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Dienstag, den 21. Januar 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Für dir Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer- lohu und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Aufruf.

Die Neuwahlen für den Deutschen Reichstag sind auf den 20. Februar d. Js. ausgeschrieben.

Zum ersten Male erfolgen dieselben auf die Dauer von fünf Jahren; sie sind deshalb, von erhöhter Wichtigkeit und stellen somit an die Wähler die gevieterifche Forderung, Mann für Man« an der Wahlurne zn erscheine«.

Noch immer sind die Bedingungen nicht erfüllt, welche wir in jeder Wahlperiode als unerläßlich bezeichnet haben, wenn dem Volke die Religion erhalten, wenn christlich-gläubige Gesinnung geweckt und gefördert werben soll und zur Richtschnur erhoben in Unterricht, Erziehung, Bildung und Wissenschaft, in der Gefetzgebung und im öffentlichen Leben. Wir fordern deshalb immer von Neuem, daß der Kirche, im Deutschen Reiche wie in dm Schutzgebieten, volle Freiheit der Bewegung ge­stattet und Alles beseitigt werde, was die Selbstständigkeit und die Rechte der Kirche beeinträchtigt, was die segensreiche Wirksamkeit aller ihrer Genossmschaftm und das in der Verfassung gewährleistete Heimathsrecht der Reichsangehörigen verletzt.

Wir erkmnm zugleich in der unbehinderten Thätigkeit der Kirche und ihrer Organe, sowie der dadurch zu erhoffenden Kräftigung des christlichen Geistes in dm Kreisen der Arbeitgeber und Arbeiter, das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der gemeingefährlichen Besttebungen der Sozialdemokratie — ein Mittel, wirksamer als alle Ausnahmegesetze.

Unter steter Wahrung des verfassungsmäßigen söderativen Grundcharakters des Deutschen Reiches werden wir unsere stmdige Mitwirkung zur weiteren Aus­bildung aller jener Maßregeln nicht versagen, welche die Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung zum Zwecke haben.

Unentwegt beharren wir in dem Bestreben, daß die im Reichstage zum Theil schon wiederholt zur Annahme gelangten Arbeiterschutz-Gesetze, insbesondere die Gesetze über die Ruhe und die Heiligung des Sonntags, sowie über die Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit, zur Geltung gebracht werben.

In bem ernsten Jitteressmkampfe, welcher vielfach zwischm Arbeitgebern unb Arbeitnehmern entbrannt ist, werben wir gern alle Maßregeln unterstützen, welche einen Ausgleich der beiderseitigen berechtigten Jnteressm herbeiz'uführm, und das sich gegenseitig bedingende Wohl der Arbeitgeber und der Arbeiter zu fördern ge­eignet sind. '

Die Bemühungen, dm so wichtigm Handwerkerstand zu heben, seinen berechügten Klagen Abhülfe zu schaffen, werden wir in bisheriger Weise eifrigst sortsetzm.

Die wirthschaftliche Lage des Reiches hat sich in den Bahnen, Welche wesentlich auf unsere Anregung und unter unserer Mitwirkung eingeschlagen worben sind, bester gestaltet. Wir werden aber darüber zu wachm habm, daß die Vortheile der neuen Wirtschaftspolitik nicht ungebührlich ausgenutzt werben, daß eine Vermehrung ber Steuern unb Lasten verhindert unb Härten in ber Besteuerung möglichst beseitigt werben.

Wir werben auf allen Gebieten nachdrücklichst auf die größte Sparfamkeit bringen, wenn wir selbstverständlich auch gewillt sind, heute wie immer, für die Ehre, die Würde und die volle Wehrhaftigkeit des Dmffchen Reiches einzutretm.

An den Grundlagen der Verfassung, insbesondere an den für die bürgerliche Freiheit bestehenden Garantien, werben wir unbeugsam festhalten.

Nach biesm Grunbsätzen haben wir bisher gehandelt und gedenken wir auch ferner zu handeln. Wir hoffm, daß die Wähler biefe Grundsätze auch für die Zukunft billigen, so wie sie uns auf Grund derselbm bisher ihr Vertrauen geschenkt haben.

Wohlan beim! Möge am entscheidenden Tage Keiner von ber Wahlurne zurübleibm; möge Jeber furchtlos hinzutreten. Bleiben die Wähler uns treu, wie Wir ihnen treu bleiben und treu unserem alten ruhmreichen Panier:

, Mit Gott, für Wahrheit, Freiheit und Recht!

Im Januar 1890.

Der Vorstand der Eentrums-Fraktion des Deutschen Reichstages.

Freiherr von «nd z« Kranckenftein. Graf von Ballestrem. Graf vo« Bernstorff. Dr. Kranz. Gröber (Württemberg). Dr. Freiherr Heereman» von Znydwyk. Dr. Lieber. Dr. Reichensperger. Reindl. Dr. Windthorst.

Daniel'- Geheimniß.

Nach dem Französischen vo» I. Rüttgers.

(9. Fortsetzung.)

9.

