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17. Jahrgang

Samstag, den 18. Januar 1890

Fuldaer Zeitung

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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6 Tem protzen „Meinen."

Zum 17. Januar 1890.

12 von 90 bleibt 78. Ganze 78 Jahr hat er jetzt auf seinem zierlichen Rücken, und er trägt sie in einer Weise, die man in unserem militärischen Zeit­alter nur als „schneidig" bezeichnen kann.

Schon acht Jahre sind heute verflossen, seit wir den siebzigjährigen Geburtstag von Excellenz W i n d t - h o r st mit besonderer Feierlichkeit begingen. Nur noch zwei lumpige Jährchen — dann feiern wir den acht­zigsten, so Gott will, und das Geburtstagskind wird hoffentlich dabei eine recht jugendfrische Rede halten, damit alle Welt sieht, daß er uns mit festem Schritt in's neue Jahrhundert voranmarschiren will. Nicht mal die Influenza hat bisher der kleinen Excellenz etwas anhaben können.

78 Jahre — und die letzten zwanzig waren Kriegs­jahre, die doppelt gezählt werden müßten! Es gibt zwar Leute, welche behaupten, daß seit 1887 Friede sei. Die Arbeitslast des Centrumsführers ist aber in diesen drei Jahren des angeblichen „Friedens" eher größer als kleiner geworden. Und in gleichem Grade das Bewußtsein gewachsen: „Wir können ihn durchaus nicht entbehren." Hoffentlich haben Krankheit und Schwäche auch künftig, wie bisher, das Einsehen, daß die kleine Excellenz unabkömmlich ist. Es geht nicht ohne ihn, mit diesem unabweisbaren Bedürfniß muß auch das sog. Schicksal rechnen.

78 Jahre! Leute, die wie unsterbliche Riesen üusgeschrn haben, sind in diesM,Alter schon längst, ruhebedürftig geworden. Leute, die ihr ganzes Leben hindurch sich geschont und ihre werthe Gesundheit ge­pflegt haben, müssen weit vor diesem Altersziele das Rennen aufgeben. Und der kleine, anscheinend so schwache Windthorst, der sein ganzes Leben in ange- strmgter, aufreibender Thätigkeit zugebracht hat, be­schämt in diesem Alter die jugendkräftigen Kollegen. Vor dem Fürsten Bismarck hat er noch gut drei Jahre voraus. So hoch wir die körperliche und geistige Ar­beitskraft des Herrn Reichskanzlers schätzen, wir möch­ten ihm doch nicht zumuthen, an Windthorst's Stelle Tag für Tag von Anfang der Sitzung bis zu Ende auf dem Stühlchen des Volksvertreters auszuharren, stets den Debatten folgend und jeden Augenblick zum Eingreifen bereit! Wer diese Arbeit in Verbindung mit den Sorgen und Mühen der äußern und inneren Parteileitung nebst dm unvermeidlichm Privatgeschäf­ten Jahrzehnte lang unentwegt leisten soll, der bedarf einer ganz besonderm Ausstattung an Leibes- und Geisteskraft.

In der Wahl seines Geburtstages ist der große

Daniels Geheimniß.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(7. Fortsetzung.)

Nachdem man lange gezögert hatte, ihn vor Gericht zu stellm, in der Hoffnung, irgend etwas über ihn zu erfahrm, mußte man schließlich dmnoch dazu schreitm.

Alle Welt war natürlich auf den Ausgang der Gerichtsverhandlungen gespannt. Jedenfalls stand so viel fest, daß der Mörder nicht gestohlen hatte, auch nicht dm Versuch dazu gemacht hatte, denn große Sum- mm hätte er nehmen können und den Geldschrank hatte man offen stehen gefunden.

Die Erscheinung des Angeklagten in dem dicht ge- drängtm Gerichtssaale verstärke nur diesen günstigen Eindruck: dieser Mann war kein Verbrecher!

Bleich wie das elfenbeineme Kruzifix, seine sanst- blickendm Augm, die ganze Physiognomie des Mannes verrieth eher ein geheimes Leiden als Grausamkeit oder Rohheit.

■ . Es schien, als ob ein grausames Verhängniß ihn niederdrückte. Seine Haltung war korrekt, sein Schritt würdig.

