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Freitag, den 10. Januar 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. ___„ ..

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Deutsches Keich.

Berlin. 8. Januar.

* Die H oftrauer um die hochselige Kaiserin Augusta ist auf drei Monate festgesetzt worden. — Morgen Abend 9x/a Uhr wird im königlichen Palais am Sarge weiland der Kaiserin Augusta eine Todten- feierlichkeit stattfinden, welcher die zur Zeit hier an­wesenden Mitglieder der königlichen Familie, die hier eingetroffenen hohen fremden Fürstlichkeiten und die Damen und Herren der Umgebung des verewigten Kaiserpaares beiwohnen werden. Dieselbe wird vom Ober-Hof- und Domprediger Dr. Kögel abgehalten wer­den. Nach Beendigung der Feierlichkeit erfolgt darauf die Ueberführung der sterblichen Hülle nach der Kapelle des königlichen Schlosses. Am Sonnabend Abend dürfte voraussichtlich die Ueberführung nach dem Mausoleum zu Charlottenburg stattfinden. Professor Anton von Werner hat auf Wunsch des Kaisers von der ent­schlafenen Kaiserin, wie dies seiner Zeit immittelbar nach dem Ableben weiland Kaiser Wilhelm I. geschehen war, eine Skizze ausgenommen. — liebet die letzten Stunden der Kaiserin Angusta wird mitgetheilt, daß die hohe Patientin gegen 4 Uhr Morgens die Großherzogin von Baden erkannte, welche vom vorher­gehenden Abend an die Krankengemächer nicht verlassen hatte. „Das gute Kind!" sagte die Kaiserin, fragte dann nach der Stunde und sprach schließlich den Wunsch mis, bdp bet GrofihcrzvJ, d-r sich bereits im Nebenzimmer befand, sich schonen und nicht aufstehen möge. Später begrüßte sie den Kaiser und die Kaiserin. In der achten Stunde befahl sie ihren Kabinetsrath zu sich und fragte diesen u. A.: „Glauben Sie, daß ich morgen wieder mit Ihnen arbeiten kann?" Auch später noch beantwortete die hohe Frau Fragen, welche die Großherzogin von Baden an sie richtete. Allmählich versagte aber die Stimme und nur das Auge verrieth noch einige Zeit ihre Theilnahme an der Außenwelt. 1

* Von Mitgliedern des Königshauses weilen zur Zeit in der Ferne die Kaiserin Friedrich mit ihren Töchtern, sowie Prinz Heinrich und dessen Gemah­lin. Als die Kaiserin Friedrich gestern in Rom die Trauerkunde erhielt, nahm sie sofort mit den Prin- zessinen von der italienischen Königsfamilie Abschied, um noch in der Nacht die Reise nach der Heimath anzutreten. Prinz und Prinzessin Heinrich befinden sich auf der Meerfahrt nach Egypten; auch sie werden sicher sofort, nachdem sie die Botschaft erhalten, die Heimkehr antreten.

Daniels Geheimnis.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Nachdruck verboten.) Erster Theil.

An einem Juninachmittage des Jahres 18— schritt ein Mann, welcher schon vielen Vorübergehenden wegen seiner düsteren Miene und des fremdartigen, so zu sagen ausländischen Wesens, welches seiner ganzen Persönlichkeit ausgeprägt zu sein' schien, aufgefallen war, auf dem Boulevard Sebastopol an der Seite, wo sich die geraden Hausnummern befanden, dahin, und blickte von Zeit zu Zeit empor, als ob er sich überzeugen wollte, daß er seinem Ziele bald nahe sei. Der Fremdling schien etwa fünfundvierzig Jahre alt zu sein und trug einen dunkeln Vollbart, aus welchem freilich bereits einige Silberfäden hervorlugten. Seine Gesichtszüge verriethen körperliche und moralische Ab­gespanntheit, obwohl seine Augen bisweilen wie in fieberhafter Gluth erglänzten und ebenso schienen seine Glieder von Zeit zu Zeit zu zittern. Die Kleidung des Mannes schien etwas abgetragen zu sein, vielleicht infolge langen Gebrauches oder durch die Strapazen einer langwierigen Reise, und hätte deshalb schon die Aufmerksamkeit der Passanten erregt, wenn er nicht schon durch seinen offenbar von überseeischer Sonne gebräunten Teint aufgesallen wäre. Was der Mann eigentlich sei, war schwer zu errathen; nur so viel schien sicher zu sein, daß er ein Fremder und noch

Der evangelische Ober-Kirchenrath macht bekannt, daß aus Anlaß des Hinscheidens der Kaiserin Augusta in allen Kirchen der evangelischen Landeskirche die Glocken vierzehn Tage lang zu läuten sind.

