Freitag, den 13. Dezember.
1889
M 287.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
..... . ---L_!£.------- . -......... -L.-U—!LL! ' __g
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Dezember.
* Die unteren Postbeamten müffen^thre Freude daran haben, wenn ste au« der gestrigen Reichstag-Versammlung erfahren, wie groß die Anzahl derer ist, die e« gut mit ihnen meinen. Die Redner aller Parteien betheuerten, daß ihnen nicht« mehr am Herzen liege, al« diesen Beamten, deren Besoldung ste alle al« unzulänglich erkennen, zu helfen, Nationalliberale und Konservative gingen sogar soweit, zuzugestehen, daß wir un« gegenwärtig in einer Lebensmittelvertheuerung befinden, welche diese geringbesoldeten Klaffen besonder« schwer drückt. Mehr noch: Die Redner der Kartell« machten die intereffante Mittheilung, daß die Kartellparteien schon über die Sache „be- rathen" haben, aber leider noch nicht zu einem Beschluß gekommen seien, war allerdings sehr zu bedauern ist. Merkwürdig, bi« dahin hatte man von diesen Berathungen nicht da« Mindeste gehört, obschon die bedrängte Lage der in Rede stehenden Beamten doch längst kein Geheimniß mehr ist, obgleich man ferner doch genau voraus- wissen konnte, daß diese Angelegenheit bei der Be- rathung dl« Postetats zur Sprache kommen Mrde. Die Kartellbrüderschaft scheint fich demnach auf ihre Pflichtsehr spät besonnen zu haben, j-denfalls erst, nachdem ihnen Andere mit Aufbeffcrungsanträgen zuvorgekommen waren. Dadurch verliert das über Nacht lebendig gewordene konservativ-nationalltbe- rale Mitgefühl ganz bedeutend an Werth und erweckt den Anschein, uts vt> *» k... »»--
wählen zumReichstag in mehr oder weniger enger Verbindung stehe.
* Der Reichstag berieth heute die Anträge des Centrumr auf Befreiung der Theologen von der Militärdienstpflicht, au« Aufhebung des Ex- patriirungsgesetzcs und auf Sicherung der Freiheit der Kults in den deutschen Schutzgebieten. Alle drei Anträge wurden angenommen. Der erste mit 127 gegen 111 Stimmen, der zweite mit sehr großer Mehrheit und der dritte endlich mit 116 gegen 109 Stimmen. Eine längere Debatte veranlaßte nur der erstere Antrag, gegen den fich Redner der beiden konservativen und der nationallideralen Fraktion unter Hinweis darauf «klärten, daß bereits das bestehende Gesetz der exzeptionellen Stellung der Theologen gebührend
Evelinensruhe.
Novelle von I. von Dirk int.
(1. Fortsetzung.)
Mit dem zwölften Jahre schon begann Eve- linen'r Ueberfiedelung in ein stättische« Erzieh- rmgrinstitut, da« ihr, der Freiheit Gewohnten, eine wahre Zwang«anstalt dünkte, wo allen ehren natürlichen Neigungen Gewalt angethan wurde, damit fie in eine Art Schablonwesen verwandelt und den Ansprüchen ihrer Stande« gemäß zuge» stutzt werde. So faßte fie selbst ihre Lage auf, am ihrer neuen Umgebung die ihrige nach Kräften zu erschweren, weßhalb e« der Vorsteherin eine wahre, Mnn auch nicht erwünschte Erleichterung gewährte, al« ein Nerven fieber da« junge Mädchen aus'« Krankenlager warf und ihren Empörung«- gelüsten zeitweilig ein Ziel setzte.
Und seltsam, nach der Krankheit erschien Eveline wie verwandelt, al« ob die Erschöpfung ihre« Körper« auch den Geist in Mitleidevschast ge> zogen habe; aber mit der fortschreitenden Genesung ke^te dennoch nicht« von dem jugendlichen Hebet- rnuthe und der kühnen Herrschsucht wieder, welche Evelineu'« Gesellschaft oft unerträglich gemacht hatte.
