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Sonntag, den 19. Januar 1890
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
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* Die (Kncyklika des hl. Vaters Leo XIII. über die vornehmsten Pflichten der Katholiken als Kärger
hat folgenden Hauptinhalt:
Die Rückkehr zu den christlichen Lebensanschauungen und den Geboten des Christenthrlms für den Einzelnen und die Gesellschaft ist durchaus nothwendig. Besonders große Pflichten haben in dieser Hinsicht die Katholiken. Sie haben zunächst die allgemeine Pflicht der Liebe zur Kirche. Diese ist auch ganz wohl mit wahrer Vaterlandsliebe vereinbar. Die Liebe zur Kirche ist heutzutage um so nothwendiger, je heftiger die Kirche befeindet wird.
Im Besonderen ist vor Allem nöthig, den Glauben zu wahren: hierzu dient fleißiges Studium der Glaubenswahrheiten und demüthiges Gebet. Aber nicht blos den Glauben für sich zu wahren, ist nöthig; Sache der Katholiken ist es auch, ihn nach Kräften zu verbreiten und zu vertheidigen. Der Menschen Mithilfe wollte sich ja Gott bedienen, um die Seelen zu retten. Darum ist es auch Pflicht der Menschen, diese Mithilfe zu leisten. Zwar ist es in erster Linie Sache des kirchlichen Lehramtes, für den Glauben einzustehen, indessen ist es auch die heilige Pflicht der einzelnen Christen, durch ihr Beispiel und, nach Maßgabe ihrer Kräfte, durch Wort und Lehre mitzuwirken. Aber nicht vereinzelt dürfen wir vorgehen, sondern einträchtig und einmüthig. So erfordert es die Natur der Kirche, die eine Verbindung Vieler ist, so auch das Interesse der Wahrheiten, die wirksam nur mit vereinten Kräften vertheidigt werden können. Die Eintracht muß sich zeigen im Denken, ganz besonders aber auch in der Uebereinstimmung der Willen, d. h. im Gehorsam gegen die von Gott in der Kirche eingesetzten Obern. Erstrecken muß sich dieser Gehorsam nicht bloß auf die Glaubmswahrheiten im strengen Sinne dieses Wortes, sondern auf Alles, was die Bischöfe und besonders der hl. Stuhl zum Heile der Katholiken anzuordnen für ersprießlich erachten.
Aber die Kirche ist eine Gesellschaft, und als solche muß sie auch in ihren Beziehungen. zu den anderen, namentlich bürgerlichen und staatlichen Gesellschaften ins Auge gefaßt werden. In ihrer Art ist die Kirche und sind auch diese anderen Gesellschaften selbstständig. Ihrem Ursprung und Zwecke entsprechend ist der Charakter der Kirche verschieden von demjenigen jener anderen Gesellschaften, jedoch naturgemäß erhabener. Die Kirche muß also auf ihrem Gebiete unabhängig fein, ihre Interessen dürfen auch keiner bürgerlichen Gesellschaftsform mit Bevorzugung vor einer anderen dienstbar gemacht werden. Die Katholiken dürfen also wohl auf staatsbürgerlichem Gebiete ihre Thätigkeit entfalten, nie aber znm Nachtheil der Kirche, ja das
Daniels Geheimnis.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(8. Fortsetzung.)
„Ich möchte den Herrn Präsidenten bitten," hob jetzt Daniel wieder an, welcher wieder muthiger geworden war, „daß er diefe Sache möglichst rasch beendige. Ich werde nichts sagen — ich habe triftige Gründe, meinen Namen nicht zu offenbaren. Alles, was ich fugen kann, ist, daß ich ein ehrenwerther Mann, kein Verbrecher bin. Alles dies ist mir außerordentlich schmerzlich . . . Diese Debatten sind mir peinlich . . . ich leide schon genug!"
Schluchzend sank er aus seinen Sitz zurück, während auch im Auditorium große Theilnahme für den Angeklagten rege zu werden schien.
„Gut," sagte der Präsident, „man wird Sie als Unbekannten richten, da Sie nun einmal nichts sagen wollen. Sie sind ja Franzose, nicht wahr?"
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Das Verhör war beendet, die Vernehmung der Zeugen begann. Es waren ihrer wenige, und sie sagten nichts aus, was dem Publikum nicht bereits bekannt gewesen wäre. Der Staatsanwalt forderte Ver- urtheilung, obwohl er selbst nichts gegen mildernde Umstände einzuwenden hatte.
Die Rede des Vertheidigers machte einen großen
Wohl der Kirche muß auch für ihr öffentliches Wirken Richtschnur sein.
