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Nttlwoch, den 15. Januar 1890.

17. Jahrgang

Fuldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (PH. Reuß).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Tie Neichstagöwuhlen

Die Reichstagswahlen sind nunmehr durch kaiser­liche Verordnung endgiltig auf Donnerstag, den 20. Februar anberaumt. Vor drei Jahren fanden sie am 21. Februar, an dem berühmten Faschingsmontage statt, der so schön zu dem ganzen tollen Schwindel paßte, den die Kartellgenossenschaft damals im Zeichen des Septennats mit der Kriegsangst, dem Melinit, der Pikrinsäure, den Brettersendungen und Barackenbauten, den Schafen und Mauleseln, den rothen Kriegskarten, den bunten Gruselbildern vom brennenden Schwarz­wald, und nicht zuletzt mit den echten und den ge­fälschten Jakobinischen Septennatsbriefen veranstaltete. Das war in der That ein politischer Karneval, an den sich selbst die damaligen Rädelsführer nicht gerne er­innern lasfen. Diesmal finden die Wahlen auch in der Faschingswoche, aber erst am Tage nach dem Aschermittwoch statt, jedenfalls ein würdigerer Termin in hochernsterZeit, als der Fastnachts-Montag. Nur noch etwas mehr als fünf Wochen trennen uns von dem Wahltage, der übrigens insofern ganz korrekt anberaumt ist, als an demselben genau die dreijährige Legislaturperiode des jetzigen Reichstages ihr Ende erreicht.

Der gegenwärtige Reichstag ist aber der letzte mit dreijähriger Legislaturperiode. Am 20. Februar wird für eine fünfjährige Periode gewählt, im regelmäßigen Gange der Dinge werden die Reichstagswähler erst im Jahre 1895 und dann im Jahre 1900 ihr wichtigstes bürgerliches Recht wieder ausüben können. Gerade deßhalb werden aber auch die bevorstehenden Reichs­tagswahlen von so herv orr agender Wich t igkeit sein. Und die erste und schlimmste Anklage, welche die Wähler gegen die derzeitige Kartellmehrheit im Reichs­tage erheben werden, ist diese Schmälerung des Wahlrechts, diese Verkümmerung der Mitwirkung des wahlmündigen Volkes bei der Regierung. Denn während die Reichsregierung das Recht behält, jeder­zeit einen ihr unbequemen Reichstag aufzulösen und an das Volk zu appelliren, hat das Volk in Zukunft nur alle fünf Jahre das Recht, sein verfassungs­mäßiges Urtheil über die Regierung und Verwaltung abzugeben. Daß die von den Kartellbrüdern beschlossene Verlängerung der Legislaturperioden eine Vermehrung der Macht der Regierung und eine Kürzung der Volks­rechte bedeutet, ist so sonnenklar, daß man darüber kein Wort mehr zu verlieren braucht. Wenn die Kartell­parteien dies leugnen wollten, so kann man sie mit drastischen Aussprüchen ihrer eigenen Organe schlagen.

Daniels Geheimnis.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(4. Fortsetzung.)

„Ich weiß nicht, was Du sagst ..." stammelte Ronstau erstaunt. „Was betreibst Du?"

„Ich habe soeben eine große Bank gegründet, die „Sauterelle".

„Du?"

„Gewiß, ich! Das wundert dich, wie es scheint? Nun, ich war kein so gewandter Rechenkünstler, wie du, aber man thut nicht immer was man will, sondern was man kann. Mein Vater ist todt und meine Kapi­talien zu unbedeutend."

„Aber ich müßte doch wissen, ob ich auch tauglich bin?" warf Ronstau ein.

„Oh, ganz gewiß. Du hast weiter nichts zu thun, als die Direktoren der Finanzhäuser zu besuchen, ihnen anzubieten, ihre Institute — versteht sich gegen baar — in den Zeitungen zu loben; oder umgekehrt, wenn sie nicht wollen, ihnen zu drohen, gewisse Operationen schonungslos an den Pranger zu stellen. Verstehst Du mich jetzt!"

„Gewiß, gewiß", versetzte Ronstau, während sein schwarzes Auge funkelte.

Freudestrahlend begleitete er seinen zukünftigen Direktor zu dessen Wohnung, wo er zunächst eine Summe von 500 Francs in Empfang nahm, mittels derer er feinen äußeren Menschen wieder ein wenig in bessere Verfassung setzen konnte.