* Einen warmen Nachruf widmet der verstorbenen Kaiserin-Großmutter Augusta die .Kölnische Volks­zeitung' indem sie schreibt:

»Hoch und schön hat die hohe Frau in den letzten wie in den früheren Jahren ihres langen Lebens ihren Beruf aufge­faßt: nicht blos die Herrscherin, sondern auch die Mutter des Landes zu sein, wie unsere Sprache so sinnig jenes Berhältniß bezeichnet, durch welches die Gattin des Monarchen dem Volke erfreuend, tröstend und helfend nahe tritt. Zahllose Anforder- nngen vermochten ihre Wohlthätigkeit nicht zu ermüden; ob eine Katastrophe oder verschämte Armuth, ob Bedürfnisse der Kirche und Schule oder inilde Stiftungen ihre Hand in Anspruch nah­men, immer und überall war sie zum Geben bereit. Bei zahl­reichen Anlässen hat sie gezeigt, daß es sich dabei nicht um die kalte Erfüllung durch die Stellung ihr auferlegter Pflichten han­delte, sondern um Akte iverkthätiger Liebe, an welchen ihr Herz vollen Antheil nahm. Sie liebte es, sich persönlich Kenntniß von den Verhältnissen zu verschaffen, welchen sie ihre Sorge und ihre Unterstützung widmete. In Erziehungs- und Kranken-Häu- fern war sie ein häufiger Gast, und nicht leicht schied sie, ohne ein neues Zeichen ihrer Fürsorge zu hinterlassen. In dieser Thatigkeit hülfreicher Liebe kannte Kaiserin Augusta keinen Unterschied des Bekenntnisses und ihr frommer Sinn ließ sie vorurbheilslos die Fülle gottbegeisterten Opfermuthes aner­kennen, welche die christliche Charitas in ihrer schönsten Blüthe, den geistlichen Genossenschaften der katholischen Kirche, ent­faltet. Das Wohlwollen, welches sie, wobwohl andern Glaubens, unserer Kirche und besonders dem Ordenswesen derselben wid­mete, ist namentlich in den traurigen Tagen des „Kulturkampfes"

dachte, und man darf wohl sagen: diese Ereignisse haben einen Schatten auf ihr Leben geworfen. Am fchmerzlichsten empfand sie die Leiden, welche in dieser Zeit der Zerstörung über unsere weiblichen Orden hereinbrachen. Sie hat ge- than, was in ihren Kräften stand: ihre Schuld war es wahrlich nicht, wenn nur noch einem kleinen Theil jener edlen Frauen, die ihr ganzes Thun und Denken dem Gebet, der Erziehung der Jugend, dem Trost und der Pflege der Armen, Verlassenen und Kranken geweiht hatten, eine Stätte im Baterlande blieb. In einer Periode maßloser Verbitterung hat sie mildernd, versöh­nend gewirkt. Bei den Katholiken Preußens, des Rheinlan­des vor Allem >in dem sie so gerne weilte, wird ihr Andenken ein gesegnetes bleiben."

In gleichem Sinne äußert sich auch die,Germania' über die Heimgegangene Kaiserin: „Wir Katholiken werden nicht vergesfen, wie sie in den letzten Jahr­zehnten auch unserer kirchlichen Entwickelung und insbesondere auch unseren klösterlichen Anstalten für Erziehung und Wohlthätigkeit mit immer tieferem Verständniß und aufrichtigem Wohlwollen gegenüber­stand, und im Kulturkampf, desfenUnglück sie von Anfang an erkannte, Alles gethan hat, um von diesen Anstalten die Vernichtung fernzuhalten."

nicht lange in Paris anwesend sei, denn er schien ob des großartigen Gewühles und Getreides der Pariser Straßen etwas verwirrt zu sein.

, Unser Individuum zog also seines Weges dahin, anscheinend unbekümmert um seine ganze Umgebung und in tiefe Gedanken versunken. Er hatte eben den Boulevard Saint-Denis überschritten und gerade die mit Äffischen ganz bedeckte Fa?ade des Eldorado- Theaters passiett, als er plötzlich zitterte und stehen blieb. Er stand vor einem einfachen Hause, durch dessen Doppelthüre viele Menschen ein- und ausgingen und welches ein großes Schild mit der stolzen Auf­schrift „Banque des deux mondes“ trug, übrigens aber einen einfachen, um nicht zu sagen bescheidenen Eindruck machte.

Raschen Blickes musterte er das Haus und trat dann nach kurzem Zögern ein. Hinter der Doppelthür- war ein Huissier aufgepflanzt, welcher den Eintreten­den von Kopf bis zu Füßen musterte.

Zur Rechten und zur Linken befanden sich eine Reihe mit Drahtgitter versehener Schalter, hinter welchem ernste Gesichter sichtbar waren, während auf einer lederüberzogenen Bank einige Kunden wartend saßen.

