Samstag, den 14. Dezember.
1889
288.
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Drittes Blatt.
Evelinensruhe.
Novelle von I. von Dirkink.
(2. Fortsetzung.)
Waldemar aber näherte sich mehr und mehr, je schneller er die Sterbestunde der geliebten Mutter heranrücken sah. Wie gebrochen kniete er an ihrem Lager und drückte das Haupt ganz verzweifelt in die Decke zu ihren Füßen. Ihre letzten Worte, ihre letzten Gedanken galten ihm: fie fügte Eve- litten» Hand in die seinige, und willenlos, von Trauer und Schmerz wie vernichtet, ließ Evrltne Alle» geschehen, hauchte fie die Worte der Sterbenden nach, die fie fortan mit ihrem Sohn verbanden.
Waldemar kannte Eoeline gut genug, um zu wissen, daß ihr diese» „Ja" wie ein Schwur galt, der ihr heilig und unverletzlich blieb für und für.
Ihn selbst bewegten die widersprechendsten Gefühle. Ec trauerte um die dahingeschiedene Mutter, immer noch schwebte ihm da» Blld jener schönen Frau vor, die ihn betrogen; verlobt hatte er stch mtt einem ihm unbedeutend dünkenden Mädchen, da» er nicht liebte, dessen Vermögen ihm aber eine Lebensbedingung geworden war — so schwankte er wie ein schwaches Rohr in dem wilden Sturme p ein voller Gedanken.
Am Begk äbnißtage der Mutter empfing Waldemar den Besuch dk» alten Verwandten, in dessen Händen sein und Eoelinen'« Schicksal lag. Dieser hatte an die Verlobung de» jungen Paare» Bedingungen geknüpft, die, schriftlich angeregt, nun mündlich in E wägung gezogen und gründlich erörtert wurden. Er forderte seinen Neffen ans, seinem freigewählten Berufe zu entsagen, weil er stch ganz und gar der Bewirthschaftung eine» jener Güter unterziehen sollte, die er al» Eoelinen'» Erbe in Besitz zu nehmen hatte.
Innerlich widerstrebend und auf eine solche rück- fichiSlose Zumuthung durchaus nicht vorbereitet, unterwarf fich Waldemar jedoch nach Außen hin scheinbar gletchmüthtg. Ec war ja gezwungen, nachzugeben, Ehrenschulden find gar schlimme Folterknechte. Aber dieser Entschluß war ihm mit Selbstvernichtung gleich bedeutend und dazu durfte er Eoeline noch nicht einmal ahnen lassen, daß er ein Opfer bringe, denn was dann, wenn fie stch weigerte, ein solche» von ihm anzunehmen? Und wer wußte, ob der alte Herr nicht seine besonderen Gründe hatte, dieses Dilemma herbeizuführen?
Fortan blieb Waldemar fieberhaft bemüht, Eoe- linen gegenüber scheinbar ruhig zu bleiben.
Drückte ihn ein Geheimniß? Drohte ihm Gefahr von einem heimtückischen Feinde? Solche Gedanken bestürmten fie, während fie über die Schwelle de» Zimmer» trat, wo Waldemar ihrer harrte.
„Guten Morgen, lieber Waldemar!" rief fie, fich gewaltsam zur H.iterkeit zwingend und ihm die schlanke Rechte entgegenstreckend.
Blitzschnell, wie au« tiefen Gedanken emporsah- rend, wandte er fich nach ihr um, und sie ath- mete erleichtert auf, al» er gut gelaunt ihren Gmß erwiderte.
„Schon eine Spazierfahrt gemacht?" warf er leicht hin, mit der schlanken weißen Hand durch sein blonde», wellige» Stirnhaar fahrend.
Sie nickte. „Du hast mich hoffentlich nicht vermißt, lieber Mann! Auf dem Wasser war e» kühl, sehr frisch und die Alpen schaut n düster, verdrießlich unter ihrer Nebelkappe hervor. Du hast nicht» versäumt!"
Schwebenden Gauge« glitt fie, Hut und Man-
t l ablegend und ihre Toilette ordnend, im Zimmer hin und her.
„SchaueDir noch einmal diese mtzückendeLandschaft an," mahnte er, fich wieder gegen dar Fenster kehrend, „wer weiß, ob wir fie je wieder genießen."
„Oho, welche pesstmistische Bemerkung," lächelte fie. „Doch komm, mein Freund, wir wollen zum Frühstück nicht auf uns warten lassen. „Bedenke, e« ist vorläufig da« letzte Zusammensein mit Merten»; laß e» uns ausnutzen, komm!"
