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JK 294. Samstag, ben 21. Dezember. -

Meer M Zeitung.

1889

Die Fuldaer Rettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

Die PoftAbonnenten werden gebeten, da» Abonnement auf die .Fuldaer Zeitung'für das I. Vierteljahr 1890 mög­lichst bald bei der nächstgelegt neu Postaustalt — auch Laadbriefträger nehmen Besttllungen an — zu erneuern, damit Unterbrechungen in der Zusendung de« Blatte« beim bevorstehendtn Wech­sel les Quartal« vermieden werden. Prei« 1 Mk. 50 Pfg. pro Quartal (nebst Bestellgeld.)

Die,Fuldaer Zeitung^ wird vom 1. Jan. 1890 ab in 3MF* vergrößertem Formate erscheinen und zwar ohne Erhöh­ung des Abonnementspreises. Das Sonn­tagsblatt ,Sterne und Blumen^ wird auch in Zukunft jeder Samstagsnummer der,Fuld. Ztg/ gratis beigefügt. Indem wir unseren Lesern, welche seit der Gründ­ung unseres Blattes eine stattliche Reihe von Jahren hindurch treu zu demselben hielten, durch die erwähnte Vergrößerung uns entgegenkommend und erkenntlich er­weisen wollen, hegen wir die zuversichtliche Hoffnung, daß sie die ,Fuldaer Zeitung^ auch ferner durch Abonnements nnd Inserate freundlichst unterstützen und sich nach Kräften bemühen werden, derselben neue Abonnenten zuzuführen.

Ne« hinzutreteude Abonnenten erhalten bi« Ente diese« Monat« die .Fuldaer Zeitung' unentgeltlich, wenn sie der Expedition die Poflquittung für da« I. Quartal 1890 übeifenter.

Vor Weihnachten. *)

- Berlin, 20. Dezember.

Jetzt ist die Erntezeit für einen großen Theil der Kaufmannschaft. In Berlin nennt man den letzten Sonntag vor Weihnachten bitt „goldenen Sonntag". Die Labeninhaber kirnen augenblick­lich keinen sehnlicheren Wunsch, al« daß zum Sonntag ein llarc» unb wirkliche» Frostwetter eintreten möge. Bei bet gegenwärtigen Nebel- und Schmutzwllterung haben bte Leute keine rechte Kauflust.

Wer au« Furcht vor der Influenza einen Spa­ziergang vor den Schaufenstern nicht ritkiren will, kann zu Hause den Jnseratentheil der .Vofftschev Zeitung' oder anderer Blätter mit Annorcenkraft durchstudieren. Diese Lektüre ist recht intereffant und sogar lehrreich für unsere wirthschastliche und Kultur-Entwickelung. Die Reklamen nehmen von Jahr zu Jahr an Umfang zu. Dabet zeigt stch auf der einen Seite ein Fortschritt in Geschick und Geschmack. Die GeschäftSempfehlungen mtt Illu­strationen werden zahlreicher und hübscher wie auch die Ausschmückung der Schaufenster stet« groß­artiger und geschmackvoller wird. Besonder« auf­fallend ist der Aufschwung der feuill.tonistischen Reklamen, d. h. der Einkleidung der Geschäst«- empfchlungen in Plaudereien, Erzählungen rc., so

*) Nachdruck nicht gestattet.

