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Samstag, den 11. Januar 1890

17. Jahrgang

So ver-

Ter Tod der Kaiserin Augusta.

N. Berlin, 9. Januar.

Im vorigen Herbst machte ich einen Ausflug nach Potsdam. Vor dem Thore des Babelsberger Parkes mußten wir Halt machen. Die alte Kaiserin war am vorigen Tage von Coblenz nach dem Schlößchen an der Havel, der Schöpfung und dem Lieblingsaufenthalt ihres verewigten Gemahls, zurlickgekehrt. Auf unsere Frage nach dem Befinden der hohen Frau, wurde uns geschildert, wie welk und schwach die 78jährige Fürstin im Wagen gesessen, wie es ihr augenscheinlich große Anstrengung gekostet habe, die Grüße noch in erkenn­barer Weise zu erwidern. Und der Schluß ging bei Allen die uns Kunde gaben, dahin: Es sei ein wahres Wunder, daß die Lebenskraft der Kaiserin, die Krank­heiten, an welchen sie schon ein Vierteljahrhundert zu leiden gehabt, die schwere Operation in den siebziger Jahren und die schrecklichen Schicksalsschläge von 1888 noch so weit überwunden-habe. Man bewunderte all­gemein ihre Widerstandsfähigkeit und ihre Willens­kraft, welche den schwachen Körper zur Erfüllung der dringlichsten Repräsentationspflichten zwingt.

Von dieser Energie der Greisin haben ja auch die letzten Neujahrsfestlichkeiten wieder Zeugniß abgelegt. Sie ließ es sich nicht nehmen, die herkömmlichen Em­pfänge und Diners abzuhalten. Ein Blatt erzählt, daß sie an dem Diner, welches sie der Generalität gab, in der der vvrgesckriebenen decolletirten Hoftracht theilgenommen und vielleicht bSi dieser Gelegenheit sich die verhängnißvolle Erkältung zugezogen habe. Es ist bekannt, daß sie auch in jenen Leidenszeiten, als ihr das Stehen große Schmerzen bereitete, sich manchmal mit staunenswerther Selbstbeherrschung an Zeremonien betheiligt hat, welche das Stehen erforderte.

Ueber die letzten Lebensstunden der greisen Kaiserin sind von manchen Zeitungen Schilderungen verbreitet worden, welche der Wirklichkeit nicht entspreche». Der ,Staats-Anz.' giebt einen Bericht, der offenbar auf die Mittheilungen des Kaisers und der anderen nächst­betheiligten Personen sich stützt.' Darnach hat der Zu­stand der Sprachunfähigkeit und der Bewußtlosigkeit nicht schon von der Nacht zum Dienstag angedauert. Noch um 8 Uhr am Dienstag Morgen hat die Kaiserin ihren Kabinetsrath zu sich beschieden und ihn gefragt: „Glauben Sie, daß ich morgen wieder mit Ihnen ar­beiten kann?" Eine rührende Kennzeichnung des Thä- tigkeitsdranges, der die hohe Frau ihr ganzes Leben beseelt hat. Noch nach 10 Uhr Vormittags hat sie zu ihrer Tochter, der Großherzogin von Baden, und

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dem Hofprediger Dr. Kögel einzelne Worte gesprochen. Dann lähmte die fortschreitende Ermattung die Zunge aber ihre Augen sprachen noch, indem sie nach dem einen oder anderen der Umstehenden suchte. ~ gingen Stunden heißt es im halbamtlichen Bericht, in vielsagender Kürze. Die zähe Natur der greisen Kai­serin widerstand noch bis 4'/^ Uhr dem eindringenden Tode, dann schlief sie sanft ein. Nicht in fieberhaftem Todeskampf, sondern in allmählichem Schwinden der Kräfte des alten vielgeprüften Körpers entfloh die Seele.

„Und wo ist der Mörder?"

„Man sucht ihn eben ..."

„Wo denn — eben hier im Haufe?"

„Ja, denn ich glaube nicht, daß er das Haus ver­lassen hat."

„Aber wer sucht ihn denn?"

„Oh, einige Leute."

Der Beamte nickte seinen Leuten, worauf diefelbm davon eilten.

„Sie haben ihn also gesehen?" ftug er dann den Diener weiter.

»Ja."

„Und Sie würden ihn wiedererkennen?"

„Ganz gewiß!"

„Kennen Sie auch seinen Namen?"

