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17. Jahrgang

Sonntag, den 5. Januar 1890.

Fuldaer Zeitung

— m Druck u. Vcrlaa der Kuldaer Actiendruckerei lPb. 'JteuftY

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (PH. Reuß).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Die nächste Nummer d. Bl. wird

wo es wirklich der Ans-

lichen Lebenswandel ist. (Betnntlich hat das Kloster­gesetz s- Z alle rein beschau chen Orden unterdrückt.)

Programm für eben neuen Kultur kornpf.

Er wird es unterdrücken, wo es lediglich Propaganda­zwecken dient, ein Kampf und Angriffsmittel gegen Protestantismus und modernen Staat darstellt. Gegen Reliquien-Verehrung wird er nachdrücklich dort einzu­schreiten haben, wo nachweislich Jrrthum oder beab­sichtigte Täuschung vorliegt. (Als Kuriosum sei be­merkt, daß Verfasser Marpingen in vollem Ernst als Wallfahrtsort und „Gnadenquelle behandelt.) . . . Die Bulle de salute animarum würde einer Neurevision zu unterziehen sein. . . . Wir können uns wohl der Hoffnung hingeben, daß der Idee einer deutschen evangelischen Reichskirche als alleiniger Staatskirche die Zukunft gehört." Damit schließt unser Zukunftspolitiker, und er hätte nicht besser schließen können, denn mit so „verblüffender Offenheit" ist wohl die Uebersetzung der Katholiken als „Preußen zweiter Klasse" ins Reichsdeutsche noch nicht besorgt worden. Wir können es nur dankbar begrüßen, wenn ein naiver Fanatiker ein Mal in aller Unschuld aus­plaudert, wie die Fanatiker vom Evangelischen Bund

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1891 aber sind wir in das zehnte Jahrzehnt (von Anfang 91 bis Ende 1900) eingetreten.

Eine ähnliche Unklarheit, wie die erwähnte, findet man auch manchmal betreffs der Stundenzahlen. Ich habe fchon öfters einen Freund aus dem Westen in Berlin sich verwundern gesehen, wenn er auf feine Frage nach der Zeit die Antwort erhielt: „Ein Viertel auf 1" oder „drei Viertel auf 2*. Er meint, ein Viertel auf 1 soll so viel wie ein Viertel nach 1 be­deuten, aber in Wirklichkeit bedeutet es ein Viertel nach 12 und ist eine ganz korrekte Bezeichnung. Wenn es 12 Uhr schlägt, so ist die zwölfte Stunde voll­endet, es fängt die erste Stunde an. Um 12l/< Uhr ist das erste Viertel von der Stunde verflossen, es ist */4l; 12'/, ist — '/i 1 und wird ja auch überall „halb eins" genannt. Folgerichtig ist es nach Verlauf einer weiteren Viertelstunde ®/4l (dreiviertel auf 1). Einige Zeitungen bedienen sich gelegentlich noch der Zeitan­gabe: in der so und so vielten Stunde. Wenn „gestern Nachmittag in der 5. Stunde" eine Schlägerei ausge­brochen ist, so war es nicht zwischen 5 und 6, son­dern zwischen 4 und 5 Uhr. Berechtigt sind all' die volksthümlichen Zeitbezeichnungen, man muß sie nur richtig verstehen.

Was den Anfangs- und Endpunkt der Woche an­geht, so wird es wohl allerseits klar sein, daß der Sonntag der erste und nicht der letzte Wochentag ist. Der Samstag, der Sabbath der Juden, bildet nach der Schöpfungsgeschichte den Schluß der Woche. Unser Mittwoch ist in der That in der Mitte der Woche ge-

zwar mlui— siegreichen Kriege,

Deutsches Keich.

Berlin, 3. Januar.

* Der gern zu offiziösen Auslassungen benutzte ,Hamb. Korresp? erhält von „beachtenswerther Seite" eine Zuschrift zur Geschichte der Centrumspartei, welche auch von der oberoffiziösen,Nordd. Allg. Ztg.' abgedruckt wird. Sie enthält zwar nicht Neues, er­scheint aber wegen ihrer Tendenz beachtenswerth. In einem früheren Artikel hatte das Hamburger Blatt der Wahrheit gemäß gesagt, das Centrum sei erst durch den K ulturkampf in's Leben gerufen worden. Dies gefällt der „beachtenswerthen Seite" nicht, weßhalb sie darzuthun sucht, daß das Centrum längst vor dem Kulturkampf entstanden sei und dieser mit seiner Ent­stehung nichts zu thun habe. Das ist indeß leere Wortklauberei; seit Jahr und Tag hatten Sturmvögel dm bevorstehenden Kampf angekündigt, und nur inso­fern entstand das Centrum „vor" demselbm, als das

189h

^Berlin, 2. Januar.