Aus der Verschiedenheit dieser beiden Arten der Gesellschaft kann ferner keineswegs geschlossen werden, daß sie getrennt oder gar feindlich nebeneinander bestehen sollen; der Natur des Menschen entsprechend sollen sie vielmehr in harmonischer Verbindung ihre Wirksamkeit entfalten. Es kann daher der Kirche nicht gleichgiltig fein, welche Gesetze auf staatsbürgerlichem Gebiete geschaffen werden. In ihrem und auch im staatlichen Interesse selbst muß sie ihr etwa feindliche Gesetze zu verhüten und die Gesetze selbst mit christlichem Geiste zu durchdringen suchen. Die Katholiken müssen also auch im öffentlichen Leben nur Männern von rechtschaffener und christlicher Gesinnung ihre Gunst zuwenden.
Bei allem Diesem thut insbesondere Eintracht noth. Dann müssen die Katholiken sich fern halten, sowohl von jener falschen und sehr verderblichen Klugheit, welche es immer Allen recht machen und mit Niemanden verderben möchte, als auch von der Anmaßung, Alles besser wissen und machen zu wollen, als diejenigen, welche Gott gesetzt hat, die Kirche zu regieren, und die, von hoher Warte herab und vom hl. Geist geleitet, die Bedürfnisse der Zeit am Besten erkennen. Die Leitung der Kirche aber steht in erster Linie dem römischen Papst, bann auch den Bischöfen zu. Gewöhnlichen Laien und auch Priestern kommt es nicht zu, sich zum Richter über sie aufzuwerfen.
Aber all' unser Wirken in dieser Beziehung wäre ftuchtlos, toenn nicht unser Leben mit unseren Grundsätzen übereinstimmte. Eines christlichen Lebens also müssen wir uns befleißigen. Vor allem muß die Liebe wieder neu aufleben: die Gottesliebe und die mit ihr eng verbundene echt christliche Nächstenliebe.
Diesen Grundsätzen mögen insbesondere die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder und bei Wahl und Gründung von Schulen für dieselben Geltung zu verschaffen suchen; die Bischöfe werden Alles aufbieten, sie mehr und mehr zu Derbreiten.
Deutsches Keich.
Berlin, 17. Januar.
* Unser hochverdienter und allverehrter politischer Führer Windthorst feierte feinen heutigen neummd- sibenzigsten Geburtstag in alter Frische und gehobenster Stimmung. Leider mußte wegen der Erkrankung des Vorsitzenden der Centrumsftaktion des Reichstags die gewohnte Feier durch ein Festessen beider Fraktionen ausfallen. Aber beide ließen in alter Herzlichkeit und Verehrung durch Deputationen ihre Glückwünsche übermitteln und überreichten zwei prächtige Blumenkörbe.
Eindruck. Er stellte seinen Klienten als einen sehr unglücklichen Mann dar, der einen unfreiwilligen Mord begangen habe, dessen Sühne er lieber tragen wolle, als daß die Schmach des Verbrechens die ©einigen beflecke. Er kann, so sagte er, dieses Verbrechen nicht erzählen, auch nicht den Beweggrund dazu angeben, weil er sonst seinen Namen offenbaren muß — könnte er den Namen angeben, so würde jedenfalls eine Frei- fprechnng erfolgen. Leider fehlen meinem Klienten die materiellen Beweise — er kann sich nur rechtfertigen, wenn man ihm aufs Wort glaubt, und einem Angeklagten glaubt man eben nie aufs Wort. Er ist ein Ehrenmann, nach meiner Ueberzeugung wenigstens, das Opfer eines Verhängnisses, das stärker ist als er selbst. Es ist ein Märtyrer der Ehre, die zu retten er kein Bedenken trägt, seine Freiheit zu opfern, die er aufs Spiel setzt, indem er sich nicht vertheidigen will. Wird er freigefprochen, so wird er jedenfalls seinen Namen offenbaren — aber er wird dies nicht eher thnn, als bis seine Unschuld anerkannt ist.
Der Advokat schloß indem er die Jury beschwor, seinen Klienten nicht zu verurtheilen, sein Lebensglück nicht zu vernichten.
Die Worte des Vertheidigers hatten das Interesse welches das Publikum an dem Angeklagten nahm, nur noch erhöht, und so zog sich unter der größten Erregung desselben die Jury zur Berathung zurück.
