumsanträge in dritter Lesung wieder theilweise über den Haufen warf, hat dafür gesorgt, daß die Centrumspartei auch an aktuellen kirchenpolitischen Fragem keinen Mangel hat. Namentlich die Kultusfreiheit in den Kolonien und die gleiche Berechtigung und gleiche Behandlung der katholischen und evangelischen Missionen wird eine unserer wichtigsten Forderungen im Wahlkampfe sein. Das Centrum verlangt die Zulassung aller katholischen Orden, einschließlich der Jesuiten, in den deutschen Kolonien, es hält aber auch an der Forderung fest, daß im deutschen Mutterlande selbst allen kirchlichen Genossenschaften die freie Wirksamkeit gestattet werden solle und zwar nicht nur kraft der Freiheit der Religionsübung, fon- dern auch kraft des in der Verfassung gewährleisteten Heimathrechtes der Reichsangehörigen. Aber auch im Allgemeinen erhebt das Centrum Beschwerde, daß die christlich gläubige Gesinnung mehr als bisher in Unterricht, Erziehung, Bildung und Wissenschaft, in der Gesetzgebung und im öffentlichen Leben zur Richtschnur erhoben werden müsse. Mit Recht erkennt der Aufruf in der freien Thätigkeit der Kirche und in der Kräftigung des christlichen Geistes zugleich das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie — „wirksamer als alle Ausnahmegesetze."
Die Wahrung des förderativeu Grundcharakters des Reiches gehörte von jeher zu den vornehmsten Pro- grammforderungen des Centrums. Die Partei hat es an der Vertheidigung der verfassungsmäßigen Rechte der Einzelstaaten niemals fehlen lasien und wird diesen auch in Zukunst ein zuverlässigerer und festerer Hort sein, als die Kartellparteien, aus deren Mitte bei jeder Gelegenheit Versuche zur Herbeiführung des deutschen Einheitsstaates gemacht werden.
In Anlehnung an bekannte Vorgänge bei der Be- rathung des Alters- und Jnvalidengesetzes wird der föderative Charakter des Reiches, insbesondere in Bezug auf die Maßregeln zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung betont. Die endliche Durchsetzung der Arbeiterschutz-Gesetze, welche bekanntlich aus Anregungen und Anträgen des Centrums herausgewachsen sind, aber trotz wiederholter
Er war ganz roth von Blut.
„Er ist verwundet?" frug einer von ihnen.
„Aber Sie sind ja selbst auch verwundet, Herr Lieutenant?" sagte ein anderer, zu dem Offizier aufblickend.
„O, es ist nichts," erwiderte der Offizier.
„Aber was ist denn geschehen?" frug der Mann weiter.
„Ein Haifisch hatte ihn gepackt!"
„Ein Haifisch!" wiederholten Alle entsetzt.
„Ja, nur war es glücklicherweise keiner von der größten Sorte. Ich habe ihm seine Beute entrissen."
Inzwischen hatte man Daniel untersucht.
„Er ist doch nicht tobt?" frug der Offizier.
„Nein," war die Antwort.
Einige Minuten später befanden sich Alle an Bord des Schiffes.
Allseitig wurde natürlich der wackere Lieutenant ob seines Muthes und seiner Unerschrockenheit, mit welcher er mit höchster Lebensgefahr Daniel von dem sicheren Tode gerettet hatte, beglückwünscht.
Er hatte zum Glück nur eine ungefährliche Wunde am Arme davongetragen, während Daniel de Serves eine gefährliche Bißwunde am Schenkel erhalten hatte.
„Vierzehn Tage Ruhe und er wird wieder geheilt fein," erklärte der Schiffsarzt, nachdem er ihn untersucht hatte.