Als er bei seinem Einttitt aller Blicke auf sich ge­richtet sah, beschlich ihn eine große Furcht: aber man gewahrte deutlich, daß es nicht die Furcht vor der L>ttafe sei, sondern höchstms die Besorgniß, ob sich nicht jemand im Publikum befände, der ihn wieder-

Parlamentarier anscheinend nicht so vor- und umsich­tig gewesen, wie er sonst zu sein pflegt. Der 17. Jan. fällt in die heiße Parlamentszeit, deren Arbeitslast ge­wöhnlich durch gleichzeitiges Tagen von Reichs- und Landtag erhöht wird. Dieses Jahr kommt nun oben­drein noch die Wahlarbeit hinzu. Das sieht mehr nach sauren Wochen, als nach ftohen Festen aus. Aber vielleicht versetzt gerade der Andrang der Arbeit die unermüdliche Excellenz in die beste Feststimmung.

Für uns bilden die bevorstehenden Wahlen die schönste Gelegenheit zum besten Geburtstagsgeschenk. Ein Sieg des Centrums auf der ganzm Linie — das wird ihm das Allerliebste sein. Jeder Verehrer des greisen Führers möge seinen Stimmzettel zu diesem Geschenk beitragen und womöglich noch einen Stimm­zettel dazu werben. Machen wir ihm die Wahlleitung leicht, indem wir uns Alle in schönster Ordnung und Zucht hinter der ruhmreichen Centrumsfahne sammeln!

Vor drei Jahren war der Ansturm, den das Cen­trum auszuhalten hatte, ärger, der Kampf wurde mit raffinirteren Mitteln geführt. Wer erinnert sich nicht noch der großartigen Gürzenich-Rede des Abg. Windt­horst, in welcher er der hinterlistigen Ausnutzung der römischen Aktenstücke die vergiftete Spitze abbrach. Man weiß freilich nicht, was in den nächsten fünf Wochen noch Alles in's Werk gesetzt werden kann, aus Ueberraschungen muß man immerhin gefaßt sein. Doch allem Anschein nach hat man aus der Erfahrung von 1887, als das Centrum trotz aller kunstvollen An­griffe sich siegreich behauptete, die Lehre gezogen, daß der Thurm gegen alle 'Wäylmäeyensü'säs'stii ' LWöMöiiw lich bleibt. Freilich nur unter der Voraussetzung, daß wir Alle unsere Pflicht thun; das gefeierte Geburts­tagskind, der unermüdliche Führer, gibt uns das beste Beispiel ausdauernder Pflichttteue.

Wenn wir aber dem Geburtstagskinde „Schneidig- feit" nachgerühmt haben, so müssen wir zum Schlüsse auch eine Eigenschaft erwähnen, die auf den ersten Blick wie ein Gegensatz aussieht, aber in der That eine schöne und furchtbare Ergänzung der Energie bildet. Es ist die G emüth lichkeit, die aus tiefer, echter Herzensgüte und witziger Geistesftische entsprießende Wunderblume, welche neben der Verehrung und Hoch­achtung auch noch die Liebe der Mittnenschen bis weit in die Reihen der politischen Gegner hinein zu tragen vermag. Und wenn selbst Leute von ganz an- derm Ansichten und Besttebungen Zuneigung zu der kleinen Excellenz fühlen, wie lebhaft muß dann die Liebe derjenigen sein, denen er der väterliche Führer ist? Das Bewußtsein, daß Millionen von Herzen ihn lieb haben, wird ihn besonders erfreuen!

Athemlos und in der größten Sülle harrten alle des Eintritts des Gerichtshofes.

Noch gespannter waren Alle, als wenige Minuten später, nachdem der Gerichtshof eingetreten war, der Vorsitzende die Frage an den Angeklagten richtete:

„Sind Sie entschlossen, heute endlich zu antworten?"

Der Unbekannte zitterte leicht.

„Nein," antwortete er mit fester Stimme.

„Bedenken Sie die Folgen Ihres hartnäckigen Schweigens."

„Ich habe dies bedacht."

Der Präsident schwieg und ließ die Anklageschrift vorlesen.

„Sie kannten Herrn Ronstau?" ftug alsdann der Präsident den Angeklagten.

»Ja." ,

„Sie waren mit Herrn Ronstau befreund er?"

„So ist's."

„Seit wann kannten Sie Herrn Ronstau?"

„Ich kann's nicht sagen."

„Wie haben Sie ihn kennen gelernt?"

„Ich kann es nicht sagen."

„Standen Sie auf gespanntem Fuße mit ihm?"

„Nein, in diesem Augenblicke nicht."

„Sie haben von ihm eine Erklärung verlangt?"

„Vielleicht."

„Er war Ihnen Geld schuldig?"

„Ich kann nicht antwotten."

Deutsches Keich.

„ Berlin, 16. Januar.