Das Gleiche geschah durch die polnische Fraktion, und Blumenspenden mehr als je zuvor, zahlreiche Telegramme, Briefe und Adreffen aus allen Theilen des Reiches und auch aus dem Ausland bezeugten von Neuem die Liebe und Verehrung für den Gefeierten, enthielten die heiligste Versicherungen der Treue für die gemeinfante Sache, brachten die innigsten Glückwünsche bar für ein noch langes, langes Leben unb Wirken! Möge Gott die unersetzliche Kraft unseres Windthorst in der bisherigen Weife uns noch viele Jahre erhalten! Das wünscht und erfleht mit uns sagt die .Germania' das ganze katholische deutsche Volk, und kann sagen, die katholische Welt!
* In einem Artikel über die deutschen Wahlen bringt der Moniteur de Rome' folgende das deutsche Zentrum betreffende Aeußerung:
„Das Centrum bleibt fest und stark; unbesiegbar, wie das Volk, durch das es gestützt wird, und die Prinzipien, welche es vertritt. Es ist mehr denn je die Axe des Parlamentarismus. Man hat es bekämpfen können; es zu schwächen, hat man nicht verstanden. Durch den religiösen Frieden hat Bismarck gehofft, ihm einen gefährlichen Stoß versetzen zu können. Noch gestern behauptete die ,Nordd. Allgem. Ztg.' in ihren „Wahlgedanken", daß das „Ende" des Kulturkampfes das Centrum zu einem „künstlichen Leben" verurtheilt habe. Das ist ein großer Jrr- thum. Für einen Kranken befindet sich das Centrum gar wohl. Es ist gerade die einzige Partei, welche in sich selbst ihre Kraft und ihre Daseins-Berechtigung trägt. Wenn die ,Norrd. Allgem. Ztg.' glaubt, daß der religiöse Friede vollständig sei, so theilen die Katholiken diesen Optimismus keineswegs und yoren I nicht auf, die Beweggründe für diese ihre Meinung vorzuführen."
* Ein Königreich für eine zugkräftige Wahlparole! rufen jammernb bie Kartellbruder aus. Die schönen Tage bes Februars 1887, da man mit wahrer Wonne mittelst Pikrinsäure, Melinit, Baracken, Mauleseln unb schrecklicher Turkos-Morithateu-Plakate ben braven Michel so ins Bockshorn jagen konnte, daß er blinblings in bie Netze ber Kartellbrüder lief, sind vorüber — unb nimmer kehren sie wieder. Auch ber mit der geringsten Dosis von Urtheilsfähigkeit unb gesundem Menschenverstand versehene Deutsche geht zum zweiten Male nicht mehr auf ben Leim des Kriegs- gespenstes, um so weniger als ber Kaiser beim Empfang ber Reichstagsbeplltation sowohl als auch in ber Thronrebe zur Eröffnung des preußischen Landtages den Weltfrieden als gesichert bezeichnet hat. Mit Kriegsgeschrei sind diesmal für bie Kartellbrüder also keine Wahlgeschäfte zu machen. Sie sinnen daher auf einen anderen Wahlpopanz, mit defsen Hilfe sie das Volk zum zweiten Mal um fein Selbstbestimmungsrecht prellen könnten. Das rothe Gespenst, bas schon zu des seligen Napoleon 111. Zeiten — und
8.
Während bie Geschworenen beriethen, Halle man Daniel aus bem Gerichtssaal in ein Nebenzimmer gebracht.
In tausenberlei Gedanken versunken, saß er da zwischen den Gendarmen, die ihn bewachten.
Natürlich galt sein erster Gedanke seinen Angehörigen. Was machten sie wohl jetzt, wo er dasaß in tödtlicher, unbeschreibliche Angst? Dachten sie an ihn? Aber nein — sie mußten ihn ja tot glauben, ber Chef ber Polizei hatte es gesagt, eine Fügung ber Vorsehung fo zu sagen hatte es.gewollt, daß er das erste abgehende Boot versäumte. Seine Angehörigen beweinten und betrauerten ihn ohne Zweifel — aber sie konnten auf feium Namen stolz fein, benn er war makellos geblieben.
Bisweilen brängten sich ihm auch anderweitige Erwägungen auf: Wenn er alles frei und offen der Wahrheit eingeftanben unb erzählt hätte, bann hätte man ihn vielleicht freigesprochen unb er hätte zu ben ©einigen zurückkehren können.
Aber hätte man ihm auch wirklich geglaubt? Wie konnte er feine Behauptungen beweisen? Niemand, nicht einmal feine Frau wußte etwas von ber ganzen Sache, unb bie Hoffnung, bie Quittung wieberzufinben, war kaum vorhanben. UeberbieS hatte er immerhin Blut vergossen, unb auch bie kleinste Strafe hälte.hin-