Einzelbild herunterladen
 

M 291.

Mittwoch, den 18. Dezember.

1889

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feierlage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Baum 15 Psg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Dezember.

♦ Der Reichstag erfreut sich dreiwöchent­licher Weihnachsferien. In der Zeit vom 21. Oktober bis zum 14. Dezember hat der Reichstag in 37 Sitzungen eigentlich nur eine Vorlage von Belang, das Reichrbankgssetz, welches nun auch in dritter Lrfung unverändert angenommen worden ist, endgültig zum Abschluß gebracht. Alles Andere ist noch in der Schwebe, und sogar die zweite Lesung de« Reichshaushaltsetats hat nicht zum Abschluß gebracht werden können. Di; be­deutsamen Etats für da« Reichrheer und die Marine werden erst nach der Wethnachtspause zur Spezialberathung kommen selbstverständlich auch die dritte Lesung de« Etats und dazu noch die ganze Dampfersubventronsvo.'lage für Ostafrika sowie die zweite und dritte Lesung des neuen Sozialistengesetzes. Ein anständiges Arbeitspensum für die knapp bemessene Zeit von noch nicht ganz 6 Wochen I Am 21. Febr. 1890 geht bekanntlich die Legislaturperiode diese« Reichstages zu Ende. Besonders interessant waren in den letzten Tagen die Verhandlungen über die bekannten drei An­träge de« Centrums. Das günstige Resultat ist dem Umstande zu verdanken, daß da« Centrum erfreulicher Weise recht zahlreich vertreten war. Die ,Rordd. Alla. Ztg.' wendet stch gegen die angenommenen C-ntrumsanträge. Es scheint da­nach, daß der Bunderrath dieselben ablehnen wird. Run, roti: wollen sehen.

• Der Führer de« Aufstandes in D utsch-Ost­afrika, der berüchtigte Sklavenhändler Buschtri, ist endlich in die Hände der Deutschen gefallen. Er hatte bei Pangani die Expedition de« Dr. Schmidt au» einem Hinterhalte überfallen, ein heftiger Kampf entspann stch, der mit der Nieder­lage der Bande Buschiri'« endete. Buschiri, der stch bei seiner Leibesfülle nur schwer bewegen kinn, wurde diesmal von seinen Leute« in Stich gelassen und von Dr. Schmidt gefangen genommen und an Wißmann abgeliefert. Mit Rücksicht auf die haarsträubenden Grausamketten, deren stch Buschiri im Laufe seiner Aktion schuldig gemacht hat, wird man wahrscheinlich kurzen Prozeß mit ihm machen. — Rach neueren Meldungen ist Buschiri bereit» am Sonntag standrechtlich mit dem Tode bestraft worden.

* Emin Pascha soll, wie heute au» Sanstbar gemeldet wird, außer Gefahr sein. Seine Ankunft in Sanstbar wird demnächst erwartet.

• Die erste Milliarde deutscher Reich»-

Gvelinerrsrrrhe.

Novelle von I. von Dirkin 1.

(6. Fortsqpmg.)

Aber wer beschreibt der Tante gerechte Em­pörung, al» Waldemar ihr kurz darauf lächelnd bemerkte, daß er Spione und Zwischenträger zu einer Gattung Schmarotzerpflanzen zähle, die aus Walhofen weder Grund noch Boden gewinnen könnten.

„Ja, liebe Tante," fügte er mtt ironischer Be­tonung hinzu, „so lange ich meiner Frau zur Seite stehe, hat sie weder einen Vormund, noch einen weiblichen Gewiffenrrath nöthig; allem ein- mischungssüchtigen Wesen aber erkläre ich entschieden den Krieg; denn Alle», was schleicht und kreucht, ist mtt in der Seele ein Gräuel."

Da» war deutlich gesprochen und hatte bei der zartfühlenden Tante, bie sich von Eoeline ver- ratheu und verkauft sah, einen Anfall von Herz- krampf zur Folge, der stch in convulfivische» Wlinen auflöste.

Um bte Erfahrung reicher, daß ein verlttbte»

Erhebung zur Kardinalswürde erfolgte. Kardinal Ganglbauer war ein edler, würdiger Priester und in Wien sehr populär.