Rechnung trage. (!) Gegen den letzten der drei Anträge wurde konservativerseiis geltend gemacht, daß der Antrag in erster Linie dem Islam zu Gute kommen würde. Morgen findet die letzte Sitzung vor den Weihnachtsferien statt. T.-A.: Befähigungsnachweis (Zweite Lesung.) Die Weihnachtsferien dauern bi« zum 8. Januar. (Näheres folgt.)
* Im Reichstage ist ein Weißbuch, d. h. eine Sammlung von 123 Aktenstücken zugegangen, welche durch die Schweine-Einfuhrverbote vom 29. Mwember 1887 und 14. Juli 1889, sowie durch die westlichen Vtehsperren gegen Deutschland hervorgerufen wurden. Au» denselben geht hervor, daß da« deutsche Schweine-Einfuhrverbot gegen Dänemark noch immer nöthig ist. Ebenso muß an dem SLweine-Einfuhrverbot gegen Rußland, Oesterreich und die Hinterländer von Oesterreich festgehalten werden, da dort die Schweinepest herrscht.
* Die Hoffnung ist berechtigt, daß Emin Pascha nun doch mit dem L-ben davon kommen wird. Am Montag litt derselbe an einem sehr starken Husten. Der Sp.ichelauswurf war mit Schwierigkeiten verknüpft, der Auswurf selbst aber nicht blutig. Seitdem hat fich da« Befinden gebt fiert. Dar verletzte Auge ist fast vollständig geheilt, der Ausfluß aus dem rechten Auge dauert aber noch fort. Der Patient ist in guter Stimmung. Die Leute Emin Pascha'« haben fich von Sanstbar au« nach Mombasa eingeschifft, von wo au« ihre Ueberführung nach Aexypten erfolgt. St anl ey kehrt am Sonntag nach Europa zurück, immer keine jeden Zweifel au »schließende Nachrichten vor.
* Eine Konkurrenz-Zeitung für die .Kreuzzeitung' soll nach einer rffiziösen Korrespondenz in Berlin geschaffen werden. Man habe bereit« mit den Befitzern zweier hervorragender hiefiger Hofbuchdruckereien Berhandlungen eingeleitet. Reicht denn die ,Nordd. Allg. Ztg.' noch nicht au«?
• Dem Abg. Dr. Hammacher war die Aeußerung zugeschrieben worden, er halte den Strike im rhetnisch-westfältschen Kohlenrevier für unvermeidlich. Dr. Hammacher hat aber nur er» klärt, er halte den Frieden zwischen den Bergarbeitern und den Grubenverwaltungen für noch nicht vollständig gestchert. Nach den inzwischen zugegangenen Nachrichten zweifelt Dr. Hammacher
Sie hatte ihre» fiebenzehnten Geburtstag noch im frohen Kreise ihrer Genosfinnen gefeiert, al» Tante Aurelie, eine kleine bejahrte Dame und entfernte Verwandte von ihr, fie au» der Anstalt, wo ste ihre Erziehung vollendet hatte, abholte. Eveline sollte zuerst ein Seebad besuchen und daraus den Winter in Wie»baden bet einer verwandten Familie zubringen.
So geschah e». In dem weltberühmten Bade- orte beatmt nun ein Leben der Aufregung, ein Wechsel von Vergnügen und Kunstgenüssen mannigfaltiger Art für da» junge Mädchen, das fich nun in eine Wunderwelt versetzt wähnte. Und in dieser Kurstadt war e« auch, wo ste in der Gesellschaft zufällig mit ihren Namensvetter, Waldemar von Kosman, einen auffallend hübschen jungen Manne, zusammentraf, der al» Studiosus der Medizin a« Freiburg herübergekommen war, um fich im Hause seiner Mutter zu seinem Staatsexamen vorzubereiten.
Da nun Tante Aurelie eine Jugendfteundin der Frau von Kosman war, so suchte ste ba.d jede Gelegenhett zum Verkehr mit 'hr auf, um fich so sür die Vernachlässtgung zu entschädigen, welche fie von Evelineu erficht.