„Nein, er hat ihn gar nicht angegeben; er bat mich, Herr Ronstau zu sagen, daß einer seiner besten Freunde ihn erwarte."

„Sonderbar! Sie haben den Mann sonst nie hier gesehen?"

„Nein."

Der Beamte betrat nunmehr das Kabinet, das er flüchtig überblickte.

Sein erster Gang war zum Geldschrank. Hier war nicht die mindeste Unordnung zu sehen.

„Der Diebstahl ist hier keinenfalls die Veranlassung Si Verbrechen gewesen", murmelte er bann vor hin.

Schweigend setzte er seine Untersuchung fort; alles bestärkte ihn in der eben ausgesprochenen Vermuthung.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(1. Fortsetzung.)

In der That schien das Bureau, die Schubladen und der Geldschrank gar nicht berührt worden zu sein:

Inzwischen hatten sich der Neugierigen immer mehr eingesunden — ängstlich harrten alle der Ankunft des Polizeikommissars.

Als das Seltsamste däuchte allen, daß der Huissier nichts gehört hatte.

Zum hundertsten Male mußte der Unglückliche die Antwort geben;

„Ich weiß es nicht ... Ich habe nichts gesehen . . . Ein Mann ging da hinein und kam wieder her­aus mit Blut bedeckt." Endlich ging ein Murmeln durch die Reihen der Anwesenden.

„Der Polizeikommiffar!"

In der That erschien in diesem Augenblicke der Kommissar auf der Thürschwelle.

Als er die neugierige Menge da drinnen versammelt sah, gebot er in unwilligem Ton:

„Alle hier weg!"

Dann wandte er sich, während die Leute sich fort- schlichen, mit strenger Miene zu dem Huissier und sagte:

„Weßhalb haben Sie all' diese Leute hier herein- kommen lassen?"

„Ich konnte es kaum verhindern", stammelte der Angeredete, in einem Nu war das Zimmer voll..."

„Ihre rechte Hand lag in der der Tochter, welche au deren allmählichem Erkalten das Entfliehen des ge­liebten Lebens mit ängstlicher Spannung verfolgte." Dieser ergreifende Satz des halbamtlichen Berichts lenkt die Aufmerksamkeit auf die vielgeprüfte Groß- Herzogin von Baden, welche seit Beginn des Unglücksjahres 1888 den Vater, den einzigen Bruder, einen erwachsenen hoffnungsvollen Sohn und nun die Mutter verloren hat. Sie war die einzige Tochter Kaiser Wilhelms I. und der Kaiserin Augusta; in allen Krankheiten war sie im elterlichen Haufe der pflegende und tröstende Engel. Die jetzt im sechsten Jahrzehnt des Lebens stehende Fürstin hat wahrlich ein Leben voll Aufopferung und Sorge geführt, zwi­schen dem elterlichen und dem eigenen Heim hin- und hereilend. In der Nacht zum Dienstag, als die Ab­nahme der Kräfte bei der Kaiserin Augusta bedrohlich wurde, hat die aufwachende Kranke der Großherzogin ein letztes, herrliches, mütterliches Zeugniß ausgestellt, indem sie ihre unermüdliche Pflegerin, welche selbst schon Großmutter ist, mit den Worten begrüßte: „Das gute Kind!"

Rührend sind auch die Worte, welche die Sterbende an diesem letzten Morgen an ihren Enkel, den Kaiser richtete: „Ich darf Dich heute nicht küsfen, der An­steckung wegen". Man sieht, wie die Zärtlichkeit von der großmütterlichen Umsicht und besorgten Vorsicht in Schranken gehalten wird. Noch auf ihrem Sterbebett überlegt sie mit klugem Bedacht das Wohl ihrer Um­gebung.

Denselben Charakter liebevoller Theilnahme trugen ja auch ihre letzten Kundgebungen nach Außen hin. Noch am Tage vor ihrem Tode ordnete sie selbst die Uebersendung eines Kranzes für den verstorbenen Staats­minister v. Patow an. Dem Oberpräsidenten der Rheinprovinz hatte sie kürzlich telegraphisch den Auf­trag gegeben, der Düsfeldorfer Künstlerschaft ihre Theil­nahme an dem Tode des Direktors Bendemann aus­zudrücken.

