1889
Freitag, den 20. Dezember.
M 393
Miliz
fiilbaer
Deutsches Reich.
Berlin. 19. Dezember.
♦ Die Woche hat partielle Bergarbeiter- Strike« in Deutschland gebracht. Zu einem allgemeinen Strike ist et weder im westfälischen, noch im Saar-, noch im oberschlestschen Revier gekommen, obgleich die Wogen der Arbeiterbewegung hoch genug gingen. Regierung und Behörden haben nach Kräften vermittelt, um den Frieden aufrecht zu erhalten. Bisher haben die bezüglichen Bemühungen auch Erfolg gehabt, doch kann die Gefahr noch nicht al» beseitigt gelten. Ist auch in den meisten Bergarbeiter-Versammlungen beschlossen worden, vom Strike abzusehen, so wurde doch diesen Beschlüssen meist die Beschränkung „zur Zeit" hinzugefügt.
* In einem längeren Artikel sucht die ,Post' darzulegen, daß da» Kartell solange bestehen werde, al» da» Cent rum sich al» ein nach Recht« und Link» verwendbarer taktischer Körper zwischen die politischen Gegensätze stelle. Da bei der „bewundernrwerthen Lebenszähigkeit" des Centrums auf eine Auflösung des Centtum« nicht zu rechnen sei, werde da« Kartell auf unberechenbare Zeit fortdauern. Die «Post' irrt fich hinstchtlich der Existenzfähigkeit des Kartell, doch erheblich. Das Kartell hört auf, sobald Fürst' Bismarck nicht mehr regiert und auch, sobald cs die Majorität bei den Wahle« verliert, war hoffentlich schon bei den Reichstagswahlen der Fall sein txritb. , ,
* Dem Bundesrath ist ein vom 15. November datirte» Uebereinkommen zwischen Deutschland und den Niederlanden zum Schutze verkuppelter weiblicher Personen vorgelegt werden.
• Die ,Time«' meldet aus Sanstbar: „Im Gefechte mit Buschiri fielen 30 seiner Leute. Er selbst entkam, wurde aber von den Wasegu», die ihn auffanden, gefangen und dem Major Wiß- mann überbracht, welcher den Wasegus die ausgesetzte Belohnung von 10.000 Rupien auszahlte. — Emin Pascha befindet fich jetzt außer Gc- fahr, doch hat derselbe noch immer geringen Ausfluß aus dem Ohre. - Eine gestern in Sanstbar stattgehabte Versammlung der indischen Geschäftsleute überreicht«Stanley eine in einer filbernen Kassette verschlossene Adresse, in welcher dessen große Verdienste um die Eröffnung der 6(mbel«
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Evelinensruhe.
Novelle von I. von Dirkinl.
(7. Fortsetzung.)
Die Einrichtung de« Zimmer» war schlicht und einfach. Ein Tisch unter dem Fenster; ein altmodische« Echreibpult; ein Ecksptnd; ein paar Rohrstühle schwarz und wurmstichig und ein Bücherbrett an der Wand, von der fich ein paar alte Kupferstiche mit Darstellungen au« dem Leben Jesu abhoben. Der Onkel war eine kindliche, tief religiöse Natur gewesen und Eveline folgte ihrem In pulse, al« fie zuerst an da« Bücherbrett trat und ein alte« abgerissene« Buch in die Hand nahm, in dem fie vor Zeiten den Oheim täglich lesen sah. E» war de« sel. Thoma« von Kempi« „Nachfolge Christi", und von Rührung überwältigt begann fie darin zu blättern — aber wa« war da»? — Cm zusammengtfaltete«, dicht und mit kleinen Buchstaben beschriebene« Papier entglitt dem Buche und fiel knisternd auf ihre« Schooß nieder. Eveline hob e« auf und fand e« ganz in der Ordnung nachzusehen, von wem da« Schreiben herrühren würde. Gewiß kam e» von einem der entfernten Bedürftige», die schriftlich $em Oheim ihre Anliegen vorgetragen hatte«. Ihr war da«
nach Central-Afrika gepriesen werden. Stanley rankte und wie« auf die Nothwendigkeit de» Baue« einer Eisenbahn von Mombasa nach dem Viktoria Nyanza hi« in Anbetracht der starken Bevölkerung rer benachbarten Provinzen und der großen Empfänglichkeit derselben für europäische Erzeugnisse. — Bet dem vorgestrigen Banket tn Sanstbar anläßlich der Investitur de« Sultan« mit den beut» chen unb englischen Orden spendete Stanley den Sansibariten enthusiastische« Lob. „Zur Zeit der größten Kkist« der Expedition im Urwalde," ägte er, „wo Alle« dem Hungertode gegenüber- iand, erhielten die Sanstbariten dar Leben der ;anz ermatteten Europäer, indem fie eßbare Schwämme sammelten und selbst nicht eher einen Bissen aßen, al« bi« alle Anderen gesättigt waren."