„Ich stehe ganz zu Befehl, Kind," mtt den Worten reichte er ihr seinen Arm und fie gingen hinan».
Im Speisezimmer saß Herr Merten» hinter der Zettung, die er beim Eintritte de» jungen Paare» sofort bei Seite legte.
„Ei, ei," rief er den Eintretende entgegen. „Die fatale Zeitungsnotiz alterirt mich mächtig. Haben Sie nicht auch den flotten Lieutenant v. Hilseveg gekannt? Ec hat noch im vorigen Jahre eine jung - schöne, reiche Frau heirngesührt und schien sehr glücklich sogar, aber nun diese« entsetzliche, jähe Ende, unglaublich!"
„Jäher Ende?! rief Waldemar erschreckt, die Hand nach der Zeitung ausstreckend, in die er fich nun mit Hast vertiefte.
Da» Blatt zitterte in seiner Hand, er vermochte kaum stch auf den Füßen zu halten.
Frau Merten» rückte indessen näher an Eoe- Iinen’8 Seite und sprach lebhaft ihr Bedauern au«, daß die Abreise schon fest beschlossen und so nahe vor der Thür sei. Und dann besprach man noch Diese» und Jene« und endlich kamen Beide Überein, daß mott fich schreiben wolle und so die köstlichen Reisc-Eindrücke stet» wieder auffcischm könne.
„Nicht wahr, Waldemar," rief Eoeline, welcher ihre» Manne» Aufregung entgangen war, „der Aufenthalt in Flülen wird mit zu unseren schönsten Erinnerungen zählen, welche stch an diese Reise knüpfen werden, und die Gesellschaft unserer lieben Freunde hat wesentlich dazu beigetragen, un» den Ort so lieb und werth zu machen."
„Sie gute« Kind!" rief Frau Merten«, Eoe- linen's Hand streichelnd, die fie plötzlich erbeben fühlte. Verwundert starrte fie in da« Gesicht der Freundin, r» war bleich wie der-*Tod, während ihre Augen mit angstvollen Blicken an ihrem Manne hingen.
Wie geistesabwesend saß er da, seine Züge erschienen farblos und verzerrt; die Zettung war seinen Händen entglitten, sein ganze« Wesen lag im Banne einer gewaltigen inneren Aufregung. So erschüttert hatte Eoeline ihren Mann nie gesehen; nicht der Schmerz um den Tod seiner Mutter, nicht die Empörung bei der Flucht der sal- schen Frau hatte diese zerschmetternde Wirkung an ihm offenbart. Ob Merten« die Verstörung des jungen Manne« entging? Es schien so. Mtt Behagen schlürfte er seine Chokolade; dann zog er sein Etui hervor, entnahm ihm eine Havannah und fie entzündend warf er paffend die Worte hin:
„Nicht wahr, Koman, e» ist jammerschade um den armen Kerl; erschossen hat er stch; ein tragischer Ende, hm! Er hätte die Sache nicht so verteufelt ernst nehmen sollen. Bah! wer wird gleich so ein Narr fein. Er gibt doch recht überspannte Köpfe, hirnverbrannte Käuze in der Welt; aber wer hä.te dem fidelen Kerl das zugekaut; dumme S reiche ohne Ende!"
Er schnippte mtt den Fingern in die Luft und schaute zerstreut den Wölkchen seiner Cigarre nach, deren Asche er gedankenlos auf den Boden warf. Die Frauen wurden aufmerksam.
„Er war vielleicht gemüthsleidend!" rief Eoeline mit einem Blick voll Theilnahme auf ihren
Gatten, der immer noch kein Wort der Erwide- tung fand.
„O bewahre, der Leichtfinn in der Person war der gute Hilseveg, er stak bi« über die Ohren in Schulden, natürlich I Al« ihm da» Messer an der Kehle saß, kam ihm die gute Partie wie gerufen in den Wurf, aber wer weiß, am Ende hatten ihn die Halsabschneider wieder in den Klauen, der Kukuk hole die Sorte. Bst! Waldemar!"' unterbrach er fich, als dieser mit einem Blick auf feine Frau empört auffahren wollte, jedoch bald in fein alte« dumpfes Brüten zurückfiel.
Eoeline seufzte. (Forts, folgt.)
Vermischtes.
