Donnerstag, den 9. Januar 1890
17. Jahrgang
^"6 it. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).
Kaiserin Augusta f.
Berlin, 7. Januar.
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Tagen des genannten Monats in den verhältnißmäßig gesundesten Theilen unserer deutschen Arbeiter-Bevölkerung, unter den rheinisch-westfälischen Bergleuten ein Arbeiter-Ausstand los, der am 4. Mai im Stadtbezirke Gelsenkirchen auf der Grube „Hibernia" seinen Anfang nahm und sich dann innerhalb zweier Wochen einer Lawine gleich über die oberrheinischen, schlesischen und sächsischen Kohlenreviere verbreitete. Tas gesammte industrielle Leben wurde durch diesen Massen - Strike, wie Preußen und Deutschland noch keinen ähnlichen gesehen, in direkte Mitleidenschaft gezogen. Viele Werke waren in Folge des herrschenden Kohlenmangels gezwungen, den Betrieb einzustellen, Tausende von Arbeitern mußten unfteiwillig feiern und der Eifenbahnverkehr erlitt erhebliche Einschränkungen. In den Arbeiter-Versammlungen zeigte es sich, daß der vierte, bis dahin so vielfach gefürchtete und theilweise gewissenlos ausgebeutete Stand die Zeit für gekommen erachtete, seine Rechte geltend zu machen. Die Welt wurde durch nicht enden wollende Alarm-Nachrichten von Militär- Bewegungen, Reisen der Behörden, Versammlungen der Interessenten, Arbeits-Sistirungen, blutigen Zusammenstößen zwischen Ausständigen und Militär rc. in beständiger Auftegung erhalten.
Am 14. Mai hatte der Strike durch Betheiligung von über vierzig Zechen des Essener Bezirks einen solchen Umfang angenommen, daß die Zahl der Theil- nehmer 110,000 betrug. Zur selben Zeit begann der Strike vereinzelt im Aachener und Wurmrevier, ebenso in den schlesischen und sächsischen Revieren und am 16. Mai in den königl. Saarrevieren. Am 10. Mai am der Minister des Innern, Herrsurth, in Dort
Aus dem Kaiserlichen Palais Unter den Linden drang heute früh die betrübende Kunde unter das Publikum, daß die Kaiserin Augusta im Sterben liege und daß die Kaiserlichen Majestäten, der Großherzog und die Großherzogin von Baden seit früh o1lz Uhr an dem Lager der hohen Kranken weilten. Ein durch Extraausgabe des „Reichsanz." verbreitetes ärztliches Bulletin bestätigte die Trauerbotschaft, indem es stärkere Behinderung der Athmung und besorgnißerregenden Rückgang der Kräfte konstatirte. Vor dem Palais sammelte sich bald eine dichte Menge, welche theil- nahmsvoll der weiteren Nachrichten aus dem Palais harrte. Nachdem in Zwischenräumen von wenigen Stunden noch mehrere ärztliche Bulletins ausgegeben waren, welche das Schlimmste befürchten ließen, verbreitete sich gegen Uhr die Trauerkunde von dem Ableben der Kaiserin.
Die hohe Fran war an Influenza Anfangs schien es, als ob die hohe Patientin die Krankheit glücklich überstehen würde, doch gab die ungenügende Nahrungsaufnahme szn Besorgnissen Anlaß. Leider trat eine Affektion der Lungen und daifiit Steigerung des Fiebers ein. Im Beisein des Kaisers und der Kaiserin wurde der Kaiserin heute Vormittag vom Hof- und Domprediger Dr. Kögel das Abendmahl gereicht. Dr. Kögel weilte bereits seit früh 3 Uhr am Krankenbette der Kaiserin. Früh 5*la Uhr erschienen der Kaiser und die Kaiserin und bald darauf die übrigen Mitglieder der königlichen Familie. Mittags erschienen ferner Graf Moltke, Graf Waldersee,
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Graf Herbert Bismarck, der Minister des königlichen Hauses v. Wedel und andere hoch- gestellte Persönlichkeiten. Die Majestäten blieben unausgesetzt am Krankenbett ihrer erlauchten Großmutter, welche von der Großherzogin von Baden in liebevollster Weise gepflegt wurde.
Augusta Maria Luise Katharina, Deutsche Kaiserin und Königin von Preußen, Tochter des Großherzogs Karl Friedrich von Sachsen- Weiniar und der Großfürstin Maria Paulowna, wurde am 30. September 1811 zu Weimar geboren und erhielt eine vortreffliche Erziehung. Am 11. Juni 1829 wurde sie mit dem Prinzen Wilhelni von Preußen, späteren Deutschen Kaiser Wilhelm I., zweiten Sohne Friedrich Wilhelm IIL, vermählt. Durch Ihre günstigen Vorzüge, durch Ihren Kunstsinn und Ihre Wohlthätigkeit gewann die Prinzessin Augusta bald eine gefeierte Stellung am Hofe, wie die Liebe des Volkes. Die Erziehung ihrer beiden Kinder, des nachnialigen Kaisers Friedrich III. und der Prinzessin Luise, jetzigen Großherzogin von Baden, überwachte die Mutter auf das Sorgfältigste. Eine ungemein rührige und segensreiche Thätigkeit für die Zwecke der Wohlthätigkeit und der Pflege verwundeter und erkrankter Krieger entwickelte die Kaiserin namentlich seit dem Regierungsantritte ihres hochseligen Gemahls und seit dem dänischen Stiege 1864.