Also 1890! Wieder ein ! hr mit einer Null. Zur größeren Verherrlichung des Jahreswechsels behauptet ein Blatt, wir träten jetzt ein neues Jahrzehnt. Das stimmt nicht. Wenn das find sein zehntes Lebens­jahr anfängt, so hat es erfneun Jahre lang das Licht der Welt genossen; erstbeim Eintritt in das elfte Lebensjahr ist das erste ührzehnt zu Ende. Das Fest des 50sten, 70sten rc. Gürtstages, der silbemen oder goldenen Hochzeit seiertman immer erst nach Vollendung der betteffenden Anzahl Lebms- oder Ehestandsjahre. Wir fangen bm Zählen nicht mit 0, sondern mit 1 an. Das neue Jahrzehnt beginnt also mit dem 1. Januar 1891, un das neue Jahrhundert beginnt nicht mit 1. Jayuar 900, sondern erst mit 1. Januar 1901. Der Jrrthumührt wohl daher, daß die Ziffer an der vorletzten od> drittletzten Stelle der Jahreszahl im letzten Jahre ß betreffenden Zeitab­schnittes umspringt. Aber umich durch diese Ziffer nicht täuschen zu lassen, muß nn Folgendes bedenken: Wir schreiben jetzt 18 . . (achtznhundert und so und so viel), und doch stehen wir nicht im achtzehntm Jahrhundert, sondem im neunzelten. Wenn wir 1900 schreiben, so bedeutet das die Blendung dieses neun­zehnten Jahrhunderts. Ebenso ei den Zehnern, als wir 1881, 1882, 1883 rc. schrien, standen wir nicht im 8., sondern im 9. Jahrzeh des Jahrhunderts, und in demselben Jahrzehnt stm wir 1890 noch.

fich dem nächsten Kulturkampf denken.

So bettübend derartige konfessionelle Hetzereien sind, so haben sie doch wenigstens das ein e Verdienst, daß sie klar zeigen, wie sich gewisse Fanatiker, deren An­zahl und Einfluß bis in sehr hohe Kreise hin­auf nicht gering ist, den nächsten Kulturkgmpf denken. Und dieser wird sicher wieder losgehen und ■ indestens nach dem nächsten für Deutschland en Kriege, wenn oas oen .ymen -yrnwy währen sollte, aber fchon früher.

prmßische Staat da gestatten

fluß religiöser Ueberzeuguug.ftr Neigung zum beschau-

* So könnte der Titel einer schon neulich erwähn­ten, im Verlag von A. Kegel zu Halle a. S. erschie­nenen Flugschrift lauten, welche statt dessen die Be­zeichnung gewählt hat: „Papst und Kaffer. Eme Untersuchung über Staatsknche, Parität und die kirchen- politischen Aufgaben der Zukunft." Der ungenannte Verfasser, offenbar Anhänger einer freisinnig-prote­stantischen Richtung und guter Freund des „Evan­gelischen Bundes", betont in den schärfsten Ausdrücken den protestantischen Charakter des preußi­schen Staates: „Preujen ist nichts anderes, als der politische Niederschlag der deutschen Reformation, sowie aller durch dieselbe frei gewordenen oder hervor­gerufenen geistigen Kräfte. . . . Der preußische Staat ist im Grunde nicht anders, als der zur politischen That gewordene deutsche Protestantismus." (S. 20.) „Der preußische Staat tritt uns als eine, freisinnig­protestantische Schöpfung Entgegen, die fortgesetzt aus dem kirchlichen Protestantismus sowohl, wie aus der durch ihn hervorgerufenel, geistigen Bewegung ihre Kräfte zieht. Der Katholizsmns mit seiner eigenartigen Ideenwelt ist ohne allen kinfluß auf die Entwickelung pro»vijch»n Ktaottä (icblieben. “ (S. 25.1 Bei solchen Anschauungen kann man sich über die „Ergeb­nisse" im 4. Kapitel: „Sie Staatsgefährlich­keit des Neukatholiz smus und dieUnhalt- barkeit des Paritättp inzips" nicht weiter wundern. Nur einige Kettfä^e: „Jeder (Kirche) das, was ihr nach ihren Verdensten um den preußischen Staat gebührt, der evangelfchen Beförderung, der römisch-katholischen Duldmg. . . . Der Staat wird die römische Kirche von bei «Stellung einer bevorzugten (?) zu der Stellung einer geduldeten Religionsgesell­schaft herabdrücken müßen, s sei denn, daß der deutsche Katholizismus noch in letzte Stunde den Muth fände, sich von den Lehren Rom'sloszufagen. Aber auch der katholischen Agitation roiri er im Interesse seiner Selbsterhaltung gewisse festeGrenzen setzen müssen.... Toleranz für Tolerante, Jtoleranz für Intolerante! Der Staat gibt den Glautn frei, aber nicht den Fanatismus. . . . Das Mnchswesen wird der

