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JV1 8.

Sonntag, dm 12. Januar 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Zwang sich, sagte dem Kranken freundlich Lebewohl und — sank draußen fast ohnmächtig an die Wand mit dem Rufe: „O. das ist entsetzlich!"

„Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem!" — so lautet der Spruch aus Shakespeare, den man gern am Sarge eines tüchtigen Mannes anwendet Sie war eine gute Frau, nehmt Alles nur in Allem", so kann man mit vollem Recht an der Bahre der alten Kaiserin sagen. Und wäre sie in einer Hütte, statt im Schloß zu Weimar zur Welt gekommen und hätte sie an einem bürgerlichen Herde, statt auf dem Thron ihr Leben verbracht, sie würde doch eine Freude und ein Segen gewesen sein in ihrem Kreise, ihr Heimgang würde betrauert und ihr Andenken würde gepriesen worden sein von Allen, die sie gekannt hätten. Das ist das rechte Lob für die Großen, Reichen und Mäch­tigen dieser Erde, wenn man ihnen nachrühmen kann, daß sie der außerordentlichen Gaben des Glückes nicht bedürftig, sondern bloß aus eigener Kraft zur Begrün­dung einer segensreichen Wirksamkeit und eines ehrm- vollen Gedächtnisses im Stande gewesen wären.

Nur vier Tage hat das letzte Krankenlager der verewigten Fürstin gedauert. Trotz des hohen Alters und der durch die früheren schweren Leiden veranlaß­ten Gebrechlichkeit der greisen Kaiserin hatte Niemand diese Katastrophe so nahe glauben können. Man hatte sich in den Kreisen des Hofes, wie der Bürgerschaft auf _eiw* ..frö.hlicbe glänzende bestreit aernstet. Nun

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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Daniels Geheimnis

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(2. Fortsetzung.)

4.

Der Mörder schien ebenso bewegt zu sein wie die Anderen. Mit ausgespannten Armen und stieren Blickes stand er da und schien den Himmel um Hilft anzu- flehen für den unglücklichen Sergeanten, in Heller Ver- zwetflung daruber, daß er die Ursache des Todes eines anderen Menschen sei.

. Zu gleicher Zeit gewahrte er noch deutlich qenua dem Halbdunkel, wie unten auf der Straße9 ein?

puderten zählende Menge wie eine Mauer un- bewegltch dastand . . . Endlich öffnete sich unter all' den Menschen eine Gaffe: es kamen Diejenigen welche tirnfff”9 UdI^en Sergeanten auf einer Tragbahre fort

„Es ist dem Aermsten noch nicht so schlimm er- ?if9C\ <51Qn Hütte befürchten müssen," hörte er letzt mehrere Stimmen von da unten laut rufen

Erleichtert athmete er bei diesen Worten auf - toS.^“9 e<? bemächtigte sich seiner wieder eine un- nennbare Angst, denn er mußte sich sagen, daß jetzt wieder die Jagd auf ihn beginnen würde *

SÄÄ“"” f™$crM ” f™™ -«dm

Vom deutschen Kaiserhause.

? Berlin, 10. Januar.

Die vier Generationen unseres Kaiserhauses wurden vor wenigen Jahren noch in Bild und Wort gefeiert. Wie hat der Tod inzwischen im Hohenzollern-Stamm gehaust! Mit dem Heimgange der Kaiserin Augusta ist die erste Generation nun ganz verschwunden. Die zweite Generation hat ihr Haupt, den Kaiser Friedrich, verloren; es bleibet nur seine trauernde Wittwe und seine Schwester, die Großherzogin von Baden, welche Vater, Mutter, Bruder und Sohn verloren hat. Die dritte und vierte Generation dagegen blühen und ge­deihen. Möge deren Mitgliedern der grimme Tod noch lange, lange fern bleiben! Es sind der gekrönten Opfer übergenug gefallen.

Die Kaiserin Friedrich ist mit ihren Töchtern zum frohen Hochzeitsfeste in Athen ausgefahren; zum Leichenbegängniß der Schwieger- und Großmutter kehrt ste mit den unvermählten Töchtern jetzt heim.

