JV 300.
Dienstag, den 31. Dezember 1889.
16. Jahrgang
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Fuldaer Zeitung
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2Z Neujahrs -
Abermals gesenkt in's Grab Ward ein Jahr mit Feierklange, Und ein neues aus der Gruft Auferstand im Jubelsange.
Frisch mit Hoffnungsgrün gekränzt, Lüchelt's froh der Welt entgegen, Grüßend winkt es Jedem zu Und verheißt ihm Glück und Segen, Daß es treulich Wort mög' halten: Gott wird's walten!
„Glück zum Neujahr! Lang' zu leben, selig zu sterben!" — sagt ein altes, als Neujahrswunsch übliches Volkssprüchlein. „Glück zum Neujahr!" — wie oft und in wie viel verschiedenen Tonarten und Färbungen, wie mit unzähligen Veränderungen der äußeren Form wird es gewünscht von Mund zu Mund, von Hand zu Hand, Land zu Land, — und doch ist ja der eigentliche Inhalt im Grunde stets derselbe! Ob der ausgesprochene Wunsch lautet wie in England: „ein stohes, neues Jahr!" — „ein glücklich Neujahr !" — oder wie in Vlämisch-Belgien: „ein selig Neujahr", — „glückseliges Neujahr!" — oder gar in Versen, wie im Schwarzwald:
„Langes Leben, langes Leben, Und all' meine Lieb' daneben!"
ein Wunsch, der auch die nöthige Abwechslung zuläßt, durch Verwandlung der zweiten Reihe in: und einen Beutel voll Geld darKbe«! — oder allenfalls auch, Ledigen gegenüber, die noch auf ihre bessere Hälfte harren: „ein schönes Weib — oder: einen schönen Mann — daneben!" — oder wie immer das gereimte oder ungereimte Gewand beschaffen ist, in welches die große, nie ausklingende Wunsch-Scala des menschlichen Geschlechts sich beim Scheiden eines alten Jahres und Erscheinen eines neuen stets auf's Neue kleidet. Am meisten und gewissenhaftesten aber wird wohl auf Erden Glück gewünscht zum neuen Jahr auf jenem kleinen, abgeschlossenen Felsen-Eiland, umrauscht vom ewigen Meer mit seinen ewigen, alten-neuen Liedern: Helgoland ! Der eigenartige, wetterharte Menschenschlag, der dort Jahr ou§ Jahr ein dem wilden Element sein Dasein «bringt, ist Meister in der Kunst des Glückwünschens zu diesem Feste, das, als sein lebhaftestes und frohestes, am meisten gefeiert wird, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, tagelang, bis Jeder den Andern nach der Reihe besucht, beglückwünscht und bewirthet hat. „Gesundheit Glück und Segen!" beginnen, nachdem der „Grußabend" — Sylvester — still und feierlich im engen Familienkreis, nur verherrlicht durch den muntern Lärm von zerworfenen Töpfen und
*) Nachdruck nicht gestattet.
Tellern, begangen worden, — die Eröffnung des großen Reigens der Neujahrswünsche: dann erst kommen die speziellen an die Reihe, wie z. B.: „eine junge Frau", „ein junger Freier", „viel Schellfische", „viel Verdienst und kein Verlust!" und dergleichen Nützliches und Angenehmes mehr, worauf stets die Erwiederung zu folgen hat: „Das gebe Gott wiederum so!" Schließlich jedoch darföniemals der bedeutungsvolle, allerwichtigste Glückminsch auf Helgoland — und eigentlich auch anderswD — vergessen und unterlassen werden: „Ein ruhiges Herz!" — Wer auf der ganzen weiten Erde könnte'— er sei wo und Wer immer — wohl diesen Wunsch nicht brauchen?