* Kaiserin Friedrich, welche mit den beiden Prinzessinnen Töchtern zur Zeit noch in Neapel weilt, wird in Kurzem zu längerem Aufenthalt i« Rom eintreffen.
• Demnächst wird Hierselbst eine polnische Zeitung erscheinen. Sie wird bei Zalachowrki u. Co. in der Großen Hamburgerstraße gedruckt werden und den Titel ,Prawda' (Wahrheit) führen.
♦ Die Beweisaufnahme in dem großen Elb er- selber Sozialistenprozeß hat einen vollen Monat beansprucht. Am Dienstag konnte dieselbe endlich geschloffen werden. Gestern (Donnerstag) «ahmen die Plaidoyer« derVertheidiger ihren Anfang.
• DerStrike ber Bergleute in Oberschlesie« ist beenbet. Im Saargebiete striken nur noch ver- ^^Bas^oierr v»«, Knu:«in«,— Kohlenbergwerke, dar schon beiben großen M-ffenstrik» im Frühjahr austauchte, wird ange- fich» der neuesten Krists in einem anscheinend offiziösen Artikel der ,Ham. Nachr.' wieder ausgenommen. Der Plan wird mit strategischen Ge- fichtrpunkten begründet. Die Verstaatlichung der Eisenbahnen gewährleiste keineswegs deren noth- wendige Ausnutzung im Kriege, sobald nicht der Betrieb durch steter Vorhandensein genügender Kohlenvorräthe gefichert sei. „Kohlen und Eisenbahnen gehören in eben dem Grade zusammen, wie Munition, Gewehr und Geschütz. Wenn nun der Staat er für seine Sicherheit als nothwendig erkannt hat, fich in Bezug auf Munition und Waffen von allen störenden Ereignissen unabhän- gig zu stellen, so muß er nothwendig auch dar- Schriftstück schon kßhalb th-uer, weil es offen- kundig die letzte Angelegenhett gewesen, die den Verstorbenen noch beschäftigt hatte, dessen Gewöhn- heil, gewisse Briefe in sein Gebetbuch zu legen, um fie bald zu erledigen, fie oft gerügt und be- lächelt hatte. Nur mühsam entzfferte Eveline die verschnörkelte, undeutlich geschriebene Untmchrist und erblaßte, als fie endlich den Namen „Hitseveg herausbuchstabirt hatte. — Der Name schon beschwor ihr eine Vefion herauf, denn fie sah deutlich da« verstörte, leichenblass« Geficht ihre« Manne« vor stch austauchen, wie fie e« in Almen damal« fich über die Zeitung beugen sah, welche die Nachricht von dem jähen Tobe de« Lieutenant« enthielt. Sine unsägliche Angst kroch in ihr Herz, und j tzt war e« bie unbefikglichste Neugierde, die fie zur Lektüre be« Briefe« anspornte. E« wurde ein förmliche Studium für fie, denn e« war eine trockene Geschäftssache — aber der zwette Bogen — ach, er zeigte eine andere Handschrift und dieselbe hatte eine entschiedene Aehnlichkett mit der Handschrift ihres Manne«. Mit Hast überflog Eveline die theueren Schriftzüge; aber schon nach den ersten Zeilen «echsefte die Farbe in ihrem Gefichte, auf dem fich Entfetzen und peinliche» Erstaunen malte.