Anna de Serves wollte ihrm Gatten, als er sich zu der Reise nach Frankreich mtschlossen hatte, nicht von diesem Schritte zurückhalten, denn sie sah, wie er insgeheim unsäglich litt . . . Ebensowenig getraute sie sich nicht ihn nach dem Stande ihres Vermögms zu fragen oder in welcher Weise er es angelegt hatte, dmn sie befürchtete, seine Angst nur noch zu vergrößern. Sie wollte durch Klagen oder indiskrete Fragen seinen Schmerz nicht noch vergrößern. Erst als er sich auf der Reife befand, kam ihr ihre eigenthümliche Lage gänzlich zum Bewußffein: als sie sich ganz allein sah, fast von allem entblößt, inmitten der Arbeiter und Dimer, denen sie kein rechtes Zutrauen schenken mochte dazu die beständige Besorgniß, ihr Gatte möchte ohne Geld zurückkehren. Was würben sie bann beginnen? Nach Frankreich konnten sie bann nicht zurückkehren, dmn dort wie hier war es nur Elmd und Noth, was ihrer harrte.

Obgleich die gute Frau in dieser Weise die schreck- lichstm Qualen erduldete, so mtschloß sie sich doch, dm Muth nicht zu verlieren. So gut als sie ver­mochte, nahm sie selbst die Leitung der Geschäfte in die Hände und ließ die Arbeitm so fortsetzen, als Wenn Daniel selbst zur Stelle gewesen wäre. Uebri- gms, so dachte sie, würden sie ja auch von Zeit zu Zeit Nachrichten von ihm erhalten.

In der That theilte Daniel feinen Angehörigen

auch mit, daß er demnächst das erste, beste Boot zur Fahrt benutzm werde.

Dann verflossen acht Tage und nochmals acht Tage, Tage der größten Angst und Besorgniß. Sie wußten nicht, was sie sagen solltm und fingen an, das Schlimmste zu befürchten. Wmn das Schiff vielleicht untergegangen wäre? In der letzten Zeit wurden fo viele Unglücksfälle auf ber See gemelbet.

Amgstlich durchflog Madame de Serves die Zeit- ungen, denn sie konnte sich ber trübsten Gedanken nicht wehren, und es war ihr, als ob das Maß des Un­glücks noch nicht voll sei.

Was sie so lange gefürchtet, trat ein.

Eines Morgens nahm sie wie gewohnt die Zeit­ungen zur Hand, aber kaum hatte sie einen Blick in dieselben gethan, als sie mit einem Schreckensruf ohn­mächtig zu Boden sank.

Das Schiff, auf welchem Daniel, so viel sie wußte seine Reise angetreten hatte, war aus offener See in­folge eines Zusammenstoßes mit einem anderen Fahr­zeuge blitzschnell untergegangen, ohne daß es möglich gewesen wäre, auch nur eine einzige lebende Seele zu retten. Mitten in der Nacht im ttefften Schlafe hatte die Katastrophe die Passagiere überrascht.

Lange dauerte es, bis Anna de Serves sich einiger­maßen von diesem heftigen Schlage, der sie jetzt ge­troffen, erholte.

Eines Tages rief sie ihre Kinder, benen man bis bahin bas große Unglück verheimlicht hatte, herbei und theilte ihnm in schonender Weise alles mit.

„Ihr habt keinen Vater mehr!“ sagte sie thränm-

ben Auges. Wir werben ihn nie mehr Wiedersehen, nie mehr! Draußen liegt er auf kühlem Meeresgründe!

Abermals begannen alle heftig zu schluchzen.

Die folgenden Tage brachten weitere Nachrichten über den Untergang des Schiffes, die jedoch die Ge­wißheit von dem Tode Tode Daniels nur bestätigten. Zwar hatte sein Name sich nicht in den Schiffslisten befunden, aber es hieß, daß auch verschiedene umge­kommen seien, deren Identität man nicht kannte.

Lange noch beweinte Anna de Serves mit ihren Kindern den Gatten und Vater, ben sie für tot hielten unb ja auch halten mußten.

10.

Das Schicksal ber Unglücklichen, welche in Frank­reich, sei es zum Bagno ober zur Deportation verur- theilt werden, ist so hinlänglich bekannt, daß wir es dem Leser nicht zu schildern brauchen.

Mit dem größten Gleichmuth von ber Welt trug Daniel bas Verhängniß, das ihn mitten unter die Verbrecher, mitten in ben Abschaum ber Menschheit brachte.

Uebrigens erriethen seine Gefährten schon gleich auf bem Schiffe, welches sie ihrem Bestimmungsorte zu­führte, baß Daniel eigentlich nicht in ihre Gesellschaft gehöre: fein ganzes Auftreten, seine Physiognomie und seine Sprache imponirten ihnen derart, daß sie zn ihm mit einer gewissen Ehrfurcht aufblickten und ihn mit ihren rohen Späßen verschonten.

Auch seinen Vorgesetzten fiel Daniel sehr bald durch sein intelligentes, sanftes Wesen aus.

Eines Morgens begegnete ihm ber Kommandant