* Wien, 16. Dezbr. Die ,OHerr. Revue' publizirt da» Programm und den Wahlaufruf der deutsch-konservativen Volkspartci Oesterreich« mtt Bildung eine« kath. Cent rum». Die Bewegung für ein solche« ergreift immer weitere Kreise. — Auf der Bischofrkonferenz wurde eine inten- fivere Pflege der Philosophie von Thoma» von Aqnin in den österreichischen Seminarien beschlossen. — Bei der Beerdigung de» durch seine tenden­ziösen Schauspiele st la „Pfarrer von Kirchfeld" bekannten kulturkämpferischen „Dichters" Anzen­gruber wurden kulturpa-kertsche Grabreden ge­halten. — Der Prater, dieser Lieblingsaufent- halt der Wiener, ist jetzt in das Eigenthum einer englischen Spekulantengesellschaft übergegangen, nachdem der kais. Hof hierzu die Genehmigung gab.

* Auch in Ungarn ist em Kohlengruben-Ar- beiterstrike ausgebrochen. Die Belegschaften meh­rerer Kohlengruben bei Ocsowa (am eisernen Thor) haben die Arbeit niedergelegt. Die Haltung der Arbeiter veranlaßt B-sorgntfft.

• Die holländischen Kammern haben einen entscheidenden Schritt zu Gunsten der konfessio­nellen Schule gethaa, indem mit 31 gegen 18 Stimmen auch die erste Kammer den Gesetzent­wurf wegen Revision de» Schulgesetze» und Unter­stützung der konfessionellen Schulen angenommen hat.

* Die französische Republik treibt wieder & ftsMfi Staatsanwälte auffordert, die Predigten de» kathol. Kleru» strenge zu überwachen und gegen Geistliche, die stch irgend eine politische Be- merkung erlauben, einzuschreiten. Demnach wer­den also die Kanzeln unter Polizeiaufsicht gestellt. Ob wohl die Regierung nicht» Bessere» zu thun hat.

* Rom, 16. Dez. Die Seligsprechung de» Jugendlehrers Pirotti wird am 26. Januar, diejenige de» Bischofs Avcina von Saluzzo, Schülers de« hl. Philippa« Neri, am 9. Februar statlfinden. — Der Premierminister vonKanada sandte dem Papste eine Ausfertigung de« Gesetze« über die Rückgabe der den Jesuiten iu Kanada gehörigen Güter auf Pergament mit Goldschrift. — Am 30. Dezember findet ein geheime« und öffentliche« Konsistorium statt, so daß die Präkonisatioa der hochw. Oberhirten von Münster, Paffau und München für diesen Tag bevorsteht, ebenso die Verleihung be« Kardinalshutes an die Erzbischöfe von M chel«, Pari», Lyon und Prag.

schulden ist glücklich zu Stande gebracht. In der Zeit vom 31. März 1877 bi» 31. März 1889 wurden inrgesammt 883 Millionen Schul­den gemocht, mit den seither gemachten Anleihen ist die MMarde bereit» wett überschrttten und mit dem neuen Anleihensgesetz dürften bi« zum 1. April 1891 die Reichsschulden 1x/» Milliarden betragen, Wenn da« Anleihemachen in der bi«« h.rigen Weise fortgeht, so werden wir mitten im Frieden bald bett Franzosen in Bezug auf Schul­den nachkommen unv die Steuerträger nicht m-hr in der Lage sein, die Zinsen für diese Schulden, last aufzubringen.

* Hildesheim, 16. Dez. Der hannover'sche Provinzial-Landtag bewilligte für da» hier zu er­richtende Denkmal für den h. Bischof Bernward 5000 M. Schatzrath Müller bemerkte, die Regier­ung wolle 15,000 bis 20,000 M. für das Modell hergeben, viele freiwillige Beiträge seien gezahlt, es fehlten aber noch etwa 15,000 bi« 20,000 M.