Zu den vielen, »wielen guten und gutgemeinten Worten und WünscheW^die —^als gern empfangene Passagiere und Tourffren — am^ Neujahrsfest die Welt coursiren, mündlich ckid per Feder, gesellt sich — außer einer unbeschreiblich reichen Fülle von allerlei heiteren und ernstep Bräuchen — auch eine noch so gern gesehene SejWie in manchen. Gegenden des In- und AnslandeDWMe Geschenke nämlich! Abgesehen von der Sitte, die m Frankreich und Belgien üblich: Neujahr statt Weihnachten als hochwillkommene Zeit des allgemeinen Schenkens zu begehen, eine Sitte, die schon aus alter Römerzeit herstammt — wird es auch vielfach anderswo als eine Art von Epilog zum Christfest angesehen — was die Gaben und das Geben tinbe= langt. — Wohl sind in England allerdings die schönen Zeiten längst tempi passati, als ntH die Präsente, die König dort und Edelleute mitsammen austauschten, wahre Kapitalien tepriffcnfirten, bte im 16. Jahrhundert es der Königin Elisabeth ermöglichte, ihre berühmtglänzende Garderobe, inclusihe Schmuck, zum großen Theil durch diese so freigebig empfangenen Neujahrs- geschercke zu beschaffen, und ihr Nachfolger Jakob Stuart I. hatte im Anfang des folgenden Jahrhunderts einst einer Geschenkes-Liste für Erhaltenes und Gegebenes sich zu erfreuen, die nicht weniger als zehn Fuß Länge besessen haben soll ^Ebenso waren Handschuh oder Nadelgelder einst zrffMeujahr unter Solchen Sitte, welche damals solchen Luxus sich gestatten konnten, denn besonders Nadeln standen ehedem sehr hoch im Werth, als ein sehr sestmer Artikel, bis dann' schließlich nur der Ausdruck „Haikdschuh- oder Nadelgeld" noch davon übrig blieb: die Sache selber aber, nebst den sonstigen Neujahrs-Geschenken von Einst fast gänzlich abkam bis auf einen bescheidenen kleinen Rest in ländlichen Gegenden, und bis auf die Neujahrs-Gabe, welche Königin Viktoria alljährlich zu Windsor in Viktualim und Brenn-Material an Bedürftige vertheilen läßt, als schöner, nachahmenswerther Beginn des neuen Jahres.
In der Schweiz und in deutschen Landen fing und fängt gar Mancher das neue Jahr gleichfalls mit dem angenehmen Onien von Geschenken an, wenn auch meist in Form kleiner Aufmerksamkeiten, Süßigkeiten oder irgend eines eigens dafür bestimmten Gebäcks, besonders zum Zweck von Pathengeschenken, zu deren Einheimsung die Betreffenden oft selbst, als Revanche „das neue Jahr bringen", und bei dieser Gelegenheit ihren Neujahrs-Tribut eigenhändig in Empfang nehmen. — Einstmals, in der guten alten Zeit, wanderten manchen Ortes sogar zuweilen die Herren Schulmeister und Organisten und andere Respekt-Personen umher, und zwar von Haus zu Haus, in Begleitung jugendlicher Sänger, die mit ihren frischen Knabenstimmen ein Neujahrslied zum Besten gaben, worauf „gesammelt" wurde. Dieses Sammeln und Umherziehen zu und nach Neujahr freilich ist bis auf den heutigen Tag bestehen geblieben, nur mit dem Unterschiede, daß dies in unserer Zeit von oder für Honor- ationen nicht mehr zu geschehen pflegt, sondern den unmündigen Kindlein, sowie solchen überlassen bleibt, die „ein gutes neues Jahr" wünschen, um als dankende Anerkennung einen gewissen gewichtigen, inhaltreichen Händedruck zu empfangen, — eine Gratulations-Sitte, zu welcher dort, ; \go sie bis zur Unsitte geht, sich Mancher gratulickm kann.
Zu den werthvollften Geschenken, die gegenwärtig noch zum neuen Jahr, altherkömmlichen Brauch entsprechend sich erhalten haben, gehört unstreitig wohl die alljährliche Neujahrsgabe der Stadt Würzburg, Ivclche dem jeweiligen Könige, ypn Bayern zu 100 Cstüdgulden alten Gepräges übersendet Eine originelle Gabe dagegen erhalten als übliches Neujahrsgeschenk die preußischen Herrscher von den „Halloren", der Sal^wirker Bruderschaft im Thale in Halle an der Saale, ote jedes Jahr am Neujahrstage der königlich-kaiserlichen Familie persönliche Glückwünsche durch eine Deputation in Galatracht darbringt, welche die mitgebrachten Geschenke: Halle'sche Schlagwurst, Sooleier und Salz, als Extra-Gang der Neujahrstafel nebst einem gedruckten, wohlgesetzten Glückwunsch selbst serviren darf — ein altes Vorrecht, das pünktlich ausgeübt wird.