katholische Volk rechtzeitig gerüstet auf dem Platze erschien. Hätten nicht alle Anzeichen das Volk ge­warnt — Moabiter Klostersturm, Verbindung Bis­marcks mit den nach Katholikenverfolgung rufenden Liberalen, der Lärm der gefammten nichtkatholifchen Presse, die Hetze der Protestantenveremler rc. rc. — so hätte es nicht mobil gemacht. Durch spätere Ver­öffentlichungen hat man auch hinterher den urkund­lichen Beweis geliefert, daß der Kulturkampf längst geplant und vorbereitet war und die eine Zeit lang als Ursache desselben vorgegebene „Mobilmachung des Centrums" ganz unschuldig daran ist. Die „beachtens- werthe Seite" findet die Keime des Centrums bereits in der alten katholischen Fraktion des Abgeord- sietenhaufes unter Führung der Brüder Reichensperger, die ttotz des befriedigenden kirchenpolitischen Zustandes Opposition getrieben haben soll. Uebersehen ist dabei erstens, daß diese Fraktion ebenfalls in Folge der bei anderen Parteien sich zeigenden Kulturkampfsgelüste sich bildete, und zweitens, daß sie der Regierung nicht aus kirchlichen Gründen prinzipielle Opposition gemacht hat, wie der Hamburger Korrespondent' behaupten zu wol­len scheint. Wenn jener Fraktion immer noch zuge­standen wird, daß sie „von den preußischen vaterlän­dischen Gedanken getragen war", wogegen das jetzige Centtum „mit welfischen und polnischen Revolutionären und mit elsaß-lothringischen Protestlern verquickt" sein soll, und wenn dieß damit erklärt wird, dag dort pccNMWk qkAinfa,. chisr drr

Welfe Windthorst die Führung habe, so könnten wir auf diese „ollen Kamellen" mit dem Hinweis auf die zahlreichen und grundlegenden Gesetze antworten, welche ohne das Centrum und den „demagogischen Welfen" nicht zu Stande gekommen wären. Was soll ober biefe' Aufwärmung des alten Kohles von „Welfen, Polens und Franzosen" im gegenwärtigen Augenblicke? Man' glaubt doch nicht etwa, mit solchen abgestandenen Sachen' Wahlgeschäfte machen zu können!

* Die nach Maßgabe der Bestimmungen des Sozia­listengesetzes eingesetzte Reichskommission hat in einer am 28. vor. Mts. unter Vorsitz des Ministers Herrfnrth stattgefundenen Sitzung die Verbote des ,Sächs. Wochenblatt', das ,Südwestdeutsche Volksblatt', des ,Vereinsblatt für die Krankenkassen, Fachvereine und anderen Organisationen der Bauhandwerker in Braunschweig', des ,Baugenosse' in Braunschweig, einer Nummer der .Neuen Tischlerzeitung in Hamburg und des „Verein zur Erzielung volksthümlicher Wahlen in Wolfenbüttel" aufgehoben.

* Prinz Friedrich von Hohenzollern, Commandeur

legen; Mittwochs 12 Uhr Mittags ist die Hälfte der Woche verflossen. Will man freilich die Arbeits­woche, d. h. die fechs Werktage der Woche halbiren, so fällt der Mittwoch ganz in die erste Hälfte.

Nach dieser Abschweifung kehren wir zum Jahres­anfang zurück. Leider sind die ersten Zeitungen im neuen Jahre mit schrecklichen Unglücks-Nachrichten angefüllt. In einem Waisenhaus in der Nähe von London brach in der Neujahrsnacht Feuer aus und 20 Kinder erstickten. Am Abend des Neujahrstages brannte das Theater in Zürich nieder. Die Entleerung des Zuschauerraumes ging glücklicher Weise in Ruhe vor sich, weil der Regisseur so viel Geistesgegenwatt hatte, den Abbruch der Vorstellung mit der Erttankung eines Schauspielers zu erklären, so daß das Publikum sich der Gefahr erst bewußt wurde, als es draußen war. Ein drittes gewaltiges Schadenfeuer wüthete am Nachmittag des Neujahrstages im belgischen Königs­schlosse zu Laeken. Das Schloß mit feinen reichen Künsffchätzen ist vernichtet. Eine alte Wienerin soll verbrannt sein. Die Königin von Belgien hat ihre ganze Toilette und ihre Schmuckfachen verloren, man mußte noch denselben Abend Anstalten zum Einkauf von Kleidern und Wäsche treffen. Der Schaden von vielen Millionen trifft theils den Staat, theils die königliche Kaffe. Ein Berichterstatter meldet, daß allein die verbrannten Gobelins einen Werth von 2 Millionen gehabt hätten.

Der Theaterbrand in Zürich soll durch die Unvor- sichtigk'it zweier Mägde entstanden fein; der des Lon-