nach streben, die Ausnutzung der Eisenbahnen ebenso zu sichern, durch die Garantie steter, unverzögerter Kohlenlieferung. Aber die» nicht nur wegen der Bahnen, ohne Kohlen verlieren auch die Kriegsschiffe ihre Brauchbarkeit; bei Kohlenmangel müssen die Kriegswerkstätten, die Waffenfabriken, Laboratorien, Pulvermühlen u. s. w. ihre Arbeit einschränken oder ganz einstelle«. W
* Mainz, 19. D-z. Der in wetten Kreisen bekannte Domkapitular und Regen» de» bischöflichen Seminars Herr Dr. Christoph Franz Ignaz Moufang begeht heute sein goldene» Prtester- jubiläum. In Anbetracht be» leidenden Zustande» de» Jubllar mußte von größeren Veranstaltungen abgesehen werden. Seine Freunde habe« aber eine Moufang-Stistuvg zu Gunsten von Theologie- Studirenden aufgebracht und e» find ihm au» allen Thetlen Deutschland» herzliche Glückwünsche zugekommen, besonder» auch au» dem Reichstag, dem der Jubilar seit 1871 mit einer zweijährigen Unterbrechung angehört. Dr. Moufang wurde am 12. Februar 1817 zu Mainz geboren, er galt stet» al» einer der geistvollsten Mitglieder de« Domkapitel», seine glänzende Beredsamett, sein schlagfertiger Humor, sein volksthümliche» Wesen haben ihn weit hinaus über die geistliche Sphäre bekannt und beliebt gemacht. Leider ist der Jubilar seit etwa einem Jahre sehr kränklich.
Ausland.
* Am der neuen katholischen Univerfität Freiburg (Schweiz) wird nun definitiv der Domini- •-—Me fhyiLn. . JAg Lskuttä! Überneb'n-I^ Um die« zu erwirke«, ttAk der tionalrath Dccurtiu« nach Rom gereist und hat auch Erfolg gehabt. Mit Zustimmung des Pap- stcs übernehmen deutsche, ftanzöfische und englische Dominikaner die Fakultät, außerdem etgalt r*. Albert Maria Weiß in der philosophischen Fakultät den Lehrstuhl der Staatswissensct asten.
• Mehrere Schweizer Firmen haben bei der badischen Regierung die Genehmigung zu Anlagen im Rhein bei Rh inselden behuf« Erzeugung und Weiterfahrung elekttischer Kraft nach schweizerischen und badischen Städten nachgesucht.
* Der russische Kriegsminister hat einen außerordentlichen Kredit von 80 Millionen Rubeln zur Einführung eine« neuen kleinkalihrigen Gewehrs bewMgt erhalten.
War da» möglich? Sie fuhr fich mit der Hand über die Stirn und fragte sich wieder und wieder: Ist da« wahr? Kann das wahr fein; erlebe ich das wirklich, ich, ich, ich, und von ihm, von $ßalbe — ach, sie konnte in diesem Momente seinen Namen nicht über die Lippen bringen, denn dieser entsetzliche Brief, der sie aus allen ihren Himmeln stürzte, kam von ihm. Es dunkelte ihr vor den Augen, die Buchstaben verfchwammen ineinander, und fie fühlte eine Ohnmacht nahen. Aber schnell erhob fie fich, denn fie wollte nicht schwach sein, fich nicht von diesem Schlag zu Boden wersen lassen.
Sie ging im Zimmer auf und ab; ihre Glieder bebten und ihr war zu Muthe, als müsse fie ersticken ; und immer wieder ftagte fie fich: Ist das möglich, ist es Wahrheit und kein Trug, keine Täuschung? Wie kommt der Brief hierher? Klarheit, Sicherheit mußte sie ja haben.
Weder trat fie an den Tisch, wo der verhäng- nißoolle Brief lag, den fie wie eine Viper von fich gefchleudert hatte. Ihre Gerste«gegeuwart kehrte zurück, und dar Schrerben von allen Seiten musternd, kam fie zu der EinsiLt, daß der Brief Waldemar'« für seinen Freund Hilseveg bestimmt, erst nach dessen Tode dort eingetroffen und dann