daß fie sich al« untei haltende Zeitungsartikel prä« sentiren. Auf der andern Seite steht man aber roch immer die alten, groben Anlockungsmittel in Gebrauch, die nicht selten an den BelrugSpa- ragrcphen streifen. Man muß stch wundern, daß so abgestandene Kunstgriffe, wie die Ankündigungen von „Ausverkauf" noch al« zugkräftig gelten. In gewissen Straßen findet man fast in jedem Hause einen „Ausverkaus" wegen „Aufgabe de« Ge­schäfts" oder wegen „Umzugs" oder wegen „Brand- schadens" oder wegen „Krankheit" oder „Todes­falls" u. f. w. Glauben denn die Kauflustigen noch an diesen alten Schwindel? Manche Aus­verkäufer halten t»für rathsam, die Sache durch einen besonderen Zusatz etwa« glaubhafter erscheinen zu lassen. Z. B. durch die Ankündigung: „die Gar- und Ladeneinrichtung ist zu verkaufen". Over man stellt ein Schaufenster her, welche» durch seine Häßlichkeit interessant wird: Die Maaren werden wirr durcheinander in da» Schaufenster geworfen, womöglich einige beschädigte Stücke darunter. Wer noch ein Uebrige» thun will, hängt an jede» Stück einen Zettel, auf welchem zu lesen ist: Trxe so und so viel; bei Leibe darf e» nicht ein gedruckter oder sorgfältig geschriebener Preis« zettel sein, sondern ein schnell hingeworfencs Blau­oder Rothstistyrodukt.

Ich fürchte, daß ich da den meisten Lesern in der Provinz nicht» Neue» erzähle; denn in dem Jnseratentheil ihrer Blätter finde ich auch „Aus­verkäufe" in Menge angezeigt. Vielleicht findet dieser oder jener tSeietntte einen Lrvfl v«riu, die „aufgeklärten" Reichrhauptstädtler in derselbm Schlinge gefangen werden, wie die harmlosen Landleute.

Dieser Tage stand in Berlin ein Möbel­händler vor Gericht, welcher sein Geschäft in folgender Weise betrieben hatte: Er miethete Wohnungen, die zufällig eine Zeitlang leer stan­den, möblirte fie mit nagelneuen Stücken au« und kündigte dann an, daß wegen plötzlicher Abreise, Versetzung u. dgl. da« „gut erhaltene" Mobiliar von so und so viel Zimmern billig zu verkaufen sei. Der Mann wurde von der Anllage dc« Be­trug« freigesprochen. E« giebt zahlreiche Möbel­geschäfte in Berlin, die den Schwindel au« dem „ Gelegen hi ttskaiif" von „gebrauchten" Möbeln in Scene ßtzen. Meisten« ist e« eine Sängerin oder ein Diplomat, die Hal« über Kopf abreisten; gegen Schluß der Parlamentrsiffion »Affen auch die Abgeordneten herhalten. Da c« sehr unwahr­scheinlich ist, daß ein Abgeordneter sich für den vorübergehenden Aufenthatt in Berlin mit eigenen Möbeln versehen hätte, so wird in der Annonce ge­sagt, die Möbel seien von einem Volksvertreter miethsweise benutzt worden.

Eine Anzahl von Berliner Familien ernährt stch damtt, daß fie neue Pianino'« al» alte vee- kaufen. Bei diesem Geschäft wird viel mit Rüh­rung und Trauerkleidern gearbeitet; „Roth" unb „Toberfoll" werben al« Grunb ber Trennung von dem „herrlichen" Instrument angegeben. Auf solche Weise wirb bem Käufer die felsenfeste Ueberzen- gung beigebracht, daß er wirklich einen „Gelegen- heitrkaus" macht. Wenn gar eine elegante, „ge­bildete" Dame, die offenbar „bessere" Tage gc- sehen" hat, ihm da« Pianino mit wehwüthigem Augenaufschlag vorführt, dann zahlt er noch etwa« mehr, al« da« Ding in einem soliden Geschäfte kostet.

Inserate, welche zu solchen „Gelegenheitskäufen" einladen, kosten nicht viel; denn fie find dem Cha­rakter der ganzen Komödie entsprechend, in der sparsamsten Fassung gehalten, nur 1 ob« 2 Zeile im gewöhnlichen Kleiränuck ohne jede Au«zeichvnng. Einige der Möbel-Annorcen geben einen „Portier"

als Verkaufsvermittler an; da« bestärkt die lieber» zengung: daß c« sich um dieHinterlcssenschaft einer verreisten Miethrpartet handele.