Schm die «ste Begegnung mit Waldemar hatte
nicht mehr an der endgiltigen Beilegung te Streitigkeiten.
* Der Landrath de« Kreise« Gelsenkirchen hat eine Bekanntmachung erlassen, worin er fich bereit erklärte, arbeitslosen Bergleuten sofort Arbeit auf den Zechen zu verschaffen.
* Chemnitz, 12. Dez. Der Färberstrike wurde heute beendet, indem 15 Prozent Lohnerhöhung bewilligt wurden.
KWA«sla«d.s
* Der Anlisklavereikongreß in Brüssel hat eine Kommisston eingesetzt, welche die einzelne» Vorschläge vorzuberathen hat und fich zunächst mit Strafbestimmungen gegen Sklavereitreibende beschäftigte. Nach den von ihr bereit« gefaßten Beschlüssen sollen grobe Verbrechen mit dem Tode, leichtere mit Freiheitsstrafen und Geldbuße bi« zu 5000 Franc» belegt werden.
• Die brasilianische Kaiserfamilie wird am 29. d. M. in Pari» eint» ff en.
5 Die hochmoderne Krankheit. ♦)
N. Berlin, 12. Dezember.
Al» ich heute da» Zimmer eines Freundes betrat, tönte mir unter einer röthlich ar gebauchten Nafensp'tzs her die heisere Frage entgegen: „Haben Sie schon die Influenza gesehen?" Dabei leuchtete aus den feuchten Augen ein Strahl von Selbstbewusstsein. Ich war unhöflich und ehrlich genug, dem alten Jungen mttzutheilen, daß ich eine solche
AiLvN,fie. in xech), gelungener Weise habe. Da kam ich aber schön an. Mit krach- zeuder Beredtsamkeit legte er mir dar, daß alle Symptome, welche in den Zeitungen als Renr.- zftchen der Ji fluenza angegeben seien, bet ihm fich eingestellt hätten. Ich schwieg, denn warum sollte ich dem Leidenden da» augenscheinlich an- genehme Bewußtsein rauben, daß seine Taschentücher auf dem Altar der allerneuesten Krankheit geopfert würden?
Schnupfen oder Grippe — ach, wie prosaisch und ordinär! Aker die Influenza haben — das ist interessant und elegant! da» ist eine. Krank- bett, welche auf der Höhe der Zeit steht. Ich glaube, manche Dame würde auf den neuen
*) Nachdruck nicht gestattet.
einen unauslöschlichen Eindruck auf Eoelinen« Mädchenherz gemacht, obgleich ein solcher Eindruck gar nicht in der Abficht be« jungen Studiosen lag.
Mtt der Haltung eine« von Selbstbewußtsein durchdrungenen Manne« war er der jungen, kaum dem Pensionat entwachsenen Coufine entgegengetreten, um fie alrbald fühlen zu lassen, daß er nur ein geringe« Interesse für fie hege, und e« nicht der Mühe w«th finde, in ihrer Gegenwart einen andern al» den Ton leicher Unterhaltung anzuschlagen. Vielleicht auch verstand fie e» nicht einmal, fich mit ernsten Dingen zu beschäftige»; fie war ja noch ein Backfisch I Aber diese gleich- giftige Behandlung diente mtt dazu, in ihr be» schlummernden Funken bet Leidenschaft füt de» jungen Mann zu entfachen. Die unverdiente Gc- rirglchätzung, welche fie von ihm erfuhr, reizte ihr empfindliche» Gemüth, forderte ihr Selbstgefühl heraus und stachelte sie zum Kampfe auf.
„Er hält mich für ein geistlose», unnütze» Ge- schöpf und nicht feiner Beachtung werth, murmelte fie mtt bltzenden Augen und geballter Hand, während fie fich m ihr Zimmer »urückzog.
Hier in der Einsamkeit fand fie Muße, über ihre Begegnung mtt Waldemar nachzudenken, btfien geistige Ueberlegenhett ihr trotz feiner zur Schau