Kaiserin Augusta sollte ihren hohen Gemahl, Kaiser Wilhelm I. nur um zwei Jahre überleben. Es waren zwei Jahre bitteren Leides, dem jedoch der Trost nicht
6 Tie Arbeiter - Bewegung tm Jahre
1889.*)
Von dem Augenblicke an, seitdem die Arbeiter ernstlich begannen, für die Verbesserung ihrer Lage einzu- tteten, ist kein Jahr verflossen, dem in dieser Beziehung eine größere Bedeutung beizumessen wäre, als dem Jahre 1889. Im Jahre 1873 hatten die Arbeiter bereits den Versuch gemacht, durch Strikes die Arbeitgeber zur Erhöhung der Löhne rc. zu zwingen, aber damals war die Bewegung unter den Arbeitern keine allgemeine, sie sollte dies erst 16 Jahre später werden. Die schon lange unter den Arbeitern herrschende Gäh- rung, hervorgerufen durch sich fortwährend steigernde Noth und die den Arbeitern Seitens der Arbeitgeber zu Theil gewordene Behandlung, welche unseren Lesern hinreichend aus den zahlreichen Berichten der Zeitungen bekannt ist, verursachte den Ausbruch des Kampfes gegen die Arbeitgeber. Alle Arbeiter-Kategorien nahmen mehr oder minder an demselben Theil, auf den verschiedensten Gebieten der Industrie erfolgten Massen- Strikes, man sprach von einem Sttike-Fieber, welches die Arbeiter nicht nur in Deutschland, sondern auch in den meisten europäischen Staaten ergriffen, und die Erscheinung, die überall zu Tage trat, führte uns mit fast elementarer Gewalt an die entsetzlich bedrohte Lage unseres gesummten Wirthschasts- und Gesellschaftslebens vor Augen. Nach kleinen Vorspielen, die sich bis zum Mai an einzelnen Orten vollzogen, benen aber fast leine Beachtung geschenkt wurde, brach in den ersten
*) Nachdruck nicht gestaltet.
fehlte. Dem Neubegründer des deutschen Reiches folgte auf dem Todespfade bald der edle Sohn Kaiser Friedrich, des Volkes Liebling, von tückischer Krankheit dahingerafft. Wer vermöchte die Tiefe des Schmerzes zu ermessen, der das Herz der hohen Frau auch bei diesem schweren Verluste erfüllte! Doch eine Quelle süßen Trostes sand die hohe Frau in ihrer wohlthätigen Gesinnung, in Förderung von Werken der Barmherzigkeit und Menschenliebe. Unzählig sind die Thränen, die sie getrocknet, und darum dürfte sie in ihrem Sterben auch den Trost finden, daß Gottes Barmherzigkeit ihr nicht vorenthalten bleibe. Seit langen Jahren mußte sie eigene körperliche Leiden ertragen, dazil kamen in den letzten Jahren ihres Lebens noch die schon erwähnten seelischen Leiden. Sie haben ihr Herz nicht verhärtet gegen das Unglück Anderer, sondern im Gegen- theil ihr Mitgefühl noch gesteigert. So ragte bw edle Hfeimgegana-jM' mürben Fürstinnen auf als leuchtendes Vorbild ’ -4 als lcücy'Üu- des Vorbild aber auch für jede deutsche Frau. Ihr Andenken wird fortleben in der Geschichte unseres Volkes neben dem ihres großen Gemahls. Das ganze deutsche Volk und große befreundete Völker mit ihm trauern am Sarge der Todten. Möge uns an diesem Sarge der Glaube nicht fehlen an eine glückliche und große Zukunft unseres Vaterlandes und die Zuversicht, daß die Werke der Liebe und Barmherzigkeit, die der Heimgegangenen Kaiserin am Herzen gelegen, dauern werden, welche Erschütterungen uns auch Vorbehalten sein mögen.
mund an, um sich in der Sttikeangelegenheit zu in- formiren; die Landräthe traten in Verhandlungen mit den Zechen ein. Am 12. Mai reisten die Bergleute Bunte, Schröder, Siegel nach Berlin und wurden daselbst am 14. Nachmittags von Kaiser Wilhelm als Abgeordnete der Strikenden empfangen. Bergmann Schröder berichtete über die Lage in den Kohlenrevieren nnd stellte die achtstündige Schicht in den Vordergrund der Forderungen. Zugleich drückte er den Wunsch aus, mit den Arbeitgebern in Unterhandlungen zu treten und erbat dafür die Intervention des Kaisers. Dieser empfing darauf am 16. Mai Morgens auch eine Abordnung aus den Kreisen der Bergwerksbesitzer. Die Ansprachen, die der Kaiser in den beiden Audienzen gehalten hat, sind bekannt. Am Nachmittag des 16. Mai brachte der Telegraph die Meldung von den erfolgreichen Ausgleichsverhandlungen zwischen den Abgeordneten der Bergleute und derjenigen der Grubenbesitzer. Die achtstündige Schicht, ohne Einrechnung der Em- und Ausfahrt, wurde zugestanden, ebenso die Erhöhung der Löhne unter Rücksichtnahme auf die stattgehabte Steigerung der Kohlenpreise. Trotz dieser Abmachung und trotz der Intervention des Kaisers kam es dennoch nicht sogleich zu einem Friedensschlüsse zwischen Arbeitgebern und Arbeitern. Der kaum zwölftägige Ausstand der gesammten rheinisch-westfälischen Industrie hatte einen Verlust von 3 Millionen Mark Löhnen zur Folge.
Am 25. Mai wurden die zuständigen preußischen Behörden der Bergverwaltung und der allgemeinen Verwaltung angewiesen, mit Ermittlungen über die Ursachen des Kohlenstriks vorzugehen, „die etwa vor-
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