Wie die an den Drahtgittern hängenden Taseln besagten, befaßte sich die Bank mit allen Geschäften, bei welchen etwas zu verdienen war. Da der Huissier gewahrte, daß der Unbekannte offenbar nicht wisse, nach welcher Seite hin er sich wenden sollte, so frag

* Der Reichstag hielt heute seine erste Sitzung nach den Weihnachtsferien ab. Präsident v. Levetzow gedachte in warmen Worten der gestern dahingeschiede- nen treuen Gattin Kaisers Wilhelm!. Das Präsidium wurde beauftragt, Sr. M. dem Kaiser von den Em­pfindungen des Reichstags Ausdruck zu geben. Als­dann wurde die Sitzung geschlossen. Morgen 12 Uhr: Mariueetat.

* Exzellenz Dr. Windthorst ersucht die Mit­glieder der Centrumsfraktion des Abgeordneten­hauses, zu der am 15. d. M. anstehenden Eröffnung des Landtages pünktlich sich einfinden zu wollen. Die erste Fraktionssitzung findet am 15. d. M. Abends 8 Uhr im Abgeordnetenhause statt.

* Die Kaiser m annöver werden in diesem Jahre bei dem V. (posenschen) und VI. (schlesischen) Armeekorps stattfindeu.

Ausland.

* Ein Staatsmann, der im politischen Leben Oester­reichs durch Jahrzehnte eine hervorragende Rolle gespielt hat, ist in Prag aus dem Leben geschieden: Karl Wil­helm Fürst von Auersperg. Fürst Karl Wilhelm wurde geboren am 1. Mai. Als seine ältere Schwester lebt noch die mit dem Freiherrn v. Kotz vermählt ge­wesene Prinzessin Anglas, jüngere Brüder waren Prinz Alexander von Auersperg, gestorben 1873 als kaiserlich königlicher Generalmajor, und Prinz Adolph von Auers- Wa. der aewesene Niinisterpräsident, der 1884 staxb. Der tfuqt, Oer fcyvu mti Dingt ijn vux der väterlichen Güter und Titel antrat, erhielt eine sorgfältige Erziehung und that sich, nachdem er die rechtswissenschaftlichen Studien vollendet, zunächst als Freund und Förderer der Wissenschaften und Künste hervor, nahm aber schon in den Vierziger Jahren dieses | Jahrhunderts als Mitglied der böhmischen Stünde einen thätigen Antheil am politischen Leben. In den Vorder­grund dieses Lebens trat er sogleich bei der Eröffnung der konstitutionellen Aeta, als er im Jahre 1861 zum erblichen Mitgliede des Herrenhauses und demnächst zum ersten Vizepräsidenten desselben ernannt wurde. Er bekleidete diese Würde zwei Mal, von 1861 bis 1864, dann wieder vorn Dezember 1869 bis zum 27. September 1879. In der Zwischenzeit war er vom 30. Dezember 1867 bis 26. September 1868 Minister­präsident gewesen. Im Sommer 1869 war er Präsi­dent der Delegation des Reichsrathes. Eine ebenfo hervorragende Rolle wie im Herrenhause des Reichs­rathes spielte er im böhmischen Landtage, in welchem er schon bei der ersten Wahl 1861 als Abgeordneter

er in der bekannten Weise, in welcher solche gegen Jederman aufzutreten pflegen, der nicht wie ein Millionär aussieht:

„Sie wünschen?"

„Ich wünsche Herrn Ronstau zu sprechen", erwi­derte der Angeredete kurz.

„Den Herrn Direktor?" so wiederholte der dienst­bare Geist, welchem das Begehren des Fremdlings etwas verwegen zu sein schien.

„Ja."

„Ich weiß nicht, ob der Herr Direktor zu Hause ist; auf jeden Fall müssen Sie zu diesem Zwecke wieder auf die Straße zurückgehen, durch das Thor eintreten und sich in die erste Etage verfügen; dort ist es, die erste Thüre rechts. Hier klopsen Sie an und ein Huissier wird Ihnen alsdann sagen, ob der Herr Direktor zu Hause ist."

„Ich danke Ihnen", erwiderte der Ankömmling und entfernte sich.

Wenige Minuten später stand er, wie ihm ange­geben war, vor einer Doppelthür, auf welcher sich die Aufschrift befand: „Direktion."

Er klopfte, worauf sich die Thür sogleich öffnete und ein Mann in weißer Kravatte und schwarzem An­zuge, übrigens mit dem nämlichen verächtlichen Lächeln auf den Sippen, wie sein Kollege von unten erschien., „Sie wünschen?" frag er.

„Ich wünsche Herrn Ronstau zu sprechen." „Herr Ronstau ist beschäftigt."