* Karlsruhe, 16. Dez. Die badische Re­gierung nimmt sich, wie es scheint Zeit, die Inter­pellation der Centrumspartet betreffs Zulaffung der religiösen Orden zu beantworten. Der Präsident theilte mit, daß der Kultusminister erst nach Weihnachten darauf zurückkommen werde. Die Antwort wird jedenfalls eine sehr geschraubte sein, um nicht der nationalliberalen Mehrheit der Kammer vor den Kopf zu stoßen und anderseits auch die Katholiken zu vertrösten.

• Der in Wien verstorbene Fürsterzbischof Kar­dinal Cölestin Joseph Ganglbauer war zu Thanstetten in Oderösterreich geboten und zeigte schon in früher Jugend große Neigung für den geistlichen Stand. Er trat in das Benedttttnerstitt Kremsmüuster ein, legte am 25. August 1842 Prof.ß ab, wurde ein Jahr darauf zum Priester geweiht und wirkte dann durch 33 Jahre in ver­schiedenen Stellungen als Kapitular, bi» ihn am 19. Aprll 1876 da» Vertrauen seiner Mitbrüder nach dem Tode de« Abte« Rerlhuber zum Prä- laten de« altehrwürdigen hochoerdienstvollen Stifte« Krem,Münster berief. Fünf Jahre war es ihm vergönnt, da» Stift zu leiten, al» nach dem Tode de» Fürstbischof» Kutschker der Kaiser ihn am 22. März 1881 zum Erzbischöfe von Wien er- nannte. Er wurde am 4. August derselben Jahre» präkon'.firt, erhielt am 28. August zu Kremsmüuster die Bischofwethe und wurde am 11. September feierlich im St. Stephanrdome inthronistrt, worauf am 10. November 1884 seine

Frauenherz ein ungelöste« Rächsel ist und Eoelme nicht zu rathen und zu helfen sei, so sehr fie doch von ihrem Manne vernachlässigt werde, be­gnügte sieb die Tante fortan mtt der beneidens» werthen Rolle einer müßigen Zakchruerin, die auf die Entwickelung de« Drama« äußerst gespant ist. Nach der Lage der Dinge, e« war nicht« ander« denkbar, mußte ihr da« Schicksal bald Genug- thung gewähren und Eoelinen die Binde von den Augen nehmen. , e t

Aber seltsam, da« Schicksal machte in der That keine Anstatt, die Aufforderung der Tante zu er- füllen. Sollte stch in dem H-rzen diese» Egoisten wttklich eine Umwandlung zu Gunsten seiner ihm so sehr ergebenen Frau vorbereiten? Oder war e» pure Heuchelei, weuu er Arm iu Arm mit Eoeline seine Spaziergänge unternahm und auch bei der Tafel anfing, den galanten Tisch­nachbarn gegen die Taute zu spielen? Tag und Rach zerbrach stch die alte, im Grunde gutherzige Dame den Kopf darüber, war hier ächte Wahr- hett, «a« vielleicht doch auch Trug und Falsch- hett sein könne, denn für Da», wa» sich wirklich

in Waldemar'» Herzen vollzog, fehlte ihr Einsicht und Menfchenkenmmß. Wußte er e» selber doch kaum, war innerlich mit ihm cor ging. Konnte denn ein so unscheinbare», äußerlich so wenig reizende» Wesen wie seine Frau, die weder pikant noch geistreich zu unterhalten verstand und ihn al» seine Braut durch ihr sanfte», fügsame« Naturell gelangMitt hatte, jemal» einige» Inte- reffe für ihn gewinnen? So fragte er stch in einsamen Stunden, wenn er stch auf einer Sehn­sucht nach seiner Frau auf einem Ekel vor der Welt draußen, auf der bittersten Reue über feine Vergangenheit ertappte. Vielleicht, so beschönigte er zuerst seinen Abfall von stch selbst, trug die Umgebung, welche Eoeline vergötterte, viel bazu bei, ihr einen Nembu» in seinen Augen zu ver­leihen, benn wa« ihr an gesellschaftlicher Routine unb pikanter Cauferie abging, ersetzte ihre Herzen»- güte und ihre wahrhaft edle Weidltchkett.

Ware« ba« jedoch Eigenschaften, bie auf bie Dauer ihn beglücken, ihn fesseln konnten?!

„Sollen wir nicht einige Bruche in der Nach­barschaft machen, Waldemar?" wagte stch Eoeline,