* Für die nächste Volkszählung, welche am 1. D zember 1890 stattfinden soll, werden schon jetzt die Vorberettungen seitens de» statistischen Amtes betrieben. Er ist angeregt worden, in den Zählbogen eine neue Rubrik für blinde und taube Personen aufzunehmen, um auch über diese genauere statistische Erhebungen zu machen. Eine Entscheidung hierüber ist indessen noch nicht gekoffen.
* Eine Geschichte, wie ein Referendar hundert Mark verdient, gehört sicherlich zu den überliefer- ungswürdigsten Merkwürdigkeiten. Der Onkel von besagtem jungen Juristen hatte vor längerer Zeit, vertrauensselig wie er war, einem Kaufmann 600 Mark ohne Schuldschein geliehen. Der Schuldner war inzwischen ein wohlhabender Mann geworden, dachte aber nicht an Rückzahlung der Schuld. Alle Mahnungen waren fruchtlos. Halb im Scher, wandte sich der Onkel an seinen juristischen Neffen: „Wenn Du mir das Geld auf die eine oder andere Weise verschaffst, so soll es mir auf einen Hundertmarkschein nicht ankommen; also nimm mal Deine fünf Sinne zusammen. Am andern Tage schon war der Schlachtplan entworfen. Der Herr Referendar bat den alten Herrn, folgendes Schriftstück mit seinem Namen zu unterzeichnen: „Herrn N. N. in N. Hierdurch mache ich Ihnen die kurze Mittheilung, daß, wenn Sie mich nicht innerhalb acht Tagen voll und ganz mit meiner Forderung von 1000 Reichsmark befriedigen, ich klagbar gegen Sie vorgehen werde I« — „Aber, Junge", rief der Onkel, „das geht ja nicht, soviel ist mir der Kerl ja selbst mit Zinsen und Zinseszinsen nicht schuldig!- — „Laß mich nur machen! Dafür bin ich Jurist l“ und der Brief wurde abgeschickt. Mt nächster Post kam von dem „faulen Kunden" die empötte AMwort: „Herr, wie können Sie solche unverschämte Wucherzinsen verlangen?! Jetzt bekommen Sie gar nichts! Sie haben mir nur fünfhundert Mark geliehen! Nehmen Sie sich in Acht, daß ich Sie jetzt nicht verklage." — „So, lieber Onkel", sagte der hoffnungsvolle Jüngling, „jetzt hast Du Deine Schuld-Anerkennung; nun klage los!" und 8 Wochen später hatte« fie ihr Gew.
Literarische-.
Die preußisch-deutsche Armen-Gesetzgebung systematisch dargestellt von P. Braun, Trier 1889.
. P-ulinus-Druckerei, 56 Setten, Preis 70 Pfg.
Die Kenntniß der Armen - Gesetzgebung ist nicht nur für Berufsbeamte, sondern auch für Gemeindevorsteher und Gemeinde-Verordnete wichttg; denn letztere haben zu beurtheilen, ob Jemandem öffentliche Unterstützung gewährt werden soll; ste haben zu prüfen, ob die eigene Gemeinde oder welche ander» Gemeinde zur Unterstützung verpflichtet ist, unter Umständen auch, ob der Arme in seine Heimathsgemeinde zurückbefördert werden soll; fie haben erforderlichenfalls zu beschließen, daß die verpflichtete Ge- memde verklagt wird. Ueber Sttettigkeiten, welche im letzteren Falle entstehen, hat entweder der Bezirksausschuß oder — ,m sahneamtlichen oder schiedsrichterlichen Verfahren - der Kreisausschuß zu entscheiden. Die Mitglieder der Kreis» und Bezirksausschüsse, die Gemeindevor, steher und Gemeindeverordnetm sind meist in eine« bür- geruchen Berufe thätig, so daß unmöglich von ihnen verengt werden kann, aus den verschiedenen Gesetzen und Staatsverträgen sich ihre Gesetzes-Kenntniß zusammenzusuchen, Ihnen wird das vorliegende Büchelchen, welche« das geltende Recht systematisch und in leicht faßlicher Sprache zur Darstellung bringt, gute Dienste thun. Das Büchelchen enthält mehr, als der Tttel zu besagen scheint, denn wtt finden nicht nur das Reichsgesetz über den Unterstützungswohnsitz und das preußische Ausführungsgesetz, sondern auch das Gesetz über die Frei- zügigkett, das preuß. Ausnahmegesetz vom 31. Dezember 1842, dir Staatsverträge von Gotha und Eisenach, sowie °,e Armensachen bezüglichen Bestimmungen de« preuß. Zuständrgkeitsgesetzes wiedergegeben.