Vor dem Palais stand an dem kritischen Tage eine ■ dichtgedrängte Volksmenge in theiliiahmsvollem Schwei­gen. Wie anders sah es vor dem Palais aus in jenen großen Tagen von 1870, als König Wilhelm seine Siegesdepeschen an seine Gemahlin richtete, wo das Volk in Spannung und Jubel das Palais umlagerte und die Königin vom Balkon herab die Kundgebungen der Menge freundlich entgegen nahm! Es ist dasselbe Palais neben und hinter der Bibliothek, in welches Prinz Wilhelm im Jahre 1829 seine blühende, jugend­liche Gemahlin einführte, wo das Ehepaar während ihres Berliner Aufenthaltes in den nahezu 60 Jahren ihrer Ehe gewohnt hat, wo Kaiser Wilhelm am histori­schen Eckfenster jeden Mittag den Vorbeimarsch der Wache ansah und die Grüße seines Volkes entgegen nahm, wo er endlich sein müdes Auge schloß. Wenn die Leiche der Kaiserin Auguste hinausgebracht sein wird in das Mausoleum zu Charlottenburg, wird das einst so berühmte Palais völlig verödet dastehen; in seiner Verwaisung ein trauriges Denkmal für das ver­storbene Kaiserpaar. In der halbamtlichen Schilderung der letzten Lebensstunden füllt uns noch der Satz auf: „Kaiser Wilhelm's I. Getreue belebte noch einmal — wohl zum letzten Male — die still gewordenen Räume des königlichen Palais." Nun ist in der That der letzte Halt für den Hofstaat Kaiser Wilhelm's I. und seiner Gemahlin geschwunden; die beiden Särge im Mausoleum sind der letzte Rest der Herrlichkeit der ersten Kaisergeneration. L * 61

Doch „neues Leben blüht aus den Ruinen. — die 5 Prinzen des regierenden Paares herangewachsen und zur Gründung des eigenen Hausstandes reif ge­worden sein werden, wird großer Mangel an Schlössern sein, und auch das Palais des alten Kaisers Wilhelm wird bann wieder bevölkert sein!

Am Sarge der „alten Kaiserin", der mildthätigen, liebevollen Herrscherin, trauert das ganze Volk herzlich. Aber es ist nicht jener bittere Zug des gemeinen Schmer­zes in die Trauer gemischt, wie er uns bei dem über­raschenden, unfaßlichen Schicksalsschlage der Erkrankung und des Todes Friedrichs III. ergriff. Nicht in der Blüthe der Jahre und der Vollkraft des Schaffens hat der Tod hier ein Menschenleben geknickt, sondern er hat mit sanfter Hand einer müden Greisin die Augen zugedrückt, welche des Lebens Fülle in Arbeit, Sorge und Glück, im Dulden, Ringen und segensreichen Schaf­fen voll und ganz genoffeu hatte, welche mit dem Be­wußtsein, ihre Aufgabe auf Erden gelöst zu haben, in las bessere Leben hinüberschlummern konnte. Wie ihr hochbetagter Gemahl ist auch sie nach nur kurzem Kran-

Dann ließ er die Leiche des Banquiers auf ein Kanapee legen; worauf ein Arzt, den man gerufen hatte und welcher soeben angelangt war, dieselbe unter­suchte.

„Der tödtliche Schlag hat ihn von rückwärts ge- troffen", sagte der Arzt. „Auch hat man Versuche ge­macht, ihn zu erwürgen, denn der Hals trägt deutliche Spuren."

„Haben Sie nicht gesehen, daß der Mann etwas in der Hand hatte?" frug der Polizeibeamte jetzt den Huissier.

„Nein, ich möchte sogar eher ganz sicher das Gegen- theil behaupten."

„Und dennoch ist das Opfer mit einem starken Gegenstände, etwa von Eisen, erschlagen worden."

„Ah, da haben wir's!" sagte er dann plötzlich wie zu sich selbst. „Der Mörder hat den Banquier bei der Kravatte gepackt und bei der Rauferei ist Herr Ron­stau ausgeglitten. Man kann's hier deutlich sehen."

In der That waren auf dem Teppich die Spuren von zwei Absätzen.

„Auch sind hier noch einige Haare!" fetzte er dann hinzu.

„Die Sache wird immer klarer", fügte der Beamte nach kurzem Besinnen bei. Wir haben es höchst wahr­scheinlich nicht mit einem Mörder zu thun, sondern vermuthlich liegt nur eine unbeabsichtigte Tödttmg vor.

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).