Im Allgemeinen allerdings beschränken sich bei uns zu Lande die gebräuchlichsten Neujahrsgeschenke gegenwärtig auf den fehr reichlichen und reichhaltigen Austausch von wechselseitigen Gratulationen, die ja in allerneuester Zeit, was reizvolle Mannigfaltigkeit und künstlerische Ausstattung betrifft, sich zu einer wahren Jndustrieblüthe entwickelt und entfaltet haben, gemeinschaftlich mit den unzähligen Kalendern groß und klein
△ Sylvester-Gedanken. *)
Wenn alle Welt jubelt zur Jahreswende, jubeln wir mit! Warum denn eigentlich? Ist das verflossene Jahr so absonderlich gut und glücklich gewesen, daß wir ihm jauchzende Dankbarkeit widmen müssen? Oder war es so absonderlich schlecht und elend, daß wir bei seinem Scheiden ein Freudengeschrei der Erlösung ausstoßen können? Oder verspricht das neue Jahr außerordentlich schön und beglückend zu werden, daß wir entgegenjubeln dürfen, wie die Kinder dem St. Nikolaus? Nichts von alledem! Das vergangene Jahr war im Guten wie im Bösen ein Durchschnitts- Jahr, wie zwölfe auf ein Dutzend gehen, und das kommende Jahr hat bisher nicht die mindeste Andeutung gegeben, daß es andere Wege einschlagen wolle. Weshalb denn diese lärmende Freude der Menschen? Du lieber Himmel; sie freuen sich einfach deshalb, weil sie beim Jahreswechsel noch leben! Allen pessimistischen Philosophen zum Trotz will die Menschheit noch nichts von der „Verneinung des Daseins" wissen. Sie freuen sich, daß sie noch essen, trinfen, denken, reden, arbeiten, feiern, stirz mit viel Mühe und Sorge und mit etwas Genuß das irdische Dasein noch fortsetzen können. Der triviale Liedervers „Freut euch des Lebens!" paßt ausgezeichnet zur Sylvester-Feier.
Dem hl. Papst Sylvester ist ein eigenthümliches Schicksal beschieden worden. Sein Name und fein Ge-
♦) Nachdruck nicht gestattet.
dächtnißtag sind in Aller Munde, sogar int Munde Derjenigen, die an keinen Heiligen und an nichts Heiliges glauben. Aber trotz dieser Popularität des Namens und trotz alles Feierns an seinem Tage wird der Heilige selbst fast ganz vergefsen. Ich fürchte, daß sogar von den sonst wohlunterrichteten Lesern es manche nicht wissen, daß der hl. Sylvester I. derjenige Papst war, welcher den Kaiser Konstantin den Großen in die Kirche aufnahm und damit den Grund zu einer neuen Epoche der Welt- und Kirchengefchichte, zur Geltung desChri- stenthums als Staatsreligion legte. In den 151/2 Jahrhunderten, die seitdem verflossen sind, haben Politik und Kultur gewaltige Veränderungen durchgemacht, und auch die Kirche hat inzwischen Blüthezeiten und Stürme erlebt; aber der Stuhl Petri, auf dem Sylvester I. aß, steht noch und die Kirche ist und bleibt groß und ugendkrästig, und wenn man sie nicht mehr als Staatsreligion gelten lassen will, so gilt und wirkt sie als Volksreligion heilend und beseligend in der Flucht der Jahre und aller irdischen Erscheinungen das einzig Feste und wahrhaft Dauernde.
An die Vergänglichkeit der weltlichen Machtgebilde ;at uns gerade das vergangene Jahr gemahnt; es war das „Revolutions-Jahr", das erste Säkular-Jahr nach der großen Umwälzung von 1789. Schnelllebig, wie die moderne Menschheit ist, hat sie zum Schluß des Jahres diesen Namen und Charakter schon fast wieder vergessen. Es ist in Frankreich trotz Boulanger zu keiner Umwälzung gekommen und in den anderen euro
päischen Staaten auch nicht; ja, trotz der Weltausstellung, die als Säkular-Festlichkeit geplant war, ist es nicht einmal zu einer packenden Revolutions-Feier gekommen. Brasilien liegt so weit ab und die dortige Monarchie war so eigenartig, daß das Umfallen dieses Thrones uns nicht sonderlich erschüttern konnte. Es fesselt uns etwas Anderes, als der Rückblick auf die Revolution des dritten Standes; die Welt lauscht dem „ehernen Massentritt" des vierten Standes. Die ängstlichen Fabrikanten von Ausnahmegesetzen zittern vor Möglichkeit einer Proletarier-Revolution und glauben das tosende Meer durch Ketten bezwingen zu können, wie einst der unglückselige Xerxes. Inzwischen brennen uns aber die wirthschaftlichen Kämpfe auf dem Boden der bestehenden Rechts- und Gesellschafts-Ordnung scharf auf dem Nagel. Sollen wir dem Jahre 1889 den Namen Streitjahr geben? Er wäre passend; aber ob nicht) 8M ihn mit noch größerem Rechte in Anspruch nehimK wird? Für das nächst^ Frühjahr sind ja noch viel ärgere Dinge angekündigl? Und angesichts dieser Kämpfe und Krämpfe schmeckt uns die Sylvester-Bowle? Warum nicht? Es hat noch keinen einzigen Jahreswechsel gegeben, wo die Menschheit nicht in Gefahren, Nöthen und Sorgen stak, und sehr viele von ihnen zeigten ein viel schlimmeres Antlitz, als der jetzige. Ohne Kämpfe kein Fortschritt! Freuen wir uns, daß der Himmel im "<?■ Jahre uns Zeit und Raum gönnt, um dj^rän Kräfte im häuslichen wie im öffentlichen Lebender zu erproben. •