Für die auch zum kommenden Wahlkampfe wieder künstlich zusammengeflickte Kartellgenosfenschaft sind die Aussichten überhaupt nicht die rosigsten. Das fängt man auch im Kartelllager selbst allmählich einzusehen an, ja man scheut sich gar nicht mehr, den skandalösen häuslichen Zwist, der an allen Ecken und Enden ent­brannt ist, auf den offenen Markt zu tragen und sich dort zum Gaudium der freisinnigen und anderer Zu­schauer gegenseitig abzukanzeln. Wie diese Kartell­zänkereien noch in Frieden beigelegt werden könnten, ist wirklich nicht abzusehen; selbst der jetzt schon schüchtern gemachte Versuch, den Kaiser als Schieds­richter anzurufen und feine Worte gegen die Hochkon­servativen auszuspielen, dürfte kaum den gewünschten Erfolg haben, umsomehr, als derartige parteipolitische Hilfsmittel im Volke längst nicht mehr den Eindruck machen, wie zu Zeiten Kaiser Wilhelm L und in der Glanzperiode des Fürsten Bismarck. Auch die Uneinig­keit der Kartellparteien in Sachen des Sozialisten­gesetzes, ist kein gutes Vorzeichen für die Wahlen. Ueberhaupt wird das Sozialistengefetz, mag es nun vor den Wahlen noch erledigt oder gar als Wahl­parole in den Wahlkampf getragen werden, in der Agitation eine bedeutende Rolle spielen. Wenn nicht alle Zeichen, trügen, werden die Oppositionsparteien und vor allem die Freisinnigen aus dem Kartellgezänk und aus der ganzen herrschenden politischen Verschwom­menheit und Unstätigkeit nur Vortheil ziehen.

.Wie wenig das vom Abg. Richter löge« „Angst­produkt" der wirkliche Ausdruck des Volkswillens war und ist, haben ja auch die Nachwahlen seit 1887 schlagend bewiesen, bei denen die Kartellparteien acht Sitze einbüßten, und deren ziffermäßige Ergebnisse einen geradezu rapiden Umschwung zu Gunsten der Oppo­sition ergaben.

Für die Agitation der Regierungsparteien fehlt wenigstens bis jetzt jede zugkräftige Wahlparole, denn die allgemeine Erklärung des Kaisers für das Kartell fcheint von den Parteien selbst nicht als solche angesehen zu werden. Dagegen steht der Opposition diesmal ein gutausgerüstetes Arsenal von Agitations­waffen zur Verfügung. Die in's Ungemesfene steigenden Militär- und Marineforderungen, die Mängel der Steuergesetzgebung, der namentlich im Elberfelder Sozialistenprozeß recht kraß zu Tage getretene Unfegen der bisherigen Maßregeln gegen die Sozialisten, die Schwächen der Sozialgesetzgebung, der unbegreifliche Widerstand der Regierung gegen den gesetzlichen Ar­beiterschutz, die damit zusammenhängende schlimme Lage der Arbeiter überhaupt und die Strikfrage insbeson-

Ronstau bäuchte sich jetzt selbst ein ganz anderer Mensch als zuvor: stolz schritt er einher, als wenn er über Millionen zu gebieten hätte. In der That erregte er bald nicht geringes Aussehen: auch erwarb er sich bald den nöthigen Aplomb.

Seine Artikel waren perfid wie hinterrücks beige­brachte Dolchstiche.

Er war bald ein gefürchteter Mann und kaum wagte man es mehr, ihm etwas abzuschlagen. — Kurz, er war ein wahrer Vertreter einer Presse, für welche man den Namen „Revolver-Presse" erfunden hat. Jetzt hielt er den Zeitpunkt für gekommen, sich mit der „Sauterelle" zu Überwerfen und selbstständig zu wer­den. Er gründete den „Scorpion", ein giftiges Blatt, dessen kleinste Bisse tödtlich waren.

Mehrere Jahre floffen so dahin.

Er konnte zwar reichlich leben, aber er war doch noch nicht, was man „reich" nennt — und dies zu werden, war sein einziges Sinnen und Trachten. Das Kapital fehlte ihm, um irgend etwas „Großes" zu unternehmen. Er heirathete, setzte die Mitgift seiner Frau auf's Spiel und verlor. Zwei Jahre später starb seine Frau aus Gram unter Hinterlassung eines Sohnes.

Gleichwohl hatte er seinen Plan, eine Bank zu gründen, Bankier zu werden und auf Kosten der Dum­men reich zu werden, noch nicht aufgegeben. Aber wo­her das nöthige Kapital nehmen? Vielleicht konnte er bei seinen Pariser Bekannten einige Tausend Franks anftreiben, aber was hatte dies zu bedeuten?