Im Mausoleum zu Charlottenburg hat ein Er­weiterungsbau stattgefunden; er ist zur rechten Zeit fertig geworden. Zu Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, di.- fq, dort allein geschlummert HMM., yäoen sich nun ihr zweiter SÄP und seine treue Lebensgefährtin gesellt. Kaiserin Augustä st.ndet ihren Ruheplatz neben der hochgefeierten Königin Luise und es wird Niemanden geben, der sie dieser Ehre nicht für würdig hielt. Königin Luise wird als die heldenmuthige Dulderin verehrt, deren Lebenskraft unter den schrecklichen Heimsuchungen der napoleonischen Zeit vorzeitig brach, als das Heil und Glück der Freiheitskriege nahe bevorstand. Kaiserin Augusta hat ™35 Lebensjahre, welche der Mutter ihres Gemahls beschieden waren um mehr als 40 überschritten; sie an9eMt§ des Niederganges, sondern anqe- stchts eines gewaltigen Auffchwunges der Macht und des Glanzes der preußischen Krone ihre Augen qe- schlchsen. Aber auch sie hat viel geduldet, nicht bloß durch eigene Krankheit und den Tod- von theuren An­gehörigen, jondern auch unter politischen Widerwärtiq- be.r Mitte ihres Lebens. Und wenn sie auch wräS ?'Lbr Königin Luise nicht gleich kommt, jeden- falls gleicht sie ihr vollständig im Wohlthun. Beide Fürstinnen haben ihr Leben lang so viel Gutes qe- tyan, als ste konnten. Das genügt.

Als Kaiser Wilhelm I. starb, wurde als Zeichen seiner Gutherzigkeit unter vielem Andern auch die Sorgfalt für seine Dienerschaft hervorgehoben. Der Kaiserin Augusta soll es auch unvergessen bleiben, daß ste zur Zeit der offiziösen Angriffe auf Sir Morier '

macht die dreimonatliche Hoftrauer alle Berechnungen für dieses Frühjahr zu Nichte. Für viele Geschäfts­leute bringt die plötzlich hereingebrochme Landes- und Hoftrauer eine empfindliche Prüfung mit sich. Das Verbot der Theater- und Musik-Aufführungen ist frei­lich auch diesmal auf die Zeit vom Tode bis zur Bei- | letzung beschränkt worden und weiter läßt es sich ja auch nicht wohl einschränken; denn öffentliche Vergnüg­ungen in diesen Trauertagen würden auf das allgemeine Gefühl verletzend wirken. Nach der Beisetzung läßt sich das Leben sein Recht nicht mehr nehmen. ' Aber das Andenken der Guten bleibt gesichert, wenn auch die äußeren Trauerzeichen verschwinden. Die schönste Art der Todtenfeier ist das fromme Gebet für die Seele. Wer bei der Erwähnung des Namens oder bei der Erinnerung an die Verewigte ein „Herr, gieb ihr die ewige Ruhe" in seinem Herzen spricht, der trauert besser, als mancher Träger von Trauerabzeichen

Wohl nirgends wird für die verstorbene Kaiserin so innig und so erfolgreich gebetet werden, als in den Kapellen unserer barmherzigen Schwestern, die der hohen Frau so viel Liebes und Gutes, und besonders den Schutz in der Kulturkampszeit zu danken haben..

und'noch ehe er sich versah, war er an Händen ?e * Z/gleich sah er die Mündungen mehrerer Revolver aus sich gerichtet

af>Weneiftete widerstand und ließ sich ruhig

Man schob ihn zunächst in ein Mansarden-Fenster hinein, wo er wie eine leblose Masse in einem kleinen Zimmer zu Boden fiel.

Hier wurde er noch sorgsamer gefesselt und dann ging s die Treppe hinab.

Je näher er dem Erdgeschosse kam, desto deut- licher horte er die Stimmen wirr durcheinander rufen • I „Der Elende! Der Mörder! Der Schurke'"

Also er war ein Mörder, ein Elender

Abermals traten ihm seine Gattin und seine Kinder lebendig vor die Augen. r

Er ließ den Kopf auf die Brust herabsinken, das Herz zerrlsten von übermenschlichem Schmerz, und in düstre Gedanken versunken, ging er mechanisch vorwärts. alei-bailtÄ ft°6en' schlagen, es war ihm

gleichgiltig. Er fühlte, tote er in einen Wagen qe- wurde. Dann versank er abermals in ein usteres Bruten, aus welchem er erst erwachte, als er sich m dem Bureau des Kommissars befand.

Es war dies ein kleines, mit einem Tische und einigen Stühlen ausgestattetes kahles Gemach.

h ®er Kommissar musterte ihn einige Minuten lang vom Kopf bis zu Füßen und frug ihn dann nach seinem Namen.