Ein Teppichhändler, den ich zufällig kennen lernte, besitzt einen kostspieligen Laden in dem be­lebtesten Theile einer Haupt-Geschäftsstraße. Dort harrt er von Morgen« früh bi« Abend« spät der Käufer, die nur zu oft nicht kommen. Nun hat er stch neuerding« in einer stellen Querstraße ein einfache« Zimmer im Hintergebäude gemiethet, dort einen alten Ladentisch aufgestellt und ben Raum mit feinen Maaren gefüllt, ohne irgend welchen Aufwand in Beleuchtung, Verzierung oder dergl. zu machen. Da« ist fein „Ausverkauf". Derselbe ist nur aff einige Stunden Nachmittag» geöffnet. Mit letzterer Bestimmung erreicht er ein Doppel­te». Er spart selber Zeit unb Kraft unb bestärkt den Glaubt n, baße« stch nicht um ein regelmäßige» Geschäft, fonbetn um eine außerordentliche Kauf­gelegenheit handele. Die Miethe de» Hinterzimmer» unb bie Reklamekosten für ben „Ausverkauf" find zusammen noch verschwindend klein im Vergleich zu den Spestn de» Hauptgeschäfte«. Unb doch hat er im Hinterzimmerchen meisten» in einigen Stun­den mehr „Kaffe", al» int Hauptgeschäfte am ganzen Tage. Natürlich fällt e« ihm gar nicht ein, int Hinterzimmer billiger zu verkaufen. Der Mann trägt stch ernstlich mit dem Plane, feinen theuern Laden aufzugeben und in verschiedenen Stadttheilen Hofzimmer zu miethen, von denen zwei oder gar drei durch einen Kommt« verwaltet w<«lnt Uniuti.

Das Wesen der Reklame besteht doch eigentlich darin, dieWaaren zu loben, fie womöglich noch besser erscheinen zu lassen, al« fie find. Man sieht aber, daß eine Spielart der Reklame darauf hin« ausgeht, die Maaren schlechter erscheinen zu lassen, al« sie find, ihnen Fehler anzudichten. Neue, un­gebrauchte Möbel werden al« gebrauchte ausge­geben. Da» Porzellan, welche» zu den regelrech­ten Produkten der Fabrik gehört, wird al» „Aus­schuß" angepriesen. Der Ctgarrenhändler stellt ebenfalls einen künstlichen „Havanna-Ausschuß" her. Und auf dem Dppichmarkte erst! Da gibt e« fast nut roch Teppiche mit Webe fehlem, ober Tt ppiche, bie al» Muster gedient haben, oder Tep­piche, die auf dem Transport oder im Lager „unmerkliche Fehler" erlitten haben. Man kommt stch selber höchst einfältig und zurückgeblieben vor, wenn man in einem gewöhnlichen Laden einen neuen, fehlerlosen Teppich ersteht I

Diese Teppich-Reklame ist so scharf geworden, daß fie bald schartig werden muß. In richtiger Eikenntniß der „reaktionären Strömung" auf die­sem Gebiete läßt heute ein Teppichhändler eine große Anzeige Io«, daß er keine „fehlerhaften", oder „al« Muster gedient habende" oder dergleichen Teppiche führe, sondern nur solche von „reeller, bester Qualität", aber „billiger", al« dieGrschäfte mit den „unnotürlichen Anpreisungen". Auch nicht übel!

Ich glaube, in keinem anderen Geschäftszweige werden so viel Schwindel-Auktionen in Szene gesetzt, al« im Teppich-Handel. Mit der Bezeichnung „Schwindel" möchte ich aber nicht behauptet haben, daß auf all' diesen Auktionen Schundwaare zu unstnnigen Preisen losgeschlagen würde. Nein, oft ist e« ganz reelle Maare, für die der Verkäufer allerding« nimmt, wa« et kriegen kann, aber im Allgemeinen bloß bett üblichen Prei» zu erzielen hofft. Da» Schwinbelhaste liegt barin, daß man die Leute durch die Bemerkung anlockt, e»werde „meistbietend um jedenPrei«" verkauft. E» find bestellte Bieter da, welche so lange steigern, bi» ber vom Verkäufer festgesetzte Mindeflprei« erreicht ist. Will kein Frember so hoch