Annahmen durch den Reichstag von den verbündeten Regierungen immer wieder zurückgewiesen wurden, gehört zu den Hauptzielen der Partei. In den Strik- fragen tritt sie für einen Ausgleich der beiderseitigen Interessen ein. Großes Gewicht legt sie, wie seither, auf die Unterstützung der Handwerker-Anträge. Ob die verbündeten Regierungen das vom Reichstage definitiv angenommene Gesetz über den Befähigungsnachweis vollziehen werden? Nach den bisherigen Erfahrungen ist ein Zweifel wohl berechtigt. Eine Vermehrung der Steuern und Lasten zu verhindern, Härten in der Besteuerung möglichst zu beseitigen, wird die Partei bestrebt bleiben. Namentlich auch den M ilitärso rderung en gegenüber betont der Aufruf das Gebot größter Sparsamkeit; alles, was für die Erhaltung der Ehre, Würde und vollen Wehrhaftigkeit unerläßlich ist, wird natürlich auch in Zukunft gerne bewilligt werden.
Daß das Centrnm an den Grundlagen der Verfassung festhalten und der bürgerlichen Freiheit und den Volks recht en stets ein treuer Schutz sein wird, bedarf kaum der Hervorhebung. Wenn man auch hin und wieder im Unmuth über die kirchenpolitischen und Schul-Forderungen, über die Unterstützung der Handwerker-Forderungen u. s. w. das Centrum als „reaktionär" verschrieen hat, so wird doch der ärgste Feind ihm den Ruhm lassen müssen, daß es stets u n- beugsam für die Rechte des Volkes und der Volksvertretung eingetreten, und daß mit seinem Willen an der Verfassung auch nicht ein Welchen geändert worden ist. So kann denn die Partei erhobenen Hauptes und voll Zuversicht in den Wahlkampf eintreten. Durch die Veröffentlichung des Wahlaufrufes ist die Agitation offiziell eröffnet. Möge sie überall kraftvoll und zielbewußt durchgeführt werden.
Deutsches Keich.
Berlin, 23. Januar.
* Für den verstorbenen Freiherrn v. Fr ancken- stei n fand heute Vormittag um 10'/2 Uhr in der Hedwigskirche ein feierliches Requiem statt. Zur Theilnahme an der ernsten Feier hatte sich eine zahlreiche Trauergemeinde eingefunden. Im Auftrag des Kaisers war der Flügeladjutant Oberstlieutenant von Kessel erschienen. Von Ministern waren Graf Bismarck, von Bötticher und von Goßler erschienen. Den Reichstag vertrat der Präsident von Levetzow, das Herrenhaus wurde durch den Herzog von Ratibor vertreten. Zu Seiten des Altars hatten der hochw. Herr Feldpropst Aßmann und die katholische Geistlichkeit Berlin's Platz genommen. Morgen Vormittag 9 Uhr findet Requiem und Einsegnung der Leiche in der Kapelle
Inzwischen hatte Daniel die Augen aufgeschlagen und blickte ganz verstört um sich.
„Fürchten Sie nichts," sagte der Bruder Dartige's zu ihm, „Sie befinden sich auf dem Schiffe. Wir stechen sogleich in See."
In der That traf der Kapitän eben alle zur sofortigen Abfahrt nöthigen Maßregeln.
Daniel war noch nicht recht im Stande, sich von dem Vorgefallenen Rechenschaft zu geben.
Zwar erinnerte er sich, daß er das Boot der Ronde und ebenso das Rettungsboot gesehen hatte, aber im nämlichen Augenblicke, wo er auf das letztere hatte hin- schwimmen wollen, hatte er plötzlich einen heftigen Schmerz verspürt und gefühlt, wie er nach unten gezogen wurde.
Er war sich sogleich bewußt geworden, in welche Gefahr er gerathen sei — er hatte sich verloren geglaubt.
Wie war er gerettet worden? Davon wußte er nicht das Geringste.
Schon wollte er sich darnach erkundigen, als ein Mann zu dem in seiner Nähe stehenden Arzt hinzuttat. Es war dies der Offizier.
„Nun, wie geht es dem Manne?" frug Letzterer den Arzt. _ .
„O, fo gut als möglich. Er hat das Bewußtsem wieder erlangt."
„Und die Wunde?"