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. ^r„rf „ .... „ ..

f .Tausende Finger zeigten auf ihn, während zu tönten’1 9ettenbe aus ebensoviel Kehlen er-

Ohne zu wissen, wie, stürmte er dahin, über Ka- mt"e' von Tach zu Dach, verfolgt von dem Geschrei und den Drohungen der wüthenden Menge, umgäben und umringt von seinen Verfolgern, die jetzt von allen Seiten aufzutauchen schienen. 6 Uen

.®*e Sonne war inzwischen untergeganqen. Gelana $eF°/9er 5Um völligen Einbruch der Dunkelheit hinzuhalten, so konnte er gerettet sein

Aber er wußte bereits nicht mehr, wohin er sich

P>irW,tne?n Augenblick hielt er inne, athemlos, wie ein welcher von einer rasenden Meute gestellt ist.

Uebrigens iah er jetzt zu seinem größten Schrecken daß er nicht weiter mehr vorwärts konnte '

Em gähnender Abgrund, offenbar eine Straße vor ,einen Augen zwischen den Häusern. ' er nicht, vorwärts noch weniger. Die Menge gewlchrte seine Ruchlosigkeit und seine Ver- |haufUn9; ,d,°n tÖnte Iaute§ Triumphgeschrei zu ihm |

Mit den Augen maß er rasch den vor ihm klaffen­den Abgrund und es schien, als ob er auch noch diesen Sprun9, einen Sprung auf Leben und Tod, wagen ■ VV .Aber fast im nämlichen Augenblicke fühlte er sich mit mächtigem Rucke nach rückwärts qe-

svfort aus ihrer Zurückhaltung heraustrat, als die Ehre ihres früheren Kabinetssekretärs Brandi's angegriffen wurde, xsn ihrer Wittwen- und Muttertrauer ver­säumt ste nicht, eine Ehrenerklärung für Brandis im ,Staats-Anzeiger' durchzusetzen.

/ine Zeit gegeben, wo die Verewigte im Volke als „stolz bezeichnet wurde. Auch ihr Gemahl, der spater so sehr gefeierte und geliebte Monarch, ist bekanntlich nicht immer der Liebling des Volkes qe- wesew der Revolutionszeit mußte er eine flucht- "hvuche Reise nach England antreten. Kaiserin Auguffa Hatte das volle Bewußtsein ihrer hohen Stellung und hielt auf die hergebrachten Formen im Hofleben; aber daß sie nicht stolz gewesen im tadelnden Sinne des Wortes, das hat nicht bloß der gesellschaftliche Ver­kehr an ihrem Hofe deutlich bewiesen, sondern ganz Souders ihre fortgesetzten persönlichen Besuche in den Wohlthattgkeits- und Krankenanstalten. Die zahllosen armen Kranken, an deren Schmerzenslager die Kaiserin mit theilnahmsvollen Worten gestanden hat, können strr ihre aufrichtige, vom christlichen Bewußtsein bei- Menschenbruderschaft getragenen Liebe Zengniß ableqen,

Art und Weise, wie sie ihre großen Wohlthatigketts-Veranstaltungen betrieb, zeugt dafür daß es ihr -nur auf die Sache, nicht auf den prunken­den schein zur Verherrlichung der eigenen Person an- V® Man kann ihr auch nicht nachsagen, daß sie, wie so manchs Kronentrüger es aethan. mit- her .sierab- öie fjat den schätz von Anekdoten über „interessante" Be^gnungen Gekrönter mit Leuten aus dem Volke nicht zu bereichern gesucht. Sie hielt sich in den Grenzen und in den Formen, welche ihre Auffassuna von dem liebesthätigen Beruf der Königin und Kaiserin h™ ^gezeichnet hatte, und was sie darin that, trug en stempel der ehrlichen Pflichterfüllung. Ihre Be-

Krankenhäusern z. B. waren keineswegs ^Ausfüllung müßiger Stunden. Von einem Schmer- in °nbeIn / sandeln, überall das Elend

tn-^n9recnn?etl u-nb oft widerwärtigen Formen in nächster Nahe zu sehen, die Klagen zu hören und für E verschedmen Kranken ein paffendes Wort zu finden — das ist ganz etwas anderes, als ein vergnüglicher Spajtergang. Frau F. Bonhalt erzählt z. B. in ihrer Schrift: „Kaiserin Augusta", daß die Verewigte einst j Vitas' Sfiw. ?em ?-te abgefault war, im Hos- pital besucht habe; die Schwestern hatten möglichst zu sE? der Kaiserin das entsetzlich ent-

M3U Gesicht kam; aber schließ­et als der freudig bewegte Kranke zum Dank sich vorbeugte, sah sie doch das zerftessene Gesicht; sie be-