* Kaisers Geburtstag wird unter Ablegung der Hoftrauer für diesen einen Tag in offiziellen Kreisen begangen werden, aber ohne Musik.

* Zu Windthorst's Geburtstag bringt die ,Germania' folgende Mittheilung; Der hochverehrte Centrumsführer Abg. Dr. Windthorst feiert bekanntlich am 17. Januar seinen Geburtstag. Da er im Jahre 1812 geboren ist, vollendet er jetzt das 78. Lebens­jahr und beginnt das 79. Die Centrumsfraktion des Reichtstages und des Abgeordnetenhauses pflegen diesen Tag durch ein Festessen zu feiern. Dasselbe sollte im Kaiserhof stattfinden. Da aber der Vorsitzende der Fraktion im Reichstage, Freiherr von Franckenstein, leider erkrankt ist, so wurde das Festessen auf Wunsch des Abg. Windthorst verschoben. Durch eine Deputation aus beiden Centrums-Fraktionen werden morgen deren Glückwünsche dargebracht werden.

* Am Mittwoch Abend fand eine Sitzung der Centrums-Fraktion des Abgeordnetenhauses statt. Exzellenz Dr. Windthorst eröffnete dieselbe und ge­dachte zuerst der Mandatsniederlegung des bisherigen Vorsitzenden der Fraktion, Freiherrn v. Schorlemer- A l st. Mit warmen Worten würdigte Windthorst die großen Verdienste desselben um unsere h. Sache und speziell auch um die Leitung der Geschäfte der Fraktion. Herr v. Schorlemer hat in einem Schreiben von der Fraktion Abschied genommen, welches verlesen wurde

• Mio «ch

Nachdem ich am 17. Oktober v. I. aus den, meinen Wäh­lern ausgesprochenen Gründen mein Mandat als Mitglied des Hauses der Abgeordneten niedergelegt habe, bietet mir die erste Sitzung der bei Wiedereröffnung des Landtages versammelten Centrumsfraktion die erwünschte Gelegenheit, mich von Ihnen zu verabschieden, Ihnen von Herzen zu danken für das mir stets in so reichem Maße erwiesene Vertrauen, für die vielen Beweise treuer Freundschaft, die mir aus Ihrer Mitte zu Theil wurden. Die Erinnerung an die langen Jahre, in welchen ich die Ehre hatte, mit Ihnen gemeinsam für die höchsten Güter einzutreten, werde ich — wie Jedem von Ihnen ein warmes Andenken — in meinem dankbaren Herzen bewahren. Meine besten Wünsche begleiten Ihr ferneres Wirken. Genehmigen Tie mit der Bitte meiner freundlich eingedenk zu bleiben, den Ausdruck meiner Hochschätzung und Verehrung, mit welcher ich verharre Ihr treuergebener Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst.

Es wurde darauf der Entwurf einer Antwort der Fraktion an Herrn Freiherrn v. Schorlemer ver­lesen und genehmigt. Zum Vorsitzenden der Fraktion wurde der Abg Frh. v. He er em au n gewählt. Der­selbe ist leider augenblicklich noch durch Unwohlsein in der Heimath zurückgehalten. Zu Mitgliedern des Senioren-Konveuts bestimmte die Fraktion den neuge-

„Und dennoch ist dies in Ihrem eigenen Interesse sehr wichtig!"

■ „Ich weiß es — aber ich wünsche mich nicht zu vertheidigen. Ich wünsche nur, daß diese Sache mög­lichst rasch erledigt werde, damit man von meiner Per­son kein Aufheben mehr mache."

„Es ist Ihnen also viel daran gelegen, unerkannt zu bleiben?"

„Ja."

„Sie sind von guter Familie?"

„Ich kann nicht antworten."

„Wie haben Sie das Verbrechen begangen ?" Der Angeklagte schwieg.

' „Welches Jnsttumentes haben Sie sich bedient?" „Ich hatte kein Instrument."

„Man hat geglaubt, am Kopfe des Opfers eine Wunde zu erkennen, welche anscheinend von einem Messer herrührte!"

„Ich hatte kein Messer."

„Man hat in der That keinerlei Waffe vorgefunden. Sie haben wohl zuerst versucht, Herrn Ronstau zu er­würgen? Es befanden sich nämlich Fingerspurm an seinem Halse."

„Ja, ich hatte ihn bei der Kehle gepackt." „Weshalb?"

„Wir hatten einen Wortwechsel."

„Aus welcher Veranlassung?" „Ich kann nicht antworten." „War Herr Ronstau mit Ihnen verwandt?"