Er musterte im Geiste alle Personen, die er kannte.

dere, das geringe Entgegenkommen gegen die berech­tigten Forderungen der Handwerker und viele andere Dinge werden in der Wahlbewegung nach den ver­schiedensten Richtungen hin eine bedeutende Rolle spielen. Auch der in den Regionen der oberen Zehn­tausend sichtlich zunehmende übertriebene Prunk und Luxus, für das der gemeine Mann ein offenes Auge und ein scharfes Urtheil hat, dürfte den Kartellparteien nicht gerade förderlich sein. Wir wollen uns über diesen Punkt nicht näher auslassen.

Das Centrum, das vielangefeindete, von den Wünschen der Gegner schon so oft entzweite und auf­gelöste, wird, wie bisher, so auch in der kommenden Wahlkampagne „in den Erscheinungen der Flucht" der einzig feste Punkt sein. Vor einigen Tagen erst hat ein g egnerisches Blatt ausgerechnet, daß selbst beim Zusammenwirken aller anderen Parteien —ein­schließlich der Freisinnigen — gegen das Centrum der festgefügten Hundertschaar kaum ein Dutzend Sitze ab­zunehmen wären. Und das Centrum wird, das dürfen die Gegner sich sagen lassen, trotz etwaiger Meimmgs- differenzen in einigen politischen, Steuer- oder sozial­politischen Fragen, auch in Zukunft fest und einig, als eine parteipolitische Individualität fortbestehen. Wie die Sachen im Centrum stehen, haben gerade in den letzten Tagen wieder verschiedene Anträge des Abg. Frhrn. v. Franckenstein auf Streichung nicht unwesent­licher Regierungs- und Militärforderungen bewiesen. Auch als kirchenpolitifche Partei wird das Cen­trum ohne Zweifel im nächsten Reichstage noch eine Reihe von Aufgaben vorfinden, fei es auch nur, daß es gegen gewisse Gelüste abwehrend zu wirken hätte. Allerdings hat der Reichstag jüngst an einem Tage in zweiter Lesung drei kirchenpolitische Cen­trumsanträge (gegen das Priesterausweisungs­gesetz, über die Militärpflicht der Theologen und über Kultusfreiheit in den Kolonien) angenommen. Aber leider ließ schon gleich hinterher das Kanzlerorgan keinen Zweifel darüber, daß die Regierung von diesen Beschlüssen nicht sehr erbaut ist, eine Remedur von der dritten Lesung erwartet und jedenfalls ihrerseits nicht ohne Weiteres zustimmen wird. So werden also vor­aussichtlich wichtige kirchenpolitische Fragen im Wahl­kampfe eine Rolle spielen, namentlich gegen die Natio­nalliberalen, welche sich bei den jüngsten Debatten wieder als die unverbesserlichen Kulturkämpfer bewiesen. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß das Centrum im Großen und Ganzen seinen Besitzstand wahren wird. Dennoch gilt es, alle Kräfte aufzubieten, um überall, nicht nur an exponirten und gefährdeten Punkten, das

Da erinnerte er sich Damel's de Serves. Er wußte, daß Daniel ein gutmütiger Tropf war — dies war gerade fein Mann.

Er gründete also — wohlverstanden erst in der Idee — die „Banque des deux » ondes", stellte eine ganze Reihe von Korrespondenten an, abermals in der Idee natürlich — nur eines fehlte: das Geld. Dies sollte ihm Daniel de Serves verschaffen.

Wir haben gesehen, wie schlau er es angelegt, um sein Ziel zu erreichen.

Er hatte inzwischen seine Toilette vollendet. Rasch eilte er hinunter und suchte Daniel, welchen er auch sogleich fand.

4.

Daniel hatte er gewonnen — es galt jetzt nur noch, seine Frau für sich einzunehmen.

Er zeigte sich in der That Madame de Serves gegenüber sehr liebenswürdig und geistreich, spielte mit den Kindern, sprach lang und breit von den Jahren, welche er mit Daniel im Kolleg zugebracht hatte, er­zählte alle Jugendstreiche, welche sie mit einader verübt hatten, war ganz begeistert für das schöne Landleben und malte das städtische Thun und Treiben in den düstersten Farben — so daß auch Madame de Serves ganz begeistert für diesen ehrenwerthen Herrn wurde.

Die Einladung, noch einige Tage zu bleiben, lehnte er natürlich ab.

„Unmöglich, Madame," sagte er heuchlerisch. „Kaum kann ich über einen einzigen Tag verfügen — ich be­dauere es fehl. Ueberhaupt habe ich nur fo im Vor-